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Stellungnahme des Netzwerks Evidenzbasierte Medizin (DNEbM) zum Hautkrebsscreening 2015

DOI: 10.3238/zfa.2015.0297-0298

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Das DNEbM hat bereits in einer früheren Pressemitteilung [1] sowie auf seiner Jahrestagung 2014 [2] zum Hautkrebsscreening in Deutschland kritisch Stellung bezogen. Jetzt liegt der Evaluationsbericht des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) vor [3]. Auf einer Veranstaltung des DNEbM am 1. Juni 2015 in Berlin wurden die Ergebnisse bewertet und diskutiert, welche Bedeutung sie für die Zukunft des Screeningprogramms haben könnten [4].

Das Hautkrebsscreening wurde im Jahr 2008 in Deutschland eingeführt – ohne wissenschaftlichen Nachweis eines Nutzens durch randomisierte kontrollierte Studien (Verringerung der Hautkrebssterblichkeit und/oder der Krankheitslast). Die Entscheidung des G-BA für das Screening ist seinerzeit unter der Auflage gefallen, dass es eine Evaluation geben müsse. Der nun vorliegende Evaluationsbericht ist jedoch unzureichend; entscheidende Fragen können weiterhin nicht beantwortet werden. An der Unsicherheit zu Nutzen und Schaden hat sich nichts geändert. Es wurde die Chance vertan, zumindest Prozessparameter und die Güte der Untersuchungen zu erfassen.

Das Nutzen-Schaden-Verhältnis des Hautkrebsscreenings in Deutschland lässt sich weiterhin nicht quantifizieren. Bisher gibt es keinen Beleg für einen Nutzen des Screenings. Nach den deutschen Krebsregisterdaten gibt es weder eine Abnahme der Mortalität noch der fortgeschrittenen Stadien des Melanoms.

Unbestritten ist es mit der Einführung des Screenings zeitgleich zu einer erheblichen Zunahme an Hautkrebsdiagnosen und operativen diagnostischen und therapeutischen Eingriffen gekommen [3, 5–7]. Da eine andere Ursache als das Screening für den plötzlichen und anhaltenden Anstieg der Diagnosen nicht plausibel erscheint, deuten diese Daten auf eine erhebliche Rate an Überdiagnosen und Übertherapien hin. Konkret bedeutet dies, dass viele Hautveränderungen als Krebs diagnostiziert und behandelt werden, obwohl diese den Betroffenen zu Lebzeiten niemals Symptome verursacht hätten. Das Statistische Bundesamt hat auf eine seit Einführung des Screenings deutliche Zunahme von Krankenhausbehandlungen aufgrund von Hautkrebs hingewiesen [5].

Keine Aussagen sind derzeit auch zur Rate an Intervallkarzinomen bzw. falsch negativen Befunden möglich.

Besonders irritierend ist die Tatsache, dass die Qualität der histopathologischen Befunde nicht beurteilt werden kann. Die wissenschaftliche Literatur weist seit Jahren auf die Probleme der histopathologischen Befundung und deren Limitation als Goldstandard hin [8–11]. Dies betrifft insbesondere die möglichen Vorstufen bzw. frühen Melanom-Stadien. Fragen zur Intra- und Interrater-Reliabilität bzw. Konkordanz/Diskordanz zwischen Zentren bleiben unbeantwortet. Eine Doppelbefundung wie beim Mammographie-Screening ist bisher nicht vorgesehen.

Das DNEbM ist besorgt über die Aktionen verschiedener Krankenkassen, das Screening immer jüngeren Menschen anzubieten. Hautkrebs ist bei jungen Menschen noch seltener als bei älteren, daher wäre das Nutzen-Schaden- Verhältnis bei dieser Bevölkerungsgruppe noch ungünstiger.

Eine Nutzen-Kosten-Abschätzung des Screenings ist ebenfalls nicht möglich. Jedoch ist bei fehlendem Nutzennachweis des Hautkrebsscreenings eine möglicherweise erhebliche Fehlallokation von Ressourcen zu befürchten.

Nach international gültigen Kriterien zur Beurteilung von Screeningprogrammen erfüllt das Hautkrebssceening in Deutschland entscheidende Voraussetzungen nicht [12, 13]. Der Nutzen muss den möglichen Schaden des Screenings nachweisbar überwiegen. Dieser Nachweis steht für das Hautkrebsscreening aus. Damit fehlt nach wie vor eine entscheidende Grundlage, das Hautkrebsscreening fortzusetzen.

