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„Also, im Internet steht …“ – Wenn Ärztinnen und Ärzte auf internetinformierte Patienten treffen

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Schlüsselwörter: Arzt-Patienten-Kommunikation Medizin im Internet

Institut für Allgemeinmedizin, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Peer reviewed article eingereicht: 12.10.2020, akzeptiert: 02.01.2021

DOI 10.3238/zfa.2021.0210–0214

Hintergrund

Das Internet erlaubt einen schnelleren und simpleren Zugriff auf Gesundheitsinformationen als klassische Medien [1], sodass gesundheitliche Online-Recherchen stetig steigen [2]. Die Nutzung dieser Informationen durch Patienten ist dabei gut erforscht (z.B. [1–3]). So fühlen sie sich mithilfe der Erkenntnisse aus dem Internet emanzipierter gegenüber dem medizinischen Personal, schätzen das Arzt-Patienten-Gespräch jedoch weiterhin und ihr Vertrauen in Ärztinnen und Ärzte verbleibt auf sehr hohem Niveau [3]. Das Internet dient somit als Ergänzung und nicht als Ersatz [1].

Auf ärztlicher Seite berichten bisherige Studien eine ambivalente Bewertung der Patienteninformationen im Internet [4, 5]. Es lassen sich internationale [5–7] und deutsche Studien [4, 8] hierzu finden. In einer koreanischen Studie stimmten etwa 50 % der Befragten zu, dass internetbasierte Gesundheitsinformationen das Verständnis der Patienten über Erkrankungen und Behandlung verbessern würden. Zwei Drittel fanden, dass das Internet unnötige Ängste schüre, und 85 % schätzen, dass die Patienten die Informationen nicht gut interpretieren können [5]. In einer britischen Untersuchung wurde kritisiert, dass Patienten aufgrund ihrer Recherche häufig unnötige Fragen stellen, die wenig mit ihrer Symptomatik gemein hatten [6].

In Deutschland finden sich ähnliche Ergebnisse. So meinen knapp 50 % der von Wangler und Jansky befragten Ärztinnen und Ärzte, die Recherche im Internet habe eher negative Folgen für das Arzt-Patienten-Verhältnis. Sie glauben oft, dass Internetinformationen die Patienten verunsichern oder unverhältnismäßige Erwartungen wecken [4]. Allerdings meint ein knappes Drittel auch, dass Internetrecherchen zu einer besseren Informiertheit führen können [4]. Bei Stadtler und Kollegen finden 88 %, dass Patienten aufgrund des Online-Wissens gezieltere Fragen stellen können [8]. Dennoch empfinden Ärztinnen und Ärzte oft Anspannung, wenn sie im Patientengespräch mit Internetinformationen konfrontiert werden. Ahluwalia und Kollegen vermuten hierzu, dass viele Mediziner meist nicht wissen, wie sie mit den Informationen konstruktiv umgehen sollen [6].

Hier stellt sich die Frage, welche Strategien Ärztinnen und Ärzte im Umgang mit internetinformierten Patienten bevorzugen. In einem qualitativen Kontext haben Caiata-Zufferey und Schulz die drei klassischen Modelle der Arzt-Patienten-Beziehung (paternalistisch, deliberativ, informativ) für den Umgang mit internetinformierten Patienten adaptiert. Hierbei wurde die paternalistische Variante aufgegliedert: entweder wird die Online-Information komplett ignoriert (streng paternalistisch) oder es werden lediglich Informationen zum recherchierten Thema kurz erläutert (eher paternalistisch). Dabei entscheidet Ärztin oder Arzt, welche Informationen für den Patienten relevant sind. Dagegen dienen die Internet-informationen im Kontext des deliberativen Ansatzes als Basis für eine gemeinsame Diskussion, bei der Einigkeit über Diagnose und Behandlung erzielt werden soll. Mithilfe der informativen Variante soll der Patient hingegen in die Lage versetzt werden, nach hochwertigen Gesundheitsinformationen zu suchen. Danach ergänzt Ärztin oder Arzt weitere Informationen und erläutert Nutzen sowie Risiken von Therapien [7]. International und in Deutschland finden sich bisher keine Studien zu den Häufigkeiten der ärztlich verwendeten Umgangsformen mit internetinformierten Patienten, obwohl sich Ärztinnen und Ärzte mit dem Phänomen in ihrem Arbeitsalltag häufig konfrontiert sehen [4].

