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Geriatrisches Screening in der Hausarztpraxis: Was bringt es wirklich? Ergebnis einer 1 Jahres - Nachverfolgung

DOI: 10.1055/s-2007-984394

Geriatrisches Screening in der Hausarztpraxis: Was bringt es wirklich? Ergebnis einer 1 Jahres - Nachverfolgung

Originalarbeit 321 Geriatrisches Screening in der Hausarztpraxis: Was bringt es wirklich? Ergebnis einer 1 Jahres – Nachverfolgung Teil 2 einer Studie aus Südtirol/Italien Geriatric Assessment in General Practice – What Results from it? – A follow-up Part 2 of a Study from South Tyrol, Italy Autor Institut G. Piccoliori1, E. Gerolimon1, H.-H. Abholz2 1 2 Südtiroler Akademie für Allgemeinmedizin, Bozen Abteilung für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Düsseldorf, Düsseldorf Schlüsselwörter Geriatrisches Screening Allgemeinmedizin Nachverfolgungsstudie Key words Geriatric Assessment general practice follow-up Zusammenfassung & Hintergrund: Auf dem Hintergrund des Nachweises eines diagnostischen Nutzens eines Geriatrischen Screenings (STEP) in der Hausarztpraxis wird ein Jahr nach Abschluss des Screenings unangekündigt bei den teilnehmenden Ärzten nachgefragt, welche Konsequenzen und mit welchem Erfolg das Screening für ihre Patienten mit „neuen und relevanten Problemen“ hatte. Methode: Semistandardisierte Fragebogenstudie bei 45 Ärzten und zu deren 894 ScreeningPatienten über 70 Jahre. Die Nachverfolgungsuntersuchung war zu keinem Zeitpunkt den Teilnehmern angekündigt, um jegliche Intervention in bezug auf deren Tun zu verhindern. Ergebnisse: 23 Ärzte, im Vergleich zur Gesamtheit primär deutschsprachige überrepräsentiert, beteiligen sich und füllen für 490 Patienten mit 657 „Neue und relevanten Problemen“ die Bögen aus. Zu 47 % wurden diese Probleme therapeutisch angegangen und dies war zu 82 % auch erfolgreich. Überwiegend medizinisch gut de?nierte, weniger psychomentale oder soziale Probleme werden angegangen. Für das Nichtangehen von Problemen wird hauptsächlich das Problem selbst oder der Patient verantwortlich gemacht. Schlussfolgerung: Ein Geriatrisches Screening ist in der Hausarztpraxis diagnostisch erfolgreich. Es ist zudem wahrscheinlich auch therapeutisch – festgemacht an Surrogatparametern und den Aussagen der behandelnden Ärzte – erfolgreich. Untersuchungen, die verlässlichere OutcomeParameter als wir genutzt haben, sind uns nicht bekannt. Abstract & Background: On the background of a found diagnostic success when using Geriatric Assessment (STEP) in General Practice, a 1-year followup was done. General Practitioners (GP) were asked what has been resulted from ?nding a “new and relevant problem”. Method: Semi-standardised questionnaire send to 45 GPs and asking about 894 screening patients above 70. The follow-up was not pre-announced to mind any intervention on what a GP is doing after ?nding “new and relevant problems” in his elderly patients. Results: 23 patients answered for 490 patients with 657 “new and relevant” problems. Patients and problems were similar in comparison to the whole group. But the group of doctors taking part had more primarily German speaking doctors. 47 % of the problems were approached and in 82 % with success – according to the GP. More medical or technical problems were approached than psychological, mental or social problems. Reasons for not approaching were seen primarily in the problem itself and in the willingness of the patient. Conclusion: Geriatric assessment in General practice is diagnostically successful. And is probable that it is also therapeutically successful – judged according to GPs and surrogate parameters. But we do not know about studies using more solid data. Peer reviewed article eingereicht: 20.05.2007 akzeptiert: 10.06.2007 Bibliogra?e DOI 10.1055/s-2007-984394 Online-Publikation: 15.08.2007 Z Allg Med 2007; 83: 321–323 © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York ISSN 1433-6251 Korrespondenzadresse G. Piccoliori c/o SakAM EURAC-Bozen Drususstr. 1 39100 Bozen/Italien drgiupic@tin.it Anfang 2005 führten wir in Südtirol eine Studie über die Gesundheitsprobleme im bio-psychosozialem Bereich der über 70-jährigen Bevölkerung durch [1]. 