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Erektile Dysfunktion in der hausärztlichen Praxis

DOI: 10.3238/zfa.2018.0203-0208

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Michael M. Kochen

Schlüsselwörter: Allgemeinmedizin PDE-5-Hemmer erektile Dysfunktion


Forest plot für die Wirksamkeit von PD-5-Hemmer bei unterschiedlichen Dosen (82 kontrollierte Studien mit 47.626 Patienten; mittlere Werte, 95%-Konfidenzintervalle) [12]
Forest plot für unerwünschte Wirkungen von PD-5-H bei unterschiedlichen Dosen (72 kontrollierte Studien mit 20.325 Patienten; mittlere Werte, 95%-Konfidenzintervalle) [12]

Hintergrund: Die erektile Dysfunktion ist ein häufiges Problem vorwiegend des älter werdenden Mannes. Die hohe Prävalenz (ca. 50 % im 75. Lebensjahr) sollte Anlass sein, die ED noch stärker in das (von Patienten häufig gewünschte) Arzt-Patienten-Gespräch in der hausärztlichen Praxis einzubeziehen.

Suchmethodik: Pragmatische Suche ohne Spracheinschränkung unter dem Stichwort (medical subject heading) „erectile dysfunction“ in der Datenbank PubMed.

Wichtigste Botschaften: Risikofaktoren für eine ED sind vor allem chronische Gefäßkrankheiten, Diabetes mellitus, Nikotinmissbrauch und übermäßiger Alkoholkonsum sowie körperliche Inaktivität. Neben dem Alter hat der Lebensstil einen entscheidenden Einfluss auf das Erektionsvermögen. Gründliche Anamnese (insbesondere bez. Grunderkrankungen, Medikamente und Lebensstil) und körperliche Untersuchung reichen bei den meisten Patienten für die Diagnosestellung aus. Phosphodiesterase-5-Hemmer sind eine in vielen Fällen wirksame Therapie. Kontraindikationen und typische unerwünschte Wirkungen müssen jedoch unbedingt beachtet werden. Der illegale Erwerb von PD-5-Hemmer über das Internet ist für die Patienten mit Gefahren verbunden.

Schlussfolgerungen: Die erektile Dysfunktion ist ein häufiges, inzwischen aber gut behandelbares Problem von Millionen (überwiegend älterer) Männer. Die hausärztliche Praxis ist für die Untersuchung, Beratung und Behandlung der Betroffenen prädestiniert.

1 Lehrbereich Allgemeinmedizin, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg 2 Gesundheitsforschung für Männer, Berlin 3 Centrum für Allgemeinmedizin, Westfälische Wilhelms-Universität Münster DOI 10.3238/zfa.2018.0203–0208

Hintergrund

Ein 52-jähriger, leicht adipöser, stark rauchender und übermäßig Alkohol trinkender, sonst aber gesunder Maurer sagt kurz vor der Verabschiedung aus der Sprechstunde (in der er sich wegen Kreuzschmerzen vorgestellt hatte) quasi „nebenbei“, dass er „zu müde zum Sex“ sei. Er habe seit kurzem eine neue Freundin, die allerdings sehr viel jünger sei als er. Schon beim ersten Sexualverkehr mit der jungen Frau habe er Erektionsstörungen gehabt, auf die seine Freundin sehr locker reagiert habe. Vor erneutem Sex habe er jedoch Angst und bittet um Hilfe, da mit seinem Körper „irgendwie etwas nicht in Ordnung“ sei.

Von einer erektilen Dysfunktion (ED; der Begriff Impotenz sollte möglichst vermieden werden) wird gesprochen, wenn für einen Zeitraum von über sechs Monaten dauerhaft die Unfähigkeit besteht, eine ausreichende Erektion aufzubauen oder zu erhalten, um einen befriedigenden Geschlechtsverkehr durchzuführen [1].

Die ED ist ein häufiges Problem vorwiegend des älteren Mannes über 65 Jahre und betrifft in besonderem Maße die hausärztliche Praxis. Eine Studie aus Norwegen in 22 von 46 angefragten Hausarztpraxen zählte innerhalb von drei Tagen 1117 Konsultationen, von denen 4,2 % Sexualprobleme betrafen. Am häufigsten (307 Männer) war die ED [2].

