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Kaffee schützt vor dem Vergessen

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Michael M. Kochen

Was wollte ich gerade sagen? Ah ja, da fällt es mir wieder ein: Ich trinke lediglich eine Tasse Kaffee pro Tag. Kein Wunder, das die Strafe auf dem Fuße folgt …

Dass Kaffee (angeblich) vor dem Vergessen schützt, ist noch harmlos, wenn man sich die oft hanebüchenen Schlagzeilen der Tageszeitungen ansieht, die mit dieser „Masche“ auf steigende Auflagen hoffen:

  • „Schokolade kann schlank machen“ (Süddeutsche Zeitung, Titelseite vom 27.3.2012; der Autor hat Medizin studiert ...) oder „Schlanker werden durch Schokolade – eine bahnbrechende Studie aus Amerika“ (Badische Zeitung vom 27.3.2012. Ob der Verleger des Blattes, ein Mann von enormer Körperfülle, an den Unsinn glaubt?)
  • „Brokkoli verlängert Leben“ (da hätte ich schon wieder ver- loren),
  • „Alkohol gegen Rheuma“,
  • „Mutterliebe gegen Stress“,
  • „Wissenschaftler stoppen Krebsgen (bei Mäusen, MMK). Potentielle Behandlung für bis zu 30% aller menschlichen Tumoren“.

Diese Liste der „(un)bewussten Irreführung“ ließe sich endlos fortsetzen, schreibt Gabriele Meyer, Professorin für klinische Pflegeforschung an der Universität Witten/Herdecke, in einer kürzlichen Presseerklärung des Deutschen Netzwerks evidenzbasierte Medizin (DNEbM). Ihr ist es – wie bereits etlichen Wissenschaftler/innen vor ihr – zu verdanken, dass die Produkte des Wissenschaftsjournalismus‘ einmal mehr unter die Lupe genommen werden.

Die meisten solcher Botschaften sind (verbotene) kausale Interpretationen von Querschnitts- oder Langzeitstudien. Trugschlüsse, die weitverbreiteten Wunschvorstellungen entsprechen, wie Gabriele Meyer konstatiert. Unnötig hinzuzufügen, dass auch Hersteller von pharmazeutischen Produkten und Medizingerätetechnik sich gerne dieser Abläufe bedienen, nicht zuletzt, wenn Sie Risikofaktoren oder auch nur Befindlichkeiten als Krankheit verkaufen wollen („Disease mongering“).

Nun wäre es vermessen, alleine den Journalisten den schwarzen Peter zuzuschieben. Denn die Presseabteilungen der Universitäten und Forschungszentren (denen die Autoren der Studien angehören), haben ein eigenes Interesse, der Öffentlichkeit vorzugaukeln, ihre Institutionen seien Produktionsstätten märchenhafter Innovationen.

Was tun?

Man kann versuchen, den Wissenschaftsjournalisten Kurse anzubieten (wie das DNEbM auf seinen Jahrestagungen), in denen Grundkenntnisse der evidenzbasierten Medizin vermittelt werden. Für die selbstständige Fortbildung ist das Portal medien-doktor.de geschaffen worden. Es gab auch schon Vorschläge (z.B. von Scott Braithwaite von der New York University School of Medicine), eine standardisierte Skala für Qualität und Bedeutung wissenschaftlicher Belege zu nutzen.

Ob solche Ansätze wirklich erfolgreich sein werden? Angesichts der involvierten Geldbeträge scheinen Zweifel angebracht.

Natürlich sollte man die Täuschung der Öffentlichkeit bei jeder sich bietenden Gelegenheit anprangern. Es gibt aber auch gute Gründe, in aller Bescheidenheit auf das eigene Haus zu blicken. Evidenzbasierte Medizin glänzt in den Curricula etlicher Hochschulen durch Abwesenheit oder zeichnet sich durch eine Unterrichtsqualität aus, die viele Studierende vom Besuch solcher Veranstaltungen abhält.

Wer sich für weitere Details des Themas interessiert, kann eine kürzlich von Lisa M. Schwartz und Kollegen im British Medical Journal publizierte Studie frei herunterladen („Influence of medical journal press releases on the quality of associated newspaper coverage: retrospective cohort study“http://www.bmj.com/content/344/bmj.d8164).

Michael M. Kochen


(Stand: 18.06.2012)

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