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Linde K. Darf ein guter Allgemeinmediziner an Komplementärmedizin glauben oder Placebos anwenden? Z Allg Med 2015; 91: 201–206

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Leserbrief von Prof. Dr. Norbert Schmacke

Klaus Linde schreibt, dass „der einzelne Praktiker, ob er nun CAM und Placebos anwendet oder nicht, im Alltag in der Regel gar keine Legitimationsprobleme hat“. Ich würde das anders formulieren: Überzeugte Anwenderinnen und Anwender der sogenannten Alternativmedizin sind mit rationalen Argumenten nicht mehr erreichbar. Sie arbeiten mit einer doppelten Täuschung: Sie täuschen sich selber und ihre Patientinnen und Patienten. Wenn Kranke an Heilwirkungen jenseits nachvollziehbarer Horizonte glauben, ist das ihre persönliche Haltung und Entscheidung, die am Ende nicht zur Disposition steht. „Ein guter Allgemeinmediziner“ aber kann nicht im Ernst an die weltanschaulichen Setzungen von Samuel Hahnemann oder Rudolf Steiner glauben. Es würde ja auch nicht toleriert, wenn Ärztinnen und Ärzte ihren Patientinnen und Patienten erzählen, dass die Erde doch eine Scheibe ist. Wer in diesen Fragen schwankt, der muss sich vielleicht noch einmal genauer mit den Verlautbarungen von Homöopathen beschäftigen, die Kranke von Krebs und Schlaganfall zu heilen versprechen und bei derartigem Irrsinn auch nicht von den vorsichtigeren Vertretern dieser Schulrichtungen zur Raison gerufen werden [1]. Das Verschreiben von Placebopräparaten ist nach übereinstimmender Bewertung des Medizinrechts und der Medizinethik nur statthaft, wenn zuvor ausdrücklich auf den fehlenden spezifischen Nutzen hingewiesen worden ist. Dies genau kann ein klassischer Homöopath aber nicht tun, weil er ja gerade glaubt, dass die Heilkraft in den individuell ausgesuchten Globuli steckt. Die Allgemeinmedizin sollte aus der Inanspruchnahme von CAM eine (vermutlich nicht ganz einfache) Schlussfolgerung ziehen: die kommunikativen Kompetenzen selbstkritisch betrachten und wo immer nötig verbessern [2].

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Norbert Schmacke

Marssel 48

28179 Bremen

Tel.: 01520 8987285

schmacke@uni-bremen.de

Literatur

1. Schmacke N (Hrsg.). Der Glaube an die Globuli. Die Verheißungen der Homöopathie. Suhrkamp medizin Human 2015 (i.E.)

2. Schmacke N, Stamer M, Müller V. Gehört, gesehen und verstanden werden: Überlegungen zu den Lehren aus der Homöopathieforschung. Z Allg Med 2014, 90: 251–255


(Stand: 16.07.2015)

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