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Evidenzbasierte und praktische Diabetologie – Unabhängige Fortbildung mit Begeisterung in Jena

DOI: 10.3238/zfa.2017.0283-0285

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Michael H. Freitag, Sandra Blumenthal

Die legendäre von Prof. Michael Berger auf Gut Höhne bei Düsseldorf ins Leben gerufene Fortbildungsreihe „Moderne Klinische Diabetologie“ wird unter Federführung von Prof. Ulrich A. Müller seit 2001 erfolgreich in Jena fortgeführt. Die hausärztliche Perspektive wurde in den letzten drei Jahren durch die Beteiligung der DEGAM an der wissenschaftlichen Leitung immer stärker berücksichtigt. Um den Fokus dieser bundesweit einzigartigen diabetologischen Fortbildung fortan schon im Titel zu betonen, erfolgte im letzten Jahr die Umbenennung in „Evidenzbasierte und praktische Diabetologie“.

Unabhängige interdisziplinäre Fortbildung

Erfreulicherweise findet die Veranstaltung seit zwei Jahren ohne Sponsoring durch pharmazeutische Unternehmen statt. Werbebotschaften, bedruckte Kugelschreiber und Aufsteller pharmazeutischer Unternehmen hat mutmaßlich keiner der Anwesenden ernsthaft vermisst.

Unter der wissenschaftlichen Leitung von Ulrich A. Müller und Vertretern der DEGAM, der Diabetologie und der Evidenzbasierten Medizin (Heinz-Harald Abholz, Michael Freitag, Ingrid Mühlhauser, Bernd Richter, Alexander Risse, Maximilian Spraul und Til Uebel) entstand in diesem Jahr erneut ein Programm, das zum Wissenstransfer zwischen Forschung, Klinik und Praxis einlud. Allgemeinärzte*, Internisten, Diabetologen, Endokrinologen, Diabetesberater und Diabetesassistenten, Vertreter der Grundlagenforschung, der Ethik und der Evidenzbasierten Medizin diskutierten drei Tage lang kritisch auf Augenhöhe. Dabei waren Vorträge, aber auch Seminare so gehalten, dass sie für jede Berufsgruppe gleichermaßen ansprechend wie herausfordernd waren. Dass jede Veranstaltung trotzdem – oder vielleicht auch gerade deswegen – den jeweils aktuellen Stand der Wissenschaft berücksichtigte, ist auch dem unermüdlichen Einsatz von Ulrich Müller zu verdanken, der sich im Vorfeld der Tagung intensiv mit den Dozenten austauschte und noch bis zum Beginn der Veranstaltung aktuelle Arbeiten diskutierte. Anders als bei anderen von Spezialisten ausgerichteten Veranstaltungen erfolgt bei der Jenaer Tagung der Wissenstransfer von der universitären Poliklinik über diabetologische Zentren und Schwerpunktpraxen bis hin zur Hausarztpraxis – und wieder zurück. Durch die ebenfalls anwesenden Vertreter aus dem Bereich Public Health, Sozialmedizin und EbM erwies sich diese bescheiden als „Fortbildungskurs“ deklarierte Veranstaltung als interdisziplinäre Schnittstelle bei einem Krankheitsbild, das über die rein medizinische Dimension, welcher Fachdisziplin auch immer, deutlich hinausgeht.

Spannendes wissenschaftliches Tagungsprogramm mit Praxisorientierung

Vom 18. bis 20. November 2016 fand die 28. Tagung mit 220 Teilnehmern in Jena statt. Alle drei Fortbildungstage beinhalteten eine Mischung aus spannenden Frontalvorträgen, anschließender Diskussion und interaktiven Workshops. Inhalte der Vorträge konnten in den Seminaren von den Kursteilnehmern aufgegriffen und weiter diskutiert werden.

Christoph Kofahl eröffnete den Kongress am Freitagnachmittag mit einem Vortrag zum Zusammenhang von Krankheit und Sozialstatus am Beispiel des Diabetes. Johannes Roth und Michael Freitag diskutierten anschließend die Blutdruckzielwerte für Menschen mit Diabetes mellitus, da insbesondere die SPRINT-Studie neue Bewegung in die Diskussion über niedrigere Zielwerte brachte [1, 2].