Eine ED organischer Ursache ist häufiger als die psychisch verursachte. Risikofaktoren sind vor allem chronische Gefäßkrankheiten, neurologische Erkrankungen, Diabetes mellitus, Nikotin- und übermäßiger Alkoholkonsum sowie körperliche Inaktivität. Hinzu kommen Erkrankungen des Schwellkörpers selbst. Psychosomatische Ursachen dominieren bei jüngeren Patienten, mit zunehmendem Alter überwiegen organische Ursachen.

Die hohe Prävalenz (ca. 50 % im 75. Lebensjahr) sollte Anlass sein, die ED noch stärker in das Arzt-Patienten-Gespräch in der allgemeinärztlichen Praxis einzubeziehen.

Phosphodiesterase-5-Hemmer (PDE-5-H) stellen – unter Beachtung der Kontraindikationen – eine in vielen Fällen wirksame Therapieoption dar und können, meist ohne weitere Konsultation eines Spezialisten, vom Hausarzt verordnet werden.

Suchmethodik

Pragmatische Suche ohne Spracheinschränkung unter dem Stichwort (medical subject heading) „erectile dysfunction“ in der Datenbank PubMed. Letzter Suchtag: 24.3.2018.

Antworten auf häufige Fragen

1. Wie häufig ist eine ED und welche Risiken sind bekannt?

In der repräsentativen Massachusetts Male Aging Study (1290 von 1709 Männern zwischen 40 und 70 Jahren antworteten) klagten rund 52 % über ED: 50 % im Alter von 50, 60 % im Alter von 60 und 70 % im Alter von 70 Jahren. Die Inzidenz betrug knapp 26 jährlich neu auftretende ED-Fälle auf 1000 Männer [3].

In einer repräsentativen Stichprobe der städtischen Region Köln wurde ein validierter Fragebogen zur Sexualität an 8000 Männer im Alter zwischen 30 und 80 Jahren verteilt: 56,1 % antworteten, 19,2 % hatten eine ED [4].

In der Health Professionals Follow-up Study (32.000 Männer zwischen 53 und 90 Jahren ohne Prostata-OPs) stieg die Häufigkeit erektiler Störungen mit dem Alter kontinuierlich an (von 26 % < 59 Jahre bis 92 % > 80 Jahre). Neben chronischen Krankheiten erwiesen sich dabei u.a. Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum und Übergewicht als Risikofaktoren. Regelmäßige körperliche Aktivität hingegen reduzierte das Risiko [5]. Häufige Ätiologien und Differenzialdiagnosen der ED zeigt Tabelle 1 (modifiziert und aktualisiert nach [6]).

Ätiologie

Differenzialdiagnostische Überlegungen

Psychogen

Depression, Angsstörungen, Versagensängste, Schuldgefühle, vorangegangener Missbrauch, sexuelle Orientierungsstörungen, Beziehungsprobleme, erwartete Nebenwirkungen/UAW einer medikamentösen Therapie

Psychogene Ursachen überwiegen bei jüngeren Patienten / Ist die Erektion nur beim Koitus, nicht aber bei der Masturbation oder anderen nicht koitalen Sexualpraktiken gestört, ist eine psychogene Genese wahrscheinlich.

Vaskulär

KHK, Markoangiopahtie bei Diabetes mellitus, ausgeprägte Hypertonie, periphere arterielle Verschlusskrankheit

Vaskuläre Krankheiten haben den größten Anteil bei organischen Ursachen.

Endokrin

Fettstoffwechselstörung, Testosteronmangel, Hyperprolaktinämie

Fettstoffwechselstörungen finden sich bei einem großen Teil aller organisch bedingten Erektionsstörungen (kausale Ursachen damit nicht bewiesen!)/ Hormonelle Mangelzustände selten!

Neurologisch

Spinalkanalverletzungen, nervale Schädigungen nach Operation (z.B. nach radikaler Prostatektomie), neurologische Systemerkrankungen (z.B. multiple Sklerose), Polyneuropathie (Alkohol, Diabetes mellitus)

Die ED kann erstes Symptom einer diabetischen Polyneuropathie sein und sollte daher bei Diabetikern regelhaft in die Anamnese einbezogen werden. / Alkohol kann bei bestehender Leberzirrhose auch hormonell zu ED führen.

