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Rüter G. Eine kleine Phänomenologie der hausärztlichen Ganz(körper)untersuchung. Z Allg Med 2016; 92: 131–134

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Leserbrief von Dr. Günther Egidi

Gernot Rüter führt sehr schön aus, welche emotionalen Sperren bei Studierenden bestehen, eine Ganzkörperuntersuchung durchzuführen – und wie im Studium geübt werden kann, mit diesen Barrieren umzugehen.

Ein Aspekt bleibt m.E. dabei unberücksichtigt: Häufig fehlt eine gute Begründung dafür, eine Ganzkörperuntersuchung vorzunehmen. In den Ausführungsvorschriften der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zur Durchführung der Gesundheitsuntersuchung nach §25 SGB V wird erwähnt, die Patienten sollten eine Ganzkörperuntersuchung erhalten. Es ist aber sehr fraglich, ob eine Untersuchung des ganzen Körpers ohne besonderen Anlass sinnvoll ist. Insofern hat das beschriebene unsichere Verhalten der Studierenden eine ganz rationale Grundlage: Wenn die Begegnung von Arzt/Ärztin und Patient/Patientin allein dadurch eine noch stärkere Schieflage als ohnehin schon erfährt, dass der/die eine bekleidet und der/die andere komplett unbekleidet ist, wäre eigentlich eine starke Begründung nötig, warum man beide an solchen oft mechanistisch reduzierende „Check-up“ genannten Ritualen teilnehmen lässt. Es fehlt Evidenz für den Nutzen dieses Rituals [1] – insofern halte ich die Vorbehalte der Studierenden für sehr gesund. Völlig anders stellt sich doch die Situation beim kranken Menschen dar: Wenn beispielsweise nach der Ursache für ein hohes Fieber gesucht wird, ist für alle Beteiligten klar, warum der ganze Körper untersucht werden sollte.

Interessenkonflikte: GE erhält für die Durchführung jeder Gesundheitsuntersuchung extrabudgetäres Honorar. Zugleich gehört er zu den Autoren eines Modells zur Weiterentwicklung der Gesundheitsuntersuchung nach SGB V.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Günther Egidi

Arzt für Allgemeinmedizin

Huchtinger Heerstraße 41

28259 Bremen

Tel.: 0421 5797675

guenther.egidi@posteo.de

Literatur

1. Reynolds A, Hefferman J, Mehrotra A, Libman H. Should patients have periodic health examinations? Grand rounds discussion from Beth Israel Deaconess Medical Center. Ann Intern Med 2016; 164: 176–83

Antwort von Dr. Gernot Rüter

Lieber Günther Egidi, vielleicht erlaubt die gute Tradition innerhalb der DEGAM, auch hier beim vertrauten „Du“ zu bleiben. Du hast recht, dass ich mich in meinen phänomenologischen Überlegungen zur Ganz(körper)untersuchung nicht mit der Frage der Sinnhaftigkeit und wissenschaftlichen Rechtfertigung solcher Untersuchungen beschäftigt habe. Für diesen Hinweis bin ich insoweit sehr dankbar. Immerhin war mir wichtig, mehrere Ausgangslagen zu schildern, unter denen die Untersuchung zustande kommt. Davon ist der von Dir angesprochene „Gesundheitscheck“ nur eine. Ob die Studierenden Hemmungen und Barrieren vor der Untersuchung haben und ob die begründet sind mit der Sinnfrage der Untersuchung als solche, erscheint mir fraglich. Mir ging es um den Gegensatz zwischen dem Versuch, objektive Befunde zu erheben einerseits und dem emotionalen, leiblichen Erleben der Untersuchung andererseits. Dieses Inszenieren und Erleben ist zum einen überhaupt vorhanden, zum anderen je nach Ausgangslage sehr verschieden, worauf ich hinweisen wollte.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Gernot Rüter

Blumenstr. 11

71726 Benningen

Tel.: 07144 14233

rueter@telemed.de


(Stand: 17.05.2016)

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