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Wie häufig werden bei akutem Husten „Reserveantibiotika” verordnet?

DOI: 10.1055/s-2005-836893

Wie häufig werden bei akutem Husten „Reserveantibiotika” verordnet?

Wie häufig werden bei akutem Husten „Reserveantibiotika“ verordnet? How often do GPs Prescribe Fluroquinolones and other Broad-Spectrum Antibiotics for Acute Cough? Originalarbeit 372 H. J. Fiegen M. Sielk S. Brockmann A. Altiner Zusammenfassung Einleitung: Akute Infektionen des oberen Respirationstraktes gehören zu den häufigsten Erkrankungen, aufgrund derer Patienten ihren Hausarzt konsultieren. Besonders, wenn dabei ein akuter Husten im Vordergrund steht, werden dann in etwa der Hälfte der Fälle – bei sonst gesunden Patienten – Antibiotika verordnet. Die Verordnung eines Antibiotikums bei akutem infektbedingtem Husten ist aber wegen des allenfalls marginalen Nutzens bei Gefährdung des Patienten durch mögliche Nebenwirkungen medizinisch nicht sinnvoll. Ungerechtfertigte Gabe von Antibiotika schadet aber nicht nur den Patienten, durch den ungezielten Einsatz wird auch die weitere bakterielle Resistenzentwicklung begünstigt. Auf Makro-Ebene findet sich seit Jahren eine Entwicklung hin zur Verordnung „moderner“ Breitspektrumantibiotika vor allem vom Typ der Fluorchinolone. Es soll nun untersucht werden, ob sich ein entsprechendes Phänomen auch bezogen auf die Diagnose „akuter Husten“ in der Hausarztpraxis findet. Methode: Sekundärauswertung der Verordnungen der Kontrollgruppe innerhalb einer weiter angelegten Interventionsstudie zur Förderung eines reflektierten und zurückhaltenden Antibiotikagebrauchs. Da die Kontrollgruppe innerhalb der Studie keinerlei Intervention erfuhr, sollen die Antibiotika-Verordnungen der Kontrollgruppe (32 Hausärzte) in zwei Erhebungszeiträumen – November 2003 bis März 2004 (T1) und Januar 2005 bis März 2005 (T2) – dargestellt und analysiert werden. Ergebnisse: Von den 497 Patienten, die im Erhebungszeitraum T1 ein Antibiotikum erhielten, verteilten sich die Verordnungen wie folgt: 14,9 % Penicilline, 7,4 % Cephalosporine, 30,2 % Tetracycline, 28,8 % Makrolide, 16,3 % Chinolone, 2,4 % sonstige. Von den 587 Patienten, die im Erhebungszeitraum T2 ein Antibiotikum erhielten, verteilten sich die Verordnungen wie folgt: Abstract Background: Acute respiratory tract infections are one of the commonest reasons for encounters in general practice. If cough is the major symptom antibiotics are prescribed in about 50 % of all cases. However, prescribing antibiotics for acute cough is not justified by medical evidence as antibiotics have only a marginal effect on the course of this disease. Furthermore antibiotics can harm patients by side effects. Unjustified prescribing does also play an important role in the development of bacterial resistance. Prescribing data from national surveys showed for years a trend towards the prescription of “newer” broad-spectrum antibiotics, in particular fluroquinolones. We examined if this phenomenon does also appear in GPs’ antibiotic prescriptions for acute cough. Methods: Secondary analysis of the prescription-data of the control-group (32 GPs) of a randomized intervention trial. Prescriptions were recorded during Nov. 2003–Mar. 2004 (T1) and Jan.