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Pharmakovigilanz in den Niederlanden - Beteiligung von medizinischen Fachkreisen und Patienten

DOI: 10.1055/s-2005-836817

Pharmakovigilanz in den Niederlanden - Beteiligung von medizinischen Fachkreisen und Patienten

A. C. van Grootheest Pharmakovigilanz in den Niederlanden – Beteiligung von medizinischen Fachkreisen und Patienten Pharmacovigilance in the Netherlands – Involvement of Health Professionals and Patients Übersicht Zusammenfassung Das niederländische Pharmakovigilanz Zentrum Lareb ist in Holland für die Erfassung und Auswertung von Meldungen über unerwünschte Neben- und Wechselwirkungen oder andere Gefahren im Zusammenhang mit der Anwendung von Arzneimitteln (UAW) verantwortlich. Lareb wurde von Ärzten und Apothekern gegründet. Die Verantwortung für das spontane Meldesystem liegt weiterhin bei Ärzten und Apothekern. Charakteristisch für Lareb ist die Beteiligung von Meldern, das akademische Arbeitsniveau und die Transparenz von Berichten und Fachwissen. Seit dem 1. April 2003 können Patienten Berichte über mögliche unerwünschte Arzneimittelwirkungen unmittelbar beim niederländischen Pharmakovigilanz Zentrum Lareb einreichen. Im ersten Jahr wurden 276 Berichte von Patienten eingereicht und 3131 von Ärzten und Apothekern. Patientenberichte enthielten gewöhnlich ausreichende medizinische Informationen und schilderten hauptsächlich schwerwiegende Neben- und Wechselwirkungen auf Arzneimittel. Patienten berichteten relativ häufig über unerwünschte Wirkungen von Psychopharmaka, insbesondere von Antidepressiva. Aufgrund der positiven Ergebnisse des ersten Jahres wurde beschlossen, im niederländischen Pharmakovigilanz Zentrum Lareb die Abteilung für Patientenberichte beizubehalten. Informationen zur Pharmakovigilanz sollen Ärzten und Apothekern helfen mit den Risiken bestimmter Arzneimittel besser umzugehen und das erworbene Wissen in der Behandlung des einzelnen Patienten einzusetzen. Schlüsselwörter Pharmakovigilanz · unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) · Arzneimittelsicherheit · Patientenberichte Abstract In Holland the Netherlands Pharmacovigilance Centre Lareb is responsible for collecting and analyzing reports of adverse drug reactions (ADRs). Lareb is an organization which was founded by physician and pharmacists and the spontaneous reporting system is still the responsibility of doctors and pharmacists. Lareb is characterized by involvement of reporters, academic level of working and transparency of reports and knowledge. Since April 1st 2003 also patients may submit reports of possible adverse drug reactions directly to the Netherlands Pharmacovigilance Centre Lareb. In the first year 276 reports were submitted by patients and 3131 by doctors and pharmacists. The reports from patients usually contained sufficient medical information and frequently referred to serious adverse reactions. The reports from patients relatively often concerned psychotherapeutic agents, notably antidepressants. Based on the positive results during the first year, the Netherlands Pharmacovigilance Centre Lareb has decided to continue the reporting station for patients. Pharmacovigilance information should help doctors and pharmacists on how best to deal with the risks of drugs and provide them with tools that will enable those to apply new acquired knowledge to the treatment of the individual patient. 