Medikamentös

Psychoaktive Arzneimittel (insbesondere Benzodiazepine und Trizyklika). Assoziation mit Antihypertensiva oder Schmerzmittel nicht schlüssig bewiesen

Lektüre des Beipackzettels mit entsprechend aufgeführten Nebenwirkungen kann u.U. ED begünstigen

Tabelle 1 Häufige Differenzialdiagnosen und Ursachen der ED (nach [6]). ED = erektile Dysfunktion, KHK = Koronare Herzkrankheit, UAW = unerwünschte Wirkung

Koronare Herzkrankheit und andere Gefäßerkrankungen oder Diabetes mellitus sind signifikant mit ED assoziiert (damit ist eine Kausalität keineswegs bewiesen) [7].

Ergebnisse des Boston Area Community Health(BACH) Surveys einer Zufallsstichprobe von 2301 Männern (Alter: 30–79 Jahre) zeigen, dass nach entsprechender Adjustierung die oft angeschuldigten Betablocker ebenso wie Diuretika, ACE-Hemmer, Calciumantagonisten oder Schmerzmittel nicht zweifelsfrei mit ED assoziiert sind. Hingegen kann das entsprechende Risiko durch psychoaktive Arzneimittel, insbesondere Benzodiazepine und Trizyklika (nicht jedoch SSRIs) erhöht werden [8].

2. Gibt es abwendbar gefährliche Verläufe?

Im Durchschnitt zeigen sich die Symptome einer ED einige Jahre vor dem Auftreten einer KHK oder einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit [7]. Das Auftreten einer ED sollte daher Anlass sein, die Patienten ausführlich (auch nach der Familienvorgeschichte) zu befragen sowie u.U. auf kardiovaskuläre Risiken zu untersuchen und zu beraten (Evidenzgrad C).

3. Wie soll man diagnostisch vorgehen? Was ist hilfreich?

Eine gründliche Anamnese (insbesondere bez. Grunderkrankungen, Medikamenten und Lebensstil einschließlich Nikotin- und Alkoholabusus) stellt das Fundament der Diagnostik der ED dar [9].

In einer großen internationalen Studie wurden 26.000 Personen zu ihrer sexuellen Gesundheit befragt. Viele Patienten erwarteten, von ihrem Arzt auf möglicherweise vorhandene sexuelle Störungen angesprochen zu werden. Dies geschah aber in den drei Jahren vor der Befragung nur in 9 % [10].

Voraussetzungen für eine angemessene Sexualanamnese auf ärztlicher Seite sind neben dem Zeitaufwand die Überwindung eigener Scham vor einem Gespräch über Sexualität und die Beachtung von Signalen des Patienten (Körpersprache, Andeutungen). Patienten wählen oft eher umschreibende, herantastende Formulierungen, die häufig in eine Konsultation über ein anderes Problem eingebettet sind [9].

Der Schweregrad der Erektionsstörung wird mit dem internationalen Index der erektilen Funktion (IIEF-5), einem Fragebogen für Patienten, ermittelt (z.B. preview.tinyurl.com/y8tson9u). Je nach der erreichten Punktzahl kann von „keine Erektionsstörung“ über „leicht“, „mittel“ bis „schwer“ unterschieden werden.

Die Beantwortung der Frage, ob die Erektionsstörung nur beim Koitus auftritt, nicht aber bei der Masturbation, kann ein sicherer Hinweis auf die vor allem bei Jüngeren bestehende Psychogenese der ED sein. Bei der körperlichen Untersuchung ist auf die Zeichen eines Testosteronmangelsyndroms zu achten, d.h. Gynäkomastie, fehlende Schambehaarung, Habitus, veränderte Fettverteilung. An Laboruntersuchungen werden ein Nüchtern-Blutzucker, das Gesamtcholesterin, sowie ein morgendlicher (Gesamt)Testosteron-Spiegel empfohlen (allerdings besteht hier nur ein Evidenzgrad C). Ist letzterer Wert erniedrigt, sollte er kontrolliert werden. Der Verdacht auf einen Testosteronmangel kann erst ausgesprochen werden, wenn beide Werte (Initial- und Kontrollwert) erniedrigt sind und eine entsprechende Symptomatik besteht. Diese wird am besten mit dem AMS-Fragebogen objektiviert (Agings Males‘ Symptoms rating scale; www.issam.ch/ams_.asp).