–Mar. 2005 (T2). Results: In T1 497 out of 852 patients received the subsequently listed antibiotics: 14.9 % penicillines and aminopenicillins, 7.4 % cephalosporins, 30.2 % tetracyclines, 28.8 % macrolides, 16.3 % fluroquinolones, 2.4 % others. In T2 587 out of 886 patients received the subsequently listed antibiotics: 10.3 % penicillines and aminopenicillins, 7.0 % cephalosporins, 29.3 % tetracyclines, 34.8 % macrolides, 17.0 % fluroquinolones, 1.6 % others. Conclusions: The notable trend towards the prescription of broad-spectrum antibiotics was also found in GP’s prescriptions for acute cough. The observed prescription rates for macrolides and fluroquinolones were even higher as those found on an overall national level. Institutsangaben Arzt für Allgemeinmedizin, Stolberg Korrespondenzadresse Dr. H. J. Fiegen · Arzt für Allgemeinmedizin · Steinweg 1–11 · D-52222 Stolberg · E-mail: praxisfiegen@aol.com Bibliografie Z Allg Med 2005; 81: 372–376 · © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York DOI 10.1055/s-2005-836893 ISSN 0014-336251 10,3 % Penicilline, 7,0 % Cephalosporine, 29,3 % Tetracycline, 34,8 % Makrolide, 17,0 % Chinolone, 1,6 % sonstige. Schlussfolgerungen: Die seit längerem auf Makro-Ebene beobachtete Entwicklung hin zur Verordnung „moderner“ Breitspektrumantibiotika vor allem vom Typ der Fluorchinolone und auch Makrolide spiegelt sich in den hier untersuchten Verordnungsdaten für akuten Husten deutlich wieder. Der Verordnungsanteil dieser Substanzen liegt dabei sogar noch höher als bei den Untersuchungen auf nationaler Ebene. Schlüsselwörter Verordnungsverhalten · Antibiotika · Fluorchinolone · akuter Husten Key words Prescribing · antibiotics · fluroquinolones · acute cough · general practice Originalarbeit Hintergrund Akute Infektionen des oberen Respirationstraktes gehören zu den häufigsten Erkrankungen, aufgrund derer Patienten ihren Hausarzt konsultieren. Besonders, wenn dabei ein akuter Husten im Vordergrund steht, werden dann in etwa der Hälfte Fälle – bei sonst gesunden Patienten – Antibiotika verordnet. Dieses Verschreibungsverhalten widerspricht der wissenschaftlichen Evidenz, die allerhöchstens einen marginalen Nutzen von Antibiotika bei akutem unkomplizierten Husten erkennen lässt [1, 2]. In allen Studien zur Wirksamkeit von Antibiotika bei akutem infektbedingten Husten fanden sich – unabhängig von vermuteter viraler oder bakterieller Genese – bestenfalls geringe Beeinflussungen des Krankheitsverlaufs. Bei einer durchschnittlich etwa zehn Tage andauernden Erkrankung wurde unter Antibiotikatherapie der symptomatische Zeitraum durchschnittlich nur um etwa 12 Stunden verkürzt. Die Verordnung eines Antibiotikums bei akutem infektbedingten Husten ist also wegen des allenfalls marginalen Nutzens bei Gefährdung des Patienten durch mögliche Nebenwirkungen medizinisch nicht sinnvoll. Ungerechtfertigte Gabe von Antibiotika schadet aber nicht nur den Patienten, durch den ungezielten Einsatz wird die weitere bakterielle Resistenzentwicklung begünstigt. Hier zeigt sich ein klarer Zusammenhang zwischen regionalem bzw. länderspezifischem Antibiotika-Verordnungvolumen und nachgewiesenen bakteriellen Resistenzraten [3]. Obwohl die Verordnung eines Antibiotikums in der Regel also nicht nötig ist, werden diese doch häufig verordnet. Im Rahmen größer angelegter Surveillance-Studien fand sich auf nationaler und internationaler Ebene ein seit Jahren bestehende Entwicklung hin zur Verordnung „moderner“ Breitspektrumantibiotika vor allem vom Typ der Fluorchinolone [4]. Diese Antibiotika sollten allerdings auch bei schwereren bakteriell bedingten Atemwegsinfektionen, also z. B. bei