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Berufszufriedenheit von Allgemeinärzten in Deutschland und Frankreich - eine vergleichende Untersuchung in 3 Großstädten

DOI: 10.1055/s-2005-836668

Berufszufriedenheit von Allgemeinärzten in Deutschland und Frankreich - eine vergleichende Untersuchung in 3 Großstädten

Berufszufriedenheit von Allgemeinärzten in Deutschland und Frankreich – eine vergleichende Untersuchung in 3 Großstädten Professional Satisfaction of General Practitioners – A Comparative Analysis in 3 Large Cities Originalarbeit 284 H.-M. Schäfer1 H. Krentz2 R. Harloff1 Zusammenfassung Hintergrund: 1999 haben Bovier und Pernegger in Genf einen mehrsprachigen Fragebogen zur Berufszufriedenheit von Ärzten entwickelt. Darin können Ärzte ihre Berufszufriedenheit für mehrere Teilbereiche auf einer Skala von 1 (sehr unzufrieden) bis 7 (sehr zufrieden) einstufen. Methoden: Mit Hilfe desselben Fragebogens wurde im Mai 2004 ein Vergleich der Berufszufriedenheit zwischen den niedergelassenen Allgemeinärzten der etwa gleich großen Städte Rostock, Ulm und Tours (Frankreich) angestellt. Auch demographische Daten (Alter, Geschlecht, Praxisform) wurden erhoben und verglichen. Ergebnisse: Insgesamt wurde die Berufszufriedenheit positiv beurteilt. Signifikante Unterschiede zwischen den 3 Städten ergaben sich sowohl bei den demographischen Daten, der Form der Praxisausübung als auch hinsichtlich zahlreicher Teilbereiche der Berufszufriedenheit. Insbesondere sind selbstständige Behandlungsmöglichkeit, Vergütung und Gesamtbeurteilung der Berufszufriedenheit in Frankreich signifikant höher bewertet als in Deutschland. Schlussfolgerungen: Aus den im Rahmen quantitativer Forschung erhobenen, zum großen Teil signifikanten Daten, ergeben sich interessante Fragestellungen für eine weitere qualitative Forschung und Analyse. Schlüsselwörter Fragebogen Berufszufriedenheit von Ärzten · Vergleich Allgemeinärzte Rostock, Ulm und Tours (Frankreich) · signifikante demographische Unterschiede · signifikante Unterschiede Einschätzung Berufszufriedenheit · qualitative Forschung notwendig Abstract Background: In 1999 a bilingually verified questionnaire regarding professional satisfaction of medical practitioners was developed by Bovier and Pernegger in Switzerland. Methods: Using the same questionnaire, all general practitioners in the large cities Rostock, Ulm and Tours (France) have been contacted and examined. Results: Overall, the three groups, the respondents evaluated their situation positively. There was a particular significant concordance but we also found differences between the 3 groups of physicians. Remarkable differences were observed in the aspects of fee, individual treatment of patients and several other aspects of professional happiness as well as in the age- and gender distribution within the 3 compared cities. Conclusion: An interesting field of qualitative examinations is given by this amount of significant differences within the quantitative results. Key words Questionnaire regarding professional satisfaction of physicians · comparison between general practitioners in Rostock, Ulm and Tours (France) · age and gender distribution among family practitioners · different evaluation of several aspects concerning work satisfaction · quantitative examination necessary Institutsangaben 1 Fachbereich Allgemeinmedizin Universität Rostock 2 Institut für Medizinische Informatik und Biometrie der Universität Rostock Korrespondenzadresse Dr. med. Hans-Michael Schäfer · Fachbereich Allgemeinmedizin der Universität Rostock · Doberaner Str. 140 · 18057 Rostock · E-mail: schaeferzingst@aol.com Bibliografie Z Allg Med 2005; 80: 284–288 · © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York DOI 