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Was hat die eigene Biographie mit ärztlichem Handeln zu tun?

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Ärztliches Handeln wird nicht allein von medizinischem Wissen bestimmt – das ist seit längerem bekannt. Dennoch stand die Subjektivität ärztlichen Handelns bisher wenig im Blickfeld der Forschung. Die Sozialwissenschaftlerin Nicole Witte (Universität Göttingen) stellt die Frage nach der Prägung ärztlichen Handelns durch die jeweilige Biographie in den Mittelpunkt ihres Forschungsinteresses und leistet mit ihrer Dissertation dadurch einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der subjektiven Ausprägung ärztlichen Handelns.

Ausgangsfrage ist: „Warum [gelang] es manchen Ärztinnen und Ärzten, mich in einer Weise anzusprechen, die bei mir als Patientin den Eindruck von Verständnis und Empathie (und damit häufig auch medizinisch angemessener Behandlung) hinterließ.“ Andere Konsultationen lösten in ihr hingegen Irritation, Unzufriedenheit, gar Wut aus. Den Gründen für diese Varianz ärztlicher Interaktion wollte Witte auf den Grund gehen. Sie greift dafür auf die Tradition der Biographieforschung zurück, die von der Prämisse ausgeht, dass individuelles Handeln geprägt ist durch den soziokulturellen Kontext der Handelnden und das bis dahin gelebte Leben. Ihr Ansatz folgt der qualitativen, interpretativen Sozialforschung. Als Datengrundlage wählt Witte zum einen biographisch-narrative Interviews mit niedergelassenen Hausärzten, deren Analyse sie zum Erkennen bestimmter Typen von Entscheidungsmustern und zentralen strukturierenden Handlungsmustern führt und zu Erklärungen, wie diese aus der individuellen lebensgeschichtlichen Erfahrung erwachsen sind. Im zweiten Schritt wendet sie sich dem hausärztlichen Alltagshandeln zu: Mittels der Analyse videodokumentierter Konsultationen sowie weiterer Kontextfaktoren der Praxisgestaltung in den Praxen der Studienteilnehmer arbeitet sie für die Ärzte je typische Interaktionsmuster in der Begegnung mit ihren Patienten heraus.

Durch den biographischen Ansatz ihrer Forschung werden Ärzte nicht auf ihre ärztliche Rolle reduziert, sondern erscheinen als individuelle Subjekte. Es fasziniert, die unterschiedlichen Lebenswege der Befragten bis hin zu ihrer Berufswahl und Niederlassung nachzuvollziehen. Witte arbeitet heraus, wie prägende Kindheitserlebnisse (etwa Gefühle von Machtlosigkeit) oder familiale Konstellationen (Täter oder Verfolgung im Dritten Reich) zu spezifischen Handlungsmustern im Leben der Betroffenen führten, die letztlich in die Berufswahl „Arzt“ mündeten. Sie zeigt weiter, wie die Ausfüllung der Rolle als Arzt dadurch eine besondere biographische Prägung erhält. Zeigt sich eine Ärztin mit frühen Ohnmachtserfahrungen gegenüber ihren Patienten als streng und diese in ihre Rolle verweisend, stehen bei dem Arzt, in dessen Familiengeschichte eine Involviertheit in der NS-Zeit als wahrscheinlich gilt, Aspekte von „Helfen“ und „Wiedergutmachen“ im Kontakt mit seinen Patienten im Vordergrund. Eine weitere Ärztin lässt zwar sowohl in Praxisgestaltung als auch im anfänglichen Kontakt mit ihren Patienten ein hohes Maß an Offenheit und Nähe zu. Eindrücklich zeigt die Analyse, wie die zunächst hergestellte Offenheit zwischen Ärztin und ihren Patienten durch unbewusste Strategien im Verlauf der Interaktion konterkariert wird. Die Ärztin kann so eine zu große Emotionalität, die – biographisch nachgewiesen – bedrohliche Aspekte für sie enthalten könnte, vermeiden. Und dies konsequent nachweisbar in allen aufgezeichneten Konsultationen!

Es gibt kein von subjektiven Aspekten gereinigtes „rein medizinisches“ Handeln. Die Studie zeigt, wie sich die Prägung des Handelns aus der Biographie heraus in der Wahl des Praxisortes, der Praxisgestaltung (Einzel- oder Gemeinschaftspraxis), der Inneneinrichtung bis hin zum prototypischen Ablauf einer Konsultation auswirkt.

Aufgrund der Verschiedenheit der Patienten, die ihrerseits mit ihrer biographischen Prägung in die Sprechstunde kommen, sollten entsprechende Varianzen im Ablauf der Konsultationen der untersuchten Ärzte deutlich werden. Die Videodokumente aus der Alltagspraxis aber lassen hier jedoch eine erschreckende Gleichförmigkeit im Ablauf und ärztlichen Verhalten erkennen. Witte führt dies zum einen auf eine über die Zeit zunehmende Homogenisierung der Klientel eines Arztes zurück. Zum anderen werde daran jedoch auch die Machtverteilung innerhalb der Arzt-Patienten-Interaktion deutlich.

Witte leistet einen wichtigen Beitrag zur Mikrosoziologie der allgemeinmedizinischen Profession, der man eine breite Rezeption wünscht. Sie führt zu tieferem Verständnis von Prägung und Entstehung des ärztlich-professionellen Selbstverständnisses, das bislang immer noch ein vernachlässigtes Forschungsfeld ist.

Diskussionswürdig zeigen sich einige Passagen der Interpretation, an denen der biographische Einfluss durch die lebensgeschichtlich gestellten Bewältigungsaufgaben größtenteils in den Beschränkungen im Leben der Biographen gesehen wird. Der positive Einfluss und das dadurch mögliche Entwicklungspotenzial, die an vielen Stellen durchscheinen, kommen etwas zu kurz. Nicole Wittes eindrücklicher Nachweis biographischer Prägung ärztlichen Handelns sollte Anlass zum Nachdenken geben. Drängt sich doch fast zwangsläufig bei der Lektüre die Frage nach dem eigenen beruflichen wie privaten Gewordensein auf.

Vera Kalitzkus

Nicole Witte

Ärztliches Handeln im Praxisalltag Eine interaktions- und biographieanalytische Studie

Reihe: Biographie- und Lebensweltforschung Bd. 8 Campus Verlag (Frankfurt) 2010 476 Seiten ISBN 978–3–593–39313–1 Preis: 45,00 E

Korrespondenzadresse

Dr. disc. pol. Vera Kalitzkus

Institut für Allgemeinmedizin
und Familienmedizin

Universität Witten/Herdecke

Alfred-Herrhausen-Str. 50, 58448 Witten

Tel.: 02302 926741

E-Mail: vera.kalitzkus@uni-wh.de


(Stand: 29.05.2015)

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