Weitergehende diagnostische Untersuchungen sind selten nötig, erfordern dann aber die Kooperation mit einem Urologen (s.u.).

4. Wann soll man mit einem Spezialisten kooperieren?

Bei Hinweisen auf organische Ursachen der ED bzw. in Fällen, in denen PD-5-H nicht wirken oder kontraindiziert sind, kann die Kooperation mit einem spezialisierten Urologen sinnvoll sein. Anamnese und körperliche Untersuchung sind bei vielen Patienten für die Diagnosestellung aber ausreichend.

Das übliche Testverfahren in entsprechend ausgerüsteten, urologischen Praxen besteht aus der schmerzlosen (30G-Nadel), intrakavernösen Injektion von 10 µg des Prostaglandins E1 Alprostadil an der lateralen Penisbasis. Nach ca. 20 Minuten werden der Grad der Erektion, die Flussgeschwindigkeiten in den vier Penisarterien und venöse Leckagen erfasst. Bei Auslösung einer Tumeszenz erfolgt dann eine Farbduplexsonografie [11].

5. Welche Behandlungs- optionen gibt es?

Wenn – wie bei den meisten Patienten – Anamnese und körperliche Untersuchung (ggf. ergänzt durch Laborwerte und EKG) die Stellung einer Diagnose erlauben und die Konsultation eines Spezialisten unnötig erscheint, ist die probatorische Gabe eines PD-5-H gerechtfertigt. Bei ausreichender Libido und sexueller Stimulation tritt in der Mehrzahl der Fälle die gewünschte Wirkung ein (vorausgesetzt, die Durchblutung reicht aus).

PD-5-H gelten aktuell als First-Line-Therapie der ED (Evidenzgrad A). Mit einer number needed to treat (NNT) von 2 profitiert einer von zwei behandelten Patienten von der Einnahme, ausdrücklich auch Diabetiker. Von den auf dem deutschen Markt befindlichen PD-5-H (Sildenafil [Viagra®, Generika], Tadalafil [Cialis®, Generika], Vardenafil [Levitra®] und Avanafil [Spedra®]) offeriert Tadalafil mit einer Halbwertzeit von 17,5 h eine größere zeitliche Flexibilität als die anderen Präparate [11]. Ansonsten werden PD-5-H ca. 30 Minuten bis 1 h vor der sexuellen Aktivität eingenommen. Bei Versagen dieser Behandlung kann eine ursächliche urologische Abklärung notwendig werden.

Vor Therapiebeginn sollten allerdings Lebensstilveränderungen im Sinne einer Reduktion potenzieller Risikofaktoren angesprochen und implementiert werden (betrifft insbesondere den Nikotinmissbrauch, übermäßige Alkoholzufuhr, und fehlende körperliche Aktivität). Ebenso müssen Kontraindikationen beachtet und mögliche Nebenwirkungen thematisiert werden (s. Punkt 6).

Eine 2015 von Schweizer und holländischen Autoren publizierte, industrieunabhängige Netzwerk-Metaanalyse umfasste 82 kontrollierte Studien mit 47.626 Patienten (für die Wirksamkeit) bzw. 72 kontrollierte Studien mit 20.325 Patienten (für unerwünschte Wirkungen).

Abbildung 1 zeigt den Vergleich der verschiedenen Präparate in Bezug auf die Wirksamkeit[12].

Die Daten aus Abbildung 1 (und 2, s.u.) zeigen – grosso modo – einen Zusammenhang zwischen guter Wirksamkeit und schlechter Verträglichkeit. So weist 50 mg Sildenafil die stärkste Wirksamkeit, jedoch auch eine relativ hohe Rate an unerwünschten Wirkungen auf. 5 mg Vardenafil und 50 mg Avanafil hatten die wenigsten unerwünschten Wirkungen, aber auch die geringste Wirksamkeit. Ausgewogen erscheint 10mg Tadalafil mit mittlerer Wirksamkeit und einer niedrigen Nebenwirkungsrate.

