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Überlegungen zu Sinn und Unsinn eines Screenings auf Typ-2-Diabetes

DOI: 10.3238/zfa.2014.0266-0270

Considerations About the Meaningfulness of a Screening on Type-2-Diabetes

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Günther Egidi

Schlüsselwörter: Diabetes-Screening Oraler Glukosetoleranztest Prädiabetes Hausarztpraxis

Hintergrund: Immer wieder wird vermutet, dass eine frühere Diagnosestellung eines Typ-2-Diabetes bzw. einer gestörten Glukosetoleranz später auftretende Diabetes-assoziierte Morbidität und Mortalität reduzieren könnte. Von Gesundheitspolitikern wird sogar für ein entsprechendes Screening geworben.

Methode: Selektive Recherche zu den Themen Diabetes-Screening sowie Testcharakteristik und Prädiktionskraft von oralem Glukose-Toleranz-Test (oGTT), HbA1c und nüchtern BZ.

Ergebnis: Der oGTT ist der sensitivste von allen drei genannten Tests – sowohl in Bezug auf die Diagnose eines Typ-2-Diabetes als auch hinsichtlich der Prädiktion mitverursachter kardiovaskulärer Erkrankungen. Der Nutzen eines Screenings auf Diabetes bzw. IGT (impaired glucose tolerance) allerdings konnte hinsichtlich Mortalität und kardiovaskulärer Morbidität nicht belegt werden. Interventionen bei gestörter Glukosetoleranz können nur das Auftreten eines manifesten Diabetes verzögern, nicht aber die Häufigkeit damit zusammenhängender Krankheiten senken. Vorteile eines Screenings gegenüber dem Case finding wurden nicht nachgewiesen. Reliabilität und Validität des oGTT sind schlecht.

Schlussfolgerungen: Falsch-positive Befunde sind als Eingriff in das Leben eigentlich gesunder Menschen eine schwere unerwünschte Wirkung. Ein negatives Ergebnis kann hinsichtlich gesunder Lebensführung demotivieren. Der oGTT hat in der Hausarztpraxis keinen Stellenwert, da ein positives Testresultat in Bezug auf die Entwicklung eines Diabetes sehr häufig falsch-positiv ausfällt und zudem bei tatsächlichem Vorliegen mehrheitlich keine Lebensstiländerung erfolgt.

Background: Many authors suppose that an early diagnose of type 2 diabetes could reduce the manifestation of diabetes and diabetes-associated morbidity and mortality. Some health care politicians even campaign for a population-wide screening.

Method: Selective research on diabetes screening and test characteristics as well on predictivity of oGTT (oral glucose tolerance test), HbA1c and fasting plasma glucose.

Result: The oGTT is the most sensitive of all tests regarding a diagnosis of diabetes and the prediction of following cardiovascular diseases. However, a benefit of diabetes screening concerning such diseases could not be shown. Interventions in IGT (impaired glucose tolerance) can delay a diabetes diagnosis but not the rate of following diseases. An advantage of screening over case finding could not be verified. Reliability and validity of oGTT are poor.

Conclusions: False positive findings in oGTT represent severely negative side effects. Negative test findings can be a motivation for an unhealthy life style. The oGGT is of little relevance in family practice because of the high proportion of false-positive findings and lack of resulting changes in life-style.

Keywords: Diabetes Screening; Oral Glucose Tolerance Test; Pre-Diabetes; Family Medicine

