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Diagnose Achtzehn

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Bernd Hontschik

Was er wohl damit meint, einer der Chefs der frisch fusionierten Barmer und Gmündner Ersatzkasse?: „Wir betrachten die Arztrennerei als problematisch. Wir wollen uns mit dieser Zahl der Arztkontakte nicht abfinden.“

Ganz einfach: Er hat gerade erfahren, dass die Deutschen schon wieder Weltmeister geworden sind. Nirgendwo anders ist die Zahl der Arztkontakte so hoch wie bei uns.

Eine Auswertung bei 1,7 Millionen Versicherten aus den Jahren 2004 bis 2008 ergab nicht nur einen Anstieg von 16 auf 18 Arztbesuche im Jahr, sondern Deutschland lag damit im internationalen Vergleich auch einsam an der Spitze. Skandinavier gehen drei bis vier Mal, Belgier sechs Mal, Franzosen, Österreicher oder Polen sieben bis acht Mal, Japaner 13 Mal im Jahr zum Arzt.

Die Meldung kam natürlich nicht alleine, gleich mitgeliefert wurden Analysen: unnötige Doppeluntersuchungen, Drehtüreffekte, die Zunahme chronisch kranker Patienten wie Diabetiker, Asthmatiker oder Herzkranke, der häufigere Arztbesuch älterer Menschen, die Zunahme psychischer und psychosomatischer Erkrankungen usw. Und: Es seien auch Fälle bekannt, in denen Menschen aus Einsamkeit zum Arzt kommen und Ansprache suchen!

Ignoriert wird, dass die verglichenen Länder gänzlich unterschiedliche Gesundheitssysteme haben, also Skandinavien, Großbritannien und die Mittelmeerländer ambulante Behandlung nur in staatlich betriebenen Institutionen anbieten; ignoriert wird, dass in Deutschland schon eine Rezeptabholung als Arztkontakt gezählt wird; ignoriert wird, dass es in Großbritannien keine gigantischen Vorsorge- und Früherkennungsprogramme gibt; ignoriert wird, dass man in den Niederlanden eine Krankschreibung gar nicht vom Arzt, sondern vom Sozialdienst bekommt und erst nach zwei Wochen Krankheit braucht. Kurz: ignoriert wird, dass diese ganzen Statistiken und all die erhobenen Zahlen überhaupt nichts taugen, weil die Länder ganz und gar nicht vergleichbar sind. Wenn man dann noch weiß, dass häufige Arztbesuche hierzulande gar keine zusätzlichen Kosten verursachen, denn die Budgets der Ärzte werden dadurch nicht größer, stellt sich die Frage: Was soll mit solchen Meldungen erreicht werden?

Es handelt sich hier nur um ein geschickt platziertes Mediengewitter, um aus dem verdüsterten Himmel heraus den Blitz der Krankenkassen-Zusatzbeiträge ins Volk schleudern zu können: Leute, wenn ihr so oft zum Arzt geht, dann müsst ihr auch den Aufschlag bezahlen! Am häufigsten gehen in Deutschland übrigens die Bayern zum Arzt: 19 Mal. Höherer Aufschlag fällig?


(Stand: 30.05.2011)

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