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Randomisierte Studien der deutschen universitären Allgemeinmedizin

DOI: 10.3238/zfa.2016.0259-0264

Ergebnisse einer systematischen Übersichtsarbeit

Results of a Systematic Review

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Schlüsselwörter: Randomisierte kontrollierte Studien Allgemeinmedizin Bias systematische Übersicht Deutschland

PDF Online-Supplement 02
 

Hintergrund: Im Rahmen eines systematischen Reviews sollte eine Übersicht der Fragestellungen, Methoden, Qualität und Ergebnisse der von deutschen, universitären Abteilungen für Allgemeinmedizin durchgeführten randomisierten klinischen Studien (RCTs) erarbeitet werden.

Methoden: In die Analyse wurden zwischen 2000 und 2014 veröffentlichte RCTs und publizierte Protokolle von RCTs eingeschlossen, bei denen der Erst- oder Letztautor an eine Allgemeinmedizinabteilung einer deutschen Universität angebunden war. Die Identifikation von RCTs erfolgte über Suchen in der Literaturdatenbank Scopus und die Durchsicht verfügbarer Publikationslisten der Institute.

Ergebnisse: 33 RCTs (62 Publikationen), zu denen zumindest erste Ergebnisse vorlagen, sowie 17 Studienprotokolle (17 Publikationen) wurden eingeschlossen. Die Zahl der publizierten Studien und Studienprotokolle nahm zwischen den Jahren 2000 und 2014 stark zu. Ein Forschungsschwerpunkt lag auf zum Teil sehr großen, clusterrandomisierten Versorgungsforschungsstudien zu prozessorientierten Interventionen. 15 von 36 Abteilungen waren bei mindestens einer RCT beteiligt. Das Risiko von Verzerrungen (Bias) war bei einem relevanten Teil der Studien hoch; dies liegt aber mindestens zum Teil daran, dass bei Versorgungsforschungsstudien in der hausärztlichen Praxis eine Verblindung häufig nicht möglich ist. Die analysierten Studienprotokolle legen darüber hinaus nahe, dass Vorerfahrungen mit RCTs, zunehmende methodische Expertise und Vernetzung in der Zukunft zu einer weiteren Verbesserung führen dürften.

Schlussfolgerungen: Eine zunehmende Zahl universitärer Abteilungen für Allgemeinmedizin in Deutschland ist in der Lage, hochwertige RCTs durchzuführen.

Einleitung

Eine hohe Forschungsaktivität ist von erheblicher Bedeutung für das Ansehen einer Disziplin an Universitäten und in der akademischen Öffentlichkeit. Experimentelle Grundlagenforschung – in Deutschland besonders angesehen – ist in einem Fach wie der Allgemeinmedizin praktisch nicht möglich. Im Bereich der klinischen Forschung und mit Einschränkungen in der Versorgungsforschung gelten randomisierte kontrollierte Studien (engl. randomized controlled trials = RCTs) als Königsweg [1]. Methodisch hochwertige und klinisch relevante RCTs können praktisch relevante Fragen klären und somit auch für die Patientenversorgung von unmittelbarer Bedeutung sein [2]. Die Planung, Durchführung und Auswertung solcher Studien setzt jedoch ausreichende Infrastruktur, Finanzmittel, methodische und praktische Kenntnisse und Erfahrungen voraus.