Pneumonie, in der ambulanten Versorgung normalerweise nicht angewendet werden, insbesondere, um weitere Resistenzentwicklungen nicht zu beschleunigen. Fluorchinolone sollten als „Reserveantibiotika“ in Ausnahmefällen den Patienten vorbehalten bleiben, bei denen aufgrund schwerer Vorerkrankungen mit beispielsweise bereits häufigen Antibiotikavorbehandlungen oder anderer Faktoren (z. B. Aspirationspneumonie) die Gefahr besteht, dass hier sonst eher ungewöhnliche Keime (z. B. Anaerobier, Pseudomonaden etc.) eine Rolle spielen. In der hier dargestellten Untersuchung soll mittels der Sekundärauswertung einer Interventionsstudie zur Förderung eines reflektierten und zurückhaltenden Antibiotikagebrauchs bei akutem Husten ein tiefergehender Einblick über die AntibiotikaVerordnungen bei sonst gesunden Patienten gewonnen werden. Methode Im Rahmen einer Interventionsstudie zur Reduzierung nicht-indizierter Antibiotika-Verordnungen bei akutem Husten (CHANGE) dokumentierten die teilnehmenden Hausärzte (aus mehreren Regionen in Nordrhein und Westfalen-Lippe) in mehreren Erhebungszeiträumen jeweils über 6 Wochen alle Konsultationen mit Patienten, die sie aus Anlass eines bisher nicht ärztlich behandelten akuten Hustens aufsuchten. Ausschlusskriterien waren: Alter unter 16 Jahre; chronischer Husten jeder Genese oder chronische Lungenerkrankung (COPD, Asthma, Emphysem); kein Erstkontakt aufgrund des Hustens; nachgewiesenes Immundefizit (z. B. durch HIV oder Tumorleiden); fehlende Einwilligungsfähigkeit. Dokumentiert wurden obligatorisch: Alter des Patienten, Geschlecht, Dauer des Hustens bis zum Zeitpunkt der Konsultation, Raucher ja/nein, Fieber, Einschätzung des Schweregrades der Erkrankung durch den Hausarzt auf einer Skala von 1–4, sowie die im Rahmen der Konsultation verordneten Medikamente. Fakultativ wurden alle dem Hausarzt relevant erscheinenden Untersuchungsergebnisse und weitere Faktoren dokumentiert. Die Ärzte beendeten die jeweilige Dokumentationsphase, wenn 30 Patienten in die Studie aufgenommen worden waren oder die Erhebungsdauer von 6 Wochen erreicht war. Da die Kontrollgruppe innerhalb der Studie keinerlei Intervention erfuhr, sollen die Antibiotika-Verordnungen der Ärzte der Kontrollgruppe in zwei Erhebungszeiträumen, 1. November 2003 bis März 2004 (T1) und 2. Januar 2005 bis März 2005 (T2), dargestellt und analysiert werden. Mittels explorativer Statistik wurde darüber hinaus getestet, ob sich patientenseitige Prädiktoren für die Verordnung eines Chinolons bei akutem Husten identifizieren lassen. In die hier dargestellte Analyse wurden die 32 Hausärzte der Kontrollgruppe eingeschlossen, welche die Studie vollständig entsprechend des Studienprotokolls abschlossen. Im Rahmen des Studienmonitorings wurden nach beiden Erhebungszeiträumen alle Teilnehmer telefonisch kontaktiert und stichprobenartig die Übereinstimmung der StudiendokumentaFiegen H et al. Wie häufig werden … Z Allg Med 2005; 81: 372 – 376 373 tion mit den eigenen Praxisaufzeichnungen für jeweils drei Patienten verglichen. Ergebnisse Von den 32 Hausärzten der Kontrollgruppe wurden im Erhebungszeitraum T1 852 Patienten (Alter 16–90 (1 47,8), 54,3 % Frauen) dokumentiert, die den Einschlusskriterien entsprachen. Im Erhebungszeitraum T2 wurden von den 32 Hausärzte 886 Patienten (Alter 16–90 (1 42,3), 54,0 % Frauen) dokumentiert, die den Einschlusskriterien entsprachen. Die Antibiotika-Verordnungsrate bei den dokumentierten Patienten betrug während