10.1055/s-2005-836668 ISSN 0014-336251 Einleitung In den vergangenen 10 Jahren haben zahlreiche Autoren die Berufszufriedenheit von Ärzten untersucht bzw. im Verlauf beobachtet [2 – 5]. Aus diesen Arbeiten haben Bovier und Pernegger [1] in Genf 1999 einen überschaubaren Fragebogen mit 5 Themenkomple- xen (A–E, siehe Tab. 1), 17 Teilfragen (A1–E2) sowie einer Gesamtbeurteilung (F) entwickelt und zweisprachig validiert. Mit diesem Instrument haben die beiden Autoren 1999 alle Ärzte der Stadt Genf zu deren Berufszufriedenheit befragt, die 1184 Antwortbögen analysiert und Mittelwerte sowie Standardabweichung auf der 7-stufigen Skala (1 = sehr unzufrieden, 7 = sehr zufrieden) berechnet. Tab. 1 Deskriptive Statistik und Analyse der Fragen zur Berufszufriedenheit, Themenkomplexe und Fragebereiche als Auswertungshilfe nach Boivier: (1 = sehr zufrieden, 7 = sehr unzufrieden) halbfett = statistisch signifikant Themenkomplex Fragenbereich Durchschnitt (Standardabw.) Rostock 5,2 (0,92) 5,94 (1,11) 4,72 (1,34) 5,05 (1,55) 5,25 (1,15) 2,81 (1,27) 3,25 (1,58) 3,00 (1,58) 3,05 (1,44) 1,97 (1,36) 4,29 (3,34) 4,31 (1,44) 3,59 (1,40) 5,03 (1,42) 5,26 (3,28) 5,23 (1,31) 5,49 (1,18) 5,08 (1,42) 5,56 (1,17) 5,21 (1,38) 5,91 (1,11) Durchschnitt (Standardabw.) Tours 5,45 (0,76) 5,40 (1,02) 5,19 (1,16) 5,79 (1,26) 5,50 (0,92) 3,36 (1,21) 3,83 (1,53) 3,52 (1,69) 3,58 (1,39) 2,54 (1,43) 4,26 (3,43) 4,16 (1,39) 4,44 (1,55) 4,19 (1,42) 4,84 (3,11) 4,92 (1,51) 4,58 (1,50) 5,03 (1,25) 5,1 (1,22) 5,03 (1,46) 5,14 (1,33) Durchschnitt (Standardabw.) Ulm 5,32 (1,22) 5,74 (1,37) 4,32 (1,52) 5,95 (1,49) 5,23 (1,52) 3,24 (1,26) 3,81 (1,58) 3,60 (1,81) 3,52 (1,68) 2,02 (1,35) 4,09 (3,41) 3,86 (1,73) 3,05 (1,64) 5,16 (1,39) 5,06 (3,2) 5,18 (1,31) 5,23 (1,36) 4,73 (1,49) 5,01 (1,13) 4,70 (1,57) 5,50 (1,36) Originalarbeit A: Patientenbetreuung A1 Beziehung zu den betreuten Pat. A2 Möglichkeit, die Pat. nach eigener Ansicht zu behandeln A3 Möglichkeit der Vorstellung bei einem Spezialisten A4 Qualität der selbst angebotenen Patientenversorgung B: Belastung B1 Arbeitsbelastung B2 Zeit für Familie, Freunde oder Freizeitaktivität B3 Stressniveau bei der Arbeit B4 Zeit und Energie für zu leistende Verwaltungsarbeit C: Einkommenssituation/Sozialer Status C1 Derzeitiges Einkommen C2 Aktuelle Vergütung für primärärztliches Handeln C3 Ansehen in der Bevölkerung D: Persönlicher Gewinn D1 Intellektuelle Herausforderung bei der Arbeit D2 Weiterbildungsmöglichkeiten D3 Freude bei der Arbeit E: Berufliche Beziehungen E1 Berufliche Beziehung und Austausch mit Kollegen E2 Beziehung zu nicht-ärztlichem Hilfspersonal (Kr.Sr, AH) F: Allgemeine Beurteilung F1 Zusammenfassend beurteile ich meine momentane berufliche Situation als 285 4,5 (1,17) 4,86 (0,96) 4,2 (1,36) Schäfer H-M et al. Berufszufriedenheit von Allgemeinärzten … Z Allg Med 2005; 80: 284 – 288 Im Mai 2004 haben wir mit demselben Instrument die Berufszufriedenheit niedergelassener Allgemeinärzte in den 3 vergleichbar großen Städten Rostock, Ulm und Tours untersucht. Während in Frankreich die Rahmenbedingungen für Allgemeinärzte seit Jahren im Wesentlichen konstant sind, haben sich in Deutschland mit Einführung einer Praxisgebühr und erhöhter Zuzahlungen für Arznei- und Hilfsmittel erhebliche Einschnitte im Gesundheitssystem ergeben. Von Interesse war auch, ob ein Unterschied zwischen dem Nordosten und Südwesten Deutschlands besteht: mit der Wiedervereinigung 1990 wurde in den neuen Bundesländern ein völlig neues Gesundheitssystem etabliert, das erstmals auch eine finanzielle Eigenleistung von Patienten (Zuzahlung bei Medikamenten, Hilfsmitteln, Krankenhausaufenthalten) verlangt. Methode Unter Verwendung des von Bovier und Pernegger [1] 1999 entwickelten Fragebogens (siehe Tab. 1) erfolgte im Mai 2004 