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Streich W. Über das Herunterwirtschaften des Vertrauens in Ärzte. Z Allg Med 2015; 91: 207–210

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Leserbrief von Stefan E. Breit

Eine Hausarztpraxis ohne IGeL ist nicht denkbar

Mit dem Verdammen der Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) als Faktor der Zerstörung des Vertrauens in Ärzte wird seitens des Autors eine doch sehr simple Trennung in „gute“ Kassenleistungen wie „böse“ IGeL vorgenommen. In heckenschnittartiger Weise werden alle IGeL sehr undifferenziert als negativ bewertet. Gleichzeitig wird ein Idealbild einer Vollkaskoversorgung im GKV-Sektor suggeriert und ein bedenklicher Ruf nach berufsrechtlicher, staatlicher Kontrolle oder gar Verboten deutlich. Ein differenzierterer Blick lässt jedoch nur den Schluss zu, dass eine Hausarztpraxis ohne IGeL gar nicht existieren könnte. Dies nicht aufgrund der Zusatzeinkünfte, sondern nachfragebedingt. Schulatteste, Bescheinigungen nach dem IfSG, Versicherungsgutachten, Sportbasisgutachten, Fahrerlaubnisuntersuchungen usw. sind täglich Brot einer jeden Hausarztpraxis. Liquidation zu Lasten der GKV oder korrekt zu Lasten des Budgets der Vertragsärzteschaft wäre Abrechnungsbetrug. Eine kostenlose Leistung stellte einen Affront gegen die Berufsordnung dar. Sollen diese Leistungen also jetzt ersatzlos nicht mehr angeboten werden? Impfungen für Urlaubsreisen, genau wie die quasi Zwangsimpfungen gegen Meningitis bei Mekkapilgern oder Gelbfieber bei Afrikaurlaubern: Sollen auch diese Leistungen verboten werden? Auch von den Patienten nachgefragte Leistungen nach z.B. Homöopathie sind nicht im EBM der GKV abgebildet, wohl aber in den Weiterbildungsordnungen der Landesärztekammern und als Leistungsziffern 30f in der GOÄ. Soll also GKV-Versicherten der Zugang dazu verboten werden? Oder sollen sie zum Heilpraktiker getrieben werden, dessen Leistungen nach Lesart des Autors dann ebenfalls verboten werden sollten? Soziale Gerechtigkeit im Gesundheitswesen wird es niemals geben können, lässt doch schon das Sozialgesetzbuch nur eine „... ausreichende, zweckmäßige, das Maß des Notwendigen nicht überschreitende ...“ Versorgung zu. In Schulnoten entspräche das der „4.“ Was spricht denn dagegen, wenn jemand zum „Check-up 35“ ein EKG, eine Sonografie oder sinnvolle Laborwerte zum doch sehr übersichtlich gehaltenen Laborkatalog mit Gesamtcholesterin und Nüchternblutzucker hinzubucht?

Mündige Bürger wissen sehr wohl zu differenzieren und manche Leistungen des GKV-Kataloges (z.B. Massagen) würden einer EbM-Bewertung auch nicht lange standhalten. Doch Seriosität vorgaukelnder Verzicht auf jedwede Leistung jenseits des GKV-Kataloges ist eines demokratischen Landes mit freien Bürgern nicht angemessen. Eine Nutzen-Risiko-Bewertung sollte gerade im Interesse des Patienten in erster Linie durch den Arzt erfolgen. Neutrale wissenschaftliche Leitlinien usw. wären dabei sicher hilfreich, doch ist sehr fraglich, ob diese Neutralität von z.B. Kassenpublikationen usw. erwartet werden darf. Man denke nur an die ach so verteufelte professionelle Zahnreinigung ... heute fast schon Standard.

Interessenkonflikte: Mitglied des Aufsichtsrates der Unternehmung Gesundheit Hochfrankens GmbH & Co KG (UGHO), einem Ärztenetz mit einem IV-Vertrag mit der AOK Bayern, das für Versicherte mit Vertragsteilnahme in Abstimmung mit der AOK u.a. Leistungen jenseits des GKV-Kataloges anbietet, die ansonsten IGeL wären.

Korrespondenzadresse

Stefan E. Breit

Facharzt für Allgemeinmedizin

Homöopathie – Notfallmedizin –
Sportmedizin

Wunsiedler Straße 59

95032 Hof

stefan.e.breit@t-online.de

Antwort von Waldemar Streich

Dr. Breit widmet sich ausschließlich der Verteidigung von IGeL-Leistungen, nicht aber der Problematik des Anbietens derselben. Er zählt nur solche Leistungen auf, an deren Sinnhaftigkeit und selbstverständlichen Berechtigung, sie außerhalb der GKV abzurechnen, nie jemand gezweifelt hat. In der seit Jahren anhaltenden Kontroverse zu IGeL haben die von ihm genannten Leistungen immer nur eine Rolle gespielt: Ablenken von den – nach Geldvolumen gesehen – restlichen 90 % des IGeL-Angebots. So vernebelt er die Konfliktlinien zwischen denen, die eine weitere Quelle des Verdienstes – so wie der „Erfinder“ des IGeL-Katalogs es begründete – und denen, die gerade darin eine Gefährdung des Arztstandes sehen.

Seinen Rekurs auf die Freiheit des „mündigen Bürgers“ relativiert Breit selbst mit dem Vorbehalt der Nutzen-Risiko-Bewertung durch den Arzt („im Interesse des Patienten“). Dass hier auch ein finanzieller „Nutzen“ für den Arzt in die Bewertung eingeht, bleibt unerwähnt – und damit das Hauptproblem.

Für besonders bedenklich halte ich die geringschätzende Bewertung der sozial ausgleichenden Funktion des GKV-finanzierten, kassenärztlichen Versorgungssystems („soziale Gerechtigkeit im Gesundheitswesen wird es niemals geben können“) – begründet mit einer Interpretation der Formulierungen des SGB V (Gebot einer „ausreichenden“ Versorgung) im Sinne einer Schulnote. Patienten sind m.E. aber gut beraten, wenn sie eher einem Gremium (GBA) vertrauen, das in der öffentlichen Verantwortung steht, Über-, Unter- und Fehlversorgung zu vermeiden und seine Entscheidungen auf der Basis fachlicher Expertise trifft, als einem Arzt, der IGeL mit dem pauschalen Argument einer defizitären Versorgungsqualität kassenärztlicher Leistungen verkauft, indem er suggeriert, „ausreichend“ sei weit entfernt von „gut“ oder „sehr gut“.

Die aus der chronischen Unterfinanzierung – eben aber auch der Über- und Fehlversorgung – resultierenden Probleme des Versorgungssystems sind mir selbstverständlich bekannt. Es muss jedoch nach anderen Lösungen gesucht werden, als das Geld bei den Patienten einzusammeln.

Immerhin gibt es hausärztliche Praxen, die auf das Angebot von IGeL verzichten; offensichtlich ohne Existenzgefährdung.

Aber nochmals zur Wiederholung: Die vom Briefautor aufgeführten Leistungen zählen gar nicht als IGeL und wurden von mir auch nicht angezweifelt.

Korrespondenzadresse

Dipl. Soz. Waldemar Streich

waldemar.streich@t-online.de


(Stand: 16.06.2015)

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