335 Key words Pharmacovigilance · adverse drug reactions · drug safety · patient reporting Institutsangaben Niederländisches Pharmakovigilanz Zentrum Lareb, MH’s-Hertogenbosch, Niederlande Korrespondenzadresse A. C. van Grootheest M. D. PhD. · Niederländisches Pharmakovigilanz Zentrum Lareb · Goudsbloemvallei 7 · 5237 MH’s-Hertogenbosch · Tel.: +3173/6 46 97 00 · E-mail: ac.vangrootheest@lareb.nl Bibliografie Z Allg Med 2005; 81: 335–340 · © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York DOI 10.1055/s-2005-836817 ISSN 0014-336251 Einleitung Die WHO definiert Pharmakovigilanz als „die Wissenschaft und Aktivitäten, die zur Entdeckung, Beurteilung, sowie zum Verständnis und zur Vorbeugung von unerwünschten Wirkungen oder anderen Problemen in Verbindung mit Arzneimitteln dienen“. Die Überwachung von Arzneimitteln in der PostmarketingPhase stützt sich auf Berichte über vermutliche unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAWs). UAWs wurden kaum systematisch beachtet, bis Anfang der Fünfzigerjahre, als erkannt wurde, dass Chloramphenicol aplastische Anämien [2] auslösen kann. Der Holländer Meyler verfasste 1951 als Erster eine Übersichtsarbeit über die „Nebenwirkung von Arzneimitteln“. Seine Arbeit wird immer noch, auch auf internationalem Niveau, als der zugrunde liegende Standard auf dem Gebiet unerwünschter Arzneimittelwirkungen angesehen [3]. In 1961 schockierte die Thalidomid Katastrophe die Welt. Tausende Neugeborene, deren Mütter während der Schwangerschaft Thalidomid (Contagan®) eingenommen hatten, ein damals als sanft und sicher vermarktetes Schlafmittel, kamen mit schweren angeborenen Missbildungen zur Welt [4]. Aufgrund dieser Tragödie wurden erstmals in vielen Ländern Ausschüsse zur Arzneimittelsicherheit eingerichtet. Neben der Definition von Qualitätsstandards bei der Zusammensetzung von Arzneimitteln, bekräftigten diese Regulations-Ausschüsse das Bedürfnis nach Beweisen für die Sicherheit von Arzneimitteln, die umfangreiche toxikologische und präklinische Prüfungen voraussetzten, bevor sie überhaupt beim Menschen getestet werden konnten. 336 Beobachtungen oder Informationen einem Pharmakovigilanz Zentrum mitzuteilen. Diese Meldungen sollten ausreichende Informationen enthalten, um einen Zusammenhang zwischen der vermuteten UAW und dem infrage kommenden Arzneimittel genau zu bewerten und fundiert beurteilen zu können (Kausalitätsbeurteilung) [7]. Das bedeutet, dass weniger aber qualitative ausführliche Berichte eher bevorzugt werden als viele unspezifische Berichte. Pharmakovigilanz wurde in der Vergangenheit kritisiert, da die Entdeckung einer UAW häufig dazu führte, dass die Zulassung für das infrage kommende Arzneimittel widerrufen wurde. Heute ist es ein Hauptanliegen der Pharmakovigilanz kreativer und konstruktiver zu verfahren [8, 9]. Wege zur Verbesserung der Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten werden erforscht, sowie die Fragestellung welche Methoden zur Verbesserung der Arzneimittelsicherheit eingesetzt werden können. Schließlich ist ein Arzneimittel nie einfach nur sicher oder unsicher: Die Sicherheit hängt immer davon ab, ob es in der richtigen Dosierung und im richtigen Risiko-Nutzen Verhältnis beim jeweiligen Patienten eingesetzt wird. Informationen zur Pharmakovigilanz sollen Ärzten und Apothekern helfen, mit den Risiken bestimmter Arzneimittel besser umzugehen und das erworbene Wissen in der Behandlung des einzelnen Patienten einzusetzen. Damit trägt Pharmakovigilanz entscheidend zum sicheren und vernünftigen Arzneimittelgebrauch und zum Nutzen und Wohlergehen jedes Patienten bei, der eine Arzneimitteltherapie benötigt. Übersicht Man geht davon aus, dass Arzneimittel, die heute auf dem Markt eingeführt werden, im Ergebnis sicherer und wirksamer geworden sind. Trotz dieser strengeren Handhabung der Arzneimittelrichtlinien, wurden dennoch seither viele schwerwiegende UAWs berichtet. 