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Nachbericht TGAM-Experten-Meeting PSA (April 2013, Innsbruck)

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Christoph Fischer, Herbert Bachler

Im Spannungsfeld informierter Entscheidungsfindung und entsprechender Patientenaufklärung durch den Hausarzt organisierte die Tiroler Gesellschaft für Allgemeinmedizin im April ein Experten-Meeting zum PSA-Screening. Dabei wurde auch ein neuer, interessenskonfliktfreier Patienten-Informationsfolder präsentiert, der von der TGAM in Zusammenarbeit mit renommierten Experten unterschiedlicher Fachbereiche erarbeitet wurde.

Leider gibt es bis dato kein Screening-Programm, bei dem nicht dem möglichen Nutzen auch ein potenzieller Schaden gegenüber steht. Insbesondere bei der Früherkennung von Prostatakrebs scheint die Abwägung von Vorteilen und Nachteilen besonders schwierig. Dabei beginnt die Verwirrung nicht selten schon beim Vermischen der Begriffe „Vorsorge“ und „Früherkennung“ – spätestens jedoch bei der Interpretation von Ergebnissen der zahllosen Studien zum PSA-Screening müssen viele Kollegen passen.

Auf der anderen Seite steht der fordernde Patient, beeinflusst etwa von einer Aussage des Tiroler Roten Kreuzes: „Prostatakrebs kann vollständig geheilt werden, wenn er in einem frühen Stadium erkannt wird. Aus diesem Grunde ist eine regelmäßige Vorsorgeuntersuchung sehr wichtig.“1 oder von der Information der Selbsthilfe Prostatakrebs Tirol: „Zu empfehlen ist das PSA-Screening allen Männern ab 45 Jahren.“2 Die aktuellsten evidenzbasierten Forschungser-gebnisse standen deshalb im Fokus des TGAM-Experten-Meetings.

Zielgruppe von Screenings sind – noch – gesunde Personen; physisches und psychisches Risiko müssen deutlich kleiner sein, als der zu erwartende Nutzen! Das setzt jedoch eine hohe Sensitivität und Spezifität eines Tests voraus, der natürliche Verlauf der Erkrankung muss gut bekannt sein und RCTs belegen die Reduktion von Mortalität und Morbidität.

Für die heimischen Krankenkassen ist dies derzeit bei Mamma-, Kolon- und Zervixkarzinomscreenings der Fall, so Siegfried Preindl, Leitender Arzt der TGKK.

Längst ist bekannt, dass der PSA-Wert als Tumormarker organspezifisch, aber nicht krankheitsspezifisch ist sowie eine schlechte Sensitivität und schlechte Spezifität hat. Je nach Studiendesign schwankt die Mortalitätsreduktion zwischen 0 und 64 %, die Zahl der Überdiagnosen zwischen 10 und 56 %. Wolfgang Horninger, Direktor der Universitätsklinik für Urologie Innsbruck, verwies darauf, dass unter Berücksichtigung der „qualitätsadjustierten Lebensjahre“ insgesamt die durch das Screening rechnerisch gewonnene Lebenszeit durch verlorene Lebensqualität zunichte gemacht wird. Die logische Konsequenz: Massenscreening – NEIN, individualisierte „aufgeklärte“ Früherkennung – JA. Dafür ist einerseits die Zusammenarbeit von Epidemiologen, Urologen und Gesundheitspolitikern nötig, andererseits brauchen aber vor allem die Allgemeinmediziner/innen das entsprechende Rüstzeug, um ihre Patienten kompetent auf dem Weg zur informierten Entscheidungsfindung begleiten zu können.

Eine Untersuchung der Beratung zum PSA-Screening durch österreichische Hausärzte zeige deutlich, dass Risiken und mögliche Schäden des PSA-Tests in den Beratungsgesprächen selten thematisiert werden. Wesentlich häufiger wird über den Nutzen des Screenings gesprochen. Eine umfassende Aufklärung wird sowohl für den Arzt als auch für den Patienten als unzumutbar erlebt.3 Deshalb und auch aufgrund der Komplexität des Themas sollte als Basis eines Aufklärungsgespräches eine Patienteninformation zur Verfügung stehen. Eine Analyse der hierzulande verfügbaren Patienteninformationen4 kam jedoch zum Ergebnis, dass keines der untersuchten Materialien alle für eine informierte Entscheidungsfindung notwendigen Kriterien erfüllt.

Die neue TGAM-Patienteninformation PSA ...

  • ... soll Männern, die eine Aufklärung über das PSA-Screening wünschen, schon bei der Anmeldung zur Vorsorgeuntersuchung ausgehändigt werden.
  • ... ist als Ergänzung zum ärztlichen Gespräch gedacht und soll den Betroffenen eine informierte Patientenentscheidung ermöglichen.

Die 16-seitige Zusammenstellung aktueller, evidenzbasierter Informationen wurde in den vergangenen Monaten vom Autorenteam erstellt, evaluiert und überarbeitet. Bei der Evaluation der nun vorliegenden Version in Hausarztpraxen im Rahmen der Österreichischen Vorsorgeuntersuchung gab es ein überaus positives Patientenfeedback. Erhoben wurden dabei Umfang der Information, Verständlichkeit des Inhalts, Systematik und Gliederung, grafische Gestaltung und persönlicher Gewinn durch die Lektüre. Bis auf zwei „befriedigend“ (grafische Gestaltung) wurden von den Patienten nach dem Schulnotenprinzip ausschließlich „sehr gut“ und „gut“ vergeben.

Gemäß den Qualitätskriterien für Patienteninformationsmaterialien folgt in den kommenden Wochen eine Evaluation in großem Kreis – daran interessierte KollegInnen melden sich bitte per E-Mail an office@tgam.at; eine Ansichtsversion des Folders finden Sie im internen Bereich auf www.tgam.at. Nach Abschluss dieser Evaluierung und einer ggf. notwendigen Überarbeitung wird die Broschüre Hausärzt/innen von der TGAM kostenlos zur Verfügung gestellt.

Christoph Fischer, Vizepräsident TGAM

Korrespondenzadresse

Tiroler Gesellschaft für Allgemeinmedizin

Dr. med. Herbert Bachler, Präsident

Innrain 71/1

A-6020 Innsbruck

Tel.: 0043 512 575566

office@tgam.at

www.tgam.at

Abbildungen:

Abbildung 1 Herbert Bachler, TGAM-Präsident

Abbildung 2 Titelblatt der Patienten-Information

1 TRK/Gemeinde Scheffau, Einladung zur Blutspendeaktion – 25. 02. 2013 2 www.prostatakrebs.or.at/content/view/32/32/

3 Malli G. Früherkennung von Prostatakrebs mittels PSA-Test: Ergebnisse aus einer qualitativen Studie zu arztseitigen Barrieren bei der Umsetzung der informierten Entscheidungsfindung in Österreich. Gesundheitswesen 2013; 75: 22–28 4 M. Strobelberger, A. Kaminski, G. Gartlehner. Österreichische Patienteninformationsmaterialien zu PSA-Screening entsprechen nicht internationalen evidenzbasierten Standards. Wien Med Wochenschr 2011; 161/3–4: 89–98


(Stand: 18.06.2013)

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