T1 insgesamt 58,3 % und während T2 insgesamt 66,3 %. In T2 war unter den Patienten, die ein Antibiotikum erhielten, gegenüber T1 der prozentuale Anteil an Patienten mit Fieber (59,1 % zu 41,2 %, p = 0,001) und die vom Arzt subjektiv eingeschätzte Krankheitsschwere (2,6 zu 2,4 auf einer Skala von 1 bis 4, p = 0,006) signifikant höher (Mann-Whitney-U-Test). Die Hustendauer vor Konsultation unterschied sich nicht signifikant (4,8 zu 4,4, p = 0,235). Von den 497 Patienten, die im Erhebungszeitraum T1 ein Antibiotikum erhielten, verteilten sich die Verordnungen wie folgt (Abb. 1): Neun Patienten (1,8 %) erhielten Benzylpenicilline (Penicillin V), 62 Patienten (12,5 %) Aminobenzylpenicilline (Amoxicillin) und drei Patienten (0,6 %) Aminobenzylpenicilline + Betalaktamasehemmer (Amoxicillin/Clavulansäure, Ampicillin/Sulbactam). 37 Patienten (7,4 %) erhielten Cephalosporine, 150 Patienten (30,2 %) Tetracycline (Doxycyclin) und 143 Patienten (28,8 %) Makrolide (Erythromycin, Roxithromycin, Azithromycin, Clarithromycin). Sulfonamide (Cotrimoxazol) erhielten neun Patienten (1,8 %) und Lincosamide (Clindamycin) wurden drei Patienten (0,6 %) verordnet. Chinolone (Ciprofloxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin) erhielten 81 Patienten (16,3 %). Von den 587 Patienten, die im Erhebungszeitraum T2 ein Antibiotikum erhielten, verteilten sich die Verordnungen wie folgt (Abb. 1): Sechs Patienten (1,0 %) erhielten Benzylpenicilline (Penicillin V), 53 Patienten (9,0 %) Aminobenzylpenicilline (Amoxicillin) und zwei Patienten (0,3 %) Aminobenzylpenicilline + Betalactamasehemmer (Amoxicillin/Clavulansäure, Ampicillin/Sulbactam). 41 Patienten (7,0 %) erhielten Cephalosporine, 172 Patienten (29,3 %) Tetracycline (Doxycyclin) und 204 Patienten (34,8 %) Makrolide (Erythromycin, Roxithromycin, Azithromycin, Clarithromycin). Sulfonamide (Cotrimoxazol) erhielten vier Patienten (0,7 %) und Lincosamide (Clindamycin) wurde fünf Patienten (0,9 %) verordnet. Chinolone (Ciprofloxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin) erhielten 100 Patienten (17,0 %). Aufgrund der besonderen Stellung der Chinolone sollen diese näher differenziert werden. Die während T1 in 81 Fällen verordneten Chinolone teilen sich auf in: Ciprofloxacin (n = 19), Levofloxacin (n = 12) und Moxifloxacin (n = 50). Die während T2 in 100 Fällen verordneten Chinolone teilen sich auf in: Ciprofloxacin (n = 13), Levofloxacin (n = 13) und Moxifloxacin (n = 74). Abb. 2 zeigt die Gesamt-Verordnungsraten für jeden der 32 Hausärzte. Entsprechend der jeweiligen Gesamt-AntibiotikaVerordnungsrate wurden die Hausärzte aufsteigend entspreFiegen H et al. Wie häufig werden … Z Allg Med 2005; 81: 372 – 376 374 Originalarbeit Abb. 1 Anteil der einzelnen Antibiotikaklassen am Gesamt-Antibiotika-Verordnungsanteil in den Erhebungszeiträumen T1 und T2 (s. Text) bei Patienten mit akutem Husten. chend eines Rankings mit A–AF (A entspricht dem Hausarzt mit der niedrigsten Antibiotikaverordnungsrate insgesamt, B dem Hausarzt mit der zweit niedrigsten Verordnungsrate usw.) gekennzeichnet, um diese in Abb. 3 – 5 identifizieren zu können. Abb. 3 zeigt unter Beibehaltung der Einteilung von A–AF entsprechend der Gesamt-Verordnungsrate das entsprechende Ranking für Chinolone, Abb. 4 das Ranking für Makrolide und Abb. 5 entsprechend für Tetracykline. Im Rahmen der explorativen Statistik (Mann-Whitney-U-Test) testeten wir, ob zwischen der Gruppe der Patienten, die ein Chinolon