Hat ein Patient auf einen PD-5-Hemmer nicht angesprochen, sollte ein alternativer PD-5-Hemmer versucht werden.

Für

• die Dosiserhöhung eines Präparates über die offiziell empfohlene Menge hinaus,

• eine gleichzeitige Einnahme von zwei verschiedenen PD-5-Hemmern,

• die tägliche Einnahme einer Dosis (Ausnahme: Tadalafil 5 mg) oder

• die Kombination eines PD-5-Hemmers mit einer anderen pharmakologischen oder nicht-medikamentösen Therapie

gibt es nur begrenzte Evidenz [13].

Weitere Therapieoptionen:

Alprostadil Creme (Vitaros®; rezeptpflichtig) zeigt, nach Auftragen auf die Penisspitze, eine Wirkung nach etwa 5–30 Minuten. Die Wirksamkeit des teuren Mittels ist höchstens moderat [14].

Psychotherapeutische Begleitung, falls psychogene Ursachen vorliegen.

Nitrogylcerinsalbe (2 %; in Deutschland nicht im Handel) soll als Adjuvanz bei der Behandlung der psychogenen Impotenz hilfreich sein. Außer älteren Fallberichten gibt es für diese Anwendung keine gesicherte Evidenz.

Yohimbin (Procomil®, Yocon-Glenwood®), ein Alphablocker, wirkt frühestens nach 1–2 Wochen. Vergleiche zu PDE-5-Hemmern liegen bislang nicht vor. Bis zu einem Drittel der Anwender erleiden unerwünschte Wirkungen wie Unruhe, Kopfschmerzen oder Blutdruckerhöhung.

Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT), intraurethrales Alprostadil (MUSE) und Vakuumpumpensysteme sind Spezialisten vorbehalten und kommen bei Patienten in Frage, bei denen PDE-5-Hemmer nicht wirksam oder kontraindiziert sind [11].

Niedrigdosierte, extrakorporale Schockwellentherapie könnte eine neue Behandlungsoption werden, deren Stellenwert allerdings noch nicht abschließend beurteilbar ist [15].

6. Welche Kontraindikationen und unerwünschten Wirkungen sind bei PD-5-H zu beachten?

Es besteht eine Reihe von Kontraindikationen für alle PD-5-H [15]:

• Gleichzeitige Behandlung mit Nitraten oder NO-Donatoren (z. B. Molsidomin).

• Schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie instabile Angina pectoris oder schwere Herzinsuffizienz, kürzlich erlittener Herzinfarkt oder Schlaganfall.

• Schwere Leberinsuffizienz.

• Gemeinsame Einnahme mit Antihypertensiva (Verstärkung der blutdrucksenkenden Wirkung). Besonders ausgeprägt ist diese Interaktion bei Alphablockern wie Doxazosin, deren gleichzeitige Gabe unbedingt vermieden werden sollte. Bei Patienten unter stabiler Therapie mit uroselektiven Alphablockern wie Tamsulosin kommt es nur zu geringen Blutdruckabfällen. Ein Therapiebeginn mit solchen Alphablockern sollte nur in geringster Dosis und mit möglichst großem zeitlichem Abstand zur PD-5-H-Einnahme begonnen werden.

Zu den typischen Nebenwirkungen gehören Kopfschmerzen (bis zu 15 %), Dyspepsie (bis zu 12 %), verstopfte Nase (bis zu 10 %) und Hautrötung (bis zu 12 %).

Auch Sehstörungen wurden berichtet. Sie sind meist gering ausgeprägt und bestehen in vorübergehenden Veränderungen des Farbensehens (Blau/Grün), erhöhter Lichtempfindlichkeit und Verschwommensehen [16]. Die mit Visusverlust einhergehende nichtarteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie (NAION) ist extrem selten [18].

Die Zuordnung von beschriebenen Todesfällen zu PD-5-H ist schwierig, da keine Vergleichszahlen „natürlicher“ Todesfälle von Männern beim Geschlechtsverkehr vorliegen.

Abbildung 2 stammt aus der bereits erwähnten Netzwerk-Metaanalyse und zeigt den Vergleich der verschiedenen Präparate in Bezug auf unerwünschte Wirkungen[12].

