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Intensivierter Austausch statt „distancing“: Wie Zusammenarbeit überregional funktionieren kann

DOI: 10.3238/zfa.2021.0200-0203

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Schlüsselwörter: Mentoring Onlineformate SARS-CoV-2-Pandemie Vernetzung Weiterbildung

1 Institut für Allgemeinmedizin, Goethe-Universität Frankfurt am Main

2 Institut für Allgemeinmedizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin

3 Selbstständige Abteilung für Allgemeinmedizin, Medizinische Fakultät der Universität Leipzig

4 Studiendekanat der Medizinischen Fakultät, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Peer reviewed article eingereicht: 21.12.2020, akzeptiert: 11.01.2021

DOI 10.3238/zfa.2021.0200–0203

Hintergrund

Seit dem 1. Juli 2017 werden Kompetenzzentren für die Facharztweiterbildung Allgemeinmedizin (KW) nach § 75a SGBV bundesweit gefördert. Sie bieten neben einem Seminar- und einem Train-the-Trainer-Angebot ein strukturiertes Mentoringprogramm für Ärzte/innen in Weiterbildung (ÄiW) an [1]. Zur Förderung der Qualität der KW-Mentoringprogramme hat sich der Arbeitskreis (AK) Mentoring der Sektion Weiterbildung der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) den regelmäßigen Austausch der KW untereinander zu best practices zur Aufgabe gemacht.

Im März 2020 standen alle KW vor der gleichen Herausforderung aufgrund der SARS-CoV-2-Pandemie das Mentoringprogramm innerhalb kürzester Zeit – soweit möglich – in ein Onlineformat umzuwandeln. Bundesweit entstanden sehr ähnliche Fragen zur technischen Umsetzung, den Möglichkeiten und Grenzen der digitalen Durchführung von Gruppentreffen, der Akquise und Einbindung neuer Teilnehmenden sowie der Evalua­tion. Durch die schon vorhandenen Strukturen im AK Mentoring konnten innerhalb kürzester Zeit bundesweit Kommunikationsstrukturen ausgebaut, Räume für vernetzten Austausch geschaffen, Synergien genutzt und eine breite gegenseitige Unterstützung angeboten werden.

Wie arbeitet der Arbeitskreis Mentoring der DEGAM?

Der AK Mentoring wurde beim Sektionstreffen Weiterbildung der DEGAM im März 2016 gegründet und besteht aus aktuell 29 Mitglieder (Stand Sept. 2020) aus 13 KWs bzw. 17 Standorten. Seitdem gibt es einen regelmäßigen Austausch in Form von persönlichen Treffen z.B. beim Sektionstreffen Weiterbildung der DEGAM bzw. Telefonkonferenzen oder im offenen E-Mail-Verteiler. Seit 2018 findet außerdem jährlich ein zweitägiges Netzwerktreffen statt, um Themen wie organisatorische, inhaltliche sowie evaluative Aspekte rund um das Mentoring voranzutreiben. Das geplante Netzwerktreffen im April 2020 musste kurzerhand aufgrund von COVID-19 abgesagt werden.

Alternativ traf sich der AK Mentoring bereits im April, Mai und September 2020 für jeweils ca. drei Zeitstunden online. Darüber hinaus wurden in mehreren Kleinteams mit entsprechenden regelmäßigen Online-Konferenzen wichtige Themen wie Methoden im Online-Mentoring, Gruppen, die online starten, Mentorenschulungen und Evaluationsaspekte erarbeitet bzw. weiterentwickelt und dem gesamten AK zur Verfügung gestellt.

Methodenfrühstück

Als ein niedrigschwelliges Angebot für alle Mitglieder des AK Mentoring wurde ab Juni 2020 ein alle 2 bis 4 Wochen stattfindendes Methodenfrühstück initiiert. Ziel dieses morgendlichen halbstündigen Treffens ist ein niedrigschwelliger digitaler Austausch zu neuen Onlinemethoden für digitale Mentoringtreffen. Vielfältige Methoden werden in diesem geschützten Rahmen direkt erprobt sowie anschließend bezüglich deren Einsatzmöglichkeiten und Grenzen diskutiert. Dokumentiert werden diese sowie alle gemeinsam erprobten Methoden zur Gruppenmoderation und -aktivierung in einem digitalen Methodenreader, auf den alle Mitglieder des AK zugreifen können. Hierdurch kann eine hohe Methodenvielfalt auf die Eignung für ein Onlinesetting und für diverse Anwendungskontexte (online und präsent) im Mentoring getestet und die Synergien bundesweit gebündelt und genutzt werden.

