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Famulatur in der Allgemeinmedizin: die Sichtweise der Hausärzte auf die Lerninhalte

DOI: 10.3238/zfa.2017.0271-0277

Ergebnisse einer Umfrage

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Nils Schneider, Birgitt Wiese, Christina Termühlen, Jutta Bleidorn, Michael Hartung

Schlüsselwörter: Hausärzte Allgemeinmedizin Famulatur Lerninhalte Medizinstudenten

Hintergrund: Die Famulatur in der Primärversorgung soll das Interesse von Medizinstudierenden wecken und für die spätere hausärztliche Tätigkeit motivieren. Dabei gibt es jedoch für die Lerninhalte einer Famulatur keine Richtlinien bzw. curriculare Vorgaben der Fakultäten. Die von Hausärzten für Studierende als erforderlich erachteten Lerninhalte waren daher Ziel der vorliegenden Befragung.

Methoden: 50 % (n = 2087, Zufallsstichprobe) der Hausärzte in Niedersachsen und die Lehrpraxen des Instituts (n = 241) erhielten einen Fragebogen, der u.a. den Frageblock „Famulatur in der hausärztlichen Praxis: Lerninhalte“ enthielt. Die Einschätzung der Erfordernis verschiedener Inhalte aus Bereichen wie z.B. „Hausärztliche Basisfertigkeiten“ erfolgte auf einer 5-stufigen Likert-Skala von 1 = nicht erforderlich bis 5 = unbedingt erforderlich. Die Antworten 4 oder 5 wurden addiert und als „erforderlich“ für das jeweilige Item gewertet.

Ergebnisse: Der Rücklauf lag bei 627 Fragebögen (27 %). Der Großteil der Hausärzte (69 %) hatte bereits Erfahrungen mit Studierenden in der Praxis. Als vorrangig erforderliche Lerninhalte (für mehr als 90 % der TN) wurden genannt: Anamnese, körperliche Untersuchung und Beurteilung der psychosozialen/medizinischen Situation. Als deutlich weniger erforderlich wurden eingestuft: Blutentnahme, EKG kennen, geriatrisches Assessment, Betreuung von Randgruppen, DMP-Programme, leitliniengerechte Diagnostik/Therapie und Praxismanagement.

Schlussfolgerungen: Aus der Sicht von Hausärzten bestehen relevante Lerninhalte der Famulatur in der Hausarztpraxis vor allem in den „klassischen“ hausärztlichen Tätigkeiten wie Anamnese, körperliche Untersuchung und Beurteilung der psychosozialen/medizinischen Situation.

Hintergrund

Eine Famulatur ist ein wichtiger praxisnaher Abschnitt in der Ausbildung von Medizinstudenten. Dabei ist eine vierwöchige Famulatur in der Primärversorgung seit 2012 in der Approbationsordnung verbindlich festgelegt [1]. Diese kann bei Allgemeinmedizinern, Kinderärzten oder hausärztlich tätigen Internisten abgeleistet werden. Ziel ist es insbesondere, Medizinstudierenden schon frühzeitig im Studium Einblick in die hausärztliche Tätigkeit zu ermöglichen und Interesse für das Fach zu vermitteln [1]. Damit stellt die Famulatur neben dem curricular verankerten mindestens zweiwöchigen Blockpraktikum einen wichtigen Baustein in der allgemeinmedizinischen Ausbildung dar.

Untersuchungen bei Studierenden belegen, dass die Motivation für eine spätere Tätigkeit als Hausarzt durch die Ausbildung in allgemeinmedizinischen Praxen im Rahmen des Blockpraktikums gesteigert wird [2–4]. Studierende erfahren im Praxisalltag wichtige Aspekte der Patientenversorgung, die im Klinikalltag kaum vermittelt werden können. Dazu gehört unter anderem das Wahrnehmen der Patienten in ihrem sozialen und beruflichen Umfeld, die longitudinale Versorgung alter und multimorbider Patienten sowie die Diagnostik und Therapie im Niedrig-Prävalenzbereich [5]. An einigen Fakultäten ergänzen inzwischen Modellprojekte das klassische Blockpraktikum [6]. So können bspw. Studierende in den „Landpartien“ die Arbeit des Hausarztes auf dem Land hautnah kennenlernen [7]. Zusätzlich werden an vielen Hochschulen inzwischen Lehrveranstaltungen zu ärztlichen Kompetenzen wie ärztliche Basisfertigkeiten und Kommunikation angeboten, um die Studierenden auf das praktische Arbeiten optimal vorzubereiten [8, 9].