PDE-5-Hemmer werden hauptsächlich von CYP3A4 metabolisiert. Zu den Arzneimitteln, die den Plasmaspiegel von PD-5-Hemmern erhöhen, gehören u.a. Makrolide (z.B. Erythromycin, Clarithromycin, Telithromycin), Antimykotika (Fluconazol, Ketoconazol, Itraconazol), Proteaseinhibitoren (Ritonavir, Indinavir, Nelfinavir), Verapamil, Amiodaron und Cimetidin, aber auch Grapefruitsaft. Auf solche Interaktionen sollte bei der Beratung sorgfältig hingewiesen werden [19].

7. Internetkauf und Arzneimittelfälschungen

Eine wachsende Gefahr stellen gefälschte Arzneimittel dar, die ohne Kontrolle der Inhaltsstoffe bzw. deren Dosis über das Internet angeboten und gekauft werden (counterfeit drugs) [20]. Im Jahr 2006 schätzte die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass weltweit 10 % aller im Umlauf befindlichen Medikamente gefälscht seien (25 % in Ländern der Dritten Welt).

Obwohl aktuelle Daten nicht verfügbar sind, wird der Markt für Arzneimittelfälschungen heute auf 75 bis 200 Milliarden US-Dollar geschätzt [21]. Zwischen 2004 und 2008 wurden alleine in Europa 35,8 Millionen gefälschte Sildenafil-Tabletten beschlagnahmt.

In Deutschland dürfen ab dem 9. Februar 2019 von pharmazeutischen Unternehmen nur noch verschreibungspflichtige Arzneimittel mit individueller Seriennummer und „Erstöffnungsschutz“ in Verkehr gebracht werden, damit erkennbar ist, ob die Verpackung noch unversehrt ist.

Schlussfolgerungen

Die ED ist trotz ihrer Häufigkeit eine oft vom Arzt nicht angesprochene Gesundheitsstörung in der männlichen Bevölkerung. Da vielen Betroffenen geholfen werden kann, sollte das Gespräch über sexuelle Probleme insbesondere bei älteren Männern in der hausärztlichen Praxis als selbstverständlicher Teil der Anamnese verstanden werden.

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadressse

Prof. Dr. Michael M. Kochen, MPH, FRCGP

Lehrbereich Allgemeinmedizin

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Elsässer Str. 2m, 79110 Freiburg

mkochen@gwdg.de

Literatur

1. Yafi FA, Jenkins L, Albersen M, et al. Erectile dysfunction. Nat Rev Dis Primers 2016; 2: 16003 www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5027992/ pdf/nihms815695.pdf (letzter Zugriff am 25.03.2018)

2. Vika A, Brekkeb M. Do patients consult their GP for sexual concerns? A cross sectional explorative study. Scand J Prim Health Care 2017; 35: 373–378 www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5730036/pdf/ipri-35–373.pdf (letzter Zugriff am 25.03.2018)

3. Feldman HA, Goldstein I, Hatzichristou DG, et al. Impotence and its medical and psychosocial correlates: results of the Massachusetts Male Aging Study. J Urol 1994; 151: 54–61

4. Braun M, Wassmer G, Klotz T, Reifenrath B, Mathers M, Engelmann U. Epidemiology of erectile dysfunction: results of the ‚Cologne Male Survey‘. Int J Impot Res 2000; 12: 305–11.

5. Bacon CG, Mittleman MA, Kawachi I, Giovannucci E, Glasser DB, Rimm EB. Sexual function in men older than 50 years of age: results from the health professionals follow-up study. Ann Intern Med 2003; 139: 161–8. www. annals.org/article.aspx?volume=139& issue=3&page=161 (letzter Zugriff am 25.03.2018)

6. Kochen MM, Jendyk R. Potenzstörungen. In: Kochen MM (Hrsg.). Allgemeinmedizin und Familienmedizin. 5. Auflage. Stuttgart: Thieme 2017: 515–519

7. Banks E, Joshy G, Abhayaratna WP, et al. Erectile dysfunction severity as a risk marker for cardiovascular disease hospitalisation and all-cause mortality: a prospective cohort study. PLoS Med 2013; 10: e1001372. http://dx.plos.org/10.1371/journal.pmed.1001372 (letzter Zugriff am 25.03.2018)

