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EbM-Guidelines in 6. Auflage – zwei Rezensionen

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Christian Lüdicke, Lutz Besch

Für jeden Hausarzt sinnvoll

In der mittlerweile 6. Auflage liegt mit den EbM-Guidelines ein sehr interessantes, in der Praxis bewährtes Konzept vor. So gibt es neben der gedruckten Buchversion eine Internetversion der Guidelines. Dadurch ist eine ständige Aktualisierung der Informationen gewährleistet. Gleichzeitig kann die Informationsquelle an jedem Rechner mit Internetanschluss bzw. Tablet/Smartphone aufgerufen werden. Das Buch basiert auf einer Grundlage aus Skandinavien, der leitende Herausgeber ist Finne. Der nüchterne, sachliche Schreibstil erinnert denn auch an die vielleicht etwas karge nordische Landschaft. Der Inhalt hat es dafür umso mehr in sich. Gerade für den Allgemeinarzt sind viele wertvolle praktische Hinweise zu finden. In der Internetversion sind zu einigen allgemeinärztlichen Prozeduren und Eingriffen kurze Filmsequenzen hinterlegt, die sehr hilfreich sein können. Ein echtes Highlight!

Die Einteilung des Buches ist gut strukturiert. Nach einer Einleitung, die kurz und für den Einsteiger prägnant die evidenzbasierte Medizin erläutert, folgen die nach Organgruppen/Indikationen gegliederten Einzelkapitel. Darin wird dann jeweils stichwortartig in einer klaren, übersichtlichen Struktur das Thema durchdekliniert. Guidelines eben. Die gesamte Allgemeinmedizin ist abgedeckt. Eine der Stärken des Buches liegt darin, zu den Therapieempfehlungen jeweils Evidenzgrade und Literaturquellen anzugeben. Die EbM-Guidelines werden vom deutsch-österreichischen Herausgeberteam an die aktuellen deutschsprachigen Leitlinien angepasst.

In meinem Berufsalltag in der Praxis habe ich während meiner Tätigkeit als Hausarzt in Schweden die Verwendung internetbasierter Wissensdatenbanken kennen und schätzen gelernt. In städtischen Regionen in Deutschland wird ein Allgemeinarzt wohl kaum in die Verlegenheit kommen, z.B. eine Atheromentfernung selbst durchzuführen. Aber schon in ländlichen Regionen kann dies einfach erforderlich sein, um dem Patienten weite Wege zu ersparen. Da sind die Videos hilfreich. Auch um mich aus der Sprechstunde heraus einmal schnell über ein Krankheitsbild, eine Differenzialdiagnose, Therapieoptionen oder Ähnliches fundiert und evidenzbasiert zu informieren, verwende ich die EbM-Guidelines gerne. Ich kann dieses Konzept aus Buch und Internetdatenbank daher jedem allgemeinmedizinisch tätigen Hausarzt für den täglichen Gebrauch in der Praxis nur wärmstens empfehlen.

Im Detailreichtum sehr unterschiedlich

Die sechste, vollständig überarbeitete Auflage der EbM-Guidelines (Evidenzbasierte Medizin für Klinik und Praxis, Deutscher Ärzte Verlag) erhebt den Anspruch, die unüberschaubare Datenflut an neuen Erkenntnissen zur hausärztlichen Versorgung für den hausärztlich tätigen Mediziner zu filtern. Ärzte in Weiterbildung oder Praxis sollen mit diesem Buch ein Instrument an die Hand bekommen, mit dem sie im hausärztlichen Alltag wissenschaftlich fundierte Lösungsansätze zur Bewältigung konkreter medizinischer Fragestellungen finden können.

Die Autoren der EbM-Guidelines sind nicht bestrebt, die offiziellen und häufig sehr ausführlichen, wissenschaftlich fundierten Leitlinien zu ersetzen, sondern möchten eine alltagstaugliche Kombination aus „external evidence, clinical expertise and patient values“ (Zitat aus dem Vorwort zur deutschsprachigen Ausgabe) zur Verfügung stellen.

Das Werk wurde ursprünglich in Finnland erstellt und ist 1989 zunächst in elektronischer Version publiziert worden. Im Jahr 2000 entstand in der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM) eine mittlerweile mehrfach überarbeitete Version für den deutschen Sprachraum.

