Loading...

ZFA-Logo

IGeL kritisch betrachtet: Messung freier Radikale

DOI: 10.1055/s-0028-1082293

IGeL kritisch betrachtet: Messung freier Radikale

Serie 399 IGeL kritisch betrachtet: Messung freier Radikale IGeL Critically Viewed: Measurement of Free Radicals Autoren Institute R. Strametz, A. Erler, M. Beyer, I. Otterbach Institut für Allgemeinmedizin, Goethe-Universität, Frankfurt am Main Schlüsselwörter Antioxidantien freie Radikale oxidativer Stress Nutzenbewertung Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) Key words antioxidants reactive oxygen species (ROS) oxidative stress critical appraisal medical services of individual demand (IGeL) Zusammenfassung & Hintergrund und Problemstellung: Radikale sind hochreaktive Moleküle, die im Körper gebildet werden und nach der chemischen Reaktion wieder verschwinden. Liegen diese im Übermaß vor, spricht man von „freien Radikalen“, die dann im Organismus unerwünschte chemische Reaktionen auslösen können. Als Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) wird in Deutschland für asymptomatische Patienten die „Messung freier Radikale“ angeboten. Methode: Eine ausführliche Literaturrecherche wurde insbesondere auf zwei Fragestellungen hin durchgeführt: 1. Können freie Radikale mit den im Rahmen von IGeL-Angeboten vorgeschlagenen Messverfahren zuverlässig bestimmt werden? 2. Gibt es sinnvolle Präventionsangebote, wie z. B. die Einnahme von Antioxidantien, für die eine solche Messung beim einzelnen Patienten die Voraussetzung darstellt? Ergebnisse: Keines der verwendeten Messverfahren ist dazu geeignet, eine valide Aussage über den Grad des oxidativen Stresses zu tre?en. Es wurde außerdem keine Studie gefunden, die belegt, dass die systematische Einnahme von Antioxidantien bei asymptomatischen Patienten einen Überlebensvorteil erbringt. Dagegen gibt es Evidenz dafür, dass die Einnahme bestimmter Antioxidantien mit einer erhöhten Letalität assoziiert ist. Schlussfolgerung: Die „Messung freier Radikale“ bei gesunden Patienten verspricht keinen Nutzen. Abgesehen von der Einhaltung allgemeiner Maßregeln gesunder Lebensführung gibt es keine spezi?sche Therapie, die einen ,oxidativen Stress‘ bei ansonsten gesunden Menschen verhindern bzw. ihm vorbeugen könnte. Abstract & Background and Problem: Reactive oxygen species (ROS) are highly-reactive molecules that are constantly formed and, after a chemical reaction, disappear from the body. In case of a preponderance of ROS we talk of “free radicals“, which can trigger unwanted chemical reactions in the organism. In Germany, asymptomatic patients are o?ered the measurement of free radicals as a non-insured health service (in German “IGeL” – Individuelle Gesundheitsleistungen). Method: An intensive literature search focused on two questions in particular: 1. Can the level of free radicals be accurately determined using the test that is o?ered as a non-insured health service? 2. Do useful preventive methods exist, such as the administration of antioxidants, for which such a measurement in an individual patient is a precondition? Results: None of the applied tests provide valid information on the level of oxidative stress. Furthermore, no study has been found to support the view that the systematic administration of antioxidants to asymptomatic patients lowers mortality. On the other hand there is valid evidence that the intake of certain antioxidants is associated with increased mortality. Conclusions: Measuring the level of free radicals in healthy patients does not promise any health bene?t. Apart from following the general rules of a healthy lifestyle there is no