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Mit Praxiswissen in die Niederlassung

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Jessica Rettig

Schichtdienste, Wochenendarbeit und autoritäre Chef- und Oberärzte – für viele junge Mediziner steht am Ende ihres Studiums fest: Die Arbeit in der Klinik ist auf Dauer nichts für mich! Wer aber als niedergelassener Arzt arbeitet und sich mit einer eigenen Praxis eine Existenz aufbauen möchte, ist gleichzeitig auch Unternehmer und braucht die nötigen betriebswirtschaftlichen Kenntnisse. Im Medizinstudium kommen diese Inhalte oft zu kurz oder werden gar nicht vermittelt. Mit „Praxiswissen 2.0“ hat die Perspektive Hausarzt Baden-Württemberg aus dem Hausärzteverband Baden-Württemberg deshalb ein Konzept entwickelt, das dazu beitragen soll, angehende Ärzte möglichst früh an das Thema Niederlassung heranzuführen – online, leicht verständlich und in weniger als 180 Sekunden. Gefördert wird das Projekt vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg – Initiative Existenzgründung und Unternehmensnachfolge (ifex) und der Stiftung Perspektive Hausarzt des Deutschen Hausärzteverbands.

Allgemeinmedizin im Wandel

Der demografische Wandel und der medizinische Fortschritt stellen die ambulante Patientenversorgung vor große Herausforderungen. Die Allgemeinmedizin ist mit einer zunehmenden Zahl an älteren, chronisch kranken Patienten konfrontiert, die eine intensivere Betreuung und mehr Hausärzte als bisher erfordern. Während unsere Gesellschaft altert, lässt sich allerdings ein Rückgang an praktizierenden Hausärzten verzeichnen. Gleichzeitig haben sich die Anforderungen, die junge Ärzte an ihren Beruf stellen, verändert. Sie arbeiten lieber in Anstellungsverhältnissen als in der eigenen Einzelpraxis, wünschen sich feste Arbeitszeiten, flexible Arbeitsmodelle, eine ausgewogene Work-Life-Balance, Arbeit in Teams und mehr Zeit für die Patientenversorgung statt administrative Aufgaben. Deshalb engagieren sich verschiedenen Organisationen und Verbände aus dem Gesundheitswesen und die Politik in den letzten Jahren aktiv dafür, die Arbeitsbedingungen für Ärzte zu verbessern und weiterzuentwickeln. In der hausärztlichen Versorgung hat sich schon einiges getan – von Weiterbildungsverbünden über Medizinische Versorgungszentren bis hin zur Hausarztentrierten Versorgung (HZV). Praxiswissen 2.0 soll einen Beitrag dazu leisten, dem Ärztenachwuchs das moderne Berufsbild Hausarzt näher zu bringen. Ziel des Projekts ist es, Medizinstudierenden die Vorteile der Selbstständigkeit als Hausarzt aufzuzeigen, sie frühzeitig für die Themen Praxisgründung und Praxismanagement zu sensibilisieren, ihnen Grundlagenwissen bereitzustellen und Ängste und Bedenken abzubauen. „Die meisten jungen Ärzte wissen am Ende ihres Studiums nur, was es bedeutet, als angestellter Arzt in einer Klinik zu arbeiten. Sie wissen aber oft nicht, welche Chancen ihnen die Niederlassung bietet“, sagt Dr. Berthold Dietsche, Vorstandsvorsitzender des Hausärzteverbands Baden-Württemberg. Ein Grund, warum sich immer weniger Ärzte dazu entscheiden, eine Hausarztpraxis zu führen. „Besonders ländliche Regionen sind heute schon vom Hausärztemangel betroffen. Deshalb ist es uns wichtig, junge Ärzte beim Schritt in die Selbständigkeit zu unterstützen, sie schon ganz früh an das Thema Existenzgründung heranzuführen und ihr Interesse zu wecken“, sagt Prof. Peter Schäfer, Leiter des Referats Existenzgründung und Unternehmensnachfolge im Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg.

Microlearning: Digital und kurzweilig

Medizinstudierende haben neben ihren Vorlesungen, Seminaren, Blockpraktika und Famulaturen nur wenig Zeit, an zusätzlichen Workshops teilzunehmen. Deshalb setzt Praxiswissen 2.0 auf digitales Lernen mithilfe von sogenannten Erklärvideos – kurze Filme, die von vielen Unternehmen und Organisationen eingesetzt werden, um ihren Zielgruppen in wenigen Minuten abstrakte Konzepte oder Zusammenhänge zu vermitteln. Der Lernstoff wird dabei in kleine, überschaubare Wissenseinheiten zerlegt und nach dem Prinzip des „Storytellings“ aufbereitet: Komplexe Sachverhalte werden anhand der Geschichte einer fiktiven Figur erzählt und leicht verständlich erklärt. Das erste Video von Praxiswissen 2.0 rund um die Protagonisten Lea und Tom beschäftigt sich 145 Sekunden lang mit der Frage: Warum lohnt es sich eigentlich, Hausarzt oder Hausärztin zu werden? Im zweiten Video steht die Weiterbildung zum Facharzt Allgemeinmedizin im Fokus. Das dritte und das vierte Video drehen sich um verschiedene Praxismodelle und betriebswirtschaftliche Fragen wie Einnahmen, Ausgaben und Verdienst in der Hausarztpraxis. Die Erklärvideos sind über die Website und die Social-Media-Kanäle der Perspektive Hausarzt Baden-Württemberg online verfügbar.

Informationen zu Praxiswissen 2.0 finden Sie unter: www.perspektive-hausarzt-bw.de/praxiswissen

Jessica Rettig

Teamleiterin der „Perspektive Hausarzt Baden-Württemberg“


(Stand: 14.05.2018)

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