Im Vergleich zu Großbritannien, den USA oder den Niederlanden ist die Förderung von allgemeinmedizinischen Universitätsabteilungen, Forschungspraxis-Netzwerken und konkreten Einzelprojekten in Deutschland gering [3]. Dennoch hat es in den vergangenen 20 Jahren große Fortschritte gegeben und eine beträchtliche Zahl von RCTs konnte realisiert werden [4–6]. Auf Anregung des DFG-Netzwerkes Klinische Studien in der Allgemeinmedizin (www.degam.de/netzwerk-klinische-studien.html) hat unsere Arbeitsgruppe primär im Rahmen einer Dissertation eine systematische Übersicht der zwischen den Jahren 2000 und 2014 von deutschen Universitätsabteilungen für Allgemeinmedizin durchgeführten und geplanten RCTs erstellt. Damit sollte ein Überblick zu Fragestellungen, Methoden, Qualität und Ergebnissen der Studien ermöglicht werden, der auch bei der Planung zukünftiger RCTs genutzt werden kann. Die Methoden des Reviews und Ergebnisse in Bezug auf Studien, für die bis Ende 2014 Ergebnisse vorlagen, wurden in einer internationalen, methodisch orientierten Zeitschrift publiziert [7]. In der vorliegenden Publikation werden zum einen zusätzlich die zahlreich vorliegenden veröffentlichten Studienprotokolle berücksichtigt, zum anderen werden für eine deutsche allgemeinmedizinische Leserschaft relevante Aspekte in den Vordergrund gestellt.

Methoden

Eine detaillierte Beschreibung der verwendeten Methoden findet sich in [7]. In die Analyse wurden zwischen Januar 2000 und Dezember 2014 veröffentlichte randomisierte Studien und publizierte Protokolle zu derartigen Studien eingeschlossen, bei denen der Erst- oder Letztautor an ein Allgemeinmedizininstitut bzw. eine Allgemeinmedizinabteilung einer deutschen Universität angebunden war. Die Identifikation von RCTs erfolgte über Suchen in der Literaturdatenbank Scopus, die Durchsicht verfügbarer Publikationslisten der deutschen Universitätsinstitute und Abteilungen für Allgemeinmedizin sowie über die Durchsicht zitierter Quellen in eingeschlossenen Studien. Die bis 2010 publizierten Artikel waren ursprünglich für eine weiter gefasste Analyse allgemeinmedizinischer Publikationen gesucht worden [5, 6]; später publizierte Arbeiten wurden durch Aktualisierungssuchen identifiziert. Die Studienselektion, die Extraktion von Informationen aus den eingeschlossenen Studien und die Bewertung des Risikos von Verzerrungen mit dem Risk of Bias Tool der Cochrane Collaboration [8] erfolgte durch den Erstautor; bei Unsicherheiten wurde ein zweiter Reviewer hinzugezogen, der die Arbeit insgesamt supervidierte und die Risk-of-Bias-Bewertungen überprüfte.

Ergebnisse

 

Literatursuche und Studienselektion

Nach Prüfung von insgesamt 2.228 durch die Literatursuche identifizierten Quellen erfüllten insgesamt 60 RCTs, beschrieben in 95 relevanten Publikationen, unsere ursprünglich festgelegten Einschlusskriterien. Eine tabellarische Übersicht zu Studienteilnehmern, Interventionen, Kontrollen, Zielkriterien und Fallzahl aller 60 Studien findet sich im Online-Supplement 1, die Literaturangaben im Online-Supplement 2. Nach genauerer Prüfung entschlossen wir uns jedoch zehn Studien (in 16 Publikationen) aus den weiteren Analysen auszuschließen, da sie für unsere Fragestellung ungeeignet bzw. irrelevant erschienen: Bei vier Studien, in denen die Wirksamkeit von Akupunktur mit Scheinakupunktur bei klinisch relevanten Indikationen verglichen worden war, war der Erst- oder Letztautor zwar zum Zeitpunkt der Veröffentlichung an einem Allgemeinmedizininstitut tätig, wir hatten jedoch eindeutige Kenntnis darüber, dass die gesamte Planung und Durchführung erfolgt waren, als die jeweiligen Autoren an einer nicht-allgemeinmedizinischen Abteilung tätig waren. Bei fünf weiteren Studien handelte es sich um experimentelle Probandenstudien mit der Untersuchung von Kurzzeiteffekten auf Labor- oder physiologische Parameter (z.B. den Effekt von verbalen Suggestionen auf die Pupillengröße). Außerdem war bei drei dieser Studien die Erst- bzw. Letztautorin zwar auch (aufgrund einer Teilzeitstelle) mit einem Allgemeinmedizininstitut assoziiert, hatte die Studien jedoch im Rahmen ihrer Tätigkeit an einem Institut für medizinische Psychologie betreut. Schließlich war bei einer weiteren Studie der Letztautor ein deutscher Allgemeinmediziner, die Studie wurde jedoch in den USA durchgeführt.