eine schriftliche Befragung aller niedergelassenen Allgemeinärzte der Städte Rostock, Ulm und Tours. In diesem Instrument werden 17 Fragen zu insgesamt 5 Themenkomplexen aus dem ärztlichen Berufs- und Lebensbereich gestellt. Der Befragte kann die einzelnen Fragen mit Hilfe einer 7 Punkte umfassenden Werteskala zwischen 1 (sehr unzufrieden) und 7 (sehr zufrieden) beantworten. Die Fragebogen wurden allen niedergelassenen Allgemeinärzten der betreffenden Stadt per Post zugestellt. Nach einer Wartefrist von 3 Monaten wurden alle eingetroffenen Bögen ausgewertet, durchschnittliche Punktzahl und Standardabweichung der Einzelfragen, bzw. Themenkomplexe berechnet, statistisch ausgewertet und im Kreuzvergleich zwischen den 3 Städten bearbeitet (siehe Tab. 1). 286 Originalarbeit Abb. 1 Abb. 2 Abb. 3 Abb. 4 Schäfer H-M et al. Berufszufriedenheit von Allgemeinärzten … Z Allg Med 2005; 80: 284 – 288 Originalarbeit Abb. 5 Abb. 6 Während in Rostock 82,7 % der Befragten weiblich sind, liegt der Anteil der Ärztinnen unter den Befragten in Ulm und Tours auf fast umgekehrt niedrigem Niveau von 27,3 bzw. 26,3 %. Das Durchschnittsalter der Befragten differiert zwischen Rostock (51,1) und Tours (47,2), in Ulm liegt es im Mittel bei 50,4 Jahren. Die Altersverteilung in 3 Gruppen (< 45, 45–55, > 55 Jahre alt), zeigt eine überdurchschnittlich hohe Zahl älterer und unterdurchschnittliche Zahl jüngerer Ärzte in Rostock. Bei der Praxisform überwiegen in Rostock (63 %) und Ulm (59 %) deutlich die Einzelpraxen, in Tours hingegen die Gemeinschaftspraxen (64,2 %). Weitere signifikante Ergebnisse mit zum Teil erheblich unterschiedlichen Beurteilungen zeigen Tab. 1 und die grafische Darstellung des Zahlenmaterials in den Abbildungen. Abb. 7 287 Zur statistischen Auswertung wurde das Statistikprogrammpaket „SPSS“ verwendet. Die Mittelwerte wurden mit dem parameterfreien U-Test nach Mann-Whitney für die einzelnen Fragen getestet. Dabei sei insbesondere auf Unterschiede in der Möglichkeit, Patienten nach eigener Anschauung zu behandeln (A2), die Zeit und Energie für zu leistende Verwaltungsarbeit (B4), die Vergütung (C2) und schließlich auf die Allgemeine Beurteilung der momentanen beruflichen Situation (F) hingewiesen. Die Möglichkeit, Patienten nach eigener Ansicht zu behandeln (A2), differiert erheblich mit signifikanten Unterschieden zwischen Rostock und Ulm jeweils verglichen mit der Beurteilung in Tours. In der französischen Stadt liegt die Bewertung mit 5,2 deutlich höher als in Rostock (4,7) und Ulm (4,3). Zweifellos ist die Verwaltungsarbeit (B4) in den 3 Städten gleichermaßen unbeliebt (2–2,5) und zeigt die Unzufriedenheit mit einer zunehmenden Bürokratisierung durch Dokumentationsund Abrechnungsformalien. Die Vergütung (C2) wird in allen 3 Städten signifikant unterschiedlich beurteilt: Während die Franzosen ihre Honorierung mit 4,44 Punkten deutlich über dem Mittelwert einstufen, liegt Ergebnisse Die durchschnittliche Rücklaufquote der insgesamt 354 versandten Fragebogen betrug 67 % (Rostock 61,5 % – Tours 69,9 % – Ulm 68,8 %). Bereits die demographische Analyse der Fragebogen zeigt eine erhebliche Differenz in Alter und Geschlecht, aber auch in der Form der Praxisausübung: Einzel- oder Gemeinschaftspraxis. Schäfer H-M et al. Berufszufriedenheit von Allgemeinärzten … Z Allg Med 2005; 80: 284 – 288 Rostock mit 3,6 Punkten deutlich darunter. Ulmer Ärzte schätzen ihre Vergütung mit 3,0 Punkten noch schlechter ein. Eine wichtige Rolle dürfte dabei die in Frankreich als Sofortzahlung zu leistende „Konsultationsgebühr“ von 21 e für jeden Arzt-Patientenkontakt spielen. Auch bei der Gesamtbewertung der Berufszufriedenheit (F) bestehen signifikante Unterschiede: Tours urteilt mit 4,9 Punkten deutlich besser als Ulm (4,2 