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60 Jahre Heinz Harald Abholz - 30 Jahre allgemeinmedizinische Forschung und Theoriebildung

DOI: 10.1055/s-2005-836826

60 Jahre Heinz Harald Abholz - 30 Jahre allgemeinmedizinische Forschung und Theoriebildung

S. Wilm1 N. Donner-Banzhoff2 60 Jahre Heinz Harald Abholz – 30 Jahre allgemeinmedizinische Forschung und Theoriebildung Sixty Years of Heinz Harald Abholz – Thirty Years of Research and Theory Development in General Practice Der besondere Artikel Heinz Harald Abholz wurde im August 1945 in Berlin geboren. Dort absolvierte er auch das Medizinstudium, die Weiterbildung zum Facharzt für Innere Medizin und zum Facharzt für Allgemeinmedizin. Ab 1976 war er Lehrbeauftragter für Sozialmedizin, ab 1987 Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin. Seit 1984 ist er als Allgemeinarzt niedergelassen. Seit 1998 hat er den Lehrstuhl für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf inne. Die Hausarzt-Forschung seiner Abteilung fokussiert auf das, was in der Patient-Arzt-Beziehung im Sprechzimmer passiert: auf den Umgang des Hausarztes mit Patient, Lebenswelt und Medizin, auf die Grundlagen und Spezifika hausärztlichen Entscheidens und Handelns in der Praxis, auf die Individualität und Subjektivität, also auf „Allgemeinmedizin pur“. Seine ersten wissenschaftlichen Publikationen stammen aus dem Jahr 1970, zuerst mit einem Schwerpunkt im Bereich Sozialpsychiatrie und Sozialmedizin. Seit Mitte der 70er-Jahre kommen zunehmend Veröffentlichungen aus einem allgemeinmedizinischen Blickwinkel hinzu. Seither prägte er in etwa 300 Arbeiten die allgemeinmedizinische Forschung und die Formulierung einer Theorie der Allgemeinmedizin in Deutschland mit – eines Faches im Wandel. 1976: „Dass z. B. ein Patient mit Bluthochdruck zu behandeln ist und wie dies zu geschehen hat, gehört zum Basiswissen in der Medizin. Die Realität medizinischer Versorgung in der BRD jedoch sieht … wie folgt aus: Nur 15 % aller Hypertoniker werden adäquat behandelt; weitere 15 % werden nur unzureichend behandelt, die restlichen 70 % bleiben ohne Therapie. Wie eine Herzinsuffizienz zu behandeln ist, gehört ebenfalls zum Basiswissen der Medizin. Dennoch erhalten 60 % aller Patienten, die entsprechende Medikamente verschrieben bekommen, diese in unzureichender Dosis, oder sie bekommen unwirksame Präparate. … Aus diesen Beispielen, die durch zahlreiche weitere ergänzt werden können, ist zu ersehen, dass die medizinische Basisversorgung wesentliche Mängel aufweist. Es sind Mängel, die nicht in einer unzureichend entwickelten medizinischen Wissenschaft im herkömmlichen Sinne begründet sind, sondern ihre Ursachen in einem System der Basisversorgung haben, in dem nicht gewährleistet ist, dass bekanntes medizinisches Wissen auch bei der Versorgung aller zum Tragen kommt. Zum Objekt des Interesses herrschender Medizin ist der Widerspruch zwischen einer hoch entwickelten naturwissenschaftlich-technisch orientierten Medizin einerseits und der unterentwickelten medizinischen Versorgungslage der Allgemeinheit andererseits jedoch nie geworden. … Auch das System der ambulanten ärztlichen Versorgung, das dem niedergelassenen Arzt eine unverhältnismäßig hohe Bezahlung bei verhältnismäßig ineffektiver Leistung zugute kommen lässt, trägt zu einer Vergrößerung des Mangels bei.“ [1] 319 1 Institutsangaben Abteilung für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf 2 Abteilung für Allgemeinmedizin, Rehabilitative und Präventive Medizin, Universität Marburg Korrespondenzadresse Dr. med. Stefan Wilm · Abteilung für Allgemeinmedizin · Universitätsklinikum der Heinrich-Heine-Universität · Postfach 10 10 07 · 40001 Düsseldorf · E-mail: wilm@med.uni-duesseldorf.de Bibliografie Z Allg Med 2005; 80: 319–320 · © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York DOI 10.1055/s-2005-836826 ISSN 0014-336251 2003: „Ein bekanntes Ergebnis herkömmlicher Versorgungsforschung ist, dass evidenzbasierte Medizin, Leitlinien, ja der Stand des Wissens generell in der Versorgung der Bevölkerung nicht umgesetzt werden. … Was liegt dann näher, als aus derartigen