Die internationale Studienlage zur langfristigen Bedeutung von Ausbildungsabschnitten in der Hausarztpraxis wird in einem systematischen Review von 2015 dargestellt [10]. Dabei verändert ein Ausbildungsabschnitt in der Praxis die Einstellung zur hausärztlichen Medizin positiv [3, 4], ohne jedoch unmittelbar dazu beizutragen, nach Abschluss des Studiums eine Weiterbildung in der Allgemeinmedizin zu beginnen [10].

Für die Lernziele und Inhalte der Famulaturen im Medizinstudium existieren keine verbindlichen Grundlagen, im Jahr 2013 wurde jedoch von einer Arbeitsgruppe u.a. der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) und dem Hausärzteverband eine „Lern- und Lehrhilfe in der Famulatur“ veröffentlicht [11]. Die sog. Lernangebote umfassen z.B. Basisfertigkeiten wie die Anamneseerhebung und ärztliche Gesprächsführung sowie die Langzeitbetreuung chronisch kranker Patienten. Trotzdem liegen bei der Famulatur in der Primärversorgung die Lerninhalte komplett im Ermessen der betreuenden (Haus-)Ärzte und nicht in der Verantwortung der medizinischen Fakultäten. Ein Status als akademische Lehrpraxis ist für die Ausbildung von Famulanten – anders als für die Tätigkeit als Lehrarzt für Blockpraktikums-Studierende – nicht erforderlich. Insbesondere welche Fähigkeiten von den Hausärzten bei den Famulanten als wichtig für eine (spätere) hausärztliche Tätigkeit erachtet werden und was die Studierenden damit aus der Praxis „mitnehmen“ sollen, ist nicht näher bekannt.

Das Ziel der vorliegenden Studie war es, die Erfahrungen und Sichtweisen von Hausärzten zur hausärztlichen Famulatur zu untersuchen. Insbesondere sollte folgende Forschungsfrage beantwortet werden: Welche Fähigkeiten erachten Hausärzte als erforderliche Lerninhalte einer Famulatur?

Methoden

Studiendesign, Teilnehmer und Vorgehen

Im Jahr 2014 wurde eine schriftliche Befragung niedersächsischer Hausärzte durchgeführt. Eine 50%-Zufallsstichprobe der an der kassenärztlichen Versorgung teilnehmenden Hausärzte in Niedersachsen (Gesamtzahl n = 2087) wurde per Brief kontaktiert und um Rücksendung des beigefügten Fragebogens per Fax gebeten. Die Anschriften wurden der Arztauskunft der Ärztekammer und Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (www.arztauskunftniedersachsen.de/arztsuche/index.action) entnommen. Zudem wurden die Lehrpraxen des Instituts für Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (n = 241) separat angeschrieben, um eine Vollerhebung für diese Subgruppe durchzuführen. Da es sich um eine anonyme Umfrage handelte, war eine direkte Nacherhebung bei den Nichtteilnehmern nicht möglich.

Fragebogen

Die in der vorliegenden Arbeit dargestellten Ergebnisse zu Inhalten einer Famulatur aus Hausarztsicht waren Teil eines umfangreicheren Fragebogens zu den Erfahrungen von Hausärzten zu unterschiedlichen Aspekten der Ausbildung von Medizinstudenten in der Praxis; die Auswahl der Themen und Konzeption der Fragen erfolgte auf der Grundlage der vorhandenen Literatur [12]. Der Fragebogen war in folgende Abschnitte aufgeteilt:

Erfahrungen mit Studierenden in der Praxis

sofern zutreffend, Gründe warum bisher keine Studierenden betreut wurden

Famulatur in der hausärztlichen Praxis: Lerninhalte

Einstellung zum PJ-Tertial Allgemeinmedizin

Einschätzung der Attraktivität der Tätigkeit als Hausarzt

Fragen zu soziodemografische Daten

Die Ergebnisse der Befragung zum PJ-Pflichtabschnitt Allgemeinmedizin wurden bereits in dieser Zeitschrift veröffentlicht [13].