speci?c therapy which is able to prevent or hinder oxidative stress in an otherwise healthy person. Peer reviewed article eingereicht: 24.06.2008 akzeptiert: 09.07.2008 Bibliogra?e DOI 10.1055/s-0028-1082293 Online-Publikation: 2008 Z Allg Med 2008; 84: 399–403 © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York ISSN 1433-6251 Korrespondenzadresse Dr. R. Strametz Goethe-Universität Institut für Allgemeinmedizin Theodor-Stern-Kai 7 60590 Frankfurt am Main strametz@ebmfrankfurt.de Strametz R et al. IGeL kritisch betrachtet: Messung … Z Allg Med 2008; 84: 399–403 400 Serie Als IGeL – Individuelle Gesundheitsleistungen – werden inzwischen vielfältige diagnostische und therapeutische oder präventive Leistungen angeboten, die von den Gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen werden und daher von der Patientin/vom Patienten selbst zu ?nanzieren sind. Viele dieser Angebote scheinen auf den ersten Blick einen Nutzen zu versprechen, auch wenn es sich bei einer diagnostischen Leistung nur um einen Erkenntnisgewinn über ein mögliches Gesundheitsrisiko ohne therapeutische Konsequenzen handelt. In der allgemeinmedizinischen Praxis spielen IGeL eine zunehmende Rolle, entweder weil überlegt wird, eine solche Leistung in der eigenen Praxis anzubieten, oder – häu?ger – weil Patienten wegen der von einem Fachspezialisten angebotenen Leistung den Hausarzt um Rat fragen. In evidenzbasierten Kurzbewertungen analysieren wir typische derartige Leistungen. Es handelt sich dabei nicht um systematische Reviews zu einer klinischen Fragestellung (die meisten dieser Leistungen sind, wenn sie klinisch indiziert sind, nämlich sehr wohl Kassenleistungen), sondern Bewertungen von Angeboten, die sich an gesundheitsbewusste Patienten richten. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob ein Nutzen für diese auch tatsächlich zu erwarten ist. Wir beurteilen ausdrücklich nicht die Frage, ob solche Leistungen ethisch oder gesundheitsökonomisch vertretbar sind. Die Bewertungen sind ursprünglich im Auftrag und mit Finanzierung durch den AOK-Bundesverband entstanden, der jedoch keinen Ein?uss auf den Inhalt der Recherche und die Bewertung genommen hat. Für die Verö?entlichung in der ZFA sind die Beiträge überarbeitet und gekürzt worden. Die Volltexte sind unter www. allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de/IGeL.html erhältlich. § durch das Versetzen einer Blutprobe mit Radikalbildnern, um auf diese Weise die momentane Kapazität des Blutes, freie Radikale abzufangen, zu messen [4]. Vor diesem Hintergrund stellen sich folgende Fragen: § Können freie Radikale mit den im Rahmen von IGeL-Angeboten vorgeschlagenen Messverfahren zuverlässig bestimmt werden? § Gibt es sinnvolle Präventionsangebote, für die eine solche Messung beim einzelnen Patienten die Voraussetzung darstellt, wie z. B. die Einnahme von Antioxidantien? Methodik & Zu diesen beiden Fragen wurde eine intensive Literaturrecherche in den Datenbanken Medline sowie der Cochrane Database of Systematic Reviews und Cochrane CENTRAL durchgeführt (Suchdatum 7/2007, ergänzt 6/2008). Ergebnisse & Die Messung freier Radikale wird als Vorsorgeleistung vor allem im Bereich der Anti-Aging-Medizin angeboten. Die Angebote sind dabei sehr unterschiedlich und reichen von der Messung eines oder mehrerer Laborwerte bis hin zu Paketleistungen (Check-Ups) [9–11]. Die Messung der jeweiligen Parameter erfolgt entweder über einen Tropfen Kapillarblut oder mittels venöser Blutprobe [12–14]. Die Kosten sind relativ hoch und können 250 S erreichen. Außerdem werden Selbst- und Labortests mit Morgenurin beworben [15, 16]. Es ist jeweils nur eine einmalige Messung erforderlich, die aber laut Angaben der meisten Ärzte und der Hersteller der Testgeräte bei unau?