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Medizin und Magie

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Susanne Rabady

Ein Skandal beutelt die Wiener Gesundheitspolitik: Der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV), Betreiber sämtlicher öffentlicher Spitäler Wiens, beauftragte kürzlich einen Esoteriker mit der energetischen Reinigung des Neubaus des Krankenhauses Nord. Kostenpunkt: 95.000 Euro. Aus Steuergeldern, versteht sich.

Das Bekanntwerden die­ser Maßnahme hat einige der Beteiligten ihre Jobs gekostet; eine tiefere Auseinandersetzung damit, dass alle möglichen Varianten esoterischer Methoden längst auch den öffentlichen Gesundheitssektor infiltrieren, ist ausgeblieben. Dabei ist bekannt, dass in einigen Spitälern „Geo Waves“ gelegt wurden, dass öffentliche Gesundheitseinrichtungen Granderwasser verwenden, dass aufgrund des Gutachtens eines Geomanten ein „Lithopunkturprojekt“ vor einem öffentlichen Kärntner Krankenhaus realisiert wurde, etc. Öffentlich mitfinanzierte Kurzentren bieten ihren psychisch angeschlagenen Patienten Methoden wie „Bäume-Umarmen“ an. Die Energetikerdichte alleine schlägt die Ärztedichte um Längen, dazu kommen noch unzählige weitere Angebote auf dem Esoterikmarkt. Nicht zuletzt gibt es eine (zumindest in Österreich) zunehmende Zahl von Kollegen, die sich diverser Methoden bedienen, die in keiner Weise wissenschaftlich abgestützt sind, und auch nicht mehr unter CAM fallen. Die Nachfrage muss wohl enorm sein.

Wie viele Patienten solche Angebote in welchen Situationen und mit welchen Erwartungen in Anspruch nehmen, wissen wir nicht. Wie viele Menschen überhaupt in der Esoterik „verschwinden“, und den Kontakt zum Gesundheitssystem entweder nicht finden oder wieder verlieren, wissen wir noch weniger. Über Schäden, die diese Subkultur anrichtet, wissen wir auch nichts Verlässliches, wir kennen nur die anekdotischen Fälle, die irgendwann doch in unseren Praxen auftauchen.

Während wir unsere Energien in die Entwicklung und Umsetzung evidenzbasierter Medizin stecken, immer mehr erklären und belegen können, immer differenzierter zu handeln suchen und das mit unleugbaren Erfolgen, expandiert der Jahrmarkt des Aberglaubens. Erklärungsversuche für dieses Phänomen greifen immer zu kurz, schon deshalb, weil uns verlässliche Zahlen und ein solider Überblick über diesen sich permanent wandelnden, höchst vielfältigen Markt fehlen.

Kopfschüttelndes Ignorieren ist aber nicht ausreichend, denn der Schutz des Patienten ist eine hausärztliche Kernaufgabe: Wir sollten zumindest versuchen zu verstehen, was unsere Patienten bei uns, bzw. bei der wissenschaftlich fundierten Medizin, vermissen. Und wir sollten herausfinden, wie wir sie vor Geschäftemachern und Scharlatanen effizienter schützen können.

Wissenschaftliche Medizin ist immer und per se auch eine Medizin des Zweifelns und Hinterfragens, der Ungewissheit, eine Medizin der Entzauberung. Genau wegen dieser Verpflichtung zur permanenten Selbstreflexion bietet sie die größte mögliche Sicherheit. Die diversen esoterischen Strömungen haben bei aller Unterschiedlichkeit eines gemeinsam: Sie sind frei von Zweifeln, strahlen Gewissheit und Geschlossenheit aus, lassen keine Fragen offen, haben immer Antworten, verströmen Sicherheit und Geborgenheit. Genau das macht sie unsicher. Aber wie lässt sich das vermitteln?

Wir haben bewusst und in einem langen, mühsamen Prozess auf die Magie des Berufs zu verzichten gelernt – vielen Menschen in gesundheitlichen Ängsten und Nöten fällt dieser Verzicht offenbar schwer. Mit dem Verzicht auf die intransparente, autoritäre Komponente hat sich auch die ärztliche Haltung, „Ärztlichkeit“ als solche verändert, ist nüchterner geworden, nahbarer, und banaler. Wir fallen unter die vollkommen aurafreie berufliche Sammelbezeichnung „Gesundheitsdienstleister“ – unser Beruf wird immer „normaler“. Offensichtlich ist vielen Menschen damit auch etwas weggenommen worden, das sie glauben, für ihre Heilung zu brauchen.

Rationale, auf Evidenz beruhende Medizin sollte sich mit den komplexen Bedürfnissen kranker Menschen rational und offen auseinandersetzen können. Auch das ist Teil von Wissenschaftlichkeit.

Susanne Rabady


(Stand: 14.06.2018)

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