8. Kupelian V, Hall SA, McKinlay JB. Common prescription medication use and erectile dysfunction. Results from the Boston Area Community Health (BACH) Survey. BJU Int 2013; 112: 1178–87. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/bju.12231/epdf (letzter Zugriff am 25.03.2018)

9. Sönnichsen A, Kochen MM. Sexual- beratung. In: Kochen MM (Hrsg.). Allgemeinmedizin und Familienmedizin. 5. Auflage. Stuttgart: Thieme 2017: 169–178

10. Gartrell NK, Milliken N, Goodson 3rd WH, Thiemann S, Lo B. Physician-patient sexual contact. Prevalence and problems. West J Med 1992; 157: 139–143

11. Leiber C. Erektile Dysfunktion – aktuelle Diagnostik und Therapie. Urologe 2017; 56: 519–529

12. Chen L, Staubli SEL, Schneider MP, et al. Phosphodiesterase 5 inhibitors for the treatment of erectile dysfunction: a trade-off network meta-analysis. Eur Urol 2015; 68: 674–80

13. Lee M, Sharifi R. Non-invasive management options for erectile dysfunction when a phosphodiesterase type 5 inhibitor fails. Drugs Aging 2018; Feb 20 [Epub ahead of print]

14. NN. Does alprostadil cream hit the spot? Drug Therap Bull 2015 53: 21–24

15. Lu Z, Lin G, Reed-Maldonado A, Wang C, Lee Y-C, Lue TF. Low-intensity extracorporeal shock wave treatment improves erectile function: a systematic review and meta-analysis. Eur Urol 2017; 71: 223–233

16. Sperling H. Nebenwirkungen der medikamentösen Behandlung der erektilen Dysfunktion. Urologe 2017; 56: 451–455

17. Yafi FA, Sharlip ID, Becher EF. Update on the safety of phosphodiesterase type 5 inhibitors for the treatment of erectile dysfunction. Sex Med Rev 2017; Sept 8 [Epub ahead of print]

18. Pomeranz HD. The relationship between phosphodiesterase-5 inhibitors and nonarteritic anterior ischemic optic neuropathy. J Neuro-Ophthalmol 2016; 36: 193–196

19. Gur S, Kadowitz PJ, Gokce A, Sikka SC, Lokman U, Hellstrom WJG. Update on drug interactions with phosphodiesterase-5 inhibitors prescribed as first-line therapy for patients with erectile dysfunction or pulmonary hypertension. Curr Drug Metabol 2013; 14: 265–269

20. Chiang J, Yafi FA, Dorsey Jr PJ, Hellstrom WJG. The dangers of sexual enhancement supplements and counterfeit drugs to “treat” erectile dysfunction. Transl Androl Urol 2017; 6: 12–19 http://tau.amegroups.com/article/view/12562/13807 (letzter Zugriff am 25.03.2018)

21. ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Faktenblatt Arzneimittelfälschungen, 24.10.2017. www.abda.de/fileadmin/assets/Faktenblaetter/Faktenblatt_Arzneimittelfealschungen_20171024.pdf

Abbildung 1 Forest plot für die Wirksamkeit von PD-5-Hemmer bei unterschiedlichen Dosen (82 kontrollierte Studien mit 47.626 Patienten; mittlere Werte, 95%-Konfidenzintervalle) [12]

Abbildung 2 Forest plot für unerwünschte Wirkungen von PD-5-H bei unterschiedlichen Dosen (72 kontrollierte Studien mit 20.325 Patienten; mittlere Werte, 95%-Konfidenzinter- valle) [12]

Prof. Dr. med. Michael M. Kochen, MPH, FRCGP ...

... 26 Jahre als Hausarzt in München (Einzelpraxis) und Waake bei Göttingen (landärztliche Gemeinschaftspraxis) niedergelassen. 1989–2011 Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin, Universität Göttingen. Seit Emeritierung Lehrauftrag am Lehrbereich Allgemeinmedizin, Universität Freiburg. 2004–2010 Präsident der DEGAM, jetzt Ehrenpräsident. Seit 2006 ordentliches Mitglied der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft.

Kochen, Weißbach, Jendyk:

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(Stand: 14.05.2018)

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