In die weitere Analyse gingen somit 50 RCTs (in 79 Publikationen) ein: 33 Studien (62 Publikationen), zu denen zumindest erste Ergebnisse vorlagen, sowie 17 Studienprotokolle (17 Publikationen), zu denen bis Ende 2014 noch keine Ergebnisse verfügbar waren. Die Zahl der publizierten Studien und Studienprotokolle nahm zwischen den Jahren 2000 und 2014 stark zu (Abb. 1). Formale Merkmale der Studien sind in Tabelle 1 zusammengefasst.

Untersuchte Fragestellungen

Die Fragestellungen der Studien waren äußerst vielfältig; im Textkasten 1 sind exemplarische Beispiele aufgeführt. 45 der 50 Studien hatten einen eindeutigen klinischen Bezug; in 5 Studien (Details siehe Abschnitt „Andere Studien“ in Tabelle S3 im Online-Supplement 1) wurde der Wissenszuwachs durch definierte Interventionen bei Ärzten (3 Studien) oder Studenten (1 Studie) bzw. eine methodische Fragestellung bei Patienten untersucht (1 Studie). In 36 der eindeutig klinischen Studien litten die Studienteilnehmer an einer definierten Erkrankung bzw. es gab eine einzelne, eng definierte Indikation (siehe Beispiele 2, 3, 5 und 6 im Kasten). 8 Studien waren zwar krankheitsbezogen, jedoch ohne Begrenzung auf eine einzelne Diagnose (Beispiel 1). Beispiel 4 ist eine klinisch relevante Studie ohne Bezug auf bestimmte Erkrankungen, in der Intervention und Teile der Ergebnisbestimmung auf Praxisteamebene erfolgten. Nur in 14 Studien war die Intervention eine klar definierte Behandlungsstrategie (Beispiele 3, 5 und 6), für 31 Studien haben wir die Intervention dagegen als „prozessorientiert“ klassifiziert. D.h. die Intervention zielte auf Optimierung von Vorgehensweisen in der Praxis oder durch den Patienten über Trainingsprogramme (Beispiele 1 und 4), Case Management (Beispiel 2) oder ähnliche Strategien. Auffällig ist, dass unter den 14 Studien zu definierten Behandlungen 6 komplementärmedizinische bzw. naturheilkundliche Interventionen untersuchten. Unter den Zielkriterien waren harte klinische Endpunkte wie Hospitalisierung oder Tod die Ausnahme; häufig wurden dagegen Lebensqualität, funktionsbezogene oder auch prozessbezogene Zielkriterien bestimmt.

Finanzierung und beteiligte Abteilungen

Neunundzwanzig Studien wurden durch Bundes- oder Landesmittel finanziert (vereinzelt nur Teilfinanzierungen); das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ist mit Abstand die am häufigsten genannte Fördereinrichtung. Über eine Industrieförderung wurde dagegen nur in drei Fällen berichtet.

