Loading...

ZFA-Logo

Das Unscharfe, das Auszudeutende

PDF

Heinz Harald Abholz

Allgemeinmedizin bezieht sich auf den ganzen Menschen. Und umso länger Patient und Arzt sich kennen, umso mehr wird von der Ganzheit erst sichtbar, eine Person wird erst in Teilen und dann erst immer mehr verständlich. Auch Krankheitssymptome, insbesondere bei frühen Formen von Krankheit, werden nicht selten erst langsam und aus einem Kontext verständlich. Am Anfang des Sich-Kennens, teilweise über Jahre gehend, ist unser Bild vom Anderen und seinem Kranksein oft nur unscharf. Dabei gehen wir – so wie auch im sozialen Leben – in der Weise um, dass wir diese unscharfen Bilder deuten, provisorisch Hypothesen entwickeln, die wir im Kontakt miteinander zu verifizieren und falsifizieren suchen, um uns dann ein schärferes Bild vom Anderen zu machen. Wir stellen fest, dass Unschärfe den durchschimmernden anderen Ebenen des Anderen geschuldet waren.

In der Fachterminologie heißt dies, wir haben ein hermeneutisches Fallverständnis: Wir leiten meist unser Bild vom „Fall“, nicht aber aus ein- oder zweidimensional definierten Daten ab. Wir deuten damit die Komplexität, die aus allen uns bekannten Informationen resultiert, die häufig aber jeweils unscharf sind und die auch zusammengenommen Unschärfe herstellen bzw. ahnen lassen, dass es da viele Ebenen gibt.

Dies ist unser Schicksal: Wir fußen bei unseren Entscheidungen oft zwar auf sehr vielen Informationen, die aber ebenso oft allein genommen nicht annähernd exakt sind. Und wenn sie exakt sind, wie ein Laborwert, dann sind sie in ihrer diagnostischen und prognostischen Bedeutung eben auch wieder voller Unsicherheit. Denn im Niedrig-Prävalenz- und Niedrig-Risikobereich sind selbst solche Werte oft nur mit geringer Wahrscheinlichkeit mit Vorliegen bzw. Auftreten von Krankheit verbunden.

Aber um in einem komplexen Raum von Informationen zu ein und derselben Person zu Entscheidungen zu kommen, kann man nur mit einer solchen Herangehensweise des hermeneutischen Fallverständnisses zu Entscheidungen kommen – zumindest dann, wenn man dieser Komplexität gerecht bleiben will.

Man kann sich natürlich auch Einzelfaktoren herausnehmen und nur noch auf diese achten. In Notfällen – sei es die Bedrohung des Körpers oder der Seele – ist dies häufig eine vernünftige Haltung. Aber für den „alltäglichen Umgang“ mit unseren Arbeitsaufgaben ist dies nicht der Fall: Wir würden inadäquat für das Behandlungsproblem und für den zu Behandelnden werden.

Aber Berufsanfänger, gar Medizinstudenten, aber auch die Menschen, die Angst vor dem Umgang mit Unsicherheit haben, sind in komplexen Systemen oft wie gelähmt und nicht mehr handlungsfähig. Die Arbeitssituation der Allgemeinmedizin ist für sie bedrohlich. Sie meiden das Fach oder flüchten dann im Fach selbst in eine selbst gewählte Isolation: Sie wollen die Unschärfe nicht zum Thema werden lassen und reduzieren sich und die Komplexität auf möglichst wenig an Informationen – eben die, mit denen man noch herkömmlich ein- oder zweidimensional umgehen kann. Dabei hilft die Devise: „Berühre mich nicht“. Sie reduzieren die Anamnese und das, was man wahrnehmen könnte, auf nur das Notwendigste, sie vermeiden das „hineinziehende“ Gespräch, die Entstehung einer Beziehung, überweisen schnell. Damit bleiben ihnen all die Ebenen verschlossen, die „dahinter“ sind, und die das Bild schärfer werden ließen, würden sie hervorgeholt.

In diesem Heft wird in einem Forschungsartikel (Herber) deutlich, dass auch in der Wissenschaft die Frage des Ausdeutens von Unschärfe zum Thema geworden ist: Dies geschieht dort meist dann, wenn es um das Denken, Fühlen, die Einstellung und das Handeln geht, über die man als Forscher etwas von Patienten oder von Ärzten erfahren will. Qualitative Forschung – so der Terminus – hat sich, so wie die Allgemeinmedizin, das unscharfe Bild als Objekt genommen. Dies geschah nachdem man auch in der Wissenschaft festgestellt hat, dass Quantitative Forschung meist nur eine Ebene der Wirklichkeit abbilden kann – und dann Schärfe nur vortäuscht – indem die anderen Ebenen ausgeblendet bleiben.


(Stand: 30.05.2011)

Als Abonnent können Sie die vollständigen Artikel gezielt über das Inhaltsverzeichnis der jeweiligen Ausgabe aufrufen. Jeder Artikel lässt sich dann komplett auf der Webseite anzeigen oder als PDF herunterladen.