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Infektiöse Endokarditis: Weniger prophylaktische Antibiotikaverordnungen – ansteigende Häufigkeit!

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Die infektiöse Endokarditis (IE ) ist zwar selten, aber mit hoher Krankheitslast und einer 5-Jahres-Sterblichkeit von 40 % assoziiert (rund 80 % der Fälle werden durch Staphylokokken und Streptokokken verursacht).

Bereits 1923 vermuteten amerikanische Autoren, dass zahnärztliche Eingriffe für die Bakteriämie bei IE verantwortlich sein könnten und 1955 publizierte die American Heart Association die erste Leitlinie, die eine Antibiotikaprophylaxe bei invasiven Prozeduren zur Verminderung des IE-Risikos empfahl. Die Leitlinie von 1997 sah noch eine Antibiotikaprophylaxe für eine recht umfangreiche Liste von Eingriffen vor, die je nach kardialer Risikogruppe von Zahnextraktionen über die Tonsillektomie bis hin zu Prostataoperationen reichte (detaillierter Text frei unter http:// cid.oxfordjournals.org/content/25/6/ 1448.long).

Zehn Jahre später, in der Leitlinienversion der amerikanischen und europäischen Fachgesellschaften von 2007, wurde nur noch Patienten in der höchsten Risikogruppe eine Antibiotikaprophylaxe empfohlen (z.B. wurden Eingriffe im Bereich des Urogenital- oder Gastrointestinaltrakts „prophylaxefrei“ gestellt). Noch weiter ging das britische National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) im März 2008: Es empfahl die komplette Einstellung der Prophylaxe.

Jetzt liegen zwei Studien aus den USA und Großbritannien vor, die über 11 bzw. 13 Jahre die Inzidenzentwicklung der Erkrankung analysierten. Die amerikanische Untersuchung findet eine stetig ansteigende Inzidenz, wobei sich die Perioden von 2000–2007 und 2008–2011 in Bezug auf die Hospitalisationsraten nicht unterscheiden. Die englische Arbeit kommt zu dem m.E. beunruhigenden Ergebnis, dass die Häufigkeit seit 2008 parallel zu sinkenden Prophylaxeverordnungen signifikant angestiegen sei.

Keine der Autorengruppen behauptet eine kausale Assoziation und in den jeweiligen Begleiteditorials werden multiple Einflussfaktoren diskutiert.

Ein nüchterner Blick auf diese mittlerweile 60-jährige Geschichte lässt allerdings nur eine Schlussfolgerung zu: Bis heute gibt es keine einzige kontrollierte Vergleichsstudie zwischen Patienten mit und ohne Antibiotikaprophylaxe – ein absolutes Armutszeugnis.

Dayer MJ, Jones S, Prendergast B, Baddour LM, Lockhart PB, Thornhill MH. Incidence of infective endocarditis in England, 2000–13: a secular trend, interrupted time-series analysis. Lancet 2015; 385: 1219–28

Pant S, Patel NJ, Deshmukh A, et al. Trends in infective endocarditis incidence, microbiology, and valve replacement in the United States from 2000 to 2011. JACC 2015; 2070–76

Abbildung: fotolia/Dmitriy Syechin


(Stand: 15.07.2016)

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