1968 schlossen sich zehn Länder mit nationalem Meldesystem unter der Schirmherrschaft der WHO zusammen und gründeten das Programm für Internationale Arzneimittelüberwachung (International Drug Monitoring) [5]. Spontane Meldungen als Hauptquelle für Signale Pharmakovigilanz basiert auf der Erzeugung von Signalen (Hinweise auf einen kausalen Zusammenhang zwischen einem unerwünschtem Ereignis und einem Arzneimittel) die aus Patientenerfahrungen bei der Anwendung von Arzneimitteln ermittelt und von den behandelnden Ärzten und Apothekern gemeldet werden. Die am weitesten verbreitete Methode ist das so genannte spontane Meldesystem. Ein spontanes Meldesystem ist am ehesten geeignet seltene und schwerwiegende UAWs zu erfassen [6]. Ein spontanes Meldesystem schließt alle Arzneimittel während ihrer gesamten „Lebenszeit“ mit ein. Es lädt medizinische Fachkreise und in zunehmendem Maß auch Patienten ein, ihre Das niederländische Pharmakovigilanz Zentrum Lareb Das niederländische Pharmakovigilanz Zentrum Lareb ist in Holland verantwortlich für die Erfassung und Auswertung von Meldungen über unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAWs). Das Unternehmen wurde von Ärzten und Apothekern gegründet. Alle bedeutenden medizinischen und pharmazeutischen Gesellschaften und Patientenorganisationen sind im Verwaltungsrat vertreten. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern wird in Holland das spontane Meldesystem nicht staatlich sondern von einem unabhängigen Zentrum geführt. Während es in einigen Ländern (dazu zählen Deutschland, Neuseeland und Großbritannien) Organisationen gibt, die unerwünschte Arzneimittelwirkungen in Zusammenarbeit mit Universitäten und Hochschulverbänden untersuchen, sind in Holland vor allem (niedergelassene) Ärzte beteiligt. Die holländische Regierung, in diesem Fall die holländische Medizinbewertungskommission (MEB), beschränkt sich auf die Rolle als aufsichtsführende und koordinierende Behörde und stellt finanzielle Mittel zur Verfügung. Regionale Organisation Im niederländischen Pharmakovigilanz Zentrum Lareb, treffen verschiedene Berufsgruppen aufeinander. Das Zentrum ist verbunden mit einem verzweigten Netzwerk aus Ärzten und Apo- van Grootheest AC. Pharmakovigilanz in Holland … Z Allg Med 2005; 81: 335 – 340 thekern. Lareb ist hollandweit in fünf regionale Kreise aufgeteilt. Die Lareb-Zentrale befindet sich in Hertogenbosch und fungiert als eine regionale Zweigstelle. Vier weitere Niederlassungen sind landesweit in Lehrkrankenhäusern angesiedelt. Jede Zweigstelle hat einen regionalen Koordinator, der die Verbindung zu den Ärzten und Apothekern der jeweiligen Region unterhält. Dieser ist auch persönlich an der Auswertung eingehender Berichte beteiligt, um „in der Mitte des Geschehens“ zu bleiben und wo immer möglich zu sachbezogenen Veröffentlichungen beizutragen. Alle wissenschaftlichen Mitarbeiter bei Lareb treffen sich ein Mal