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Medizin IST Bewegung und Atmen – Vom Elend in die Armut und wie aus Wüste Würde wird

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Mein Auftrag ist es, das vorliegende Buch unter dem Gesichtspunkt zu lesen und zu beurteilen, inwieweit ein Allgemeinmediziner von der Lektüre profitieren kann. Ich weite den Auftrag eigenmächtig aus und frage: Inwieweit profitiert ein niedergelassener Arzt – egal, welcher Fachrichtung – davon?

Also – worum geht es? Im ersten Teil dient eine eindrucksvolle Fallschilderung als Einführung in den komplexen Bereich der Beziehungsmedizin. Es geht um die Störungen eines 25-jährigen Studenten mit übermäßig starker Speichelproduktion, Verdauungsstörungen (mit abwechselnder Obstipation und heftigen Durchfällen) sowie einer später hinzugekommenen Bronchopneumonie. Durch eine mehrjährige intensive psychotherapeutische Behandlung (bestehend aus einer Kombination von ritualisierten Gesprächen und der Funktionellen Entspannung nach M. Fuchs) gelingt eine ausreichende Stabilisierung verbunden mit der Möglichkeit des Studienabschlusses und dem Ergreifen eines Berufes als Ausdruck der Heilung.

Am Ende des ersten Teils kommt der Autor zur Feststellung, dass „etwa zwei Drittel der chronisch Kranken in allgemeinärztlichen (A.d.R.: und fachärztlichen) Praxen“ von der ständigen unbewussten Furcht getrieben sind, den Lebenskampf letztlich nicht bestehen zu können. Hinter dieser Angst verbergen sich oft schwere traumatische Erfahrungen aus der intrauterinen und perinatalen sowie der frühkindlichen Lebensperiode – also aus einer Zeit, zu welcher der Patient keinen verbalen Zugang hat, sodass sich die Konflikte nur über das Symptom äußern können, welches dem Patienten vom Arzt in der gemeinsamen therapeutischen Arbeit gleichsam „übersetzt“ werden muss, bevor es behandelt werden kann.

Der zweite Teil illustriert anschaulich diese Übersetzungsarbeit psychosomatischer Symptome und Zustandsbilder: z. B. chronischer Verdauungsstörungen als Ausdruck von Angst, der somatoformen Schmerzstörung als Ausdruck von Ärger, der Fibromyalgie als Ausdruck von unterdrückter Wut oder ständiger subfebriler Temperaturen als Folge der Unfähigkeit, über „zu heiße“ Themen sprechen zu können. Diese Störungen sind oft der späte Nachhall bewusst „vergessener“ körperlicher und seelischer Traumatisierungen aus der frühen Kindheit, werden aber vom Körper, der nie vergisst, infolge der aus den seinerzeitigen Kränkungen resultierenden unbewussten Rache- und Vergeltungswünsche und der sich daraus ergebenden Schuldgefühle ständig „am Kochen“ gehalten. Die spannende Schilderung erfolgt anhand der Verlaufswiedergabe eines mehrteiligen Seminars mit Medizinstudenten in vorklinischen Semestern und altersmäßig zum Teil schon recht „gestandenen“ Mitgliedern einer Gesundheitsgruppe, in welchem die Störungen etlicher Teilnehmer anhand spontaner Einfälle, Assoziationen sowie der Gegenübertragung der übrigen Gruppenmitglieder dargestellt, bearbeitet und teilweise auch aufgelöst werden konnten. Immer wieder geht es dem Autor darum, wie man es schaffen kann, sich der Gesundheit anzunähern bzw. sich gesund zu erhalten, indem man „den nächsten kleinen Schritt“ in diese Richtung vorbereitet und dann auch geht. Der Buchteil schließt mit der Aufarbeitung eines Teilaspektes der deutsch-jüdischen Verstrickungen während der Nazizeit anhand einer beeindruckenden Familiengeschichte über mehrere Generationen.

