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Impfen, das große Geschäft - ohne Rücksicht auf Präventionsziele

DOI: 10.1055/s-2007-984393

Impfen, das große Geschäft - ohne Rücksicht auf Präventionsziele

Editorial 265 Impfen, das große Geschäft – ohne Rücksicht auf Präventionsziele H.-H. Abholz Bibliogra?e DOI 10.1055/s-2007-984393 Z Allg Med 2007; 83: 265 © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York ISSN 1433-6251 Korrespondenzadresse Prof. Dr. H. -H. Abholz Facharzt für Allgemeinmedizin und Facharzt für Innere Medizin Abt. Allgemeinmedizin Universitätsklinikum Moorenstraße 5 40225 Düsseldorf abholz@med.uni-duesseldorf.de Man wundert sich eigentlich, warum noch nicht früher auf das große Geschäft gekommen wurde. Es ist präventiv, so hilft es nur ganz wenigen von den sehr, sehr vielen, die die Substanz verabreicht bekommen müssen, und da es ein Präventionsthema ist, ist es in der Öffentlichkeit gut „verkaufbar“. Dann hat man hierzulande noch eine unterstützende Impfkommission, die sehr schnell positiv zu entscheiden bereit ist (s. HPV-Impfung, ZFA 2/07). Es rollte diesjährig die Welle der FSME-Bedrohung durch die Medien. Die Leute kamen angestürmt und wollten eine Impfung, hatten sie doch einen Zeckenbiss am Niederrhein oder im Schrebergarten in Berlin bekommen. Egal, eine Differenzierung zu FSME-Endemiegebieten ist – verständlich – für viele Menschen dann zuviel – und zum anzunehmenden Ziel der Kampagne passt dies gut. Aber auch für die, die schon vorgebildet waren und wussten, dass die Zecke an sich nicht das Problem ist, war es unübersichtlich, aber eben bedrohlich. Und so bedrohlich, dass man der vielen Worte brauchte – und dann häu?g auch noch vergeblich: All zu viele bestanden auf ihrem Recht, jetzt die Impfung zu bekommen; manchmal auch „Notlügen“ nützend („Ich fahre aber wahrscheinlich zu Schwiegereltern nach Passau, auch noch.“). Wie aus guten Zeitungen aber auch zu erfahren war, kam es zu der Ausweitung unter anderem auch deswegen, weil die De?nition für ein Endemiegebiet geändert worden war, also die Ausweitung nicht einmal durchgehend reale Veränderungen beschrieb. Im Nachtrag erfuhr man, dass rund 500 FSM-Fälle im letzten Jahr mehr gemeldet seien. Eine Zahl, die allein schon daraus zu erklären ist, dass bei hysterisch gemachter Bevölkerung und Ärzteschaft man immer zu mehr Meldungen kommt. Am Schluss standen wir als Hausärzte, mussten stundenlang reden, um den Unsinn möglichst niedrig zu halten. Reden gegen ungläubige Patienten, die uns zwar grundsätzlich Vertrauen mögen, aber sich – nicht ganz unberechtigt – fragen, warum denn dies so anders in der Zeitung stünde, im Fernsehen gezeigt wurde. Oder wir hatten die Faxen dicke und wurden wieder einmal in unserer Identität demoralisiert: Wir verordneten einfach das, was wir als unsinnig ansahen mit dem Gefühl, diese Gesellschaft ist verrückt, soll sie das haben, was sie hervorruft. Erfolgreich war die Industrie: Ab Ende Mai gab es keinen Impfstoff mehr – dies aber heißt, für die wenigen, die es nun in der Tat einmal brauchen könnten, gibt es – nach Auskunft der Apotheken und nun auch der Firma bis September keinen Impfstoff-Nachschub. Die Firmen Novartis/Baxter informierten dann, dass ein „Notprogramm“ an Impfungen nur noch gemacht werden sollte. Damit übernahm sie die Rolle, die wir ordnend eher vom Robert-Koch-Institut (RKI) erwartet hätten. Aber vielleicht nimmt die Industrie zukünftig die Orientierungen/Empfehlungen ganz direkt, also ohne Zwischenschaltung von RKI, in die Hand. Ein ganz ähnlicher Ablauf war vor 5 Jahren zu beobachten: Eine Hysterie, verbreitet über die Medien, zu einer Grippewelle begann Ende des Jahres und führte dazu, dass diejenigen, die zur eigentlichen Indikations-Gruppe für Impfungen gehörten, dann als die Welle zu Beginn des Folgejahres kam, keinen Impfstoff mehr bekommen konnten. Und es gibt andere Beispiele, die aber das Gleiche zeigen: Die Einführung der Windpockenimpfung in Deutschland ist ein solches Beispiel. Zu dem damalig Gesagten (s.Varizellen-Impfung, ZFA/2005) kommt heute noch hinzu: Zu einem Zeitpunkt als in Deutschland die Impfung auf Windpocken durch die Impfkommission empfohlen wurde, lief die Auswertung der US-amerikanische Studie zu den Auswirkungen dieser Impfung auf die epidemiologische Lage, wenn sie auch noch nicht publiziert wurde. Sie ist jetzt publiziert, nachzulesen im New England J. Medicine (2007; 356: 1121–1129): Ergebnis der Studie ist, die Zahl der Varizellen-Infekte in den Gemeinden mit einem hohen Grad der Impfung gehen zurück, die Zahl der mittelschweren und schweren Fälle nimmt prozentual jedoch über Durchbruch-Erkrankungen bei den Geimpften, insbes. ab 5 Jahre nach Grundimmunisierung, zu; Gleiches gilt für bestimmte Zeiträume bei den Ungeimpften. Also reicht die Grundimpfung nicht aus und relativ nimmt gerade das zu, von dem man uns sagte, dass die Impfung es verhindere. Es bleibt abzuwarten, welche Auswirkungen die Impfung auf die Zahl und Schwere der Fälle von Herpes zoster haben wird. Man würde von einer Impfkommission erwarten, dass sie sich in dem Land, das die Impfung schon eingeführt hat, über deren Auswirkungen informiert – zumal derartige Auswirkungen ja schon von den Virologen als Problem im Vorfeld diskutiert worden war. Die gesellschaftlichen Interessen verp?ichtete Steuerung durch RKI und Impfkommission funktioniert nicht mehr. Die Industrie hat die Sache selbst – einschließlich der Vorgabe von Notplänen für Unterversorgungssituationen – in die Hand genommen. Man muss nicht die Radikalität eines Heiner Geissler, CDU, haben, um hier zu sagen, dass diese Industrie die Interessen der Gesellschaft mit den Füßen tritt, also dieser Bereich anders kontrolliert werden muss. Ihr Heinz-Harald Abholz Z Allg Med 2007; 83: 265


(Stand: 07.07.2007)

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