45 Hausärzte befragten und untersuchten mittels eines standardisierten Frage- bogens (STEP – Standardised assessment for Elderly People in primary Care) [2] 894 ihrer zufällig ausgesuchten Patienten. Details des Studiendesigns sind an anderer Stelle dargestellt [1]. Piccoliori G et al. Geriatrisches Screening in der Hausarztpraxis … Z Allg Med 2007; 83: 321–323 322 Originalarbeit Durchschnittlich zeigten die Patienten ca. 13 von maximal 40 möglichen Problemen. 13 % dieser waren den Hausärzten bislang unbekannt. D.h. jeder Patient hatte im Durchschnitt 1,6 für den Arzt „neue Probleme“. Oder anders ausgedrückt: 61 % der Patienten wiesen zumindest ein dem Arzt „neues Problem“ auf. Mehr als 70 % dieser neuen Probleme wiederum wurden vom Patienten oder Hausarzt bzw. von beiden als relevant beurteilt. Darunter verstand man – so operationalisiert vorgegeben – „ein Problem, gegen das etwas unternommen werden konnte und sollte“. D. h.: 9 % aller gefundenen Probleme waren zugleich „neu und relevant“. Die Relevanzeinschätzung war allerdings zu etwa der Hälfte der „neuen Probleme“ unterschiedlich zwischen Patienten und Arzt. Im Teil 1 der Studie blieb die Frage unbeantwortet, ob die „neuen und relevanten Probleme“ – also das Ergebnis der ScreeningStudie, auch zu einer Betreuungsänderung führen – wie die De?nition von „relevant“ nahe legte. Tab. 1 Einige „neue und relevante Probleme“ mit dem Anteil an „angegangenen Problemen“ und der jeweiligen Erfolgsquote. (nur Probleme mit n > 10 aufgeführt) Problem n Angegangen in % von n Schlafprobleme Gelenkschmerzen mäßig/starke Schmerzen im letzt. Monat Beinschmerzen erhöhter Blutdruck Sehprobleme Atemnot Thoraxschmerzen Verstopfung Mobilitätsprobleme depressive Stimmung Inkontinenz alltägliche Arbeiten Wohnumfeld persönliche P?ege Orientierungstest 41 20 12 29 18 18 22 18 20 14 42 32 17 30 12 40 75,6 % 75,0 % 75,0 % 72,4 % 72,2 % 72,2 % 68,2 % 66,7 % 60,0 % 57,1 % 50,0 % 46,9 % 29,4 % 20,0 % 16,7 % 10,0 % mit Erfolg in % von den Angegangenen 93,5 % 100,0 % 88,9 % 95,2 % 84,6 % 69,2 % 53,3 % 83,3 % 83,3 % 100,0 % 71,4 % 86,7 % 80,0 % 66,7 % 50,0 % 25,0 % Methoden & Ca. ein Jahr nach der Screening-Untersuchung erhielt jeder teilnehmende Hausarzt eine Liste seiner Patienten, bei denen er „neue und relevante Probleme“ gefunden hatte, auf der auch diese nochmals zusammengefasst waren. Er sollte dann für jedes dieser Probleme stichwortartig auf Vordruck angeben, ob und wie er versucht hatte, das Problem zu lösen bzw. zu verbessern. Weiterhin sollte er angeben, ob dabei ein Erfolg erzielt wurde und wie dieser aussah. Es handelte sich somit um einen semistandardisierten Fragebogen, der zu weiten Teilen mit Freitext zu beantworten war. Die teilnehmenden Ärzte waren im Zusammenhang mit der Screening-Studie über die Durchführung einer solchen Nachuntersuchung bewusst nicht informiert worden, um jeglichen Ein?uss auf ihre mögliche Interventionen zu vermeiden. Dreimalig wurden die Ärzte zur Abgabe der Bögen gemahnt. Ergebnisse & An der Folgeuntersuchung nahmen 23 Ärzte teil (50 % von all denjenigen, die bei der Screening-Studie dabei waren). Bei den antwortenden Ärzten wurden bei 490 Patienten 6.554 Probleme festegestellt; 13 Probleme pro Patient im Durchschnitt. „Neu“ für den Arzt waren es 923, was 14 % aller Probleme entspricht. An den aufgeführten Kennzahlen festgemacht, ist die Untersuchungsgruppe der Patienten und Probleme in etwa so zusammengesetzt wie die Gesamtgruppe. Allerdings sind die antwortenden und die nichtantwortenden Ärzte unterschiedlich: Die Ärzte mit primär italienischer Herkunft sind deutlich unterrepräsentiert in der Gruppe der Antwortenden. Geschlechts- und Altersverteilung sind zwischen Gesamtgruppe und antwortender Gruppe etwa gleich. „Neu und relevant“ – nur für den Arzt oder nur für den Patienten oder für beide zugleich – waren es 657 Probleme, was etwa 71 % der neuen Probleme entspricht. 