Wolfgang Kerners Vortrag zur Historie der HbA1c-Bestimmung und der möglichen Schwankungsbreite dieses Parameters sorgte bei vielen Kongressteilnehmern für Zweifel an vermeintlichen Sicherheiten. Kerner stellte nicht nur die Varianz bei der Messung des HbA1c durch einzelne Labore dar, sondern verwies auch auf physiologische Schwankungen des HbA1c von bis zu 0,5 %. Hinzu kommen Veränderungen des HbA1c durch Alter, Ethnie und bei hämatologischen und nephrologischen Erkrankungen. Bei den anschließenden Workshops, beispielsweise zur Versorgung des diabetischen Fußsyndroms, den Besonderheiten bei der Versorgung von älteren Patienten oder den praktischen Übungen von Sensor und Bolusmanager, konnten auch die Teilnehmer eigene Erfahrungen und Kasuistiken einbringen.

Den Samstag leitete Ulrich Müller mit der kritischen Betrachtung neuer Medikamente bei Fettstoffwechselstörungen am Beispiel der PCSK9-Hemmer ein. Nachfolgend diskutierte Viktor Jörgens die Ergebnisse der LEADER- und SUSTAIN-6-Studie kritisch. Erfreulicherweise ließ er dabei wichtige Aspekte der hausärztlichen Praxis, wie massive Übelkeit und Erbrechen als unerwünschte Arzneimittelwirkung unter Liraglutid, nicht unerwähnt [3, 4]. Es war ein Kennzeichen der Tagung, dass nicht nur an dieser Stelle Fragen diskutiert wurden, die über den Tellerrand der Medizin hinausgingen. Wegen Therapiekosten von über 8.000 Euro/Jahr im Fall der PCSK9-Hemmer (versus 87 Euro/Jahr bei Simvastatin) entfachte Heinz-Harald Abholz als Moderator eine kleine Kontroverse. Die Frage, ob es nicht unethisch oder zumindest fragwürdig sei, Medikamente zu entwickeln, deren Nutzen mit einer absoluten Risikoreduktion der Mortalität von 0,23 % gering ist (Gesamtmortalität bei PCSK9 0,3 %, in Kontrollgruppe 0,53 % [5]). Diese Therapiekosten hätten das Potenzial, ganze Gesundheitssysteme finanziell zum Wanken zu bringen [6], was sich nicht nur nachfolgende Medizinergenerationen fragen müssten. Victor Jörgens stellte in den Raum, dass z.B. auf den Philippinen das Jahresgehalt einer Diabetesberaterin etwa den Behandlungskosten für zwei Patienten entspräche, die Liraglutid spritzten.

Pro und Contra-Diskussion zum Einfluss von körperlicher Aktivität und Ernährungsempfehlungen

Dem dynamischen Duo Harm Hammer und Andreas Klinge verdankte der Kongress eine gehörige Portion „Theaterdonner“. Die beiden norddeutschen Diabetologen lieferten sich auf unterhaltsame Weise eine Pro- und Contra-Diskussion zum Thema Evidenz für körperliche Aktivität als Begleittherapie bei Diabetes mellitus Typ II. Auch wenn viel gelacht wurde, fühlte sich mancher Arzt in seinen Grundfesten erschüttert, da die einzige (randomisiert-kontrollierte) Interventionsstudie mit patientenrelevanten Endpunkten (LOOK-AHEAD) zur Bewegung als Therapie wegen Nutzlosigkeit nach knapp zehn Jahren vorzeitig abgebrochen wurde. Die Intervention zeigte zwar gute Auswirkungen auf intermediäre Outcomes, aber keine signifikanten Effekte auf die kardiovaskuläre Mortalität [7]. Ingrid Mühlhauser moderierte gewohnt kritisch durch einen Vortragsblock zum Thema „Alte und neue Irrtümer hinsichtlich Ernährung“. Auch hier wurden die Kongressteilnehmer mit der fehlenden Evidenz vieler Ernährungsratschläge konfrontiert. Es folgten zwei Blöcke mit interaktiven Workshops, in denen sowohl die DMPs, als auch die Themenblöcke Adipositas und Ernährung aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert wurden.

Am Sonntagvormittag bereicherte Bianca Hemmingsen aus Dänemark die Tagung mit einem Vortrag zu Nutzen und Risiken der intensiven Glukosesenkung. Hemmingsen ist Lesern der ZFA u.a. durch ihr Cochrane Review bekannt. Bevor Alexander Risse mit einer traditionell launigen Zusammenfassung die Tagung beschloss, gewährte uns Gabriele Meyer mit dem Vortrag „Warum Ärzte und Pflegende den Patienten nicht die Wahrheit sagen. Über Ethik der Patienteninformation“ einen Blick über den Tellerrand der Medizin.