Autoren von 15 verschiedenen allgemeinmedizinischen Abteilungen waren an den Publikationen zu den eingeschlossenen Studien beteiligt. Bei 14 Studien waren Personen aus mehr als einer allgemeinmedizinischen Abteilung genannt. Am häufigsten waren die Abteilungen Heidelberg (10 Studien), Frankfurt (8), Düsseldorf, TU München, Witten-Herdecke (jeweils 6), Göttingen, Rostock (jeweils 5), Hamburg und Jena (jeweils 4) aufgeführt. In 47 Studien war der Erstautor, in 41 sowohl der Erst- als auch der Letztautor an ein Allgemeinmedizininstitut angebunden. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass für zwei Studien die für diese Analyse berücksichtigte Publikation nicht die Hauptpublikation war (d.h. bei der „wichtigsten“ vorliegenden Publikation war weder der Erst- noch der Letztautor aus einer allgemeinmedizinischen Abteilung). Bei mindestens 39 Studien (78 %) sprechen die vorliegenden Publikationen jedoch eindeutig dafür, dass die Federführung in der allgemeinmedizinischen Abteilung lag.

Methodische Aspekte

Aus methodischer Sicht ist vor allem der hohe Anteil clusterrandomisierter Studien (29 von 50) auffällig. Im Gegensatz zu „normalen“ RCTs, in denen jeder teilnehmende Patient aus einer Praxis, Ambulanz oder Klinik jeder Gruppe zugeordnet werden kann, erfolgen Randomisierung und Messung der Outcomes (Zielparameter) bei clusterrandomisierten Studien auf unterschiedlichen Ebenen. Meist wurden in den eingeschlossenen Studien Praxen randomisiert und das Studienergebnis auf Patientenebene ermittelt (Beispiele 1 und 2). Clusterrandomisierung erleichtert häufig die Durchführung einer Studie, da pro Praxis bzw. Cluster nur entweder die Intervention oder die Kontrollvorgehensweise umgesetzt werden muss, nicht beides. In der klassischen klinischen Forschung zu Medikamenten oder anderen definierten Therapien sind clusterrandomisierte Studien sehr selten, in der Versorgungs- oder Implementierungsforschung dagegen häufiger anzutreffen. In unserer Analyse sind 25 der 31 von uns als prozessorientiert klassifizierten Studien, aber nur 4 der insgesamt 14 Studien zu einer definierten Behandlung clusterrandomisiert. Auch ist die Zahl der Patienten in den clusterrandomisierten Studien (Median 735, Minimum/Maximum 144–46.000) im Schnitt deutlich höher als in den „normalen“ RCTs (80, 20–1.620). Ein großes Problem bei clusterrandomisierten Studien stellt in vielen Fällen jedoch das sogenannte „concealment“ dar, d.h. die Gewährleistung, dass beim Einschluss eines Patienten in eine Studie nicht vorhersagbar ist, in welcher Gruppe er ist. Dies ist in der Regel nur dann möglich, wenn die Rekrutierung der Patienten vor der Randomisierung der Praxen erfolgt – was in der Realität häufig nicht umsetzbar ist. In 10 der 17 fertiggestellten, clusterrandomisierten Studien in unserer Analyse war das „concealment“ aus unserer Sicht nicht gewährleistet. Dies kann und hat vermutlich in einigen der Studien zu relevanten Selektionseffekten geführt, d.h. dass sich Zahl, Merkmale und Abbrüche der Patienten zwischen den Gruppen erheblich unterschieden und damit das Biasrisiko groß ist. Auch ist die statistische Analyse aufgrund des Zwei-Ebenen-Charakters deutlich anspruchsvoller, was in einigen älteren Studien nicht angemessen beachtet wurde. In den eingeschlossenen Studienprotokollen scheinen die angesprochenen Probleme clusterrandomisierter Studien besser berücksichtigt worden zu sein.

Insgesamt ist die Qualität der vorliegenden Studien variabel und das Biasrisiko meist hoch. Dies ist jedoch vor allem darauf zurückzuführen, dass eine Verblindung von Intervention und Outcomemessung bei vielen der untersuchten Fragestellungen unmöglich war.