Die Vorab-Recherche von Patienten im Internet spielt besonders bei ambulanten Kontakten eine Rolle [4]. Daher sind ambulant tätige Ärztinnen und Ärzte die Zielgruppe dieser Untersuchung. Es soll zunächst als Vorbedingung ermittelt werden, wie oft sie von ihren Patienten mit Informationen aus dem Internet in Kontakt gebracht werden. Da Ärztinnen und Ärzte internetinformierte Patienten häufig ambivalent bewerten, soll als möglicher Einflussfaktor untersucht werden, wie die Internetrecherche wahrgenommen wird und ob sie die Konsultation beeinflussen kann. Ziel dieser Studie ist es somit, Häufigkeiten des Kontakts, der Bewertung und der Umgangsformen der Ärztinnen bzw. Ärzte mit internetinformierten Patienten zu erheben.

Methoden

Vorgehen und Stichprobe

Aus forschungsökonomischen Gründen wurde mit dem Kompetenzzentrum Weiterbildung Hessen (KW Hessen) eine quantitative Umfrage vom 9.5.2019 bis zum 30.6.2019 mit 85 Ärztinnen bzw. Ärzten in Weiterbildung (ÄiW) durchgeführt. Dies hatte den Vorteil, dass man die Wahrnehmung und den Umgang der nachwachsenden Generation zukünftiger Hausärztinnen bzw. -ärzte mit internetinformierten Patienten untersuchen kann. Um möglichst viele Teilnehmende zu erreichen, wurde auf zwei Wegen rekrutiert: Einerseits wurde eine Online-Version des Fragebogens erstellt und per E-Mail verschickt, andererseits wurde bei den Seminartagen des KW Hessen Bögen ausgeteilt. Insgesamt füllten 48 Personen die Online-Version sowie 37 Personen die gedruckte Version aus. Dopplungen lagen keine vor.

Erhebungsinstrumente

Kontakthäufigkeit

Die Kontakthäufigkeit wurde mittels der Angabe erfasst, wie häufig ÄiW jeweils von Patienten mit internetbasierten Gesundheitsinformationen während einer durchschnittlichen Arbeitswoche kontaktiert werden. Die Frage entstammt [8]. Bisherige Studien vermuteten zudem bisher oft, dass Patienten Informationen im Internet recherchierten, ohne dies offen anzusprechen [8]. Deswegen wurde in Bezug auf das Verschweigen der recherchierten Informationen erneut gefragt. Die Befragten sollten weiterhin einschätzen, wie häufig sich Patienten Unterstützung bei der Recherche von Gesundheitsinformationen im Internet von ihnen wünschen und wie häufig sie spezielle Internetseiten empfehlen. Diese beiden Fragen wurden [8] entnommen und in eine Abfrage (bei 100 Gesprächen) umgewandelt.

Bewertung Kontakt und Umgangsstrategien

Das Gefühl beim Erstkontakt mit internetinformierten Patienten wurde nach [6] auf einer 6-stufigen Skala mit sehr negativ bzw. sehr positiv erhoben. Dann wurden die vier Umgangsformen nach [7] jeweils zu einem Item komprimiert. Die Teilnehmenden sollten nun ihre generelle Herangehensweise einem der vier Punkte zuordnen:

  • „Ich ignoriere die Informationen oder stelle sie als irrelevant dar“ (streng paternalistisch).
  • „Ich gehe nicht direkt auf die Informationen ein, erkläre aber relevante Aspekte des Themas kurz“ (eher paternalistisch).
  • „Ich hinterfrage die Ursachen für die Recherche des Patienten und nutze sie dann als Basis für einen Austausch, bei dem Einigkeit über Diagnose und Behandlung erzielt werden soll“ (deliberativ).
  • „Ich erfrage die Herkunft der Informationen, ergänze weitere Inhalte und empfehle hochwertige Informationsquellen. Dann lasse ich den Patienten komplett autonom über das weitere Therapievorgehen entscheiden“ (informativ).