Hintergrund

Bei einer Diabetes-Prävalenz von 7,2 % in Deutschland [1, 2] wird von einer Dunkelziffer von zusätzlichen 2–7 % nicht erkannter Personen mit Diabetes ausgegangen [3]. In der bevölkerungsbezogenen KORA-Studie fand man unter 55– bis 74-jährigen Personen sogar doppelt so viele mit pathologischer Glukosetoleranz wie solche mit bekanntem Diabetes mellitus; zusammen waren es um die 18 %. Möglicherweise liegt der Anteil nicht erkannter Diabetes-Fälle in Deutschland nach Einführung des Disease Management Programms Diabetes inzwischen niedriger als in der 2003 veröffentlichten KORA-Studie. Dennoch stellt sich die Frage, ob nicht – wie 2008 in einem ersten Entwurf zu einem Nationalen Aktionsplans Diabetes [4] vorgeschlagen – ein Diabetes-Screening mittels oGTT eingeführt werden sollte. Schließlich ist, wie 2001 in der europäischen DECODE- [5] sowie 2004 in der asiatischen DECODA- Studie [6] gefunden wurde, eine gestörte Glukosetoleranz (IGT) – anders als eine leichte Erhöhung des Nüchternglukosewertes – mit einer 1,37– bzw. 1,35-fach gesteigerten Gesamtsterblichkeit assoziiert. Ein systematischer Review [7] fand 2010 für den Zusammenhang zwischen IGT und kardiovaskulären Erkrankungen allerdings nur ein relatives Risiko von 1,2 (95%-Konfidenzintervall 1,07–1,34). Dies entspricht einer Risiko-Erhöhung, die identisch mit der eines leicht erhöhten Nüchtern-Blutzuckers, aber unterhalb der Definitions-Schwelle für einen manifesten Diabetes, liegt.

Es stellen sich also folgende Fragen:

  • Ist die Neu-Diagnose einer pathologischen Glukosetoleranz von Nutzen für die Betroffenen oder nicht?
  • Wie gut ist der oGTT für eine solche Detektion geeignet?
  • Gibt es einen Schaden eines generellen Screenings mittels oGTT?
  • Welche alternativen Strategien zur Identifizierung gefährdeter Personen wären denkbar?

Methode

Am 3.12.2013 wurden Medline-Recherchen mit den Suchbegriffen „diabetes mellitus“ [Medical Subject Heading = Mesh] AND „mass screening“ [Mesh] sowie „reliability and validity“ [Mesh] AND “oral glucose tolerance test“ [Mesh] mit den limits „systematic reviews“, „humans“, „English“ oder „German“ durchgeführt.

Zum Thema Interventionen bei Prädiabetes und zur klinischen Prädiktionskraft eines pathologischen oGTT wurden keine systematische Recherchen durchgeführt, sondern auf die dem Autor bekannten Studien sowie einen systematischen Review [7] zurückgegriffen. Alle in die jeweiligen Reviews eingeschlossenen Studien wurden gesondert auf Besonderheiten der untersuchten Populationen, die unterschiedlichen Diabetes-Definitionen sowie die Methode des verwendeten oGTT untersucht.

Ergebnis

Eignung des oGTT für ein Diabetes-Screening

Die Suche nach systematischen Reviews zur Validität des oralen Glukosetoleranztests ergab acht Treffer, nach Ausschluss von Arbeiten zu Gestationsdiabetes, bestimmten Risikogruppen und HbA1c als Screening-Instrument verblieb aber nur ein systematischer Review [8].

Die dort eingeschlossenen 5 RCTs [9–13] ergaben eine schlechte Reproduzierbarkeit (= Re-Test-Reliabilität) des oGTT: Nur bei 33–48 % derjenigen Personen, die an unterschiedlichen Tagen innerhalb von maximal 8 Wochen wiederholt untersucht wurden, zeigten sich identische Testergebnisse hinsichtlich der Frage, ob eine gestörte Glukosetoleranz („impaired glucose tolerance“ – IGT) vorlag oder nicht. Dagegen zeigte ein erneuter Test bei zuvor intermediär erhöhter Nüchternglukose („impaired fasting glucose“ – IFG) bei immerhin 51–64 % bei Wiederholung eine identische Einordnung in die Kategorie IFG. Je zwei der Studien untersuchten populationsbasiert – zwei [8, 9] in den Niederlanden, die beiden anderen [11, 12] unter Hongkong-Chinesen (letztere mit einer erheblich geringeren Diabetes-Prävalenz). Eine Studie [10] untersuchte 353 englische Patienten, die sich einer Bypass-OP unterzogen. In allen Studien wurden 75 g Glukose für den oGTT verwendet. In allen fünf Arbeiten galten noch die Diabetes-Kriterien von 1979: ab einer Nüchternglukose von 140 mg/dl und ab 200 mg/dl (entsprechend 7,8 bzw. 11,1 mmol/l) zwei Stunden nach oGTT.