Ergebnisse der Studien

Aufgrund der Vielfältigkeit der Studien ist eine sinnvolle Zusammenfassung der Studienergebnisse schwierig. Aus Sicht der jeweiligen Autoren war in 9 der 33 Studien, bei denen ein Ergebnis vorlag, dieses eindeutig positiv (d.h. deutlich bessere Ergebnisse in der Interventionsgruppe), in weiteren 9 gab es zumindest teilweise signifikante Unterschiede und in 15 keine Unterschiede. Der Erstautor dieser Übersichtsarbeit beurteilte die Ergebnisse einzelner Studien etwas kritischer (7 positiv, 8 teilweise positiv und 18 keine Unterschiede). Eine zusätzlich durchgeführte statistische Schätzung der Effektgrößen bestätigte, dass große Gruppenunterschiede sehr selten waren. Zu beachten ist einerseits, dass in zwei Studien potenziell gleich wirksame Therapien verglichen wurden. Auch ist das Fehlen signifikanter Unterschiede nicht per se ein Problem. Da jedoch in der Regel ein Vergleich mit einer Kontrollgruppe ohne Intervention bzw. Usual Care oder mit minimaler Intervention erfolgte, ist der geringe Anteil „positiver“ Ergebnisse aus unserer Sicht auffällig. Zumindest teilweise entstand beim Lesen der Studien der Eindruck, dass Probleme bei Konzeption, Vorprüfung und Implementierung der häufig prozess- oder verhaltensorientierten Interventionen eine Rolle gespielt haben könnten.

Diskussion

Die Ergebnisse unserer Übersicht zeigen, dass trotz der schwierigen Rahmenbedingungen die Zahl der von deutschen Universitätsabteilungen für Allgemeinmedizin durchgeführten RCTs stark zugenommen hat. Ein Schwerpunkt liegt auf, zum Teil sehr großen, clusterrandomisierten Versorgungsforschungs-Studien zu prozessorientierten Interventionen. Immerhin fast die Hälfte der auf der DEGAM-Website (www.degam.de/allgemeinmedizinische-universitaetsab teilungen.html) verlinkten 36 Abteilungen war bei mindestens einer RCT beteiligt. Das Risiko von Verzerrungen (Bias) war bei einem relevanten Teil der Studien hoch; dies liegt aber mindestens zum Teil daran, dass bei Versorgungsforschungsstudien in der hausärztlichen Praxis eine Verblindung häufig nicht möglich ist. Die analysierten Studienprotokolle legen darüber hinaus nahe, dass Vorerfahrungen mit RCTs, zunehmende methodische Expertise und Vernetzung in der Zukunft zu einer weiteren Verbesserung führen dürften.

Es ist schwierig, den Output an RCTs der deutschen universitären Allgemeinmedizin im internationalen Vergleich einzuordnen. Wir konnten nur eine einzige Arbeit identifizieren, die sich mit einem ähnlichen Thema befasste. Kortekaas et al. veröffentlichten 2012 eine Analyse des Outputs an allgemeinmedizinischen RCTs („RCTs with a general practice setting“) zwischen 1990 und 2010 auf internationaler Ebene [9]. Von den 1935 eingeschlossenen Publikationen stammten 549 aus den USA, 511 aus Großbritannien, 201 aus Skandinavien, 194 aus den Niederlanden und 480 aus anderen Ländern. Angesichts der enormen Zahlen war dabei eine detaillierte Analyse der einzelnen Publikationen nicht möglich. Die Erstautorin stellte uns freundlicherweise die unveröffentlichte Liste der 52 Publikationen aus Deutschland zur Verfügung. 38 dieser Publikationen waren zwischen 2000 und 2010 publiziert worden, aber nur 10 (darunter 2 Studienprotokolle) waren auch von uns eingeschlossen worden. Dagegen hatten wir 10 zusätzliche RCTs für diesen Zeitraum identifiziert. Eine kleinere Zahl der von Kortekaas et al. erfassten Arbeiten waren Zusatzpublikationen zu bereits eingeschlossenen Studien, Duplikate oder keine echten RCTs. Vor allem war aber bei 22 Publikationen kein einziger der Autoren aus einem allgemeinmedizinischen Institut oder ein Hausarzt, bei 2 weiteren nur ein Mittelautor. Trotz dieser Schwierigkeiten bzgl. der Vergleichbarkeit der Analysen ist unzweifelhaft, dass Deutschland im Vergleich zu der kleinen Gruppe der „Spitzenländer der Allgemeinmedizinforschung“ nicht mithalten kann. Dies ergibt sich auch aus einer Analyse des Forschungsoutputs zur Primärversorgung insgesamt [10].

