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Jenseits jeglicher Evidenz …

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Nicht selten kommen Patienten mit ausgeschnittenen Anzeigen aus Illustrierten in meine Praxis und fragen mich um Rat, was von den angepriesenen Therapien zu halten sei. Könnten hierdurch nicht vielleicht seit langem bestehende Beschwerden endlich gelindert werden? Egal ob es sich um ein neues Phytotherapeutikum zur Behandlung von Vergesslichkeit oder über Magnet-Pads zur Linderung von Gelenkschmerzen (um nur zwei Beispiele zu nennen) handelt, muss ich meine Patienten in den meisten Fällen enttäuschen: „Der Hersteller des Produkts und der Apotheker haben wahrscheinlich mehr davon als Sie, wenn Sie das kaufen und einnehmen.“ Und doch ist mir bei diesen Aussagen nie so ganz wohl. Zwar bin ich mir sicher, dass es keine belastbare Studienevidenz zu diesen Produkten gibt, aber gleichzeitig muss ich daran denken, dass wir so vieles in der täglichen Praxis machen, was ebenfalls nicht durch Studienevidenz abgesichert ist. Wenn ich mir die Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerzen anschaue, dann finde ich so manche Behandlung, die ich zumindest ab und zu anwende, obwohl sie weder evidenzbasiert noch leitliniengerecht ist. Und ich mache das, weil mir der eine oder andere Patient in den Sinn kommt, dem die leitliniengerechte Behandlung nicht geholfen hat, sehr wohl aber die nicht evidenzbasierte Maßnahme. Natürlich bin ich mir darüber im Klaren, das meine Einzelbeobachtungen einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten, aber ... Hauptsache es hilft. Bin ich nun Schul- oder Komplementärmediziner?

Eigentlich halte ich mich für einen Schulmediziner, aber die Patienten meinen andererseits, dass Schulmediziner immer gleich Antibiotika verschreiben. Das tue ich aber nun gerade nicht, weil es meistens gar nicht evidenzbasiert ist und mehr Schaden als Nutzen bringt.

Also doch eher komplementär? Nein, auch das nicht. Ich weiß ja, dass das Sinupret auch nichts hilft, das ich dem Patienten aus Verlegenheit empfehle, obwohl er eigentlich unbedingt ein Antibiotikum möchte. Aber es schadet wenigstens nicht. Und die Firma Bionorica soll auch leben ... aber 52 Millionen Euro Umsatz im Jahr (2009) – ja Sie haben richtig gelesen: Sinupret ist das umsatzstärkste und meistverkaufte Phytotherapeutikum in Deutschland – das erscheint mir dann doch wieder übertrieben für ein Präparat ohne wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis. Ich werde also in Zukunft mit dieser Empfehlung zurückhaltender sein! Am liebsten sind mir die Patienten, die einfach beruhigt sind, wenn ich Ihnen erkläre, dass die Erkältung mit und ohne Behandlung genauso schnell vergeht, und das sind zum Glück viele (und sie werden alle sehr schnell wieder gesund). Aber was mache ich mit den übrigen?

In diesem Heft finden Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, nicht nur einen wichtigen Artikel zur Nationalen Versorgungsleitlinie Kreuzschmerzen, sondern auch eine Fortsetzung der Diskussion über das Thema Allgemeinmedizin und CAM (complementary and alternative medicine). Schon ein schwieriges Thema für unsere doch über weite Bereiche evidenzarme Disziplin, und eine Aufforderung, nicht nur CAM intensiver zu beforschen, sondern überhaupt die Forschung am Patienten in der Allgemeinmedizin zu intensivieren.

Mit herzlichen Grüßen,

Andreas Sönnichsen


(Stand: 10.06.2011)

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