Im Anschluss wurde die Perspektive der ÄiW auf internetinformierte Patienten erhoben. Hierzu wurden Aussagen von [9] sowie von [4] unter die Punkte Aussagen zum Patientenumgang mit internetbasierter Gesundheitsinformation und Aussagen über die Kommunikation zwischen Ärztin/Arzt und internetinformierten Patienten subsumiert (Tab. 1). Auf der sechsstufigen Skala waren die Extreme mit „trifft überhaupt nicht zu“ und „trifft voll und ganz zu“ beschriftet. Anschließend wurde ein Mittelwertindex aus fünf Items (Tab. 1) gebildet. Der Index wies eine akzeptable Reliabilität (α = 0,66) auf.

Aussagen zum Patientenumgang mit internetbasierten Gesundheitsinformationen (6-stufige Skala: 1 = trifft überhaupt nicht zu; 6 = trifft voll und ganz zu)

M

(SD)

1/2

in %

3/4

in %

5/6

in %

Patienten deuten ihre Symptome aufgrund von Informationen aus dem Internet oftmals falsch. (R,S)

4,42

(1,00)

7

41

52

Patienten werden von Informationen aus dem Internet verwirrt und verunsichert. (R,S)

4,96

(0,99)

2

20

78

Patienten sind häufig durch das große Angebot an Informationen überfordert, das sich ihnen im Internet bietet. (R,S)

5,00

(1,10)

5

18

78

Patienten sind in der Lage, zwischen guten und schlechten Internetseiten zu unterscheiden. (S)

2,34

(1,06)

68

27

5

Aufgrund der Recherche im Internet können Patienten besser einschätzen, wann ein Arztbesuch angebracht ist.

2,44

(0,96)

59

39

2

Patienten erhalten durch das Internetangebot keinen zusätzlichen Informationsgewinn. (R,S)

2,74

(1,19)

42

52

6

Aussagen über die Kommunikation zwischen Ärztin/Arzt & internetinformierten Patienten (6-stufige Skala: 1 = trifft überhaupt nicht zu; 6 = trifft voll und ganz zu)

M

(SD)

1/2

in %

3/4

in %

5/6

in %

Die zusätzlichen Informationen helfen den Patienten, gezieltere Fragen an den Arzt/die Ärztin zu richten.

4,32

(0,97)

6

51

43

Patienten, die im Internet recherchiert haben, besitzen besonders hohe Ansprüche und Erwartungen.

4,54

(1,10)

7

39

54

Patienten fällt es leichter, Entscheidungen zu treffen, wenn sie besser informiert sind.

4,60

(1,23)

8

27

65

Durch besser informierte Patienten verkürzt sich die Beratung.

2,65

(1,39)

52

36

12

Die Informationen aus dem Internet versetzen Patienten in die Lage, bessere Entscheidungen zu treffen.

2,85

(1,00)

39

56

5

Patienten, die sich im Internet informiert haben, stimmen eher mit dem therapeutischen Vorgehen des Arztes/der Ärztin überein.

2,93

(0,97)

35

62

4

Internetinformierte Patienten haben weniger Vertrauen zu ihrem Arzt/ihrer Ärztin.

3,27

(1,16)

25

60

15

Patienten, die sich umfassend im Internet informiert haben, verfolgen stärker die Ziele des therapeutischen Prozesses und weisen eine höhere Therapietreue auf.

3,27

(1,15)

27

57

17

Die Kommunikation mit dem Patienten wird durch den besser informierten Patienten erleichtert.

3,61

(1,25)

20

58

21

R = Recodiert; S = Zur Skalenbildung herangezogen

Tabelle 1 Aussagen zu Chancen und Risiken der Internetnutzung zur Gesundheitsinformation

Auswertung

Die Daten wurden mit IBM SPSS Statistics 25 ausgewertet. Die Analyse erfolgte überwiegend deskriptiv (Mittelwert = MW; Standardabweichung =  SD). Zusätzlich wurde mittels einer Rangkorrelation nach Spearman geprüft, ob der Index der Einschätzungen zum Patientenumgang mit dem ersten Gefühl beim Kontakt mit Internetinformationen durch Patienten zusammenhängt.