47 % dieser „neuen und relevanten Probleme“ wurden therapeutisch angegangen. Bei 82 % der Therapieansätze war dies nach Auskunft der antwortenden Ärzte auch erfolgreich und der Patient erlebte, laut Hausarzt, eine Besserung des problembezogenen Zustandes. Am relativ häu?gsten wurden folgende Probleme angegangen: Schlafstörungen, Schmerzen und erhöhter Blutdruck. Am sel- tensten wurden folgende Probleme angegangen: Probleme bei der persönlichen P?ege, Verdacht auf Demenz, Probleme im Wohnumfeld und bei den alltäglichen Arbeiten. Mit Erfolg angegangen wurden am häu?gsten: Gelenkbeschwerden, Beinschmerzen und Schlafstörungen ( Tab. 1). Bei den angegangenen Problemen wurde in 78 % der Fälle die Art der Intervention angegeben. Dabei handelte es sich als „hauptsächlichen Ansatz“ in 56 % um medikamentöse Therapien, in 23 % um Fachvisiten und weitere Abklärungen und Kontrollen sowie in 21 % um Patientenberatungen (z. B.: Lebensstiländerungen, Suche nach Hilfen etc.). Im Falle des Nichtangehens wurde in 51 % eine Begründung angegeben. In 84 % der Fälle wurde dabei angegeben, dass das Angehen des Problems nicht erforderlich war bzw. es dann doch als nicht veränderbar anzusehen war. In dem Rest der Fälle wurde geantwortet, dass der Patient jegliche Intervention abgelehnte. In 58 Fälle/Probleme (18 %) brachte die Intervention keinen Erfolg. Am wenigsten Erfolg hatte man in der Lösung von psychomentalen (64 %) und sozialen (72 %) Problemen sowie bei der Änderung von ungesunden Lebensgewohnheiten (67 %) ( Tab. 2). Eine Begründung dafür wurde nur in 31 % angegeben. Dabei trug – nach Sicht der Ärzte – meist der Patient die Verantwortung für den Misserfolg. Schlussfolgerungen & Etwa die Hälfte der durch den Screening-Test STEP festgestellten „neuen und relevanten Probleme“ wird therapeutisch auch angegangen. Dies dann mit Erfolgsraten von mehr als 80 % – nach allerdings nur der Aussage der Ärzte. Neben der Ärzteselektion – nur die Hälfte der Ärzte nahm bei der Nachuntersuchung teil – ist dies die zentrale Schwäche der Studie. Wir haben keine objektiven Daten und wir haben keine Angaben vonseiten der Patienten zu dieser Fragestellung. Aus pragmatischen Gründen mussten wir hierauf verzichten. Dennoch sind wir mit dieser Nachverfolgung nach unserer Kenntnis die einzigen, die so et- Piccoliori G et al. Geriatrisches Screening in der Hausarztpraxis … Z Allg Med 2007; 83: 321–323 Originalarbeit 323 Problem somatische Probleme und Befunde Lebensstilprobleme anamnestische Daten Funktionsstatus Impfstatus soziale Probleme psychomentale Probleme n 277 28 54 79 58 79 82 angegangen 175 12 22 31 21 25 25 mit Erfolg angegangen 147 8 17 28 19 18 16 angegangen in % von n 63,2 % 42,9 % 40,7 % 39,2 % 36,2 % 31,6 % 30,5 % mit Erfolg in % von den Angegangenen 84,0 % 66,7 % 77,3 % 90,3 % 90,5 % 72,0 % 64,0 % Tab. 2 Ansatz zu den „neuen und relevanten Problemen“, die hier in Überkategorien gruppiert sind. (alle Probleme zugrunde gelegt, nicht die Auswahl, die in Tab. 1 angegeben ist) was nach irgendeiner Form von Geriatric Screening im hausärztlichen Bereich getan haben (vgl. Literaturüberblick dazu in [1]). Wir sehen unsere damalige Einschätzung anlässlich der reinen Screening-Studie bestätigt: Es gibt einen diagnostischen Nutzen von zahlenmäßiger Relevanz – sogar in einer Population von Patienten, die ganz mehrheitlich über Jahre bis Jahrzehnte bei ihrem Hausarzt in Versorgung sind. Und es scheint auch einen therapeutischen Nutzen – festgemacht an Surrogatparametern – zu geben. Denn selbst dann, wenn nur die Hälfte der gefundenen Erfolgsraten in der Gesamtgruppe vorliegen würde (also alle Nichtantwortenden fast überhaupt nichts unternommen hätten), dann wäre dies noch nennenswert. Literatur 1 Piccoliori G, Gerolimon E, Abholz H.-H. Geriatric Assessment in der Hausarztpraxis – eine Studie der Südtiroler Akademie für Allgemeinmedizin. Z Allg Med 2005; 81: 491–498 2 Junius U, Fischer G. Geriatrisches Assessment für die hausärztliche Praxis. Zeitschr Gerontol Geriat 2002; 35: 210–223 Zur Person Giuliano Piccoliori, in Bozen am 3.7.1959 geboren, Studium der Medizin in Innsbruck. Seit 1997 Arzt für Allgemeinmedizin in St. Christina in Grödental (Südtirol/Italien). Seit 2001 Sekretär der Südtiroler Gesellschaft für Allgemeinmedizin. Seit 2004 Direktor der Südtiroler Akademie für Allgemeinmedizin. Vater von einem fünfjährigen Mädchen und einem zweijährigen Jungen. Interessenskon?ikte: keine angegeben. Piccoliori G et al. Geriatrisches Screening in der Hausarztpraxis … Z Allg Med 2007; 83: 321–323


(Stand: 08.08.2007)

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