In zwei der fünf eingeschlossenen Studien mit direktem Vergleich zwischen den Kategorien IGT und IFG lag die Reliabilität des Tests, also der Prozentsatz derjenigen, die mit gleichem Test wieder in derselben Kategorie – gesund oder IGT bzw. IFG – eingeordnet wird, bei der Kategorie IGT mit 49 % im Bereich von Zufallstreffern, bei der Kategorie Diabetes bei 73 %. Im Fall einer normalen Nüchtern-Blutglukose lag die Reliabilität bei 93 %. D.h. ein Glukosetoleranztest taugt eher zum Ausschluss einer diabetischen Stoffwechsellage und kaum zu deren Nachweis.

Unter Validität des oGTT ist der Prozentsatz derjenigen mit positivem Testergebnis zu verstehen, bei denen in den Folgejahren auch tatsächlich ein Diabetes eintritt. Hier fließen alle schon genannten schlechten Testeigenschaften des oGTT mit ein; außerdem ethnische und weitere Charakteristika der betroffenen Personen (z.B. BMI, Alter der Patienten etc.). Solche Studien zur Prädiktionskraft eines oGTT sind vor zehn Jahren häufig mit Nachverfolgungszeiten von 5–10 Jahren durchgeführt worden [14–19].

In Abhängigkeit von der untersuchten Bevölkerungsgruppe (Japaner, Mexikaner, weiße Amerikaner, Schweden etc.; nur Männer oder Frauen, unterprivilegierte Personen, Personen mit positiver Familienanamnese für Diabetes) zeigte sich nach sieben Jahren bei oGTT-positiven Personen ein Diabetes nur bei 12–25 %; nach zehn Jahren waren es knapp 40 %. In einer 2007 veröffentlichten Metaanalyse [20] fand sich ein Übergang zu einem manifesten Diabetes ebenfalls nur bei 4,4–6,4 % der Patienten pro Jahr. Dies aber bedeutet, dass der überwiegende Teil der Personen, die aufgrund eines pathologischen oGTTs beraten oder gar behandelt würden, zumindest in den nächsten zehn Jahren keinen Diabetes entwickeln würde. Auch in diesen 65 Arbeiten galt noch die Diabetes-Definition von 1979: Nüchternglukose 140 mg/dl und oGTT 200 mg/dl (entsprechend 7,8 bzw. 11,1 mmol/l).

Die Prädiktionskraft von Nüchtern-Blutglukose und oGTT hinsichtlich klinischer Folgeerkrankungen ist noch geringer: Die Emerging Risk Factor Association [21] analysierte individuelle Teilnehmerdaten aus 102 prospektiven Kohortenstudien. Die Analysen zeigten, dass bei Personen ohne bekannten Diabetes mellitus bei Studieneinschluss der Nüchtern-Blutglukosewert nur moderat mit dem Risiko koronarer Ereignisse (erstmaliger Myokardinfarkt oder Tod infolge KHK) assoziiert ist, wenn zugleich der Einfluss von Alter, Raucherstatus, systolischem Blutdruck und BMI dabei mitberücksichtigt wird. Personen mit einem Nüchtern-Blutglukosewert von 5,6–6,99 mmol/l hatten über den Beobachtungszeitraum gegenüber Personen mit einem Nüchtern-Blutglukosewert von 3,9–5,59 mmol/l eine nur um den Faktor 1,12 (HR 1,12; 95%-Konfidenzintervall 1,06–1,18) höhere Rate kardialer Ereignisse – adjustiert auf die genannten zusätzlichen Faktoren. Ein deutlicher Anstieg des kardialen Risikos (HR 1,78; 95%-KI 1,56–2,03) fand sich erst bei Personen mit einem Nüchtern-Blutglukosewert von ? 7 mmol/l (126 mg/dl). Keine Assoziation fand sich übrigens zum ischämischen Schlaganfall.