Ergebnisse

Stichprobe

Die finale Stichprobe setzte sich aus 67 Frauen, 17 Männern und einer Person mit diversem Geschlecht zusammen. Frauen waren mit gut 79 % überrepräsentiert. Der Altersdurchschnitt lag bei 36,9 Jahren (SD = 7,0; Min. = 26; Max. = 58).

Kontakthäufigkeit

Es wurden gut 91 % der Befragten mindestens an einem Tag einer regulären Arbeitswoche mit fünf Tagen von Patienten mit Informationen aus dem Internet kontaktiert; im Durchschnitt geschah es an 2,21 Tagen (SD = 1,5). Nur 9 % der Befragten berichteten, dass sie während einer regulären Arbeitswoche generell keine Patienten sehen, die mit Gesundheitsinformationen aus dem Internet in die Sprechstunde kommen. Dagegen berichteten 24 Befragte (28 %), dass zumindest an einem Tag in der Woche Gesundheitsinformationen aus dem Internet in der Sprechstunde eine Rolle spielen; 41 Befragte (48 %) wurden dazu an zwei, drei oder vier Tagen in der Woche von ihren Patienten angesprochen; zwölf Befragte (14 %) sogar an jedem Tag in der Woche. Noch häufiger hatten die Befragten den Eindruck, dass Patienten nach Gesundheitsinformationen im Internet gesucht hatten, ohne dies aber direkt anzusprechen (MW = 3,43; SD = 1,47): Zum Beispiel meinten 28 Befragte (33 %), dass dies jeden Tag in einer durchschnittlichen Arbeitswoche geschieht, ebenfalls 28 Befragte meinten, dass dies an drei oder vier Tagen einer Woche geschieht.

Es kam nur selten vor, dass Patienten um Unterstützung bei der Recherche nach internetbasierten Gesundheitsinformationen baten. So haben im Durchschnitt zwei (SD = 4,0) von 100 Patienten nach Hilfe bei der Internetrecherche zu gesundheitlichen Themen gefragt. Dagegen schienen die ÄiW öfter von sich aus, Patienten spezielle Internetseiten mit Gesundheitsinformationen zu empfehlen. Dies geschah durchschnittlich bei sieben (SD = 11,9) von 100 Patienten.

Bewertung Kontakt und Umgangsstrategien

Die ÄiW sollten ihr erstes Gefühl einstufen, das auftritt, wenn sie von Patienten mit Informationen aus dem Internet konfrontiert werden (1 =  sehr negativ; 6 = sehr positiv). Der Wert lag im Durchschnitt bei 2,96 (SD = 1,12), sodass die Teilnehmenden den ersten Kontakt eher negativ bewerteten (Skalenmittelpunkt: 3,5). Im Anschluss sollten die Ärztinnen bzw. Ärzte ihre präferierte Umgangsstrategie mit diesen Patienten einer der vier Umschreibungen auf Seite 6 zuordnen. Niemand ordnete seinen Umgang mit internetinformierten Patienten der Aussage zu, die die Autoren der vorliegenden Studie als streng paternalistisch eingestuft haben. 21 % der Teilnehmenden gaben an, dass sie hier in der Regel die eher paternalistisch verfasste Variante anwenden. Dagegen setzte der Großteil der Befragten mit 61 % nach eigenen Angaben den deliberativen formulierten Ansatz bevorzugt ein. 18 % benutzten in der Regel die informativ abgefasste Aussage.

Danach wurden die Einschätzungen der Aussagen zu Chancen und Risiken der Internetnutzung zur Gesundheitsinformation abgefragt. Die Ergebnisse finden sich in Tabelle 1. Es sind zuerst die Einschätzungen zu den Aussagen zum Patientenumgang und dann die Aussagen zur Kommunikation dargestellt. Nach dem Durchschnittswert wurden die Prozentwerte zu den einzelnen Fragen angegeben.

