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„Das müssen wir den Hausärzten einmal beibringen“

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In der Deutschen Medizinischen Wochenschrift erschien kürzlich eine Veröffentlichung mit dem Titel „Herz-Kreislauf-Prävention beim Hausarzt? Erste Ergebnisse einer Studie zu Einstellungen, Angeboten, Erfolgen und Problemen in der Praxis“. Ziel der Arbeit war, wie die Autoren schreiben, die Analyse von Angeboten an „Lebensstilberatung und anderen kardiovaskulär-präventiven Maßnahmen“ in der hausärztlichen Versorgung Deutschlands, weil „bislang keine detaillierten Daten zum Angebot“ vorlägen.

Autoren sind Christina Huy (Diplom-Informatikerin, Mannheimer Institut für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin [MIPHSP]), Curt Diehm (Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin, Klinikum Karlsbad-Langensteinbach, Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Heidelberg) und Sven Schneider (Arzt, ebenfalls MIPHSP).

Von 2000 zufällig ausgewählten baden-württembergischen Hausärzten nahmen gerade einmal 13% (n = 260) an der Studie teil. Hier schon einmal eine herzliche Gratulation an die 1.740 Kolleg/innen, die ablehnten... J (die anderen müssen wir noch überzeugen, sich nur dann an Forschungsprojekten zu beteiligen, wenn allgemeinmedizinische Universitätsinstitutionen dabei sind).

Mit einem Fragebogen wurde u.a. erhoben:

  • die Häufigkeit routinemäßig durchgeführter Untersuchungen zur Bestimmung von Risikofaktoren bei neuen Patienten,
  • Aspekte der Lebensstilberatung, die in das Arzt-Patienten-Gespräch einfließen,
  • die Kenntnis einschlägiger Präventionsleitlinien sowie
  • die Einschätzung des persönlichen Erfolgs bei der Motivation von Patienten.

Mit methodischen Aspekten will ich Sie nicht langweilen – nur nebenbei sei erwähnt, dass fehlende Werte in den Fragebögen durch einen „gemittelten Schätzwert“ ersetzt wurden.

Von den Resultaten sei ausschnittsweise die Grafik (Abb. 1) gezeigt. Aus diesen Daten basteln die Autoren den folgenden Text: „Zwar wurde die Bedeutung einer Lebensstiländerung von über 90% der Ärzte als überaus wichtig erachtet, jedoch lagen die Anteile bzgl. eines als gut eingeschätzten Wissens um Handlungsansätze in diesen Bereichen und des subjektiv wahrgenommenen Motivationserfolges deutlich niedriger. So waren nur 23% der Ärzte beim Thema Tabakentwöhnung der Meinung, ihre Patienten erfolgreich motivieren zu können.

Hier werden also den betreuenden Ärzt/innen die „subjektiv wahrgenommenen“ niedrigen Raten von Tabak- und Alkoholentwöhnung zur Last gelegt. Ein kurzer Blick in die Literatur würde ausreichen, um einen solchen monokausalen Nonsens zu entlarven.

Die höchst spekulativen Schlussfolgerungen (in denen grundsätzlich von „Hausärzten in Baden-Württemberg“ gesprochen wird) möchte ich Ihnen nicht verschweigen, weil sie vielleicht doch eher zur Belustigung beitragen können:

„Die Ergebnisse deuten auf eine Diskrepanz zwischen dem Potenzial und der Umsetzung von Präventionsmaßnahmen im hausärztlichen Setting hin. Es besteht ein Interventionsbedarf hinsichtlich der Häufigkeit und Qualität von Lebensstilberatungen, da zu vermuten ist, dass solche Beratungen zum Großteil nicht genug in die Tiefe gehen . Eine vermehrte Information der Ärzte bzgl. der Effektivität von Lebensstilberatungen, effiziente Schulungen und verbesserte finanzielle und organisatorische Rahmenbedingungen könnten zu einer Verbesserung des Präventionsangebotes beitragen“.

War‘s das? Noch nicht ganz … Am Textende kommen noch zwei interessante Sätze:

  • · „Die Autoren erklären, dass keine finanziellen Interessenkonflikte bestehen“.
  • · „Die Studie wurde von der Gotthard-Schettler-Gesellschaft für Herz- und Kreislaufforschung e. V. Heidelberg gefördert“.

Interessant sind die beiden Statements deshalb, weil der mittlere Autor, Curt Diehm, der indirekte Studienfinancier sprich Vorsitzender dieser Stiftung (und der Deutschen Gefäßliga) ist. Auf seiner Homepage ist zu lesen: „Ich verfüge über eine langjährige Erfahrung als nationaler und internationaler Keynote Speaker. […] Sie dürfen davon ausgehen, dass ich das notwendige Charisma, die notwendige Weitsicht und die Visionen besitze, Ihr Publikum zu faszinieren“. Na bitte …

Eine Internetsuche nach entsprechenden Informationen zur Gotthard-Schettler-Gesellschaft bleibt erfolglos. Von der Stiftung ist nur bekannt, dass sie (vermutlich jährlich) einen Preis von 10.000 Euro für eine wissenschaftliche Arbeit aus der Herz-, Kreislauf- und Arterioskleroseforschung vergibt.

Woher das Geld stammt, ist unklar. Klar ist hingegen, dass Diehm mehrfach mit Angestellten von Sanofi-Avensis publiziert hat. Einschlägige Auskünfte von Kollegen aus dem „lokalen Umfeld“ lassen vermuten, dass enge Bindungen zu entsprechenden Pharmaunternehmen bestehen (dabei wurde auch die Werbetrommel für Aggrenox® und Sortis® gerührt). Soweit zu den fehlenden Interessenkonflikten …

Huy C, Diehm C, Schneider S. Herz-Kreislauf-Prävention beim Hausarzt? Erste Ergebnisse einer Studie zu Einstellungen, Angeboten, Erfolgen und Problemen in der Praxis. Dtsch Med Wochenschr 2012; 137: 17–22 (übrigens nicht der erste windige Versuch der Autoren, siehe z.B. Huy C, Thiel A, Diehm C, Schneider S. Adhärenz-Defizite auf allen Ebenen – aktueller Interventionsbedarf in der Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention kardiovaskulärer Erkrankungen. Dtsch Med Wschr 2010; 135: 2119–2124).

Abbildungen:

Abbildung 1 Bedeutung, Wissen und Erfolg bei der Umsetzung von Präventionsmaßnahmen, nach Angaben von Hausärzten in Baden-Württemberg [Dtsch Med Wochenschr 2012; 137: 19].


(Stand: 29.05.2015)

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