Wie beschrieben, war in Folge der Neudefinition des Diabetes die gestörte Nüchtern-Glukose von ehemals 110– 140 mg/dl auf 100–126 mg/dl (entsprechend 6,1–7,8 bzw. 5,6–7,0 mmol/l) gesenkt worden. Das war notwendig, um die schlechte Reliabilität eines Ranges von 110–126 mg/dl zu verbessern. Ähnliche statistische Daten wie in DECODE [5] und DECODA [6] waren schon 1984 in der Baltimore Longitudinal Study of Aging [22] bei weißen Männern der mittleren bis oberen Einkommensschichten errechnet worden. Bei einer Neuberechnung der Daten dieser Studie 1995 [23] mit dem neuen Definitionsbereich für eine IGT von 100–125 mg/dl war der zuvor gezeigte Mortalitätsanstieg (damals nur an Alter, Gewicht und Nikotin adjustiert) nicht mehr nachzuweisen. Auch dies kann als starker Hinweis darauf verwendet werden, die Möglichkeiten einer Risikodiskriminierung im Grenzbereich nicht überzubewerten.

Nutzen von Interventionen bei gestörter Glukosetoleranz

In mehreren Studien [24, 25] wurde – bei teilweise auch mehrjähriger Nachbeobachtung [26] – nachgewiesen, dass eine Lebensstil- oder medikamentöse Intervention bei Personen mit gestörter Glukosetoleranz in der Lage ist, den Übergang zu einem manifesten Diabetes zu verhindern bzw. – wahrscheinlicher – zu verschieben. In der finnischen Studie [24] mussten fünf Personen fünf Jahre lang durch Änderung des Lebensstils behandelt werden, um eine Diabetes-Diagnose zu verhindern bzw. zeitlich zu verschieben. In der amerikanischen Diabetes-Präventionsstudie [25] mussten sieben Personen drei Jahre lang ihren Lebensstil verändern, bzw. 14 mussten Metformin einnehmen, um bei einer Person einen nachweisbaren Übergang zum Diabetes zu verhindern bzw. zeitlich zu verschieben. Ein Nutzen hinsichtlich klinischer Endpunkte konnte in beiden Untersuchungen nicht belegt werden – was aber schon allein an der teilweise dafür zu kleinen (522 bzw. 3.234 Personen) Patientengruppe sowie der dann doch kurzen Nachverfolgungszeit (3,2 bzw. 2,8 Jahre) liegen könnte.

Ergänzend muss zu den Studien gesagt werden, dass die in diese Diabetes-Präventionsstudien eingeschlossenen Personen mehrheitlich deutlich übergewichtig waren und einen körperlich passiven Lebensstil pflegten – es also Menschen waren, die auch über einen Diabetes-Risiko-Score primär im Case finding identifizierbar gewesen wären.

Suchergebnis zum Nutzen eines Diabetes-Screenings

Auf dem Hintergrund der geschilderten Fakten zu den Eigenschaften der verwendeten diagnostischen Tests verwundert es nicht, dass die Ergebnisse der Screening-Studien ebenfalls ernüchternd waren.

