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Fragwürdige Aktion der Securvita Krankenkasse zur Fußgesundheit von Diabetikern

DOI: 10.3238/zfa.2015.0211-0212

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Claudia Haddad

Kürzlich besuchte mich eine Rentnerin in der Praxis. Die Patientin hat eine stabile koronare Herzkrankheit (KHK) und ist daher im Disease Management Programm (DMP) KHK eingeschrieben. Sie ist keine Diabetikerin. Von ihrer Krankenkasse, der Securvita, ist sie im Januar 2015 angeschrieben worden, sie möge doch bitte eine „neue Methode zum Schutz ihrer Füße“ ausprobieren und bei einem auffälligen Test mit einem Arzt Kontakt aufnehmen. Dem Schreiben war ein Muster des „neuropad Anhidrosetests“ beigelegt (das Anschreiben der Krankenkasse sowie eine Kopie der Testverpackung finden sich im Anhang).

Der „neuropad Anhidrosetest“ und der „neuropad repair foot foam“

Der Test wirbt damit, frühzeitig eine gestörte Hautfeuchtigkeit und somit ein diabetisches Fußsyndrom erkennen zu können. Es handelt sich um ein Indikatorpflaster, das bei normaler Hautfeuchtigkeit nach 10 min von blau nach pink umschlägt. Das Testpflaster kostet im Handel zwischen 25 und 28 Euro. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt ...

Auf der Rückseite des Tests (wie könnte es anders sein) fehlt natürlich kein Hinweis auf ein weiteres Präparat des Testherstellers (die Trigocare GmbH aus Wiehl bei Köln, Tochterunternehmen der miro Verbandstoffe GmbH), das der Testanwenderin auch bei einem nur halbwegs auffälligen Test empfohlen wird: der „neuropad repair foot foam“. Hierbei handelt es sich um einen harnstoff- und panthenolhaltigen Fußschaum (weiterhin enthalten sind Nachtkerzenöl, indischer Wassernabel-Extrakt, Allantoin und Fruchtsäuren). 125 ml des Präparates kosten sage und schreibe zwischen 16 und 18 Euro.

Ich kann mir zwar zur Testgüte des „neuropad Anhidrosetests“ kein abschließendes Urteil bilden. Die Tatsache, dass der Test bei meiner Patientin, die weder Diabetikerin ist noch ansatzweise über polyneuropathische Beschwerden klagt, positiv ausschlug, spricht jedoch nicht für eine hohe Testspezifität. Ich fürchte, dass die Vermarktung dieses sogenannten Früherkennungstests nichts als eine durchsichtige Marketingstrategie der Firma Trigocare ist, um ihren hochpreisigen Fußschaum an den Mann oder die Frau zu bringen. Zum Vergleich: eine 100 ml Tube einer harnstoffhaltigen Fußcreme (die bei regelmäßiger Benutzung zum Zweck der Rehydratation der Haut völlig ausreicht) kostet beim Drogeriemarkt ca. 2 Euro. Der „neuropad repair foot foam“ kostet also mehr als das Sechsfache.

Kosten und Nutzen der Aktion

Mit der Versendung dieses sogenannten Früherkennungstests verleitet die Securvita ihre Patientinnen und Patienten dazu, ein völlig überteuertes Präparat zu kaufen. Eine Empfehlung der Krankenkasse, die in den Augen der Versicherten immer noch ein glaubwürdiger Ansprechpartner in Gesundheitsfragen ist, wiegt für viele Patienten schwer. Oben erwähnte Patientin musste ich mit Mühe davon abhalten, ihre schmale Rente für diesen hoffnungslos überteuerten Fußschaum zu verschleudern.

Ich frage mich, welchen Zweck die Securvita mit der Versendung dieses Tests verfolgt. Bestenfalls kann und möchte man den Verantwortlichen bei der Securvita nur hoffnungslose Naivität unterstellen: Nämlich dass mit einem solchen Test und der konsekutiven Benutzung des Fußschaumes tatsächlich die Fußgesundheit von Diabetikern verbessert und Kosten im Gesundheitswesen eingespart werden könnten. Für diesen Zweck sollte sich eine gesetzliche Krankenkasse jedoch nicht vor den Karren der Marketingabteilung der Trigocare spannen lassen und indirekt ein sehr teures Präparat empfehlen. Die Versendung einer pharmaunabhängigen Patientenbroschüre über Haut- und Fußpflege bei Diabetes wäre zu diesem Zwecke sicher zielführender. Außerdem ist es unter diesem Gesichtspunkt merkwürdig, dass der Test augenscheinlich im Gießkannenprinzip auch an Nicht-Diabetiker versendet wird. Vielleicht wird vorsorglich einfach jedes DMP-Mitglied – egal welche Diagnose vorliegt – mit dem Test bedacht ...

Die Kosten dieser merkwürdigen Aktion will ich mir gar nicht ausrechnen. Es entstehen der Securvita ja nicht nur Kosten für den Test selbst, sondern auch für Personal, Porto und Telefonate. Laut Aussage meiner Patientin rief eine Krankenkassenmitarbeiterin sie im Verlauf sogar noch einmal an, um sich zu erkundigen, wie der Test verlaufen sei.

Fazit: Mit der Versendung eines fragwürdigen Früherkennungstests auf das diabetische Fußsyndrom wirft die Securvita unnötig Geld der gesetzlich Versicherten aus dem Fenster, das an anderer Stelle fehlt. Die Patienten werden außerdem durch diese Aktion indirekt dazu angehalten ein überteuertes Fußpflegeprodukt zu kaufen, während ähnliche Produkte wesentlich günstiger zu haben sind.

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Claudia Haddad

FÄ für Allgemeinmedizin

Konrad-Kuhn-Str. 13

86529 Schrobenhausen

c.haddad@gmx.de

Abbildungen:

Abbildung 1 Kopie der Testverpackung

Abbildung 2 Anschreiben der Krankenkasse

Fachärztin für Allgemeinmedizin in Reichertshofen

DOI 10.3238/zfa.2015.0211–0212


(Stand: 26.05.2015)

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