Ergebnissen zu schlussfolgern, dass die versorgende Medizinerschaft besser fortgebildet und besser kontrolliert werden muss … Möglicherweise liegt hier aber nicht … das Problem. Die versorgungsforscherische Frage aus Sicht der Allgemeinmedizin ist vielmehr die: Warum wird nicht adäquat versorgt? Diese Frage ist provokativ banal. Denn das, was für die Versorgung des Diabetikers gewusst werden muss, ist für einen Arzt banal … Was also führt dazu, dass das leicht zu Vermittelnde, nämlich eine adäquate Versorgung, nicht vermittelt wird? Diese Frage ist nur dadurch zu klären, dass man vor Ort sowohl Behandler und Behandelten, als auch die sie umgebenden Bedingungen analysiert, also z. B. Entscheidungsabläufe aufseiten des Arztes, Begründung für Entscheidungen an konkrete Patienten, die versorgt werden. … Sieht man aber aus dieser Sicht allgemeinmedizinischer Versorgungsforschung das Problem, so würde man nicht auf die Idee kommen, medizinische Fortbildung und Kontrolle des Arztes in den Vordergrund zu stellen.“ [2] 1983: „Eine ideologische Voraussetzung für Veränderungen in Richtung der Realisierung der Alma-Ata-Erklärung [in Deutschland] wäre in einer weitaus stärkeren Berücksichtigung der Allgemeinmedizin in Aus- und Weiterbildung zu sehen. Ein eigenständiges akademisches Fach mit Forschung und Lehre wäre aufzubauen. Welche politische und soziale Gruppe hat hieran Interesse? … Wenn es schon heute eine große Schwierigkeit ist, eine allgemeinmedizinische Doktorarbeit „durchzubringen“, weil doch der Untersuchungsgegenstand keine Wissenschaft sei, dann lassen sich größere allgemeinmedizinische Aktivitäten kaum als realistisch vorstellen.“ [3] 2005: „Mit unserer zunehmenden akademischen und gesellschaftlichen Akzeptanz als Fach können wir es uns nun leisten, auch mit unseren Stärken zu ,wuchern‘ – und nicht die anderen, die eben anders als die Generalisten, die Hausärzte, sind, nachzumachen.“ [4] 1988: „Bezieht sich Allgemeinmedizin auf häufige Erkrankungen und Störungen des Wohlbefindens, so ist ganz zentral das Fach Innere Medizin und der Bereich psychischer Störungen angesprochen. … Weiterhin sind einige wenige Krankheitsbilder aus den Fächern Chirurgie, Haut, Neurologie, Orthopädie etc. hinzuzuzählen.“ [5] 2003: „In allen hier anführbaren Studien aus Deutschland der letzten Jahre macht der Anteil der dem ,Fach Innere Medizin‘ zuzuordnenden Behandlungsanlässe deutlich unter 50 % aus. An zweiter Stelle stehen die Fächer Orthopädie, HNO sowie dann, wiederum weniger häufig, Psychiatrie/Psychotherapie und Haut.“ [6] „Er ist als guter Arzt anerkannt. Die Organisation seiner Praxis, sein medizinisches Angebot und seine diagnostischen und therapeutischen Fähigkeiten werden vielleicht etwas unterbewertet. Seinen Patienten mag ihr Glück nicht bewusst sein, was auf gewisse Weise unvermeidlich ist.“ [7] 320 Der besondere Artikel Literatur 1 Abholz HH. Fragestellung und Methode der Sozialepidemiologie. In: Abholz HH (Hrsg). Krankheit und soziale Lage. Befunde der Sozialepidemiologie. Campus, Frankfurt 1976; 7–18 2 Wilm S, Abholz HH. Versorgungsforschung – Die Sicht der Allgemeinmedizin. In: Pfaff H, Schrappe M, Lauterbach KW, Engelmann U, Halber M (Hrsg). Gesundheitsversorgung und Disease Management. Huber, Bern 2003; 65–70 3 Abholz HH. Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Alma-Ata-Deklaration im Bereich der Allgemeinmedizin. In: Workshop „Basisorientierte Gesundheitsversorgung in Industrieländern“, Oktober 1983. Dokumentationsreihe der Freien Universität Berlin Bd. 13. FU Berlin 1984 4 Abholz HH. Auf uns besinnen [Editorial]. Z Allg Med 2005; 81: 227 5 Abholz HH. Was ist Allgemeinmedizin? Ein Thesenpapier. Berliner Ärzte 1988; 25: 459 – 465 6 Abholz HH, Hager C, Rose C. Was tun wir? Sekundärauswertung der Düsseldorfer Studie zu Behandlungsanlässen in der Hausarztpraxis. Z Allg Med 2003; 79: 176 – 178 7 Berger J, Mohr J. Geschichte eines Landarztes (A fortunate man). Hanser, München 1998 Wilm S, Donner-Banzhoff N. 60 Jahre Heinz Harald Abholz … Z Allg Med 2005; 80: 319 – 320


(Stand: 08.08.2005)

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