Geselligkeit und Austausch bei Exkursion und Abendveranstaltungen

Bei Ulrich Müller und dem Team des Diabeteszentrums Thüringen e.V. möchten wir uns ganz herzlich für die wieder hervorragende Organisation dieser Veranstaltung danken. Besonders hervorheben möchten wir auch das stimmungsvolle und aktivierende Rahmenprogramm bei diesem Kongress. Der eindrucksvoll bebilderte Vortrag der Literaturwissenschaftlerin Christiane Henschel über Wilhelm und Caroline von Humboldt entführte die Teilnehmenden am Freitagabend nicht nur in das historische Jena, sondern darüber hinaus auch nach Frankreich und Italien. Bei der traditionellen Exkursion „auf den Spuren von Paul Langerhans“ am Samstagnachmittag, diesmal auf den Jenaer Stadtberg Jenzig u.a. mit Einkehr in einer urigen Wirtschaft blieb viel Zeit zum Austausch unter Kongressteilnehmern und Referenten in angenehm persönlicher Atmosphäre. Die teilnehmenden Hausärzte fühlen sich dabei im besten Sinne an den DEGAM-Kongress erinnert.

In Zeiten der Arbeitsverdichtung und den vielseitigen Anforderungen an Hausärzte können wir diese Veranstaltung als effektives, informatives, industrieunabhängiges, aber auch belebendes Fortbildungsformat nur wärmstens empfehlen. Die Zusammenarbeit von Spezialisten und diabetologisch interessierten Hausärzten funktioniert auf dieser Tagung auf Augenhöhe. Man darf hoffen, dass sich dieser Duktus auch bei anderen Fortbildungsveranstaltungen umsetzen lässt.

Die 29. Tagung „Evidenzbasierte und praktische Diabetologie“ findet vom 17.–19. November 2017 in Jena statt, die Anmeldung ist über www.dzt-kurse.de möglich.

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Michael Freitag, MPH

Abteilung Allgemeinmedizin,

Department für Versorgungsforschung

Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

26111 Oldenburg

Tel.: 0441 798-4307

michael.freitag@uni-oldenburg.de

Literatur

1. Beispielhaft die (wenig kritische) Stellungnahme der Deutschen Hochdruckliga: www.hochdruckliga.de/stellungnahme/items/stellungnahme-zu-den-ergebnissen-der-sprint-studie.html (letzter Zugriff am 07.04.2017)

2. The SPRINT Research Group. A randomized trial of intensive versus standard blood pressure control. N Engl J Med 2015; 373: 2103–16

3. Marso SP, Daniels GH, Brown-Frandsen K, et al. Liraglutide and cardiovasculare outcomes in Type 2 Diabetes. N Engl J Med 2016; 375: 311–22

4. Marso SP, Bain SC, Consoli A, et al. Semaglutide and cardiovascular outcomes in patients with type 2 diabetes. N Engl J Med 2016; 375: 1834–44

5. Navarese EP, Kolodziejczak M, Schulze V, et al. Effects of Proprotein Convertase Subtilisin/Kexin Type 9 Antibodies in Adults With Hypercholesterolemia: A Systematic Review and Meta-analysis. Ann Intern Med 2015; 163: 40–51. http://annals.org/aim/article/2279798/?effects-proprotein-convertase-subtilisin-?kexin-type-9-antibodies-adults-hypercholesterolemia (letzter Zugriff am 18.05.2017)

6. Kazi DS, Moran AE, Coxson PG, et al. Cost-effectiveness of PCSK9 inhibitor therapy in patients with heterozygous familial hypercholesterolemia or atherosclerotic cardiovascular disease. JAMA 2016; 316: 743–53

7. The Look AHEAD Research Group. Cardiovascular effects of intensive lifestyle intervention in type 2 diabetes. N Engl J Med 2013; 369: 145–54

Abbildungen:

Abbildung 1 Wissenschaftliche Leitung der Tagung „Evidenzbasierte und praktische Diabetologie“ in Jena (v.l.n.r.: Bernd Richter, Ingrid Mühlhauser, Heinz-Harald Abholz, Michael Freitag, Til Uebel und Ulrich Müller; auf dem Bild fehlt Maximilian Spraul)

Abbildung 2 Teilnehmer der Tagung „Evidenzbasierte und praktische Diabetologie“ in Jena

1 Praxis Dr. Musche-Ambrosius, Potsdam-Babelsberg 2 Abteilung Allgemeinmedizin, Department für Versorgungsforschung, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Oldenburg DOI 10.3238/zfa.2017.0283–0285

* Zugunsten der besseren Lesbarkeitwird im Text die männliche stellvertretend für die weibliche und männliche Form verwandt.


(Stand: 19.06.2017)

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