Online-Befragung zur Zusammenarbeit während der SARS-CoV-2-Pandemie im AK Mentoring

 

Zur Reflexion der Zusammenarbeit im AK Mentoring führten wir eine Online-Befragung mittels LimeSurvey im Herbst 2020 durch. Die Umfrage bestand aus einer geschlossenen und fünf offenen Fragen. Alle 29 Mitglieder hatten die Möglichkeit vom 23. September bis 7. Oktober 2020 an der Befragung teilzunehmen, 17 Mitglieder haben den Umfragebogen komplett ausgefüllt zurückgesendet (Rücklaufquote = 56,7 %).

Zur geschlossenen Frage „Wie zufrieden bist Du mit der Zusammenarbeit im Arbeitskreis Mentoring?“ gaben alle teilnehmenden AK Mitglieder an, zufrieden (17,6 %) bis sehr zufrieden (82,4 %) mit der bisherigen Zusammenarbeit zu sein.

Im nächsten Schritt wurden die offenen Fragen inhaltsanalytisch nach Kuckartz [2] mittels MAXQDA 2020 von zwei Personen ausgewertet. Die Fragen bildeten hierbei die vorgegebenen Hauptkategorien, zu denen induktiv Subkategorien definiert wurden. In Abbildung 1 findet sich eine Übersicht zum gebildeten Kategoriensystem.

In der Hauptkategorie 1 „Was schätzt Du an der Arbeit im AK Mentoring?“ konnten induktiv vier Subkategorien gebildet werden. Diese beziehen sich auf „Organisation“, „Ziel/Interesse an der Sache“, „eigener Gewinn“ (weitere Subkategorien s. Abb. 1) und „Austausch“. Besonders hervorzuheben sind hier die Kategorien „eigener Gewinn“, der darin gesehen wurde, dass der AK eine Plattform für die Unterstützung in Form von Informationen, Materialien, Methoden und die gegenseitige „Unterstützung und Empowerment der Kolleginnen untereinander“ – A31 bietet und „Austausch“. Der Austausch innerhalb des AKs wird als sehr wertschätzend, interdisziplinär, bundesweit, offen, kollegial, hierarchiearm, authentisch, unkompliziert und konkurrenzfrei beschrieben. Mit der Organisation und klaren Strukturierung der regelmäßig stattfindenden AK-Sitzungen sind die Teilnehmenden zufrieden und betonen das gemeinsame Ziel: „Interesse am Mentoring und der großen gemeinsamen Idee des Unterstützens der ÄiW“ – A32.

In Kategorie 2 „Was hat sich für Dich in der Arbeit im AK Mentoring während der SARS-CoV-2-Pandemie verändert?“ spielt vor allem die Umstellung auf regelmäßige Online-Treffen eine Rolle. Nur wenige Aussagen fallen in die Subkategorie „Online – negative Faktoren“ und beziehen sich meistens auf die fehlende Präsenz. Hingegen wird unter der Subkategorie „Online – positive Faktoren“ die häufigeren Treffen („Der Austausch fand öfters statt, dadurch waren die gemeinsame Treffen rund um das Mentoring präsenter und wurden intensiver bearbeitet“ – A30) und die „intensivere Zusammenarbeit“ – A32 und insbesondere das Methodenfrühstück sehr hervorgehoben („Es war schön, sich regelmäßig virtuell zu sehen und kreative Ansätze wie das Methodenfrühstück zu gestalten“ – A26). Nur wenige Aussagen beziehen sich darauf, dass der Schwerpunkt ein anderer geworden ist oder sich nichts verändert hat.

In Kategorie 3 „Welche Anregungen aus dem AK Mentoring hast Du für die Durchführung von Mentoringsitzungen anwenden können?“ wurden die Aussagen sechs Subkategorien zugeordnet: Methoden (online), Strukturierung von Mentoringsitzungen, Formalitäten/Datenschutz, Digitale Tools, Abgleich unter KW Reduzierung von Vorbehalten, Tipps Einzelmentoring. Insbesondere die Vermittlung von Online-Methoden im regelmäßig stattfindenden Methodenfrühstück wird von mehr als der Hälfte der Teilnehmenden positiv hervorgehoben: „Kurze und unkomplizierte Methoden für Online-Sitzungen“ – A20.