Die Suche nach systematischen Reviews ergab 152 Treffer. Nach Ausschluss von Arbeiten zu speziellen Settings/Subgruppen wie Kindern, Schwangerschaft und akut kardial Erkrankten sowie von Arbeiten zum Screening auf Diabetes-Folgeerkrankungen blieben nach Elimination von Doubletten, Untersuchung anderer Interventionen, von Arbeiten zu verschiedenen Diabetes-Risiko-Scores, rein methodischen Arbeiten, Arbeiten nur zu ökonomischen Aspekten und von rein narrativen Reviews zur Auswertung elf Arbeiten. Sechs dieser Arbeiten waren tatsächlich systematische Reviews zum Nutzen eines Diabetes-Screenings.

Nutzen eines Diabetes-Screenings

Eine dänische Arbeitsgruppe [27] konnte 2003 keine von ihr geplante Metaanalyse erstellen, da keine RCTs vorlagen. Die Autoren beschränkten sich dann auf epidemiologische Studien und kamen zum Schluss, dass der Nutzen eines Screenings nicht belegt und zudem auf Basis epidemiologischer Studien auch nicht naheliegend sei.

Die Autoren der deutschen KORA-Studie schlussfolgerten auf der Basis von drei analysierten Kohorten-Studien, dass eine Früherkennung bei Personen ohne bekannte weitere kardiovaskuläre Risikofaktoren nicht effektiv sei [28].

Kanadische und US-amerikanische Leitliniengruppen [29, 30] kamen nach systematischer Evidenz-Recherche zum Schluss, dass die Evidenz für die Einführung eines generellen Screenings auf Diabetes nicht genüge. Ein systematischer deutscher Leitlinien-Review [31] bestätigte diese Position. Ein umfangreicher HTA-Report aus dem Jahr 2013 [32] widerrief die von denselben Autoren sechs Jahre zuvor gegebene Empfehlung [33] zugunsten eines Screenings: Ein Nutzen sei doch nicht nachgewiesen.

In diesem HTA-Report werden die beiden identifizierten RCTs zum Thema zitiert. In dem einen RCT [34] wurde ein Drittel der Population von Patienten aus Hausarztpraxen gescreent, zwei Drittel als Vergleichsgruppe aber nicht. Nach 13 Jahren unterschied sich der Outcome hinsichtlich kardiovaskulärer Ereignisse und Lebensqualität nicht.

In der ADDITION-Cambridge-Studie [35], dem zweiten RCT zum Thema, wurden intensive und Standard-Versorgung bei bislang nicht diagnostizierten Personen mit Diabetes miteinander verglichen. Obwohl das kardiovaskuläre Basis-Risiko der Probanden primär schon hoch war, führte die Intervention nicht zu einer signifikanten Senkung kardiovaskulärer Ereignisse.

Schaden eines Diabetes-Screenings

Zum Thema eines durch ein Diabetes-Screening induzierten Schadens liegen etliche Studien vor [36–38], in denen in nennenswertem Umfang Erzeugung von Angst und Depression gefunden wurden. Im Falle eines real vorliegenden Diabetes muss man solche unerwünschten Wirkungen einer Diagnose-Stellung möglicherweise akzeptieren. Bei der Mitteilung einer gestörten Glukosetoleranz aber, die nur zu einem kleineren Teil später zu einem Diabetes führt, ist sie ein erhebliches Argument gegen ein Screening.

Es ist zudem gut vorstellbar, dass ein negatives Testresultat beispielsweise Menschen mit erheblicher Adipositas hinsichtlich der Umstellung zu einer gesünderen Lebensführung demotivieren kann – es entfiele ja das Argument Diabetes. Untersuchungen dazu sind nicht bekannt. Hinzu kommt als möglicher Nachteil, beispielsweise beim Abschluss einer Lebensversicherung diskriminiert zu werden – und dies auf Basis eines Tests mit niedriger Reproduzierbarkeit, geringer Reliabilität sowie Validität.

Hinzu kommt schließlich noch, dass es sich beim oGTT um eine zeitaufwendige und damit Kosten verursachende Untersuchung handelt.