Der Abschnitt „Famulatur in der hausärztlichen Praxis: Lerninhalte“ des Fragebogens wurde in Anlehnung an [12] noch weiter unterteilt in die relevanten Items: Hausärztliche Basisfertigkeiten; Haus- und Familienärztliche Funktion; Primärärztliche Filter- und Steuerfunktion; Gesundheitsbildungsfunktion; Langzeitbetreuung; Praxismanagement. Die Fragen zu den Famulaturinhalten sind Tabelle 1 zu entnehmen. Die Antworten wurden über eine 5-stufige Likert-Skala erfasst, beginnend bei 1 = nicht erforderlich bis 5 = unbedingt erforderlich.

Mit fünf in eigener Praxis tätigen Hausärzten wurde ein Pretest des Fragebogens durchgeführt. Ein positives Votum der Ethikkommission der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) liegt vor (Nr. 2166–2014).

Statistische Analyse und Darstellung

Es erfolgte eine deskriptive Auswertung mit Angabe der Häufigkeiten, ergänzt durch den Chi-Quadrat-Test beim Vergleich zweier Gruppen mit nominalen Parametern und den Linear-Trend-Test für ordinale Variablen (Einfluss des Alters der Ärzte und der Status Lehrpraxis auf die Berufszufriedenheit). Die Daten wurden mit SPSS Version 23 ausgewertet.

Für die Darstellung der Ergebnisse zu den Famulaturinhalten wurden in einem zweiten Auswertungsschritt die Teilnehmer zusammengefasst, die die jeweilige Tätigkeit mit 4 oder 5 (Skala 1 = nicht erforderlich bis 5 = unbedingt erforderlich) bewertet haben und diese also für erforderlich hielten.

Ergebnisse

Charakterisierung der befragten Ärzte und Lehrerfahrung

Von den angeschriebenen 2328 Hausarztpraxen erhielten wir 627 auswertbare Fragebögen zurück. Der Rücklauf lag damit insgesamt bei 27 %. In der Subgruppe der akademischen Lehrpraxen des Instituts für Allgemeinmedizin der MHH lag der Rücklauf höher (57 %, 137 von 241 Ärzten). Der größte Anteil der befragen Ärzte war zwischen 50 und 59 Jahre alt und vorwiegend männlich. Die Ärzte waren überwiegend eine bereits lange Zeit hausärztlich tätig (Mittelwert 17,3 Jahre ± 9,3), davon 38 % über 21 Jahre lang. Die weiteren soziodemografischen Daten der Teilnehmer finden sich in Tabelle 2.

Tabelle 3 zeigt die Erfahrung der Ärzte mit Studierenden auf: Der größte Anteil der teilnehmenden Hausärzte (69 %) hat bereits Studierende in der Praxis betreut. Dabei hatten 59 % Erfahrungen mit Famulanten gesammelt. Etwa 1/3 der teilnehmenden Hausärzte sind in akademischen Lehrpraxen tätig. Die Wahl einer Famulaturpraxis durch die Studenten erfolgt – nach Kenntnis der Hausärzte – am häufigsten durch den Wunsch nach einer heimatnahen Praxis (43 %) oder durch persönliche Bekanntschaft mit einem Hausarzt (39 %).

Famulatur in der hausärztlichen Praxis: Lerninhalte

Die Bewertung der Inhalte erfolgte auf einer 5-Punkte-Likert-Skala von nicht erforderlich = 1 bis unbedingt erforderlich = 5. Bei der Darstellung der Ergebnisse wurde jeweils addiert, wie viele Teilnehmer den entsprechenden Item mit 4 oder 5 bewertet haben, also für (unbedingt) erforderlich halten.

Die Antworten zu den hausärztlichen Basisfähigkeiten sind in Abbildung 1 dargestellt. Dabei erachten 92 % der Hausärzte die Fähigkeit, eine anlassbezogene Anamnese bzw. körperliche Untersuchung (91 %) durchzuführen, als erforderlichen Lerninhalt. Mehr technische Fähigkeiten wie das Anlegen und Beurteilen eines EKG oder die Blutentnahme wird von 56 bzw. 60 % der Hausärzte als erforderlich eingestuft.