Punkte) – Rostock nimmt mit 4,5 Punkten eine Zwischenposition ein, wobei die Bewertung hier nicht signifikant ist. Auffallend ist in allen 3 Städten ein niedrigerer Wert im Vergleich zur Originalarbeit aus Genf von 1999: die Schweizer Ärzte vergaben einen Durchschnittswert von 5,1 Punkten. – größeres Selbstbewusstsein oder höhere Selbstsicherheit befragter Allgemeinärzte in der Behandlung – geringere Bindung an Leitlinien oder – weniger Überprüfung durch Gremien der Qualitätssicherung? Die Berufszufriedenheit zeigt somit insgesamt – aber auch in zahlreichen Teilaspekten – signifikante Unterschiede zwischen den 3 befragten Städten. In Frankreich liegt sie deutlich höher als in den beiden deutschen Städten. Die Ursache der Unterschiede dieser quantitativ erhobenen Daten kann nun durch differenzierte qualitative Forschung bzw. Diskussion durch Kollegen am jeweiligen Ort der Befragung ermittelt werden. Interessenkonflikte: keine angegeben. 288 Originalarbeit Diskussion Der hohe Frauenanteil in Rostock dürfte auf die zu DDR-Zeiten stark geförderte Beteiligung der Frauen an sonst vorwiegend von Männern ausgeübten Berufen zurückzuführen sein. Ähnliche Phänomene zeigen sich in technischen Berufen, wie beispielsweise Ingenieurwissenschaften oder Agrarökonomie. Auch bot das dichte Netz von Kindertagesstätten Frauen in der DDR eine zusätzliche Chance vollschichtiger Berufsausübung, wie sie in der Allgemeinmedizin zweifellos wünschenswert ist. Auch die Altersverteilung dürfte soziokulturelle und politische Ursachen haben: – schlechter werdende Rahmenbedingungen für Mediziner als Folge der politisch herbeigeführten Gesundheitsreformen – Übertragung dieses Phänomens auf die Ärzteschaft in den neuen Bundesländern nach der Wende – Abwanderung von insbesondere jungen Medizinern in die alten Bundesländer – Vergleichsweise konstante Verhältnisse im französischen Gesundheitssystem Als Ursache der unterschiedlichen Einschätzung bezüglich der Möglichkeit, Patienten nach eigener Ansicht zu behandeln (A2) können verschiedene Ursachen diskutiert werden: Mein besonderer Dank gilt den Herren Abholz, Harald, Prof. Dr. med., Leiter der Abteilung Allgemeinmedizin, Universität Düsseldorf Reisinger, Emil, Prof. Dr. med., Studiendekan der Medizinischen Fakultät, Universität Rostock Wagner-Ballon, Jaques, Prof. Dr. med., Département de Médecine Générale, Université de Tours Literatur 1 Bovier P, Pernegger T. Predictors of work satisfaction among physicians. Europ J Pub Health 2003; 13: 299 – 305 2 Epstein RM. Time, autonomy and satisfaction. J Gen Intern Med 2000; 15: 517 – 518 3 Linzer M, Konrad TR, Douglas J, et al. Managed care, time pressure, and physicia job satisfaction: results from the physician worklife study. J Gen Intern Med 2000; 15: 441 – 450 4 Williams ES, Konrad TR, Linzer M, et al. Refining the measurement of physician job satisfaction: results from the Physician Worklife Survey. SGIM Career Satisfaction Study Group. Society of General Internal Medicine. Med Care 1999; 37: 1140 – 1154 5 Landon BE, Aseltine R, Shaul JA. Evolving dissatisfaction among primary care physicians. Am J Manag Care 2002; 8: 890 – 901 Zur Person Dr. med. Hans-Michael Schäfer Geboren 1957 in Hofheim (Taunus), Medizinstudium in Ulm und Mainz, Gründung einer Allgemeinarztpraxis in Hofheim 1990, im Jahre 2002 Übersiedlung nach Mecklenburg-Vorpommern, Praxisgründung in Zingst, von 1997 – 2002 Lehrbeauftragter der Universität Frankfurt (Institut für Allgemeinmedizin, damaliger Leiter Prof. Dr. K. Jork), seit 2002 Lehrbeauftragter des Lehrbereichs Allgemeinmedizin der Universität Rostock. Schäfer H-M et al. Berufszufriedenheit von Allgemeinärzten … Z Allg Med 2005; 80: 284 – 288


(Stand: 07.07.2005)

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