älligen Werten regelmäßig (meist halbjährlich) wiederholt werden sollte [17, 18]. Einleitung/ Fragestellung & Freie Radikale werden im Körper permanent durch den Sto?wechsel, aber auch durch bestimmte Noxen gebildet [1, 2]. Ebenso kann durch entzündliche Prozesse oder exzessiven Sport die Konzentration freier Radikale im Körper ansteigen [3]. Ein Überwiegen der freien Radikale wird auch als „oxidativer Stress“ bezeichnet. Freie Radikale scheinen in gewissem Maße die Erkrankungshäu?gkeit und Sterblichkeit für Erkrankungen wie Arteriosklerose und Krebserkrankungen zu erhöhen, sie haben jedoch auch protektive Eigenschaften, da sie antimikrobiell wirken und für einige Sto?wechselreaktionen benötigt werden [4]. Antioxidantien sind Moleküle, die Radikale durch eine chemische Reaktion in einen stabilen Zustand versetzen. Man bezeichnet sie daher auch als Radikalfänger [5]. Die Gabe von Antioxidantien kann bei bestimmten Patientengruppen mit eindeutig erhöhtem Vorkommen freier Radikale sinnvoll sein, beispielsweise bei schwerkranken Patienten auf einer Intensivstation [6, 7]. Im Rahmen von IGeL wird die Messung freier Radikale im Sinne der Primärprävention angeboten. Aufgrund der extrem kurzen Halbwertszeit ist es nahezu unmöglich, diese Substanzen direkt im Blut nachzuweisen [8]. § Die Messung freier Radikale erfolgt daher indirekt über eine Bestimmung der Konzentration von Substanzen, die mutmaßlich durch freie Radikale verändert wurden (z. B. Antioxidantien), oder Messprinzipien zum Rückschluss auf freie Radikale & Die direkte laborchemische Bestimmung der Konzentration freier Radikale ist aufgrund ihrer extrem kurzen Halbwertszeit nicht möglich. Der daher stets indirekte Nachweis freier Radikale erfolgt nach drei unterschiedlichen Prinzipien, die in Tab. 1 dargestellt sind. Probleme und Fehlerquellen der verwendeten Messprinzipien & Malondialdehyd (MDA) Malondialdehyd entsteht als Produkt bei der Oxidation von Lipiden. Die MDA-Messung ist unspezi?sch und stellt nur einen geringen Anteil der Lipidperoxidation dar. Außerdem ist die MDAMessung mit Thiobarbitursäure anfällig gegenüber Artefakten, da sie ebenfalls mit anderen im Blut häu?g vorkommenden Substanzen reagiert [21]. Eine alleinige Bestimmung der MDA scheint somit nicht geeignet, oxidativen Stress zu beweisen oder auszuschließen. Oxidierte LDL-Antikörper Personen, die erhöhtem oxidativen Stress ausgesetzt sind (Patienten unmittelbar nach Herzinfarkt, Hochleistungssportler), Strametz R et al. IGeL kritisch betrachtet: Messung … Z Allg Med 2008; 84: 399–403 Serie 401 Tab. 1 Übersicht der Messprinzipien zur Ermittlung des Grades an oxidativem Stress Quellen [1, 9, 20]. Messprinzip Messung durch Radikale veränderter Substanzen Substanz/Methode Malondialdehyd (MDA) oxidierte LDL-Antikörper (OxLAb) 8-Hydroxy-2-Desoxyguanosin (8-OH-dG) Alpha-Tocopherol (Vitamin E) Ascorbinsäure (Vitamin C) Beta-Carotin Selen Zink FRAS (Ferric reducing antioxidant system) Material/Aufbereitung EDTA-Blut/Versetzung mit Thiobarbitursäure Serum Urin Serum (lichtgeschützt) Serum (lichtgeschützt) Serum (lichtgeschützt) Serum Serum Serum/Versetzung mit Farbsto? + Radikal HPLC: high pressure liquid chromatography ELISA: Enzyme-Linked Immunosorbent Assay AAS: Atomabsorptionsspektroskopie Messverfahren Photometrie/HPLC ELISA ELISA/HPLC HPLC HPLC HPLC AAS AAS Photometrie Antioxidantienspiegel Antioxidative Belastungstests Quellen: [1, 19, 20] weisen einen deutlich höheren Anteil an oxidiertem LDL (low density lipoprotein) auf