Bei der haus- und familienärztlichen Funktion (Abb. 2) ist besonders die Beurteilung des häuslichen, beruflichen und sozialen Umfeldes der Patienten von Bedeutung (für 83 % der Befragten erforderlicher Lerninhalt), gefolgt von der Einschätzung der Dringlichkeit von Haus- bzw. Heimbesuchen (78 %) und des Kennenlernens der Versorgung von Kindern und Jugendlichen (72 %). Am wenigsten Gewicht haben „den Inhalt einer Arzttasche kennenlernen“ (61 %) und das geriatrische Basisassessment sowie die Betreuung von Randgruppen mit je 56 %.

Bei der primärärztlichen Filter- und Steuerungsfunktion (Abb. 3) erachten die weitaus meisten Teilnehmer (TN) die Beurteilung der medizinischen (95 %) und psychosozialen Situation (91 %) als erforderlich. Deutlich weniger TN halten die Kenntnis einer leitliniengerechten Diagnostik und Therapie (69 %) für einen erforderlichen Lerninhalt.

Der Impfberatung (80 %) wird bei der Gesundheitsbildungsfunktion (ohne Abb.), gefolgt von den Vorsorgeuntersuchungen (75 %), von den Hausärzten eine große Bedeutung zugeschrieben. Im Bereich der Langzeitbetreuung (ohne Abb.) sind das Lotsen (Originalfrage „Führung“, s. Tab. 1) von Patienten und Angehörigen sowie das Erstellen und Beurteilen von Medikamentenplänen für je 79 % essentiell. Das Kennenlernen von Programmen für chronisch kranke Patienten (DMP) scheint nur 39 % der Hausärzte als Lerninhalt für Studierende erforderlich zu sein. Der letzte Punkt, die Wichtigkeit des Praxismanagements, erscheint den Hausärzten mit 46 % von eher sekundärer Bedeutung für Studierende zu sein.

Lehrbeteiligung und Akzeptanz von Famulanten

Was den Umfang einer möglichen Betreuung von Famulanten betrifft, können sich 63 % der Hausärzte die Betreuung von 1–2 Famulanten und 22 % von 3–4 Famulanten pro Jahr vorstellen. Lediglich 8 % können sich gar keine Studenten in ihrer Praxis vorstellen. Dabei steigt die Akzeptanz von Famulanten umso deutlicher an, je attraktiver die befragten Ärzte die hausärztliche Tätigkeit für zukünftige Ärzte einschätzen (Abb. 4). Dieser Zusammenhang ist signifikant (p = 0,019 im Chi-Quadrat-Test nach Pearson). Dabei gab es keine statistisch sign. Unterschiede bezogen auf das Alter bzw. den Status als Lehrpraxis der Ärzte.

Diskussion

Die befragten Ärzte erachten bei den Lerninhalten einer hausärztlichen Famulatur die Kenntnis einer anlassbezogenen Anamnese und Untersuchung sowie das Wissen um die medizinische und psychosoziale Situation eines Patienten als besonders erforderlich.

Etwas weniger stark gewichtet, aber auch erforderlich sind die Kenntnis des Patienten mit seinem häuslichen, beruflichen und sozialen Umfeld, das „Führen“ von Patienten und Angehörigen bei chronischen Krankheiten, das Erstellen von Medikamentenplänen und die Impfberatung sowie Vorsorgeuntersuchungen. Der Großteil der Hausärzte könnte sich am ehesten die Betreuung von 1–2 Famulanten pro Jahr vorstellen, dabei steigt die Akzeptanz von Famulanten mit der Attraktivität des Berufes in der Eigenbetrachtung.