Hier stimmen jeweils 78 % der Befragten (eher) zu, dass Patienten durch das Angebot und die Informationen im Internet überfordert, verwirrt und verunsichert werden. Andererseits bejahen lediglich 15 % (eher), dass internetinformierte Patienten weniger Vertrauen zu ihrer Ärztin bzw. ihrem Arzt haben.

Abschließend fiel auf, dass Ärztinnen bzw. Ärzte, die den Internetrecherchen eine positive Wirkung auf die Gesundheitskompetenz der Patienten zuschrieben, wechselseitig auch meinten, dass Patienten dadurch bessere Entscheidungen treffen und zugleich die Kommunikation bei der Konsultation erleichtert wird. Der Zusammenhang drückt sich in einer Korrelation von 0,482 ( < 0,001) nach Spearman zwischen dem Index der Bewertung des Patientenumgangs mit internetbasierter Gesundheitskommunikation durch Ärztinnen bzw. Ärzte und der ärztlichen Bewertung des Kontakts mit internetinformieren Patienten aus.

Diskussion

Die Ärztinnen bzw. Ärzte bewerten die Patienteninformation ambivalent, wobei insgesamt mehr Risiken als Chancen wahrgenommen werden. Einerseits registrieren sie wie bei Stadtler und Kollegen, dass Patienten im Internet Informationen finden können, die ihnen helfen, gezieltere Fragen zu stellen [8]. Die Teilnehmenden scheinen dem Internet jedoch noch nicht zuzutrauen, die Patienten hochwertig zu informieren oder deren Entscheidungen zu verbessern (5 % (eher) Zustimmung), obwohl deren Entscheidungsfindung durch zusätzliche Informationen prinzipiell erleichtert wird (65 % (eher) Zustimmung). Sie scheinen die Kompetenzen der Patienten im gesundheitsspezifischen Internetumgang mit Skepsis zu sehen. Dabei ähneln ihre Einschätzungen den Ergebnissen von Stadtler und Kollegen, obwohl mit ÄiW eine junge Generation untersucht wurde: Sie gehen häufig davon aus, dass die Patienten nicht über die Kompetenzen verfügen zwischen guten und schlechten Internetquellen zu unterscheiden (68 %) [8]. In der Folge glauben viele, wie bei Wangler und Jansky, die Patienten würden durch das große Informations-angebot verwirrt und verunsichert (78 %) [4]. Auch 85 % der Befragten bei Kim und Kim meinten, dass die Patienten die Online-Informationen nicht angemessen interpretieren können [5]. So lässt sich auch eine signifikante Korrelation zwischen den Aussagen zum Patientenumgang und dem ersten Gefühl beim Kontakt mit Internetinformationen durch Patienten nachweisen, wobei das Gefühl insgesamt eher negativ war. Es stellt sich die Frage, ob diese Skepsis in ihrem Ausmaß notwendig ist, da Patienten in der Regel trotz der Recherche weiterhin ein sehr hohes Vertrauen in Ärztinnen und Ärzte sowie deren Meinung setzen [3].

Trotz der Bedenken versucht ein Großteil der ÄiW, den Verlauf der Konsultation patientenzentriert zu gestalten (79 %). Sie erfragen mithilfe der Internetinformationen die Ursachen der Recherche und nutzen die Ursachen als Basis für einen Austausch, bei dem Einigkeit über Diagnose und Behandlung erzielt werden soll. Hierbei wird allerdings oft eine konkrete Auseinandersetzung mit den Internetinformationen vermieden. Dennoch ist dieser Ansatz positiv für das Patientenempowerment.

Stärken und Schwächen

Die Studie versucht erstmals zu ermitteln, wie häufig Ärztinnen und Ärzte bestimmte Strategien im Umgang mit internetinformierten Patienten in Deutschland wählen. Sie zeigt zudem die Beziehung zwischen der ärztlichen Einschätzung des Patientenumgangs mit Internetinformationen und dem Erleben des konkreten Kontakts mit internetinformierten Patienten.