Im dritten Teil geht Schüffel näher auf die im Buchtitel enthaltene Feststellung ein, dass Medizin Bewegung und Atmen ist, wobei dem Untertitel „Vom Elend in die Armut und wie aus Wüste Würde wird“ besondere Bedeutung zukommt. Er handelt diesen Themenbereich anhand des Projektes der Psychosomatischen Grundversorgung (insbesondere der Balint-Gruppenarbeit) ab, ferner durch den Bericht über spezielle Anamnesegruppen sowie durch seine Schilderung von Hausbesuchen, die er zusammen mit einem Landarzt aus dessen Allgemeinpraxis heraus unternommen hat. In allen Abschnitten geht es um die „Arzt-Patientenbeziehung als (einer) Arbeitsbeziehung auf Wechselseitigkeit, also auf einer demokratischen Basis“. Immer wieder wird deutlich, welche Bedeutung für die Gesundung die körperliche, vor allem aber die geistige Bewegung hin zu einem veränderten Standpunkt sich selbst gegenüber sowie ein Aufatmen im Sinne einer inneren Befreiung haben.

Im vierten Teil geht es anhand der Geschichte der sogenannten Wartburg-Gespräche (benannt nach der ersten Veranstaltung auf der Wartburg bei Eisenach) um die parallel zu diesen Treffen psychosomatisch ausgerichteter Ärzte ablaufende Entwicklung der Salutogenese im deutschsprachigen Raum. Dieser Begriff umreißt die Entstehung von Gesundheit im Gegensatz zu der allen Medizinern geläufigen Pathogenese, d. h. der Entstehung von Krankheiten.

Kritisch vermerkt werden sollte, dass einzelne Schilderungen der letzten beiden Buchteile streckenweise etwas langatmig geraten sind. Dem Leser ist daher zu empfehlen, diese Teile zunächst durchzublättern und sich die ihn interessierenden Abschnitte herauszusuchen. Unbedingt empfehlenswert sind hier die anschaulichen Fallschilderungen sowie die Berichte und Reflexionen über die Hausbesuche. Die übrigen Abschnitte können unter Umständen bis zu einer zweiten, vertieften Begegnung mit dem Buch warten.

Zusammenfassend muss gesagt werden, dass das Buch nicht geeignet ist für jemanden, der sich „eben geschwind mal“ über Psychosomatik informieren will. Hingegen kann die Lektüre sowohl Allgemein- als auch Fachärzten dann zum besseren Verständnis psychosomatischer Zusammenhänge empfohlen werden, wenn sie ausreichend Geduld und Zeit für 520 Seiten Text mitbringen und bereit sind, sich auf eine zunächst für viele wohl eher ungewohnte Sicht- und Denkweise einzulassen. Wer sich unter diesen Bedingungen das Buch vornimmt, den erwartet eine durchwegs lebendige und gut lesbare Rundschau über die moderne Psychosomatik mit einer Reihe spannender Fallbeispiele und sehr überlegens- und beherzigenswerten Hinweisen für den therapeutischen Umgang mit solchen Störungen – und das nicht nur unter den Bedingungen eines Universitätsseminars, sondern durchaus auch unter denen einer Land- oder Facharztpraxis.

W. Schüffel

Medizin IST Bewegung und Atmen – Vom Elend in die Armut und wie aus Wüste Würde wird

Projekte-Verlag, Halle 2009

546 Seiten, 20,2 x 15,2 cm, gebunden ISBN 978-3-86634-619-2 Preis: € 28,50

Erhältlich unter www.aerzteverlag.de

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Rainer Voigt

Nervenarzt / FA für Psychotherapeutische Medizin – Psychoanalyse

Dorfstr. 30

77797 Ohlsbach

Tel. 07 803 / 60 24 40

E-Mail: r.voigt-ohlsbach@t-online.de


(Stand: 29.05.2015)

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