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Royal College of General Practitioners: Zusammenarbeit mit Industrieunternehmen in der Kritik

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Michael M. Kochen

Die Zusammenarbeit des Royal College of General Practitioners (RCGP; das englische Äquivalent der DEGAM) mit Industrieunternehmen wird zunehmend kritisiert.

Bei einem Kongress des College in Harrogate, einer Stadt mit 71.000 Einwohnern in der englischen Grafschaft North Yorkshire fanden die Delegierten in Ihrer Kongresstasche den Flyer einer Firma Namens Babylon vor, die hausärztliche Online-Konsultationen über das Smartphone anbietet.

Im Nu erreichte das Flugblatt die Presse und führte zu Schlagzeilen wie z.B. „GPs offered thousands of pounds to give private consultations via app“ (Guardian). Dahinter stand die Vermutung, am Kongress teilnehmende Hausärzte sollten weg vom National Health Service (NHS) zu Privatkonsultationen „abgeschleppt“ werden – dotiert mit 58–70 Euro/Stunde und im Falle einer Vollzeitstelle mit 100.000 Euro/Jahr. Babylon organsierte auch eine bezahlte Sitzung auf dem Kongress, das Firmenlogo prangte auf dem Kongressprogramm sowie auf der Webseite des RCGP.

Konfrontiert mit den Vorwürfen in der Presse, verteidigte sich das College. Babylon würde doch „stellenweise mit dem NHS zusammenarbeiten und den Patientendruck auf Hausarztpraxen auf diese Weise vermindern“. In einer schriftlichen Stellungnahme hieß es, die Anwesenheit der Firma auf dem Kongress würde im Einklang mit den sponsorship policies des RCGP stehen; im Vertrag mit Babylon sei aber Vertraulichkeit vereinbart worden, sodass man keine Auskunft über die Höhe der Einkünfte aus dem Vertrag geben könne …

Babylon war aber nur eine von sieben Firmen, die sich auf diese Art den Teilnehmern präsentierte. Insgesamt 80 Unternehmen waren in der Industrieausstellung mit einem eigenen Stand vertreten, was mit sog. „Argumenten“ verteidigt wurde. Die Korrespondentin des British Medical Journal, Zosia Kmietowicz, errechnete aus den verfügbaren Daten, dass die Gesamteinnahmen des RCGP aus Firmenzuwendungen alleine für den genannten Kongress über 600.000 Euro betrugen.

Die kinderärztliche Fachgesellschaft Royal College of Paediatrics and Child Health (RCPCH) praktiziert Ähnliches mit den Herstellern von Muttermilchersatz. Besonders „interessant“ ist dabei, dass der Vorstand als Reaktion auf Kritik eine Umfrage startete, an der 16 % der Mitglieder teilnahmen. Ergebnis: Von 2522 Teilnehmern an der Umfrage votierten 650 gegen und 698 für eine Fortsetzung der kommerziellen Kooperation. 1083 sprachen sich für eine Fortführung „unter Beachtung sorgfältiger Prüfung“ aus.

Diejenigen unter Ihnen, die irrigerweise glauben, dass diese Kumpanei auf das UK beschränkt wäre, bekommen hier einen Eindruck, was sich auch auf Kongressen mancher Fachgesellschaften in deutschen Landen abspielt. Ausnahme: Die Fachgesellschaft der deutschen Hausärzte ...

Im Bericht des BMJ kommen auch etliche Kongressteilnehmer zu Wort. Alle Details unter www.bmj.com/content/355/ bmj.i5585.full.pdf


(Stand: 14.06.2018)

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