Eine größere Stichprobe hätte die Aussagekraft der Ergebnisse noch stärker legitimieren können. Zudem wurden die verwendeten Items aus anderen Studien entnommen und teilweise adaptiert, um sie im Frage-bogen nutzbar zu machen. Sie weisen deswegen stellenweise keine umfassende Validierung auf. Dies gilt z.B. für die Umgangsstrategien von [7]. Außerdem stellt sich die Frage, ob die Angaben der ÄiW gewissen Verzerrungen unterliegen. So könnten aufgrund der sozialen Erwünschtheit von Patientenempowerment eher die patientenzentrierten Ansätze ausgewählt worden sein. Da die Untersuchung vor der SARS-CoV-2-Pandemie durchgeführt wurde, konnte sie noch nicht die Fortschritte des pandemiebedingten intensiven Beschäftigungsprozesses mit Telemedizin und internet-basierter Gesundheitsinformation auf ärztlicher Seite erfassen. Eine Studie der Auswirkungen dieser Entwicklungen auf die Arzt-Patienten-Beziehung wäre lohnenswert.

Fazit

In der Studie wurden die Häufigkeiten des Kontakts, der Bewertung und der Umgangsformen von Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung mit internetinformierten Patienten erhoben. Die ÄiW betrachten die Qualität der Online-Patienteninformationen und die internetspezifische Gesundheitskompetenz der Patienten oft skeptisch. Daher trauen die Ärztinnen und Ärzte dem Online-Gesundheitswissen häufig nicht zu, die Entscheidungen von Patienten zu verbessern, obwohl deren Entscheidungsfindung durch zusätzliche Informationen prinzipiell verbessert werden kann. Trotz der Zweifel versuchen die meisten Befragten, die Konsultation weiterhin bilateral zu modellieren. Dieser Ansatz ist im Sinne des Patienten-empowerments positiv.

Interessenkonflikte:

Keine angegeben.

Literatur

1. Schulz P, Zufferey M, Hartung U. First check the internet, then see the doctor: how many patients do it, and who are they? Stud Commun Sci 2011; 11: 99–130

2. Link E, Baumann E. Nutzung von Gesundheitsinformationen im Internet: personenbezogene und motivationale Einflussfaktoren. Bundesgesundheitsbl 2020; 63: 681–689

3. Tan SS-L, Goonawardene N. Internet health information seeking & the patient-physician relationship: a systematic review. J Med Internet Res 2017; 19: e9

4. Wangler J, Jansky M. Internetassoziierte Gesundheitsängste in der hausärztlichen Versorgung. Dtsch med Wochenschr 2019; 144: e102–e108

5. Kim J, Kim S. Physicians’ perception of the effects of internet health information on the doctor-patient relation-ship. Inform Health Soc Care 2009; 34: 136–148

6. Ahluwalia S, Murray E, Stevenson F, Kerr C, Burns J. ‘A heartbeat moment’: qualitative study of GP views of patients bringing health information from the internet to a consultation. Br J Gen Pract 2010; 60: 88–94

7. Caiata-Zufferey M, Schulz PJ. Physi- cians’ communicative strategies in interacting with Internet-informed patients: results from a qualitative study. Health Commun 2012; 27: 738–749

8. Stadtler M, Bromme R, Kettler S. Dr. Google – geschätzter Kollege? Die Rolle des Internets in der Arzt-Patient-Interaktion. Z Allg Med 2009; 85: 254–259

Korrespondenzadresse

Martin Alexander Graafen

Institut für Allgemeinmedizin

Goethe-Universität Frankfurt am Main Theodor-Stern-Kai 7 60590 Frankfurt am Main

graafen@students.uni-marburg.de

Martin Alexander Graafen M.A. …

... geb. 1994, hat 2019 seinen Master of Arts in Kommunikation (Schwerpunkt: Kommunikations- und Medien­forschung) an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz erworben. Außerdem hat er von 2017 bis 2020 als studentische bzw. wissenschaftliche Hilfskraft am Kompetenzzentrum Weiterbildung (Standort Frankfurt am Main) des Instituts für Allgemeinmedizin in Frankfurt am Main gearbeitet. Dieses Projekt ist im Kontext seiner Masterarbeit entstanden. Seit 2020 studiert er Humanmedizin an der Philipps-Universität in Marburg.


(Stand: 14.05.2021)

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