Trotz einiger Literatur zur Ausbildung von Studenten in Hausarztpraxen [3, 4] bleiben Inhalt und Qualität der studentischen Lehre aufgrund der großen Variabilität der Praxen (Größe, Anzahl der Ärzte, Stadt/Land-Unterschiede) schwierig zu erfassen; vor diesem Hintergrund wurde die Ausbildung in Hausarztpraxen 1999 von Shipengrover und James als „black box“ bezeichnet [14]. Während die Einstellung und das Erleben von Hausärzten bzgl. Studierenden in der Praxis bereits untersucht und in einem neueren internationalen Review dargestellt worden ist [10], fehlen Studien zur hausärztlichen Sicht auf die notwendigen Lerninhalte während einer Famulatur. Im Gegensatz dazu sind die Erwartungen von Medizinstudierenden an die gewünschten Lernerkenntnisse in der Hausarztpraxis beschrieben worden: Am häufigsten wurden in der Arbeit von Chenot et al. das Erkennen häufiger Erkrankungen, kommunikative Fähigkeiten und die eigenständige körperliche Untersuchung genannt [15]. Gerade die beiden letztgenannten Aspekte decken sich mit unseren Ergebnissen zur Hausarztsicht: Anamnese, Kommunikation und körperliche Untersuchung sind für Studierende und Hausärzte gleichermaßen relevante Lerninhalte einer Famulatur.

Die tatsächlichen Lerninhalte bei einer Praxisfamulatur liegen jedoch – mangels curricularer Vorgaben – im Ermessen des jeweiligen Hausarztes. In der vorliegenden Studie wird von den teilnehmenden Hausärzten der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und der Kenntnis der gesundheitlichen Situation des Patienten eine hohe Priorität als zu vermittelnder Lerninhalt eingeräumt. Die sog. „erlebte Anamnese“ unter langjähriger Kenntnis der Lebensumstände des Patienten und die körperliche Untersuchung sind für den Hausarzt als Generalisten von höchster Relevanz [16]. Im Einklang dazu ordnen die Hausärzte auch den Aspekten des Kennens der psychosozialen Situation eines Patienten und seines familiären/beruflichen Umfeldes eine große Bedeutung in der studentischen Ausbildung zu. Anders als bei einer eher krankheitszentrierten Betrachtungsweise ist der Hausarzt auch in der Prävention von Krankheiten gefordert [16], wie anhand der Lerninhalte zur Impfberatung und Vorsorgeuntersuchung deutlich wird.

Interessanterweise erachten die Teilnehmer praxisrelevante Aspekte wie DMP-Programme oder das Praxismanagement für weniger wichtige Lerninhalte. Dies könnte daran liegen, dass diese Themen dynamischen (politischen) Änderungen unterliegen und deshalb von überschaubarer Halbwertzeit für die aktuell Studierenden sind. Nach Ansicht der Autoren sind solche Themen (Praxisführung, Verdienstmöglichkeiten) in den allgemeinmedizinischen Seminaren jedoch von großem Interesse für die Studierenden.

Die Lerninhalte, die Hausärzte für wichtig erachten, sollten mit den Famulanten vereinbart werden [11]. Der Ausschuss Primärversorgung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA) hat 2012 eine Stellungnahme zu Famulaturen vorgelegt und dieses in einem Positionspapier veröffentlicht [17]. In diesem wird ausführlich dargelegt, die Ausbildungsinhalte bei Famulaturen den „Vorkenntnissen und Interessen“ der Studierenden anzupassen [17].

Nicht zuletzt bleibt vieles vom Engagement des einzelnen Hausarztes abhängig, dabei ist wie in der vorliegenden Studie gezeigt wurde ein eindeutiger Zusammenhang zwischen der empfundenen Attraktivität des Berufes mit der Bereitschaft zur Ausbildung von Famulanten zu nennen.

Stärken und Schwächen der Untersuchung

Es handelt sich um eine Studie aus dem Flächenland Niedersachsen mit 627 teilnehmenden Hausärzten. Insofern geben die Ergebnisse Einblicke in eine gemischt städtische und ländliche hausärztliche Versorgungslandschaft. Über die Hälfte der Rückmeldungen kam aus kleinen Orten bzw. Kleinstädten (Tab. 2).

Limitationen der Studie bestehen darin, dass nicht erhoben wurde, ob und wie Lerninhalte mit den jeweiligen Famulanten besprochen wurden. Auch wurden Begründungen für die Einstufung der Lerninhalte nicht erfragt. Ebenso wurde nicht eruiert, welche Erfahrungen die Studierenden mitbringen bzw. ob sie vorher schon ein Blockpraktikum absolviert haben.