Sollte der G-BA das Programm trotzdem fortführen, empfehlen wir dringend, eine nach Kriterien der evidenzbasierten Medizin prospektiv geplante kontrollierte Evaluation zu Nutzen und Schaden des Hautkrebsscreenings durchzuführen. Insbesondere müssten offene Fragen zum Krankheitswert von Krebsvorstufen und zur Rate an Intervallkarzinomen geklärt werden.

Korrespondenzadresse

Deutsches Netzwerk
Evidenzbasierte Medizin e. V. (DNEbM)

Kuno-Fischer-Straße 8

14057 Berlin

Tel.: 030 308 336 60

kontakt@ebm-netzwerk.de

Literatur

1. DNEbM Pressemitteilung vom 18. 02. 2014 „Hautkrebsfrüherkennung nach wie vor ohne Nachweis eines Nutzens“. www.ebm-netzwerk.de/pdf/stellungnahmen/pm-praevention-20140218.pdf (letzter Zugriff am 24.6.2015)

2. DNEbM Jahrestagung 2014: Prävention zwischen Evidenz und Eminenz. www.ebm-netzwerk.de/was-wir-tun/jahres tagungen/2014 (letzter Zugriff am 24.6.2015)

3. Veit C, Lüken F, Melsheimer O. Evaluation der Screeninguntersuchungen auf Hautkrebs gemäß Krebsfrüherkennungs-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses Abschlussbericht 2009–2010 im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses, 2015. www.g-ba.de/downloads/17–98–3907/ 2015–03–11_BQS_HKS-Abschlussbericht- 2009–2010.pdf (letzter Zugriff am 24.6.2015)

4. DNEbM Veranstaltung am 01. 06. 2015 „Hautkrebs-Früherkennung in Deutschland – Nutzen? Schaden?“. www.ebm-netzwerk.de/ebm-events/kalender/po diumsdiskussion-hautkrebsscreening (letzter Zugriff am 24.6.2015)

5. Statistisches Bundesamt Pressemitteilung vom 29. Juli 2014 – 265/14 „23 % mehr stationäre Hautkrebs-behandlungen innerhalb von 5 Jahren“

6. Barmer GEK Arztreport 2014 „Hautkrebsrepublik Deutschland“. https:// presse.barmer-gek.de/barmer/web/Portale/Presseportal/Subportal/Presseinfor mationen/Archiv/2014/140204-Arztre port/Arztreport-2014.html (letzter Zugriff am 24.6.2015)

7. Informationen des Zentrums für Krebsregisterdaten (ZfKD). Malignes Melanom der Haut. www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Krebsarten/Mela nom/melanom_node.html;jsessionid= ADAA5E104A2CD6CB283315C7E9F30898.2_cid390 (letzter Zugriff am 24.6.2015)

8. Farmer ER, Gonin R, Hanna MP. Discordance in the histopathologic diagnosis of melanoma and melanocytic nevi between expert pathologists. Hum Pathol1996; 27: 528–531

9. Shoo BA, Sagebiel RW, Kashani-Sabet M. Discordance in the histopathologic diagnosis of melanoma at a melanoma referral center. J Am Acad Dermatol 2010; 62: 751–756

10. Hawryluk EB, Sober AJ, Piris A, et al. Histologically challenging melanocytic tumors referred to a tertiary care pigmented lesion clinic. J Am Acad Dermatol 2012; 67: 727–735

11. Malvehy J, Hauschild A, Curiel-Lewandrowski C, et al. Clinical performance of the Nevisense system in cutaneous melanoma detection: an international, multicentre, prospective and blinded clinical trial on efficacy and safety. Br J Dermatol 2014; 171: 1099–1107

12. Wilson JMG, Jungner G. Principles and practice of screening for disease. Public Health Paper Number 34. Geneva: WHO, 1968

13. UK National Screening Committee. Criteria for appraising the viability, effectiveness and appropriateness of a screening programme. www.screening.nhs.uk/criteria (letzter Zugriff am 24.6.2015)

DOI 10.3238/zfa.2015.0297–0298


(Stand: 16.07.2015)

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