Kategorie 4 „Was wünschst du dir für die Arbeit im AK Mentoring für die Zukunft?, Was möchtest Du beibehalten, was möchtest du ändern?“ beinhaltet unter der Subkategorie „ändern“ den Wunsch nach regelmäßigen Präsenztreffen plus Online-Treffen, weitere Inhalte, wie zum Beispiel die Abgrenzung zu anderen Formaten und Vertiefung der Themenzentrierten Interaktion, gemeinsame Studien und Publikationen, alle Standorte einzubeziehen und die gemeinsame Online-Plattform noch intensiver zu nutzen. Der Wunsch nach „Beibehaltung“ entspricht der Art und Weise der Zusammenarbeit („weiterhin Austausch auf Augenhöhe, niedrigschwellig, gemeinsam Lösungen entwickeln, hierarchiefreies Miteinander arbeiten“ – A26), der Häufigkeit der Treffen und des Methodenfrühstücks und die intensive zusätzliche Zusammenarbeit in den Kleinteams. Die Wortwolke in Abbildung 2 gibt einen inhaltlichen Überblick über die getroffenen Aussagen.

Schlussfolgerungen

Die Schaffung von regelmäßigen, überregionalen Kommunikationsstrukturen im AK Mentoring ermöglichten auch in herausfordernden Zeiten die KW-Mentoringprogramme für unsere ÄiW im Fach Allgemeinmedizin in angepasster Form umzusetzen und zu optimieren. Neben dem Bereitstellen von Materialien und Methoden auf der Online-Plattform und dem Austausch von Erfahrungswissen wurde das Erproben von Online-Methoden im digitalen Mentoring in Form eines Methodenfrühstücks als positiv hervorgehoben. Grundlegend für die gelungene Zusammenarbeit war nach Angaben der teilnehmenden AK-Mentoring-Mitglieder der wertschätzende, interdisziplinäre, bundesweite, offene, kollegiale, hierarchiearme, authentische, unkomplizierte und konkurrenzfreie Austausch. Gleichwohl bedauerten die AK-Mitglieder die durch die Pandemie bedingte Absage des jährlichen Netzwerktreffens. Zukünftig wünschen sich die AK-Mentoring-Mitglieder eine Mischung aus digitalen Austauschtreffen und einem jährlichen Präsenztreffen unter Beibehaltung des Arbeitens in Kleinteams und des weiterhin regelmäßig stattfindenden Methodenfrühstücks. Engagement für die (Weiterbildung im Fach) Allgemeinmedizin ist ein wichtiger Treiber der intensivierten Zusammenarbeit. An dieser Stelle sei noch auf einen möglichen Selection Bias hingewiesen, da nicht alle aktiven AK-Mentoring-Mitglieder an der Umfrage teilgenommen haben. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die vorgestellte Arbeitsweise und Strukturierung dieses bundesweiten Arbeitskreises beispielhaft für andere Arbeitsgruppen wirken kann.

Interessenkonflikte:

Keine angegeben.

Literatur

1. Vereinbarung zur Förderung der Weiterbildung gemäß § 75a SGB V (Fassung vom 9. Dezember 2019). www.kbv.de/media/sp/Foerderung_Allge­meinmedizin.pdf

2. Kuckartz U. Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. Weinheim: Beltz, 2012

Korrespondenzadresse

Dr. rer. med. Anne Messemaker

Institut für Allgemeinmedizin

Goethe-Universität Frankfurt am Main

Theodor-Stern-Kai 7

60590 Frankfurt am Main

Dr. rer. med. Anne Messemaker …

… ist Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum Weiterbildung Hessen. Seit 2015 begleitet und organisiert sie das Mentoring für Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung im Fach Allgemeinmedizin mit. Neben Marischa Fast und Ulrike Sonntag fungiert sie als Sprecherin des Arbeitskreises Mentoring der DEGAM-Sektion Weiterbildung.


(Stand: 14.05.2021)

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