Die Lehrpraxen des Instituts für Allgemeinmedizin der MHH wurden separat zur Teilnahme eingeladen, sodass hier ein Bias vorliegen kann. Darauf weist auch die erhöhte Response-Rate der Lehrpraxen hin, sodass insgesamt ein Selektionseffekt mit dem Schwerpunkt auf lehrengagierten Ärzten zu erwarten ist. Durch den Status einer Lehrpraxis könnte eine höhere Motivation zur Ausbildung vorhanden sein, wobei die Lehrpraxen häufig schon mit Blockpraktikanten ausgelastet sind und deshalb möglicherweise weniger Famulanten betreuen können. Die insgesamt niedrige Rücklaufrate schränkt die Übertragbarkeit ein; auch hier ist zu erwarten, dass ein Bias zugunsten der lehrmotivierteren Hausärzte besteht.

Schlussfolgerungen

Die vorliegende Arbeit schließt eine Lücke in der Diskussion um die praxisnahe Ausbildung von Studierenden in der Allgemeinmedizin und zeigt die Lerninhalte auf, die Hausärzte bei Famulanten für wichtig erachten. Dabei sind die anlassbezogene Anamnese, die körperliche Untersuchung und die Beurteilung der medizinischen sowie der psychosozialen Situation eines Patienten die vier wichtigsten Lerninhalte. Etwas geringer ausgeprägt, jedoch ebenfalls von Bedeutung sind: die Kenntnis des ganzen Patienten mit seinem familiären, sozialen und beruflichen Umfeld, das „Führen“ von Patienten und Angehörigen bei chronischen Erkrankungen, Erstellung von Medikamentenplänen, Impfberatung und Vorsorgeuntersuchungen.

Die Lerninhalte decken sich nur teilweise mit den bekannten Erwartungen von Studierenden, z.B. bei dem Punkt „Erlernen der körperlichen Untersuchung“ [17]. Vorgespräche und weiterer Feedback-Gespräche während einer Famulatur könnten dazu beitragen, einen Konsens zwischen Student und Arzt über die gewünschten Lerninhalte zu schaffen [11].

Danksagung: Die Autoren danken herzlich allen Hausärzten, die an der Befragung teilgenommen haben.

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Olaf Krause

Institut für Allgemeinmedizin

Medizinische Hochschule Hannover

Carl-Neuberg-Straße 1

30625 Hannover, Deutschland

Tel.: 0511 5322744

Krause.Olaf@mh-hannover.de

Literatur

1. www.degam.de/files/Inhalte/Degam-Inhalte/Sektionen_und_Arbeitsgruppen/AG%20Famulatur/Pflicht-Famulatur_?beim_Hausarzt.pdf (letzter Zugriff am 17.11.2016)

2. Dunker-Schmidt C, Breetholt A, Gesenhues S. Blockpraktikum in der Allgemeinmedizin: 15 Jahre Erfahrung an der Universität Duisburg-Essen. Z Allg Med 2009; 85: 170–175

3. Böhme K, Sachs P, Niebling W, Kotterer A, Maun A. Macht das Blockpraktikum Allgemeinmedizin Lust auf den Hausarztberuf? Eine Analyse studentischer Evaluationen. Z Allg Med 2016; 92: 220–5

4. Koné I, Paulitsch MA, Ravens-Taeuber G. Blockpraktikum Allgemeinmedizin: Welche Erfahrungen sind für Studierende relevant? Z Allg Med 2016; 92: 357–62

5. Puvanendran R, Vasanwala FF, Kamei RK, Hock LK, Lie DA. What do medical students learn when they follow patients from hospital to community? A longitudinal qualitative study. Med Educ Online 2012; 17

6. Blozik E, Ehrhardt M, Scherer M. Förderung des allgemeinmedizinischen Nachwuchses. Initiativen in der universitären Ausbildung von Medizinstudierenden.Bundesgesundheitsbl 2014; 57: 892–902