erhielten, und den Patienten, denen ein anderes Antibiotikum verordnet wurde, Unterschiede in den Patientencharakteristika bestanden. Nach unseren Vorannahmen erschienen uns der Gruppenvergleich (und die Testung) folgender Patientencharakteristika sinnvoll: Durchschnittsalter, durchschnittliche Krankheitsschwere, Anteil von Patienten mit Fieber, durchschnittliche Dauer des Hustens bis zur Konsultation des Hausarztes und die Geschlechterverteilung. Nach Korrektur der p-Werte nach Bonferroni-Holm (zum Gesamtniveau von p < 0,05) zeigten sich folgende signifikanten Unterschiede in den beiden Gruppen (in Klammern die bereits korrigierten p-Werte): Durchschnittsalter bei den Patienten, die Chinolone verordnet bekamen: 49,3, andere Antibiotika: 43,1 (p < 0,005). Vom Arzt auf einer Skala von 1 bis 4 beurteilte Krankheitsschwere bei den Patienten, die Chinolone verordnet bekamen: 2,8, andere Antibiotika 2,4 (p < 0,005). Fieberanteil bei den Patienten, die Chinolone verordnet bekamen: Chinolone: 59,7 %, andere Antibiotika 49,0 % (p = 0,03). Keinen signifikanten Unterschied zeigten die Gruppenvergleiche (p-Werte unkorrigiert) von Frauenanteil (53,1 zu 55,6 %, p = 0,55) und Dauer der Symptomatik (4,5 Tage zu 4,6 Tage, p = 0,81). Abb. 2 Antibiotika-Verordnungsrate bei Patienten mit akutem Husten in 32 Praxen sortiert von der niedrigsten (A) bis zur höchsten Verordnungsrate (AF). Erhebungszeiträume T1 und T2 gepoolt. Abb. 3 Anteil der verordneten Chinolone (bezogen auf alle jeweils pro Praxis verordneten Antibiotika). Erhebungszeitraum T1 und T2 gepoolt. Originalarbeit Abb. 4 Anteil der verordneten Makrolide (bezogen auf alle jeweils pro Praxis verordneten Antibiotika). Erhebungszeitraum T1 und T2 gepoolt. Abb. 5 Anteil der verordneten Tetracycline (bezogen auf alle jeweils pro Praxis verordneten Antibiotika). Erhebungszeitraum T1 und T2 gepoolt. 375 Diskussion Die hier dargestellten Ergebnisse sind aufgrund der selektierten Stichprobe an Ärzten und Patienten vorsichtig zu interpretieren. Die Gesamt-Antibiotika-Verordnungsrate der hier untersuchten Hausärzte liegt mit 58 bzw. 66 % höher, als in einer anderen von uns durchgeführten Untersuchung, in der eine Antibiotika-Verordnungsrate von etwa 50 % gefunden wurde [5]. Zu einem Teil lassen sich diese im Vergleich relativ hohen Verordnungsraten durch das In-Kraft-Treten des GMG 2004 erklären, für 2005 auch zusätzlich durch die im Dokumentationszeitraum aufgetretene Infektionswelle mit einem höherem Anteil von Patienten mit Fieber und höherer durchschnittlicher Krankheitsschwere [6, 7]. Abb. 2 zeigt allerdings auch, dass in der hier untersuchten Stichprobe möglicherweise typische „Antibiotika-Niedrigverschreiber“ unterrepräsentiert sind. Seit Jahren lässt sich in den Untersuchungen auf Makroebene (nationale Verordnungsraten) eine Entwicklung hin zur Verordnung „moderner“ Breitspektrumantibiotika vor allem vom Typ der Fluorchinolone und auch neuerer Makrolide erkennen. Der Verordnungsanteil dieser Substanzen liegt in der hier dargestellten Untersuchung sogar deutlich höher, als bei den Untersuchungen für alle ambulanten Verordnungen (Diagnose-unabhängig) auf nationaler Ebene. Hier könnte man annehmen, dass dieser Unterschied vor allem durch die hier nur untersuchten Verordnungen für Atemwegsinfekte bedingt sein könnte. Jedoch liegt der Anteil der verordneten Fluorchinolone und Makrolide mit 16 respektive 30 % doppelt so hoch, wie noch bei Untersuchungen auf Praxisebene (bei