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Editorial

DOI: 10.1055/s-0028-1083815

Editorial

Editorial 313 Editorial W. Niebling Bibliogra?e DOI 10.1055/s-0028-1083815 Z Allg Med 2008; 84: 313 © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York ISSN 1433-6251 Korrespondenzadresse Prof. Dr. med. W. Niebling Facharzt für Allgemeinmedizin Lehrbereich Allgemeinmedizin Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Schwarzwaldstr. 69 79822 Titisee-Neustadt wniebling@t-online.de „…Rezepte schreiben ist leicht, aber im übrigen sich mit den Leuten verständigen, ist schwer.“ Franz Kafka (1883–1924) Im Winter des zu Ende gehenden Jahres 1916 verfasst Kafka in dem kleinen, von seiner Schwester gemieteten Häuschen in der Alchimisten-oder Goldmachergasse auf dem Prager Hradschin die Erzählung „Ein Landarzt“. Wenige Wochen zuvor waren in Wien mit dem 86-jährig verstorbenen Franz Joseph I. Glanz und Mythos der Donaumonarchie zu Grabe getragen worden. Kafka schildert den surrealen an einen Traum gemahnenden nächtlichen Besuch eines Landarztes bei einem schwerkranken Jungen. Erst auf Drängen der Schwester des Jungen und deren Eltern ?ndet der Arzt die Krankheitsursache: eine „handtellergroße Wunde“, die den sicheren Tod bedeutet. Der Landarzt erlebt, wie er von der Familie und den Dorfältesten entkleidet und in das Bett des Todkranken gelegt wird. Währenddessen singt ein vor dem Hause stehender Schulchor: „Entkleidet ihn, dann wird er heilen, und heilt er nicht, so tötet ihn! ´Sist nur ein Arzt, ´sist nur ein Arzt“ Nackt auf einem Pferd, „dem Froste dieses unglückseligsten Zeitalters ausgesetzt“ ent?ieht der Landarzt der unheimlichen Szenerie, begleitet von einem neuen, „aber irrtümlichen“ Gesang der Kinder: „Freuet Euch , ihr Patienten, der Arzt ist Euch ins Bett gelegt!“ Alfred Kubin (1877–1959), dessen gra?sches Werk von der Darstellung phantastischer Traumvisionen geprägt ist, illustrierte acht Jahre nach Kafkas Tod den „Landarzt“. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten verhinderte eine Veröffentlichung. Es ist das Verdienst des Karolinger Verlages in Wien, dass diese illustrierte Fassung des „Landarztes“ 1997 in einer limitierten Au?age erscheinen konnte. Übrigens: Kafkas Erzählung hatte einen realen Hintergrund. Sein Onkel, Dr. Siegfried Löwy praktizierte als Landarzt in Mähren. Er war bei seinen Patienten beliebt und angesehen und hatte gro- ßen Ein?uss auf den jungen Franz Kafka. In der Nacht vor seiner geplanten Deportation im Oktober 1942 wählte er in Prag den Freitod. Von Kafka zurück in die reale Gegenwart: Wie oft werden diagnostische oder therapeutische Maßnahmen bei Ihnen nachgefragt, die „von den Kassen nicht bezahlt“ werden? Wie oft werden Sie um Rat gebeten, weil Kolleginnen oder Kollegen anderer Fachrichtungen Leistungen o?erieren, die Patienten aus der eigenen Tasche bezahlen sollen; seien es Vitamine, Hyaluronsäure, SäureBasen-Analysen, zusätzliche Sonogra?en oder sogenannte Manager-Checks? In den vergangenen Monaten wurde über diese individuellen Gesundheitsleistungen, nicht zuletzt ausgelöst durch die Stellungnahme der DEGAM, kontrovers, emotional und auch polemisch diskutiert. Es ist nicht die Absicht der Autorengruppe aus dem Frankfurter Institut für Allgemeinmedizin diese Diskussion neu au?eben zu lassen oder gar anzufachen. Vielmehr sollen in einer Serie mit Start in diesem Heft „Angebote, die sich an gesundheitsbewusste Patienten“ richten, kritisch und evidenzbasiert bewertet werden. Es erwarten Sie interessante und spannende Themen. Ihr Wilhelm Niebling Nachtrag: Am Erö?nungstag des diesjährigen Deutschen Ärztetages wurde neben Horst-Eberhard Richter, Fritz Beske und Hayo Eckel der langjährige Lehrbeauftragte für Allgemeinmedizin an der Universität Frankfurt Siegmund Kalinski mit der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der deutschen Ärzteschaft, geehrt. Siegmund Kalinski wurde 1927 in Krakau geboren. Als junger Mann erlitt er Naziterror und KZ. Nach seiner Übersiedlung in den Westen 1965 setzte er sich in bewundernswerter Weise für die deutsch-polnische Aussöhnung und die Aufarbeitung des Holocaust ein. Dafür und für seinen langjährigen Einsatz in der studentischen Ausbildung und der hausärztlichen Weiterbildung gebühren ihm Anerkennung und Dank. Z Allg Med 2008; 84: 313


(Stand: 08.08.2008)

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