7. Barthen L, Beig I, Sennekamp M, Gerlach FM, Erler A, Ravens-Taeuber G. Raus aufs Land während des Medizinstudiums. Eine Übersicht zu bestehenden und geplanten allgemeinmedizinischen Förderangeboten. Z Allg Med 2016; 92: 448–55

8. Fischer T, Chenot JF, Kleiber C, et al. Kurs „ärztliche Basisfähigkeiten“ – Evaluation eines primärärztlich orientierten Unterrichtskonzepts im Rahmen der neuen Approbationsordnung. GMS Z Med Ausbild 2005; 22: Doc59

9. von Lengerke T, Kursch A, Lange K, APG-Lehrteam MHH. Das Gesprächsführungspraktikum im 2. Studienjahr des Modellstudiengangs HannibaL: Eine Evaluation mittels Selbsteinschätzungen der Studierenden. GMS Z Med Ausbild 2011; 28: Doc54

10. Turkeshi E, Michels NR, Hendrickx K, Remmen R. Impact of family medicine clerkships in undergraduate medical education: a systematic review. BMJ Open 2015; 5: e008265

11. Stein K, Maisel P, Klein R. Lern- und Lehrhilfe in der Famulatur. Was Hausärzte und Famulanten inhaltlich vereinbaren können. Der Hausarzt 2013; 12/13: 22

12. Klein R. Änderung der Approbationsordnung: Pflicht-Famulatur beim Hausarzt. Z Allg Med 2013; 89: 88–92

13. Bleidorn J, Termühlen J, Wiese B, Schneider N. PJ-Pflichtabschnitt Allgemeinmedizin – Ergebnisse einer Befragung unter Hausärzten in Niedersachsen. Z Allg Med 2014; 90: 469–74

14. Shipengrover JA, James PA. Measuring instructional quality in community-orientated medical education: looking into the black box. Med. Educ. 1999; 33: 846–53

15. Chenot JF, Kochen MM, Himmel W. Student evaluation of a primary care clerkship: quality assurance and identification of potential for improvement. BMC Med Educ 2009; 9: 17

16. www.degam.de/files/Inhalte/Degam-Inhalte/Ueber_uns/Positionspapiere/DEGAM_Zukunftspositionen.pdf (letzter Zugriff am 17.11.2016)

17. Huenges B, Gulich M, Böhme K, et al. Empfehlungen zur Ausbildung im primärversorgenden Bereich – Positionspapier des GMA-Ausschuss Primärversorgung. GMS Z Med Ausbild 2014; 31: Doc35

Abbildungen:

Tabelle 1 Fragen – Famulatur in der hausärztlichen Praxis: Lerninhalte [gekürzt nach 12]

Tabelle 2 Soziodemografische Daten der teilnehmenden Ärzte (n = 627)

Tabelle 3 Erfahrung mit Studierenden und Kontaktaufnahme zu Famulanten

Abbildung 1 Lerninhalte: Hausärztliche Basisfähigkeiten. Prozent der TN, die mit 4 = erforderlich oder 5 = unbedingt erforderlich bewertet haben

Abbildung 2 Lerninhalte: Haus- und Familienärztliche Funktion. Prozent der TN, die mit 4 = erforderlich oder 5 = unbedingt erforderlich bewertet haben

Abbildung 3 Lerninhalte: Primärärztliche Filter- und Steuerfunktion. Prozent der TN, die mit 4 = erforderlich oder 5 = unbedingt erforderlich bewertet haben

Abbildung 4 Vergleich der Attraktivität des Berufsfeldes des Hausarztes mit der Akzeptanz von Famulanten. Aussage: Meiner Meinung nach ist die Tätigkeit als Hausärztin/arzt ein insgesamt attraktives Berufsfeld für zukünftige Ärztinnen und Ärzte. Antwortmöglichen: 1 = trifft gar nicht zu, 2, 3, 4 bis 5 = trifft voll zu. Grüne Balken = keine Zustimmung zur Ausbildung von Famulanten; hellgrüne Balken = Zustimmung zur Ausbildung von Famulanten

Institut für Allgemeinmedizin, Medizinische Hochschule Hannover Peer reviewed article eingereicht: 18.10.2016, akzeptiert: 23.12.2016 DOI 10.3238/zfa.2017.0271–0277


(Stand: 26.06.2017)

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