akutem Husten) aus den Jahren 2001 und 2002 [5, 8]. Etwa 1/4 der Ärzte verordneten 3/4 der Chinolone (Abb. 5). Der in anderen Untersuchungen beschriebene Zusammenhang zwischen hohem Lebensalter und Chinolonverordnung ließ sich auch in unserer Untersuchung bestätigen [9]. Außerdem zeigten sich die Krankheitsschwere und Fieber als mögliche Prädiktoren für eine Chinolonverordnung. Im Gesamtbild erscheint allerdings als entscheidender Faktor für die Verordnung einer bestimmten Antibiotika-Substanz – hier der Chinolone – bei akutem Husten – das durch individuelle „Vorlieben“ geprägte Verordnungsmuster der Ärzte. Abb. 3 – 5 zeigen, dass es dabei allerdings keine einheitlichen Muster zu geben scheint; so gibt es etwa auch unter den „Antibiotika-Vielverschreibern“ Hausärzte, die überwiegend Tetracycline verordnen, oder auch „Niedrigverschreiber“, die relativ häufig Chinolone verordneten. Eine genaue Aussage darüber, warum einzelne Hausärzte gehäuft bestimmte Antibiotika verordnen, lässt sich auf dem Boden der hier dargestellten Analyse daher nicht treffen. Die Vermutung, dass „erfolgreiches“ Pharma-Marketing hier auch eine Rolle spielt, liegt jedoch nahe. Bei den Ärzten, die viele verschiedene Antibiotika-Substanzen verordnen, könnten auch andere FakFiegen H et al. Wie häufig werden … Z Allg Med 2005; 81: 372 – 376 toren, wie z. B. mangelndes Wissen über tatsächliche Resistenzlagen oder auch eine gewisse Indifferenz bezüglich Antibiotika überhaupt eine Rolle spielen. Spekulativ könnte man sogar noch einen Schritt weiter gehen: Es könnte auch sein, dass den Ärzten die Nutzlosigkeit der Antibiotika-Gabe bei akutem Husten durchaus bewusst ist und dies zu einer gewissen Gleichgültigkeit in Bezug auf die spezielle Auswahl eines Antibiotikums führt. Warum sollte man aber überhaupt in der Praxis gerade mit der Verordnung von Fluorchinolonen so zurückhaltend sein? Die typischen unerwünschten Wirkungen der Fluorchinolone, wie gastrointestinale Störungen (Übelkeit, Diarrhö, Erbrechen, Bauchschmerzen) sowie Leberfunktionsstörungen, können auch bei anderen Antibiotika vorkommen. Die seltenen Nebenwirkungen, nämlich Verlängerung der QT-Zeit sowie Achillessehnenrupturen (meist bei längerer Anwendung) und auch ZNSReaktionen (Krampfanfälle, Erregungszustände, Verwirrtheit und Halluzinationen) machen allerdings – gerade bei weniger schwerwiegenden bakteriellen Infektionen – eine genaue Nutzen-Schaden-Abwägung notwendig [10]. Der entscheidende Grund aber, Fluorchinolone nicht zu verordnen, ist das unnötig breite Wirkspektrum bei gleichzeitig nicht vorhandenem Vorteil gegenüber den typischen bakteriellen Erregern bei tiefen Atemwegsinfektionen bzw. bei Pneumonie. (Ciprofloxacin ist wegen der bekannten unzureichenden Aktivität gegenüber S. pneumoniae sogar kontraindiziert.) Fluorchinolone stellen (noch) bei Infektionen mit (überwiegend gramnegativen) Enterobakterien (zum Beispiel Escherichia coli, Klebsiellen, Proteus spp. und Enterobacter spp.), ferner auch bei Legionellen, Staphylokokken und Chlamydien wertvolle „Reserveantibiotika“ dar. Durch den ungezielten Einsatz ist jedoch eine zunehmende Resistenzentwicklung zu befürchten. Dass hier auch unnötige Kosten verursacht werden, soll nur am Rande bemerkt werden. idealerweise im Rahmen einer partizipativen Entscheidungsfindung – indiziert erscheint. In diesen Fällen wären dann – wie in den entsprechenden Leitlinien empfohlen wird – Amoxicillin und Doxycyclin, ggf. auch Makrolide