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Medizindidaktik

„Ein guter Arzt denkt patientenzentriert, ein guter Dozent studentenzentriert.“ Fabry G: Medizindidaktik – Ein Handbuch für die Praxis. Huber Verlag, 2008, 275 S., ISBN 978–3–4568–4599–9. 29,95 Euro

Anja Dieterich, Susanne Pruskil


Die Gestaltung der Lehre im Medizinstudium findet mittlerweile auch in Deutschland wachsendes Interesse. Vor diesem Hintergrund ist es das explizite Ziel des Handbuchs „Medizindidaktik“ von Götz Fabry, einen „Überblick über die wichtigsten Erkenntnisse und Entwicklungen im Bereich der ärztlichen Ausbildung“ zu geben (S. 9) – um den universitär Lehrenden eine „didaktische Grundorientierung“ und damit relevante Kompetenzen zu vermitteln.

Das Handbuch führt mit zwei theoretisch orientierten Grundlegungen in das Thema ein: Im ersten Kapitel werden zentrale gesellschaftliche Rahmenbedingungen des Medizinstudiums reflektiert, die, über didaktische Erwägungen hinaus, die Curriculumsgestaltung beeinflussen. Im zweiten Kapitel fundiert der Autor – seinem psychologischen Fachhintergrund entsprechend – die in den weiteren Kapiteln folgenden medizindidaktischen Empfehlungen durch lerntheoretische Überlegungen.

Kapitel 3 bis 6 sind der konkreten Lehr- bzw. Lerngestaltung gewidmet: Fabry erläutert den ,state of the art‘, aber auch Vor- und Nachteile bzw. kontroverse Diskussionen zu den Themenblöcken „Lehre planen: Vom Prozess zum Ergebnis“, „Unterrichtsmethoden: Welches Mittel zu welchem Zweck?“, „Prüfungen: Information und Ergebniskontrolle“ und „Evaluation: Lehre optimieren“, indem er jeweils wissenschaftliche Evidenz in Verbindung mit praktischen Hilfestellungen („Werkzeugkästen“) entfaltet.

Ein inhaltlicher roter Faden des Buches ist das Anliegen, medizinische Curricula in Deutschland praxisorientierter auszurichten und sich hinsichtlich der didaktischen Gestaltung vom „dozentenzentrierten Lehren zum studentenzentrierten Lernen“ (S. 119) zu bewegen.

Hiermit – und mit der Forderung einer stärker Ergebnis-(‚output’)-orientierten Curriculumsplanung – greift der Autor auf den internationalen Mainstream in der medizinischen Ausbildungsforschung zurück. Gleichzeitig liegt hierin ein wesentlicher Verdienst des Handbuchs: Durch die zusammenfassende Darstellung und den griffigen Praxisbezug macht es den vorhandenen medizindidaktischen Wissens- und Methodenfundus einer breiteren Leserschaft zugänglich. Auch Dozierende jenseits der sich in Deutschland erst langsam entwickelnden und oft mit einem Nischenstatus behafteten Expert/-innen-Community für medizinische Ausbildung werden angesprochen.

Insgesamt ist der Spannungsbogen des Buches absichtlich breit angelegt zwischen theoretischen Konzepten und konkreten Arbeitshilfen – buchstäblich bis ins Detail einer sinnvollen Farbwahl von Präsentationsfolien in Vorlesungen. So ist das Buch sowohl denjenigen zu empfehlen, die ganze Curricula und neue Unterrichtskonzepte planen, als auch denjenigen, die konkrete Anregungen für die didaktische Gestaltung des eigenen Unterrichtes suchen.

Es könnte kritisiert werden, dass die Spezifika allgemeinmedizinischer Lehre nicht gesondert erläutert werden. Dies scheint jedoch angesichts der zentralen Forderung des Buches, weniger fächerbezogen und stärker an übergreifenden „Schlüsselkompetenzen“ der Absolvent/-innen orientiert zu denken, wenig sinnvoll. Unter der Prämisse, dass zu den Reform-Erfordernissen der medizinischen Ausbildung auch eine Stärkung der Primärversorgung und der ärztlichen Koordinierungsfunktion gehören sollte, fällt jedoch auf, dass eine Ausdifferenzierung der Unterrichts-Settings (bspw. ambulantes versus stationäres Setting, Unterricht durch Fakultätsangehörige versus Arbeit mit Lehrärzt/-innen in eigener Praxis) nicht erfolgt.

Eine weitere Begrenzung zeigt sich darin, dass die Ausführungen sich lediglich auf die Ausbildung von Medizinstudierenden beziehen. Innovative Unterrichtskonzepte für eine interprofessionelle Ausbildung von Medizinstudierenden gemeinsam mit anderen Gesundheitsberufen dürften jedoch mit dem Ziel bedarfsbezogener „Schlüsselkompetenzen“ zukünftig zunehmend relevant – und methodische Hilfen für deren praktische Umsetzung nützlich – sein.

Hier bleibt einschränkend festzustellen, dass ein didaktisch orientiertes Handbuch die inhaltliche Konzeption zeitgemäßer Curricula an den einzelnen Fakultäten nicht ersetzt, sondern bestenfalls durch die modulare Vorstellung bereits erprobter Methoden hilfreich sein kann.

Zusammenfassend bietet das Handbuch für die allgemeinmedizinische Leserschaft einen raschen und gut aufbereiteten Zugriff auf aktuelles medizindidaktisches Wissen und inspiriert sowohl zur innovativen Unterrichtsgestaltung, als auch zum Nachdenken darüber, welche impliziten und expliziten Vorstellungen wir über die zukünftigen Ärzt/-innen haben, die gegenwärtig unsere Lehrveranstaltungen durchlaufen.

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Anja Dieterich

Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) gGmbH

Forschungsgruppe Public Health

Reichpietschufer 50

10785 Berlin

Tel.: 030 / 25 49 13 69 (577)

E-Mail: dieterich@wzb.eu


(Stand: 06.06.2011)

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