Alternative Strategien zur Identifizierung gefährdeter Personen

In einer niederländischen Beobachtungsstudie [39] wurde der Outcome von 359 durch opportunistisches Screening Diagnostizierten mit dem von 206 Personen, bei denen die Erstdiagnose eines Diabetes durch Symptome gestellt worden war, in zehn Hausarztpraxen verglichen. Beide Gruppen erhielten eine leitliniengerechte Behandlung. Kardiovaskuläre Ereignisse und Sterblichkeit unterschieden sich nach einer mittleren Nachverfolgungszeit von 7,7 Jahren nicht signifikant (das opportunistische Screening zeigte allenfalls tendenziell einen Vorteil – kardiovaskuläre Endpunkte traten bei 9,5 % vs. 10,2 % auf – p = 0,78; HR 0,67; Vertrauensbereich 0,36–12,5).

Diabetes-Risiko-Scores wie beispielsweise der FINDRISK-Score [40, 41] werden aktuell in Deutschland möglicherweise wegen der als opportunistisches Screening genutzten Gesundheitsuntersuchung weniger häufig durchgeführt als in einigen anderen europäischen Ländern. Sie ermöglichen ein Case finding , das der hausärztlichen Praxis angemessener erscheint als ein generelles Diabetes-Screening. Risiko-Scores fokussieren auf Personen mit besonderen Risiken für die Entwicklung eines Diabetes (positive Familienanamnese, Vorliegen einer Hypertonie oder einer KHK, BMI 30 kg/m2 etc.). So empfiehlt beispielsweise die amerikanische USPSTF zwar kein generelles Screening auf Diabetes, aber systematische Untersuchungen auf Diabetes bei allen Personen mit Hypertonie [42]. Begründung für ein solch gezieltes Vorgehen ist: Wenn durch Vorselektion der Personen mit schon besonders stark erhöhtem kardiovaskulärem Risiko fokussiert wird, liegt naturgemäß die Wahrscheinlichkeit auch höher, dass diese Menschen mit schon höherem Ausgangsrisiko für kardiovaskuläre Erkrankungen dann auch von entsprechenden präventiven oder therapeutischen Interventionen profitieren können.

Schlussfolgerungen

Ein Nutzen eines Screenings per oGTT auf Diabetes wurde nicht nachgewiesen. Für eine Behandlung von Personen mit gestörter Glukosetoleranz wurde bislang nur belegt, dass zwar der Übergang zu einem manifesten Diabetes verzögert werden kann. Das Eintreten von Diabetes-assoziierten Erkrankungen jedoch konnte nach Studienlage nicht beeinflusst werden. Dem damit sehr unsicheren Nutzen eines Screenings, zudem mittels Einsatz des oGTT mit seiner geringen Reproduzierbarkeit, Reliabilität und Validität, steht ein erheblicher Schaden durch einen hohen Anteil falsch-positiv diagnostizierter Personen gegenüber. Damit hat der oGTT in der Hausarztpraxis – von Ausnahmen abgesehen – keinen Platz. Hausärzte sollten sich bei ihren diagnostischen Bemühungen auf Personen mit erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bzw. solchen zur Entwicklung eines Diabetes konzentrieren (Case finding).

Interessenkonflikte: Der Autor ist Anhänger einer kritischen Schule der evidenzbasierten Medizin. Er profitiert als Hausarzt von der Honorierung der Versorgung von Patienten im DMP Diabetes und für die Durchführung von Gesundheitsuntersuchungen nach §25 SGBV. Darüber hinaus bestehen keine Interessenkonflikte.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Günther Egidi

Arzt für Allgemeinmedizin

Huchtinger Heerstraße 41

28259 Bremen

Tel.: 0421 5797675

E-Mail: familie-egidi@nord-com.net

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Hausarzt in Bremen, Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin Universitätsmedizin Göttingen, Vorsitzender der Akademie für hausärztliche Fortbildung Bremen

Peer reviewed article eingereicht: 02.05.2014, akzeptiert: 14.05.2014

DOI 10.3238/zfa.2014.0266–0270


(Stand: 13.05.2015)

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