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OSG-Distorsion: Immobilisieren oder nicht?

Sprunggelenks-Distorsionen (meist ist der laterale Bandapparat betroffen) stellen in hausärztlichen Praxen kein seltenes Ereignis dar. Wenn man die aus den Niederlanden bekannten, eher vorsichtigen Zahlen (Inzidenz 12,8/1.000 Patienten pro Jahr) auf die Bundesrepublik umrechnet, kommt man auf gut eine Million betroffener Personen, von denen rund die Hälfte einen Allgemeinarzt und die andere Hälfte eine Notfallambulanz aufsuchen dürfte.

Die Schwere der Verletzung des oberen Sprunggelenks (OSG) wird üblicherweise in drei Grade eingeteilt: Grad 1 ausschließliche Banddehnung; Grad 2 und 3 Bandeinriss oder komplette Ruptur mit erheblicher Schwellung und Unfähigkeit, Gewichte auf dem betroffenen Fuß zu tragen. Bei bis zu 70 % der Betroffenen kehrt die Funktion innerhalb von 3 bis 9 Monaten wieder zur Norm zurück. Restbeschwerden können aber noch Jahre nach der Verletzung quälen.

Entscheidend für die Frage, ob eine Röntgenaufnahme erfolgen soll, ist der Vorhersagewert von klinischen Kriterien mit Hilfe der sog. "Ottawa Ankle Rules". Wer sich dafür interessiert, kann sich zwei schöne Arbeiten des Zürcher Epidemiologen Lucas Bachmann (Horten-Zentrum) unter www.bmj.com/cgi/reprint_abr/326/7386/417 bzw. www.smw.ch/docs/pdf200x/2008/19/smw- 12061.pdf herunterladen.

Die am häufigsten angewandten Behandlungsmethoden sind Eis, Hochlegen des Fußes, verschiedene fertige, gewickelte oder „getapte" Kompressionsbandagen und kontrollierte Mobilisierung. Von der vollständigen Ruhigstellung des OSG wird ausdrücklich abgeraten. Eine wissenschaftlich belegte Behandlungsempfehlung gibt es allerdings bis heute nicht.

Britische Wissenschaftler haben nun in einer kontrollierten Studie in acht Notfallambulanzen nachgesehen, welches mechanische Verfahren neun Monate nach Verletzung die besten Ergebnisse bei Patienten über 16 Jahren mit schwerer OSG-Distorsion bringt (schwer definiert durch die Unfähigkeit, mindestens drei Tage nach der Verletzung ein Gewicht am Fuß zu tragen).

Eine doppellagige, von der tuberositas tibiae bis zur Zehenbasis gewickelte Unterschenkel-Kompresse („Tubigrip“);

eine stabile Fertigbandage aus Kunststoff („Aircast brace“);

ein hoher Stiefel mit mehreren Klettverschlüssen („Bledsoe boot“) oder

ein geschlossener Kunststoff-Gips, der unterhalb des Kniegelenks endet.

Alle teilnehmenden 584 Patienten (680 von 1.192 angesprochenen Personen waren als potenziell geeignet bezeichnet worden) erhielten vor der Randomisierung eine 3-tägige Immobilisierung mit einer Bandage. Bis zur Endauswertung waren von den 584 nur noch 441 Patienten übrig geblieben (143 waren also „abgesprungen“) – Alltagsrealität bei solchen Forschungsprojekten.

Nach drei Monaten gab es einen signifikanten Vorteil (Schmerz, Knöchelfunktion, Aktivität, Lebensqualität) für den Gips. Bezüglich der Knöchelfunktion war die Fertigbandage ebenso wirksam. Am schlechtesten schnitt die gewickelte Kompresse ab. Im Durchschnitt waren die Patienten 10 Tage komplett immobilisiert; eine strikte Kontrolle der Compliance war naturgemäß jedoch nicht möglich.

Nach neun Monaten waren die Vorteile perdu: Hier zeigten sich dann keinerlei signifikante Unterschiede mehr zwischen den Behandlungsmethoden. Immerhin drei Patienten erlitten eine tiefe Beinvenenthrombose und zwei Patienten eine Lungenembolie (wobei aus den Daten nicht ersichtlich ist, ob die Emboliepatienten mit zwei der Thrombosepatienten identisch waren). Nicht ausdrücklich angegeben war, ob die Patienten eine Thromboseprophylaxe erhielten (was unwahrscheinlich ist).

Quintessenz: Die ausdrückliche Empfehlung, das obere Sprunggelenk nach einer schweren Distorsion nicht komplett ruhig zu stellen, sollte nicht mehr aufrecht erhalten werden. Zumindest im Hinblick auf die ersten drei Monate scheint ein Unterschenkelgips die beste Option zu sein. Gerade für Hausarztpraxen ohne die Möglichkeiten zu gipsen, gilt: Eine stabile Fertigbandage (die einige Patienten sowieso bevorzugen), kann als gute Alternative ohne wirklich relevante Nachteile gelten.

Lamb SE et al. Mechanical support for acute, severe ankle sprain: a pragmatic, multicentre, randomised controlled trial. Lancet 2009; 373: 575–581

Foto: Valderrabano et al.: Fuß & Sprunggelenk und Sport,

Deutscher Ärzte-Verlag 2009


(Stand: 06.06.2011)

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