im Monat in der Zentrale zur Besprechung und Weiterbildung. Lareb ist ein kleines Unternehmen mit nur 19 Mitarbeitern. Einige arbeiten Teilzeit. Es gibt fünf Verwaltungsangestellte, die Übrigen sind Ärzte, Apotheker oder verwandte Berufe. Merkmale von Lareb Das Erfassungssystem unerwünschter Arzneimittelwirkungen in Holland zeichnet sich aus durch: – Eine aktive Beteiligung von Meldern (Ärzten, Apothekern und Patienten); – Einen engen Bezug zur Wissenschaft mit wissenschaftlicher Arbeitsweise und der Entwicklung neuer Ansätze bei der Bearbeitung und Auswertung von Daten; – Betonung der Transparenz: Lareb möchte die Verantwortung tragen für gemeldete Fälle und für seine Auswertungsergebnisse. Beteiligung von Ärzten und Apothekern Das holländische Modell weist eine Reihe von Vorteilen auf und bewährt sich in der Praxis. Ärzte und Apotheker kommen in der täglichen Praxis in Berührung mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen. Indem ihnen ein Teil der Verantwortung für die Überwachung der Arzneimittelsicherheit übertragen wird, werden sie auch eher motiviert sein daran mitzuarbeiten. Dadurch wird die Eigenverantwortlichkeit von Ärzten und Apothekern im sicheren und gewissenhaften Umgang mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln betont. Es fällt um einiges leichter den Verdacht einer UAW einer gleichrangigen Organisation zu melden. Schließlich könnte das Auftreten einer UAW dem behandelnden Arzt (Ärztin) oder Apotheker nahe legen, womöglich selbst zum Teil für diese Reaktion verantwortlich zu sein. Es ist möglich, dass der eine oder andere weniger bereitwillig eine UAW einer „übergeordneten Instanz“, wie beispielsweise der Regierung melden würde. Tab. 1 zeigt die Anzahl an Meldungen. Weil Lareb selbst eine Organisation aus Ärzten und Apothekern ist, sind niedergelassene Ärzte leichter erreichbar. Aufgrund der Tatsache dass Ärzte und Apotheker Verdachtsfälle unerwünschte Arzneimittelwirkungen vollkommen freiwillig melden, ist es wichtig sie über die Wichtigkeit der Meldungen aufzuklären und daran zu erinnern. Zusätzlich zum gebotenen feedback, sowohl unmittelbar als auch durch Veröffentlichungen, stellt Lareb möglichen Meldern gezielte Informationen in Form von Mailings Tab. 1 Anzahl der Meldungen in 2004 pro Fachkreis Apotheker Allgemeinärzte Klinikärzte Patienten andere Ärzte aus der Arzneimittelindustrie total 1 541 868 683 417 292 1 247 5 050 Übersicht 337 und Präsentationen zur Verfügung. Die Meldebögen selbst sind benutzerfreundlich entworfen und werden auf unterschiedlichem Weg in Umlauf gebracht, zum Beispiel als regelmäßige Beilage in der Arzneimittelzeitschrift (Drug Bulletin) und in der jährlichen Ausgabe des Farmacotherapeutisch Kompas (Rote Liste), dem Arzneimittelbuch, das als Standardnachschlagewerk für 90 % aller holländischen Ärzte dient. Immer mehr Meldungen gehen auch auf elektronischem Weg über die Lareb Website ein. Wichtig ist, dass Melder sich auf absolute Diskretion verlassen können. Die Identität des Patienten bleibt geheim und Informationen über den Melder werden nicht an Dritte weitergegeben. Datenschutz wird auch von der holländischen Regierung streng gehandhabt. Ein wichtiges Mittel zur Kommunikation mit den Meldern ist die „positive Rückkopplung“. Der Erhalt jeder Meldung wird bestätigt. Außerdem benachrichtigt Lareb die Berichterstatter über die Bewertungen und Schlussfolgerungen bezüglich der gemeldeten