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Die Gleichheitsillusion

Kommentar zu Sandra Masannek: Lösung des Landarztmangels? Nicht ganz so einfach …

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Hanna Kaduszkiewicz

In dem Beitrag von Sandra Masannek geht es um den Landarztmangel, aber auch um die Frage der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Frau Masannek beschreibt, dass Frauen sich nach den beruflichen Ambitionen der Männer richten, auch wenn beide Akademiker sind. Sie antizipieren ihre (spätere) Zuständigkeit für Haushalt und Kinder und wählen Berufswege, in denen sie unkompliziert eine Halbtagsstelle finden und zu Hause bleiben können, wenn die Kinder krank sind. Frau Masannek beschreibt ferner Zweifel im Hinblick auf Entlastungsmöglichkeiten der berufstätigen Mütter: Wer zu viel der Kinderbetreuung abgäbe, könnte es später bereuen, Betreuungsangebote wären teuer und „Mütter-Netzwerke“ aufwendig zu organisieren.

Das Beschriebene ist gesellschaftliche Realität. Bei 73 % der Ehepaare mit Kindern unter 15 Jahren arbeitet der Vater in Vollzeit und die Mutter in Teilzeit [1]. Im Durchschnitt verbringen in Deutschland 15- bis 64-jährige Frauen 164 min pro Tag mit Haushaltstätigkeiten, Männer rund 90 min [2]. Interessanterweise gilt die Ungleichverteilung auch dann, wenn die Frau die Familienernährerin ist [3]. Die Soziologin Cornelia Koppetsch bezeichnet diese Art der innerfamiliären Arbeitsteilung in Akademikerschichten als „Gleichheitsillusion“. Von ihrem Selbstverständnis her empfinden sich Frauen und Männer als gleichgestellt, die häusliche Arbeit hingegen bleibt eine Domäne der Frauen [4].

Es werden viele Ursachen für diese Situation diskutiert. Einerseits die Sozialisation bzw. die direkten Vorbilder: So arbeiteten 2012 in den ostdeutschen Bundesländern rund 58 % der Frauen, im Westen nur 51 % [5]. Die Betreuungsquoten von 0- bis 2-Jährigen lagen 2015 im Osten bei 52 %, im Westen bei 28 % [6]. Auf der anderen Seite sollen es externe Faktoren sein, die die Situation stabilisieren, z.B. Chefs, die Männern nicht erlauben, in Teilzeit zu arbeiten oder die Gesetzgebung, die zum Bezug des Elterngeldes über einen Zeitraum von 14 Monaten verlangt, dass der Mann mindestens zwei Monate in Elternzeit geht – und nicht etwa sieben. Cornelia Koppetsch geht über diese Erklärungsmodelle hinaus, indem sie auf die „soziale Funktionsweise des Geschlechterverhältnisses und den Anteil geteilter Erwartungen hinsichtlich Männlichkeit und Weiblichkeit bei der Aufrechterhaltung dieser Strukturen“ hinweist [3; S. 21]. So scheint die Attraktivität des Mannes zu sinken, wenn er sich zu viel mit Haushalt und Kindern beschäftigt. In ihrer Studie über die Arbeitsteilung bei Paaren mit der Frau als Haupternährerin schlussfolgert Cornelia Koppetsch, dass „die Barrieren, die einer Veränderung von Rollen entgegenstehen, im Privaten größer sind als in den öffentlichen, konkurrenzbestimmten Lebensbereichen“ [3; S. 240].

Zurück zu Sandra Masannek: Solange die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie selbstverständlich als Frauenfrage gilt, wird der Druck auf berufstätige Frauen zunehmen. Eine Veränderung ist nur mit Männern und Frauen möglich, die Veränderungen wirklich wollen: mit Männern, die eigeninitiativ, umsichtig und verantwortungsvoll familiäre Aufgaben übernehmen – und nicht auf Anweisungen der Frau warten – und mit Frauen, die mit der Abgabe familiärer Aufgaben auch den Machtverlust verkraften. Die falsch eingeräumte Spülmaschine, die verfärbte, eingelaufene und knittrige Kleidung oder die nicht kontrollierten Schulaufgaben der Kinder müssen Frauen dann eben ertragen (wollen und können). Solche Dinge schlecht zu erledigen, scheint mitunter eine Strategie der Männer zu sein, diese Arbeiten wieder loszuwerden – ansonsten weiß ich nicht, wie ihre Hochschuldiplome zustande gekommen sind. Auch weiß ich nicht, warum es keine Väter-Netzwerke zur Kinderbetreuung geben soll. Es gibt nicht wenige Paare, die das klassische Rollenmodell bevorzugen, die gar keine Veränderung wollen. Dann, das formuliere ich jetzt zugespitzt, sollen sie bitte nicht über die Doppelbelastung der Frau klagen.

Zum Schluss ein paar persönliche Zeilen. Auch ich weiß, dass Gleichberechtigung in Beziehungen schwer zu erreichen ist. Zwar habe ich sofort nach dem Mutterschutz meiner beiden Kinder wieder angefangen zu arbeiten, zunächst 75 %, nach 12 Monaten voll. Beide Kinder waren ab dem Alter von 8 Monaten mindestens 8 Stunden pro Tag in Krippen und Kitas, mein Mann war immer für den Morgen zuständig und ich für den Abend etc. Aber so richtig funktioniert die Übernahme der Zuständigkeiten durch meinen Mann und andere nur, wenn ich schlicht und einfach auf der Arbeit bin.

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Hanna Kaduszkiewicz

Institut für Allgemeinmedizin

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Medizinische Fakultät

Michaelisstraße 5, Haus 17, 24105 Kiel

kaduszkiewicz@allgemeinmedizin.uni-kiel.de

Literatur

1. Statistisches Bundesamt 2013.

2. www.zeit.de/karriere/2014–03/hausarbeit-frauen-international-vergleich

3. Koppetsch C, Speck S. Wenn der Mann kein Ernährer mehr ist. Suhrkamp Verlag Berlin 2015

4. DER SPIEGEL 44/2015. S. 54–56

5. www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/frauen-mit-job-ost-west-unterschied-nimmt-zu-a-1012859.html

6. www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Soziales/Sozialleistungen/Kindertagesbetreuung/Tabellen/Tabellen_Betreuungsquote.html


(Stand: 17.05.2016)

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