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Über das Herstellen von Wissen

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Dieses Buch ist nicht unbedingt eine allgemeinmedizinische Pflichtlektüre; die Ehrenrettung des Praktikers gegenüber dem Theoretiker ist jedoch eine Stoßrichtung, die Interesse und Sympathie weckt. Die Geringschätzung des praktischen Könnens gegenüber dem Theoretiker hat eine lange Tradition, die bei Plato beginnt, und auch unserem heutigen akademischen Betrieb fest eingeprägt ist. Man setze für das erste „Versorgungsforschung“ oder „allgemeinmedizinische Forschung“ ein, für das zweite „Grundlagenforschung“ oder „Labor“, dann wird die Parallele für die Universitätsmedizin deutlich.

Der kürzlich verstorbene Autor war Professor für Philosophie in Marburg. Erkenntnistheorie und Wissenschaftsphilosophie waren seine Arbeitsschwerpunkte. Das Buch verzichtet völlig auf schwierigen Fachjargon und bietet eine sehr verständliche Einführung in diese Gebiete; für das Verständnis sind philosophische Vorkenntnisse nicht erforderlich.

Beginnend mit der klassischen Geometrie des Euklid, über die Physik, die Chemie, die modernen Lebenswissenschaften (darunter natürlich auch die Medizin) bis hin zu den Informationswissenschaften wird der Bogen gespannt. Ziel der Untersuchung ist es, die handwerklichen Grundlagen („Handwerk“) der hochnäsig-theoretischen Begriffe und Modelle („Mundwerk“) aufzuzeigen. Die Ursprünge der wissenschaftlichen Abstrakta sind tatsächlich im konkreten, zweckorientierten Vollzug zu finden: den Handlungen der Landvermesser, der Waagen- und Wagenbauer, der Bierbrauer und der Tierzüchter. Wissenschaftliche Gegenstände sind nicht zu erfassen, ohne dass Geräte handwerklichen Ursprungs ins Spiel kommen, die eine Messung oder Betrachtung überhaupt erst ermöglichen. Und noch mehr: Das Handwerk in seiner Orientierung an einem Zweck sei kein schlechtes Modell, um die Leistungen und Grenzen eines rationalen Handelns zu erkennen. Schließlich hilft das Buch dabei, die naiven Vorstellungen von Wissenschaft als „Spiegel der Natur“ aufzugeben und den kulturellen Aspekt auch der Naturwissenschaft zu verstehen. Damit wird manche falsche Selbststilisierung der modernen Wissenschaft kritisch hinterfragt.

Das Buch liest sich recht munter, trotzdem werden große Probleme der Philosophie angegangen; oft geschieht dies so leichtfüßig, dass der Leser es kaum merkt. Fast wünscht man sich, dass der Anschluss an wissenschaftsphilosophische Begriffe und Positionen deutlicher gemacht würden; die Referenzen sind sehr sparsam gesetzt und beziehen sich häufig auf Arbeiten des Autors. Aber das ist Geschmackssache bei einem Buch, dass nicht primär eine philosophische Fachöffentlichkeit ansprechen soll.

Interessenkonflikte: NDB war für mehrere Jahre in demselben Institutsgebäude der Universität Marburg wie Peter Janich tätig. Neidisch muss er zugeben, dass beim Ausfall der Heizung Peter Janich in der Lage war, das Problem zu lösen, NDB als „praktischer Arzt“ war es nicht …

Peter Janich

Handwerk und Mundwerk

Über das Herstellen von Wissen

1. Aufl. München: C.H. Beck, 2015, 372 Seiten

ISBN 978-3-406-67490-7

Preis 29,95 Euro

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Norbert Donner-Banzhoff, M.H.Sc.

Abteilung für Allgemeinmedizin, <br/>Präventive und Rehabilitative Medizin

Philipps-Universität Marburg

Karl-von-Frisch-Straße 4

35043 Marburg

Tel.: 06421 286–5120

Norbert@staff.uni-marburg.de


(Stand: 18.07.2017)

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