UAWs. Lareb ist fest davon überzeugt, dass diese Art der Rückmeldung zu weiteren Meldungen in der nahen Zukunft ermuntert. Wenn ein Mediziner seine erste Meldung beim niederländischen Pharmakovigilanz Zentrum eingereicht hat, wird mit großer Wahrscheinlichkeit eine weitere Meldung im gleichen Jahr folgen. Neben dem Wunsch Meldungen zu fördern, ist Lareb von der Notwendigkeit überzeugt, das Bewusstsein gegenüber unerwünschten Arzneimittelwirkungen unter Ärzten und Apothekern zu schärfen. Dadurch wird nicht nur die Qualität der Meldungen verbessert sondern Schäden durch verschriebene Arzneimittel werden deutlich verringert werden. Ärzte werden Arzneimittel zurückhaltender verschreiben und werden eher und zu einem früheren Zeitpunkt unerwünschte Arzneimittelwirkungen als Ursache der Beschwerden in ihre differenzialdiagnostischen Erwägungen mit einbeziehen. Im Ergebnis werden sie Arzneimittel früher absetzten oder die Dosierung anpassen und dadurch unnötige Kosten und vermeidbare Konsequenzen für die Gesundheit des Patienten vermeiden. Wissenschaftliches Niveau Aufgrund seines wissenschaftlichen Anspruchs und akademischer Arbeitsmethoden wird Lareb von anderen Organisationen als ernst zu nehmender Partner anerkannt, insbesondere von van Grootheest AC. Pharmakovigilanz in Holland … Z Allg Med 2005; 81: 335 – 340 Abb. 1 Gesamtanzahl der Berichte und Anteil der schwerwiegenden Meldungen aus dem Bereich der Pharmaindustrie. 338 Übersicht Fachverbänden. Die wissenschaftliche Qualität der Arbeit von Lareb wird überwacht von einem wissenschaftlichen Rat aus Experten verschiedenster Fachrichtungen. Lareb veröffentlicht jährlich über 30 Beiträge in internationalen oder nationalen Zeitschriften, unter anderem auch in der holländischen Arzneimittelzeitschrift (Drug Bulletin). Lareb führt auch mehr als 30 Weiterbildungsveranstaltungen für Arzt- und/oder Apothekergruppen durch und ist häufig auf wissenschaftlichen Kongressen vertreten. Beurteilen lässt sich die Leistung von Lareb anhand der Quantität und Qualität erhaltener UAW-Meldungen. Andere Qualitätsmerkmale sind die Zahl der Veröffentlichungen, für die das Zentrum verantwortlich ist und die Anzahl der Weiterleitung möglicher Signale. Die Zahl der eingegangenen Meldungen steigt mit jedem Jahr (Abb. 1). Obwohl eine bestimmte Anzahl an Meldungen für ein zuverlässiges Meldesystem nötig ist, legt Lareb mehr Wert auf die Qualität dieser Meldungen. Alle Altersstufen sind in diesen Berichten vertreten. Nach neuesten Veröffentlichungen ist das relative Verhältnis zwischen Kindern (Alter unter 16 Jahren) und Älteren (Alter über 65 Jahren) in den letzten Jahren gestiegen. Das ständige Wachstum dieser Altersgruppe ist besonders zu beachten, da diese Patienten am anfälligsten für unerwünschte Arzneimittelwirkungen zu sein scheinen. Auch die Qualität der Meldungen ist jedes Jahr verbessert worden. Sie unterliegt fortlaufender Kontrolle. Verschiedene Maßstäbe werden dabei eingesetzt, unter anderem der Umfang an dokumentierten Informationen. Immer mehr Meldungen werden zusammen mit den entsprechenden klinischen Befunden eingeschickt, einschließlich des Facharztbriefs an den Hausarzt. Die Tatsache, dass jetzt vollständigere Daten zur Verfügung stehen, lässt sich zum Teil auch auf die größere Anzahl von Berichten von Klinikärzten zurückführen. Transparenz Absolute Transparenz ist ein wesentlicher Grundsatz von Lareb. Die Lareb Website