Eine methodische Schwachstelle unserer Übersicht ist, dass die Selektion der Studien, die Extraktion von Information, die Bewertung der Qualität und die Zusammenfassung der Studienergebnisse durch nur einen Reviewer erfolgten. Durch die enorme Vielfalt der Studien gestaltete sich insbesondere die einheitliche Bewertung des Verzerrungsrisikos und der Ergebnisse schwierig, sodass die entsprechenden Ergebnisse nur als orientierend bewertet werden sollten. Leider war es nicht mehr möglich, noch kurzfristig eine umfassende Suche für das Jahr 2015 bzw. 2016 durchzuführen. Daher haben wir auch uns bekannte wichtige neue Publikationen nicht mehr berücksichtigt [z.B. 11–15].

Schlussfolgerungen

Eine zunehmende Zahl universitärer Abteilungen für Allgemeinmedizin in Deutschland ist in der Lage, hochwertige RCTs durchzuführen. Um diese erfreuliche Entwicklung weiter voranzutreiben und die Studien noch praxisrelevanter gestalten zu können, erscheint insbesondere der Aufbau bzw. die intensive Förderung bestehender Forschungspraxennetze nach internationalem Vorbild unabdingbar [16–18].

Mitglieder des DFG-Netzwerkes Klinische Studien in der Allgemeinmedizin (zu Zeit der Reviewplanung/-durchführung): Jutta Bleidorn, Annette Becker, Antonius Schneider, Attila Altiner, Frank Peters-Klimm, Guido Schmiemann, Eva Hummers-Pradier, Ildikó Gágyor, Jean-François Chenot, Jörg Haasenritter, Martin Scherer, Stefanie Joos, Wilhelm Niebling, Michael M. Kochen

Interessenkonflikte: AS und KL waren an mehreren der in den Review eingeschlossenen RCTs beteiligt.

Anmerkung: Die dieser Publikation zugrunde liegende systematische Übersichtsarbeit ist die Grundlage der Promotionsarbeit von Stefan Heinmüller zum Dr. med. an der Medizinischen Fakultät der Technischen Universität München.

Ausführlich werden online die ein- und ausgeschlossenen Studien dokumentiert. Diese Dokumente können Sie von der Website der ZFA runterladen (www.online-zfa.de/).

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Klaus Linde

Institut für Allgemeinmedizin

Klinikum rechts der Isar

Technische Universität München

Orleansstraße 47

81667 München

Tel.: 089 614658916

klaus.linde@tum.de

Literatur

1. Kabisch M, Ruckes C, Seibert-Grafe M, et al. Randomisierte kontrollierte Studien – Teil 17 der Serie zur Bewertung wissenschaftlicher Publikationen. Dtsch Arztebl Int 2011; 108: 663–8

2. Gágyor I, Bleidorn J, Wegscheider K, et al. Practices, patients and (im)perfect data – feasibility of a randomised controlled clinical drug trial in German general practices. Trials 2011; 12: 91

3. Hummers-Pradier E, Bleidorn J, Schmiemann G, et al. General practice-based clinical trials in Germany – a problem analysis. Trials. 2012; 13: 205

4. Hummers-Pradier E. 40 Jahre DEGAM: Allgemeinmedizinische Forschung in Deutschland – Entwicklung und aktueller Stand. Z Allg Med 2006; 82: 409–414

