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Kamps H, Harms D. Die medizinische Theorie passt auf zwei Bierdeckel – Skizzen einer hausärztlichen Semiotik. Z Allg Med 2010; 86: 140–43

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Leserbrief von Dr. med. Johannes Hauswaldt

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Den Autoren Kamps und Harms ist für ihren wohlüberlegten Beitrag [1] zu danken: hier treten Hausärzte im Nachdenken über ihr tägliches Tun hervor, ganz im Sinne des „Reflective Practitioners“ [2, 3].

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Sie bringen das Unbehagen zum Ausdruck, das jeden Hausarzt und jede Hausärztin ergreift, sollte er/sie das, was ihm/ihr alltäglich begegnet, allein mit den Mitteln der naturwissenschaftlich-materialistischen Denkungsart abbilden und angehen. Praktiker ahnen, dass es etwas geben müsse, dass zusätzlich, „senkrecht“ auf der Ebene der äußeren Evidenz aufsetzt – sie ahnen den „zweiten Bierdeckel“.

Und mühevoll wird immer wieder versucht, diese zwei verschiedenen Welten zusammenzudenken, von Sackett beispielsweise in seinem bekannten Diktum über die Praxis evidenzbasierter Medizin [4]. Viktor von Weizsäcker prägte für diese eigenartig aufeinanderstehenden Welten, der des Physikalischen und der des Biologischen mit einem Ich-begabten Wesen, welche der Arzt verbinden muss, die Begriffe des „Ontischen“ und des „Pathischen“ [5]. Und Gebsattel entwickelte, dass jeder Student und junge Mediziner durch drei Stufen zum Arztsein durchgehen müsse, von der elementar-sympathetischen Sinnstufe des Angerufenseins durch die Not eines Begegnenden (Unmittelbarkeitsstufe), über die Sinnstufe des eigentlich ärztlichen Überlegens, Planens, Handelns (Entfremdungsstufe), zu einer die vorhergehenden Weisen der Begegnung umfassenden Sinnstufe der Partnerschaft von Arzt und Krankem (die personale Stufe des Verhältnisses von Arzt und Krankem) [6].

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In ihrem Beitrag bringen Kamps und Harms das triadische Zeichenmodell des Semiotikers Charles S. Peirce in ihre hausärztliche Praxis ein, gemeinsam mit den Patienten spüren sie indexikalische, symbolische und ikonische Zeichen in dessen komplexem Kranksein auf und dokumentieren sie auf einfache und effektive Weise.

Dies darf nicht gering geschätzt werden: Das Auseinanderfallen von Sein und Sein-Sollen, die eigentliche Unmöglichkeit, gleichzeitig zu handeln und über das Handeln nachzudenken (Viktor von Weizsäcker bezeichnete diese gegenseitige Verborgenheit von Wahrnehmen und Bewegen als „Drehtürprinzip“ [5]), lösen Praktiker konkret und für den individuellen Patienten auf, sozusagen in einem „fortwährendem Oszillieren“ zwischen den beiden Bierdeckeln und deren Vorder- und Rückseite.

Diese Unentschiedenheit, dieses Mehr oder Weniger von Deckung und Verbindung verschiedener Welten gemeinsam mit dem Patienten auszuhalten, macht den singulären Wert und das Begeisternde der hausärztlichen Praxis aus. Mal gelingt dies besser, die „beiden Bierdeckel“ durchdringen einander vollständig und bilden die senkrecht aufeinanderstehenden Zentralebenen einer Kugel – die Sache läuft rund. Mal gelingt dies nur zur Hälfte (Oloid) und gar nur in geringem Maße – die ganze Sache „eiert“ ziemlich, kommt jedoch auch voran.

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Johannes Hauswaldt, MPH

Institut für Allgemeinmedizin

Medizinische Hochschule Hannover

Carl-Neuberg-Str. 1

30625 Hannover

E-Mail: Hauswaldt.Johannes@mh-hannover.de

Literatur

1. Kamps H, Harms D. Die medizinische Theorie passt auf zwei Bierdeckel – Skizzen einer hausärztlichen Semiotik. Z Allg Med 2010; 86: 140–43

2. Schön, Donald A. The Reflective Practitioner – How Professionals Think In Action. New York: Basic Books, 1983

3. Schön, Donald A. Educating the Reflective Practitioner – Toward a New Design for Teaching and Learning in the Professions. San Francisco: Jossey-Bass, 1987

4. Sackett DL, Rosenberg WMC, Muir Gray JA, Haynes RB, Scott Richardson W. Evidence based medicine: What it is and what it isn't. BMJ 1996; 312: 71–72

5. Weizsäcker V von. Der Gestaltkreis: Theorie der Einheit von Wahrnehmen und Bewegen. 6. unveränderte Auflage. Stuttgart, New York: Thieme Verlag, 1996

6. Gebsattel V-E Freiherr von. Zur Sinnstruktur der Ärztlichen Handlung. Studium Generale 1953; 6: 461–471


(Stand: 30.05.2011)

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