spielt dabei eine zentrale Rolle (www.lareb.nl). Auf dieser Website können alle bei Lareb eingegangenen Meldungen nach Organsystemklassen und Arzneimitteln abgefragt werden. Mit dem Klick auf die einzelnen Kasuistiken stehen genauere Informationen zur Verfügung: demographische Merkmale, Angaben zu Begleitmedikationen, und die Folgen der Arzneimittelreaktionen. Alle Auswertungen und Veröffentlichungen eingegangener Meldungen können eingesehen werden. Auch standardisierte Informationen zu häufig auftretenden unerwünschten Arzneimittelwirkungen sind enthalten. Selbstverständlich können Meldungen über das Netz verschickt werden. Fachkreisen und Laien stehen unterschiedliche Bereiche zur Verfügung. Der Hauptteil der Website ist ins Englische übersetzt, um auch dem internationalen Publikum Einsicht in die Berichte und Informationen auf der Lareb Website zu ermöglichen. Patientenberichte Seit April 2003 können Patienten unerwünschte Arzneimittelreaktionen, die sie selbst erfahren haben, bei Lareb melden. Zu diesem Zweck steht ein extra eingerichtetes Formular auf der Lareb Website zur Verfügung. Patientenberichte auf diesem Formular sollten vollständig und ausführlich sein, um Lareb eine gründliche Bewertung des Zusammenhangs zwischen der vermutlichen UAW und dem betreffenden Arzneimittel zu ermöglichen. Patienten werden auch gebeten eine unterschriebene und frankierte Abschrift ihres Berichts mit Einverständniserklärung einzuschicken, damit Lareb im Bedarfsfall weitere Informationen bei ihrem Arzt oder Apotheker einholen kann. Im ersten Jahr (1. April 2003 bis 1. April 2004) gingen bei Lareb 276 Patientenmeldungen ein. Im zweiten Jahr wurden 726 Berichte registriert [10]. Im Allgemeinen ist die Qualität der Berichte gut. Da Patienten persönlich betroffen sind, sowohl bei der Einnahme als auch beim Auftreten unerwünschter Arzneimittelwirkungen, sind sie direkt an der Abwehr von UAWs beteiligt und gerne bereit ihre Erfahrungen zu berichten. van Grootheest AC. Pharmakovigilanz in Holland … Z Allg Med 2005; 81: 335 – 340 In der Vergangenheit spielte die Beteiligung von Patienten eine große Rolle bei der Aufdeckung unerwünschter Wirkungen von DES (Diethylstilbestrol), Benzodiazepinen und Antidepressiva. Auch sollte berücksichtigt werden, dass immer mehr Medikamente ohne ärztliches Rezept (over the counter = OTC) erhältlich sind. Patientenberichte sind wichtig, um mehr Informationen über unerwünschte Arzneimittelwirkungen von rezeptfreien OTC-Medikamenten zu erhalten. Die Frage, ob Patientenberichte Arzt- und Apothekerberichte ergänzen, kann nicht schlüssig in der Fachliteratur beantwortet werden. Die Tatsache, dass diese Frage am ehesten beantwortet werden kann, wenn man praktische Erfahrungen damit gesammelt hat, war für Larebs Entscheidung, Patientenberichte mit einzubeziehen, von wesentlicher Bedeutung [11]. Ergebnisse des ersten Jahres Sowohl in Patientenberichten als auch in Meldungen aus medizinischen Fachkreisen sind Patientinnen häufiger betroffen. Das mittlere Alter weiblicher Patienten stimmt bei beiden Meldegruppen (Patienten und Fachkreisen) weitgehend überein. In Patientenberichten sind weniger ältere männliche Patienten vertreten als in Meldungen aus Fachkreisen. Durch die Entscheidung, Patientenmeldungen nur über die Lareb Website anzunehmen, besteht die Möglichkeit, dass bestimmte Gruppen wie zum Beispiel ältere Patienten nicht ausreichend berücksichtigt