bei Penicillin-Allergie die Mittel der Wahl [11, 12]. Diese Botschaft, dass bei akutem Husten normalerweise gar keine Antibiotika, wenn aber doch, dann Amoxicillin oder Doxycyclin verordnet werden sollten, ist in sich jedoch etwas paradox. Zumal auch diese Empfehlungen nicht auf „harter Evidenz“ beruhen, sondern eher auf dem Hintergrund der Vorbeugung weiterer Resistenzentwicklungen zu sehen ist. Vergegenwärtigt man sich das übergeordnete Ziel, nämlich, dass bei akutem Husten von Hausärzten in Zukunft deutlich weniger Antibiotika verordnet werden, kann man zu dem Schluss kommen, dass die sinnvollste Strategie zur Eindämmung der Verordnung von „Reserveantibiotika“ bei akutem Husten wohl ein Hinwirken auf ein reflektiertes und zurückhaltendes Antibiotika-Verordnen generell ist. Interessenkonflikte: keine angegeben. 376 Originalarbeit Literatur Smucny J, Fahey T, Becker L, et al. Antibiotics for acute bronchitis. Issue 4. Cochrane Library, 2003 2 Little P, Rumsby K, Kelly J, et al. Information leaflet and antibiotic prescribing strategies for acute lower respiratory tract infection: a randomized controlled trial. JAMA 2005; 293: 3029 – 3035 3 Goossens H, Ferech M, der Stichele R van, et al, for the ESAC-Project Group. Outpatient antibiotics use in Europe an association with resistance: a cross-national database study. The Lancet 2005; 365: 579 – 587 4 Schwabe U, Paffrath D (Hrsg). Arzneiverordnungs-Report 2003. Aktuelle Daten, Kosten, Trends und Kommentare. Springer, Berlin, Heidelberg 2004 5 Altiner A, Wilm S, Haag H, et al. Verordnungen bei akutem Husten: 501 Medikamente für 356 Patienten. Z Allg Med 2002; 78: 287 – 290 6 Altiner A, Sielk M, Düllmann A, et al. Auswirkungen des GMG (GKVModernisierungs-Gesetz) auf hausärztliche Verordnungen am Beispiel des akuten Hustens. Z Allg Med 2004; 80: 366 – 370 7 www.influenza.rki.de/agi/index.html 8 Bormann C, Däubener W, Abholz HH, et al. Bakterielle Erreger und Resistenzen bei 232 Patienten mit akutem produktivem Husten. Z Allg Med 2003; 79: 193 9 Vaccheri A, Bjerrum L, Resi D, et al. Antibiotic prescribing in general practice: striking differences between Italy (Ravenna) and Denmark (Funen). J Antimicrob Chemother 2002; 50: 989 – 997 10 Stahlmann R, Höffler D. Unerwünschte Wirkungen und Risiken von Fluorchinolonen. Deutsches Ärzteblatt 2000; 97: 3022 – 3026 11 Wetenschappelijke Vereniging van Vlaamse Huisartsen. Acute Hoest – aanbeveling. Huisats Nu 2002; 31: 391 – 411 12 Verheij TJM, Salomé PL, Bindels PJ, et al. NHG-Standaard Acuut Hoesten. Huisarts Wet 2003; 46: 496 – 506 1 Schlussfolgerungen Unter realen Praxisbedingungen wird eine gewisse Anzahl von Antibiotika-Verordnungen (geschätzt etwa 5–10 %) bei akutem Husten auch bei sonst gesunden Patienten nicht zu unterschreiten sein. Es wird immer Patienten geben, bei denen eine Pneumonie nicht sicher genug auszuschließen ist oder auch Patienten mit besonders hartnäckigen Verläufen und hohem Leidensdruck, bei denen dann doch die Verordnung eines Antibiotikums – Zur Person Dr. H. Jörg Fiegen, Jahrgang 1967, verheiratet. Studium der Humanmedizin von 1988–1994 in Aachen. Seit 1.7.2005 niedergelassen als Facharzt für Allgemeinmedizin in eigener Praxis in Stolberg bei Aachen. Seit 2003 Doktorand in der Abteilung für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Düsseldorf. Fiegen H et al. Wie häufig werden … Z Allg Med 2005; 81: 372 – 376


(Stand: 09.09.2005)

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