Die EbM-Guidelines gliedern sich in 45 Kapitel. In der Printversion finden sich davon 41 Kapitel abgedruckt auf 1575 Seiten. Unter Berücksichtigung der Online-Version ergibt sich ein außerordentlich umfassendes Nachschlagewerk mit ausführlichen Erläuterungen, Videoanimationen und Links zu weiterführender Literatur. Die Details reichen oft bis weit in den fachärztlichen Tätigkeitsbereich hinein.

Allerdings sind die Kapitel sehr unterschiedlich detailreich ausgeführt. Beispielsweise ist das Kapitel Palliativversorgung als eine Ergänzung des Kapitels Onkologie angelegt. Es berücksichtigt damit nicht ausreichend den Alltag der hausärztlichen Versorgung mit der palliativen Betreuung hochbetagter, multimorbider Patienten. Auch könnten hier Hinweise auf ambulante Versorgungsmöglichkeiten genauer ausgeführt werden. Im Kapitel Unfallchirurgie wird das Anlegen von Gipsverbänden sehr ausführlich abgehandelt, dagegen fehlt die konservative Nachbehandlung des im Alltag doch häufigen Schlüsselbeinbruches. Es ist fraglich, ob dieses auch in den anderen Kapiteln auffällige Ungleichgewicht den allgemeinärztlichen Alltag abbildet.

Sicherlich ist davon auszugehen, dass niedergelassene Allgemeinärzte sehr unterschiedliche Schwerpunkte in der Versorgung ihrer Patienten setzen. Das ist in der voneinander abweichenden Infrastruktur einer Landarzt- versus Stadtarztpraxis und in Unterschieden im beruflichen Werdegang begründet. Dem versucht das vorliegende Nachschlagewerk durch „das geballte Wissen der umfangreichsten Sammlung evidenzbasierter Vorgehensweisen“ (Zitat Deutscher Ärzte-Verlag) Rechnung zu tragen. Versucht man jedoch im Alltag, für den das Buch ausdrücklich empfohlen wird, einzelne Krankheitsbilder nachzuschlagen, ist es eher Glückssache, ob man zufriedenstellende Informationen findet. Häufig ist genau das gewünschte Krankheitsbild in der Printversion nicht enthalten. Es muss dann die Praxissoftware verlassen werden, um im Internet die Online-Version zu erreichen. Hierzu ist ein Einloggen mit Angabe von Benutzername und Passwort erforderlich. Moderne Browser merken sich zwar die Login-Daten, im dicht besetzten Praxisalltag ist dieses Vorgehen gleichwohl zeitaufwendig. Jeder tätige Allgemeinarzt hat seine Recherchemöglichkeiten im Laufe der Jahre gut und effizient entwickelt, sodass die vorliegenden EbM-Guidelines allenfalls eine mögliche, wenn auch nicht ganz preiswerte Ergänzung sein können.

Für uns ist ein nicht zu unterschätzender Kritikpunkt an diesem Buch nicht zuletzt auch der Titel: EbM ist die international gebräuchliche Abkürzung für evidenzbasierte Medizin. EbM und EBM (Einheitlicher Bewertungsmaßstab) sehen sich jedoch sehr ähnlich und erwecken nicht bei jedem Kollegen die Lust, freiwillig nach diesem Buch zu greifen.

Friederike Besch, Lutz Besch

Susanne Rabady, Andreas Sönnichsen (Hrsg.), Chefeditor: Ilkka Kunnamo

EbM-Guidelines

Evidenzbasierte Medizin für Klinik & Praxis

6., vollständig überarbeitete Auflage

2015. 1630 Seiten, 177 Abb., 193 Tab., geb.

Deutscher Ärzte-Verlag, Köln

ISBN 978–3–7691–1309–9

Preis: 119,99 Euro

Korrespondenzadresse

Korrespondenzadresse

Dr. med. Christian Lüdicke

Facharzt für Allgemeinmedizin –
Palliativmedizin, Notfallmedizin

Schillerstraße 3, 64823 Groß-Klein-Umstadt

praxis.luedicke@t-online.de

Dr. med. Friederike Besch

Priv.-Doz. Dr. med. habil. Lutz Besch

Gemeinschaftspraxis

Reichenberger Allee 2a, 24146 Kiel

praxis@besch-besch.de

www.besch-besch.de


(Stand: 16.06.2015)

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