werden. Bei der Beurteilung des Schweregrads unerwünschter Arzneimittelwirkungen scheinen 29 % der Patientenberichte „schwerwiegend“ zu sein, entgegen lediglich 21 % unerwünschter Arzneimittelwirkungen, die direkt aus Fachkreisen gemeldet werden. Ein Bericht wird als „schwerwiegend“ eingestuft, wenn, gemäß internationaler Richtlinien, die UAW zu Klinikeinweisung, Tod des Patienten, angeborener Missbildung oder ständiger Behinderung geführt hat. Geordnet nach Organsystemklassen zeigen die fünf am häufigsten von Patienten bzw. von Ärzten und Apothekern gemeldeten UAWs bemerkenswerte Ähnlichkeiten. In beiden Meldegruppen werden neurologische Störungen am häufigsten berichtet, wobei Schwindel und Müdigkeit häufig von Patienten gemeldet werden (Tab. 2). Wenn man die Berichte nach Arzneimittelklassen gemäß dem ATC-System einstuft, berichten sowohl Patienten als auch medizinische Fachkreise am häufigsten über Psychopharmaka. Dabei melden Patienten überwiegend unerwünschte Wirkungen von Antidepressiva. Sexualhormone werden am zweit häufigsten von Patienten gemeldet. Bei Meldungen aus Fachkreisen steht diese Arzneimittelklasse nicht unter den ersten zehn (Tab. 3). Aufgrund dieser positiven Ergebnisse im ersten Jahr hat Lareb beschlossen auch weiterhin Patientenberichte anzunehmen. Patienten, die einen Bericht einsenden, erhalten eine persönliche Rückmeldung mit Kommentaren zum Inhalt der gemeldeten UAW. Bei der Auswertung von Daten aus der Lareb Datenbank werden Patientenberichte als gleichwertig bearbeitet. Die Berichtquelle wird jedoch immer angegeben und bei den Auswertungen berücksichtigt. Die Zuverlässigkeit des gesamten Meldesystems hat sich verbessert, seitdem Patientenberichte ernst genommen werden. Übersicht Schlussbemerkungen In der Literatur wird im Allgemeinen die Erzeugung von Signalen (Hinweisen auf einen kausalen Zusammenhang zwischen einem unerwünschtem Ereignis und einem Arzneimittel) als wesentliche Aufgabe der Pharmakovigilanz angesehen. Das ist in der Tat häufig die Hauptaktivität der auf diesem Gebiet arbeitenden Experten. Sobald neue Signale unerwünschter Arzneimittelwirkungen identifiziert und gut durch zusätzliche (epidemiologische) Forschungsergebnisse bestätigt sind, können sie gegen den Nutzen der Therapie abgewogen werden. Falls erforderlich können Maßnahmen eingeleitet werden. Pharmakovigilanz bedeutet jedoch viel mehr als nur das Erfassen von Signalen und gerade diese anderen Aspekte der Pharmakovigilanz können mehr dazu beitragen, Gesundheitsschäden zu vermeiden und die Kosten im Gesundheitswesen zu verringern. Indem behandelnde Ärzte kontinuierlich auf mögliche unerwünschte Arzneimittelwirkungen aufmerksam gemacht werden, werden sie UAWs zu einem früheren Zeitpunkt in ihre Differenzialdiagnose mit einbeziehen und so eine angemessene Reaktion beschleunigen, was häufig das Absetzen des Arzneimittels bedeutet. Auf diese Weise können unnötige und teure diagnosti- 339 Tab. 2 Die am häufigsten von Patienten bzw. Ärzten gemeldeten UAWs, geordnet nach Organsystemklassen (SOC) Patienten 1 2 3 4 5 neurologische Störungen (18,0 %) psychiatrische Diagnosen (15,5 %) Magen-Darm-Beschwerden (11,8 %) allgemein (9,9 %) Haut und Unterhaut (9,4 %) Experten Tab. 3 Anzahl der Berichte nach Arzneimittelklassen eingestuft (ATC system) Patienten Experten Psychoanaleptika (N06) (10,7 %) Vakzine (J07) (8,7 %) Antibiotika (syst) (J01) (7,9 %) Anti-inflamm/reumat (M01) (7,2 %) Antilipämika (C10) (5,7%) neurologische Störungen (15,5 %) Haut und Unterhaut (14,0 %) Magen-Darm-Beschwerden (13,9 %) allgemein (11,0 %) psychiatrische Diagnosen (6,9 %) 1 2 3 4 5 Psychoanaleptika (N06) (17,7 %) Sexualhormone (G03) (7,6 %) Antilipämika (C10) (7,0 %) Antibiotika (syst) (J01) (5,4 %) Analgetika (N02) (5,4 %) van Grootheest AC. Pharmakovigilanz in Holland … Z Allg Med 2005; 81: 335 – 340 sche Verfahren vermieden und Klinikaufenthalte verkürzt werden. Indem man das Bewusstsein gegenüber unerwünschten Arzneimittelwirkungen schärft, wird auch eine vernünftige und sichere Verschreibungspraxis gefördert. Auch hier trägt Pharmakovigilanz zur Abwehr von Gesundheitsschäden und zur Kontrolle der Ausgaben im öffentlichen Gesundheitswesen bei. Mit anderen Worten: Die Aufmerksamkeit gegenüber unerwünschten Arzneimittelwirkungen in medizinischen Fachkreisen und bei Laien kann entscheidend zu vorsichtiger und vernünftiger Verschreibungspraxis sowie zur Compliance beitragen und so die Belastung durch Arzneimittelnebenwirkungen verringern. Alle beteiligten Parteien auch die Patienten sind verantwortlich, umso mehr als gezeigt wurde, dass ungefähr die Hälfte aller unerwünschten Wirkungen vermieden werden können [12, 13]. Interessenkonflikte: keine angegeben. Literatur 1 Wallerstein RO, Condit PK, Kasper CK, et al. Statewide study of chloramphenicol therapy and fatal aplastic anemia. JAMA 1969; 208: 2045 3 Dukes MNG, Aronsons JK (editors). Meyler’s Side Effects of Drugs. 14th edition. Amsterdam 2001 4 Lenz W. Malformations caused by drugs in pregnancy. Am J Dis Child 1966; 112: 99 – 106 5 Lindquist AM. Seeing and Observing in International Pharmacovigilance. Academic thesis. Katholieke Universiteit Nijmegen. Nijmegen 2003 6 Strom BL (ed). Pharmacoepidemiology. 3rd edition. Wiley. Chichester 2000 7 Meyboom RHB. Causal or Casual? The role of causality assessment in pharmacovigilance. Drug Saf 1997; 16: 374 – 389 8 Grootheest AC van, Edwards R. Labelling and ‘Dear Doctor’ letters: are the noncommittal? Drug Saf 2002; 25: 1051 – 1055 9 Seligman PJ. ‘Dear Doctor…’ – Evaluating the impact of risk communication efforts. Pharmacoepidemiol Drug Saf 2003; 12: 291 – 294 10 Grootheest K van, de Jong – van den Berg TWL. Patients’ role in reporting adverse drug reactions. Expert Opin Drug Saf 2004; 3: 363 – 368 11 Grootheest AC van, Passier JLM, Puijenbroek EP van. Meldingen van bijwerkingen rechtstreeks door patiënten: gunstige ervaring van het eerste jaar (Direct reporting of side effects by the patien: favarouble experience in the first year). Ned Tijdschr Geneesk 2005; 149: 529 – 533 12 Kanjanarat P, Winterstein AG, Johns TW, et al. Nature of Preventable Adverse Drug Events in Hospital: A Literature Review. Am J HealthSyst Pharm 2003; 60: 1750 – 1759 13 Pirmohamed M, James S, Meakin S, et al. Adverse drug reactions as cause of admission to hospital: prospective analysis of 18 820 patient. BMJ 2004; 329: 15 – 19 2 340 Übersicht WHO. The Importance of Pharmacovigilance, Safety Monitoring of medical products. WHO, Geneva 2002 Zur Person A. C. (Kees) van Grootheest, MD, PhD Geboren 1918 War mehr als 20 Jahre als Allgemeinarzt tätig. Direktor des 1991 gegründeten niederländischen Pharmakovigilanzzentrums. van Grootheest AC. Pharmakovigilanz in Holland … Z Allg Med 2005; 81: 335 – 340


(Stand: 08.08.2005)

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