5. Schneider A, Grossmann N, Linde K. The development of general practice as an academic discipline in Germany – an analysis of research output between 2000 and 2010. BMC Fam Pract 2012, 13: 58

6. Großmann N, Schneider A, Linde K. Publikation von Forschungsarbeiten durch die deutsche akademische Allgemeinmedizin von 2000 bis 2010. Z Allg Med 2012; 88: 345–54

7. Heinmüller S, Schneider A, Linde K, for the DFG Network Clinical Trials in General Practice. Quantity, topics, methods and findings of randomized controlled trials published by German university departments of general practice – systematic review. Trials 2016; 17: 211

8. Higgins JPT, Altman DG, Sterne JAC. Chapter 8: Assessing risk of bias in included studies. In: Higgins JPT, Green S (eds.). Cochrane Handbook for Systematic Reviews of Interventions Version 5.1.0 (updated March 2011). The Cochrane Collaboration, 2011. www.cochrane-handbook.org (letzter Zugriff am 17.03.2016)

9. Kortekaas M, Meijer A, ven de Pol AC, et al. RCTs in de huisartsgeneeskunde, 1990–2010. Huistarts & Wetenschap 2012; 55: 486–91

10. Glanville J, Kendrick T, McNally R, et al. Research output on primary care in Australia, Canada, Germany, the Netherlands, the United Kingdom, and the United States: bibliometric analysis. BMJ 2011; 342: d1028

11. Gágyor I, Bleidorn J, Kochen MM, et al. Ibuprofen versus fosfomycin for uncomplicated urinary tract infection in women: randomised controlled trial. BMJ 2015; 351: h6544

12. Klafke N, Mahler C, von Hagens C, et al. A complex nursing intervention of complementary and alternative medicine (CAM) to increase quality of life in patients with breast and gynecologic cancer undergoing chemotherapy: study protocol for a partially randomized patient preference trial. Trials 2015; 16: 51

13. Weltermann B, Viehmann A, Kersting C. Hypertension management in primary care: study protocol for a cluster randomized controlled trial. Trials 2015; 16: 105

14. Barzel A, Ketels G, Stark A, et al. Home-based constraint-induced movement therapy for patients with upper limb dysfunction after stroke (HOMECIMT): a cluster-randomised, controlled trial. Lancet Neurol 2015; 14: 893–902

15. Freund T, Peters-Klimm F, Boyd CM, et al. Medical assistant-based care management for high-risk patients in small primary care practices: a cluster randomized clinical trial. Ann Intern Med 2016; 164: 323–30

16. Güthlin C, Beyer M, Erler A, et al. Rekrutierung von Hausarztpraxen für Forschungsprojekte. Z Allg Med 2012; 88: 173–181

17. Peters-Klimm F, Freund T, Bentner M, et al. Aus der Praxis für die Praxis. Z Allg Med 2013; 89: 183–188

18. Gágyor I, Scherer M, Bleidorn J, et al. für die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) in Kooperation mit dem DFG-geförderten Netzwerk „Klinische Studien in der Allgemeinmedizin“. Unser Labor ist die Praxis. 2015. www.degam.de/netzwerk-klinische-studien.html (letzter Zugriff am 18. 03.2016)

Abbildungen:

Abbildung 1 Anzahl veröffentlichter RCTs (mit Ergebnissen) und Studienprotokolle (ohne Ergebnisse) in 3-Jahres-Zeiträumen

Tabelle 1 Merkmale der eingeschlossenen Studien mit Ergebnissen und der Studienprotokolle ohne Ergebnisse. Angegeben sind absolute Häufigkeiten (Prozent) bzw. Mediane (Minimum/Maximum).

Textkasten 1 Beispiele untersuchter Fragestellungen

Institut für Allgemeinmedizin, Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München Peer reviewed article eingereicht: 19.04.2016, akzeptiert: 03.05.2016 DOI 10.3238/zfa.2016.0259–0264


(Stand: 15.06.2016)

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