als die Normalbevölkerung [22, 23]. Antikörper gegen oxidiertes LDL stellen einen Schutzmechanismus des Körpers dar. Eine Erhöhung des Antikörperanteils im Blut wird als Ausdruck für oxidativen Stress gewertet. Eine Einzelmessung von Antikörpern gegen oxidiertes LDL kann jedoch keine umfassende Aussage über den Status des komplexen körpereigenen Abwehrsystems gegen freie Radikale tre?en und ist somit allenfalls in Kombination mit anderen Testverfahren geeignet, eine oxidative Stressreaktion zu diagnostizieren. Antioxidative Kapazität durch Belastungstests Es besteht die Möglichkeit, mittels einer venösen Blutprobe in vitro eine sogenannte Belastungsprobe durchzuführen. Hierbei werden der Blutprobe ein Farbsto? und ein Radikal beigemischt. Das Radikal oxidiert den Farbsto?, es kommt zum Farbumschlag. Die im Blut vorhandenen Antioxidantien verzögern in gewissem Umfang den Farbumschlag, was im Vergleich zu einer Referenzsubstanz fotometrisch quanti?ziert wird. Die Ergebnisse lassen sich in fettlösliche und wasserlösliche antioxidative Kapazitäten unterteilen [4, 27]. Ein Beispiel für diese Technik ist die Methode FRAS. Bei bestimmten Testverfahren kann eine Messung ohne aufwendige Laborleistung mit einem Testgerät innerhalb weniger Minuten in der Arztpraxis durchgeführt werden [28]. Obgleich es sich um Funktionstests handelt, die per se wahrscheinlich aussagekräftiger als die Messung eines einzelnen Antioxidans sind, können auch diese Tests fehlerbehaftet sein. So kann eine hohe Harnsäure- oder Albuminkonzentration im Blut eine große antioxidative Kapazität vortäuschen. Auch eine herabgesetzte antioxidative Kapazität bedeutet nicht unbedingt oxidativen Stress, da antioxidative Schutzmechanismen auch an die im Körper vorliegenden Konzentrationen freier Radikale angepasst und somit bei Bedarf herunterreguliert werden können [28]. Somit sind unabhängig von den di?erierenden Messgenauigkeiten der einzelnen Methoden Fehlinterpretationen in beide Richtungen möglich. Auch nach intensiver Literaturrecherche konnte trotz der Vielzahl an existierenden Laboruntersuchungen und Testverfahren keine im Rahmen der IGeL-Leistung angebotene Messmethode oder Kombination von Messmethoden ermittelt werden, die eine valide Aussage über den Grad des oxidativen Stresses beim individuellen Patienten erlaubt. 8-Hydroxy-2-Desoxyguanosin 8-Hydroxy-2-Desoxyguanosin (8-OH-dG) entsteht als Produkt bei der ,Reparatur‘ der von freien Radikalen geschädigten DNA und wird ohne weitere Versto?wechselung über den Urin ausgeschieden [20]. Es stellt somit einen Marker für die Intensität der DNA-Reparaturvorgänge dar. Da in einigen, vorwiegend tierexperimentellen Studien eine erhöhte 8-OH-dG-Konzentration mit einem erhöhten Krebsrisiko korrelierte, und 8-OH-dG bei Rauchern und Alkohol konsumierenden Probanden deutlich vermehrt ausgeschieden wird, wurde vielfach der Schluss gezogen, dass 8-OH-dG auch ein Marker für den Grad an oxidativem Stress ist und evtl. sogar ein erhöhtes Krebsrisiko anzeigen kann [24, 25]. Es konnte trotz intensiver Literatursuche jedoch keine valide epidemiologische Studie gefunden werden, die diese Hypothese stützt. Problematisch erscheint in diesem Zusammenhang außerdem, dass die per ELISA ermittelten Werte zwar signi?kant mit denen der HPLC korrelieren, jedoch systematisch höher sind. Dies kann bei der Interpretation der Werte zu falschen Schlüssen führen [26]. Antioxidantienspiegel Unter den zahlreichen Antioxidantien sind die am häu?gsten bestimmten in Tab. 1 aufgeführt. Eine erniedrigte Plasmakonzentration eines Antioxidans kann prinzipiell auf oxidativen Stress hinweisen, allerdings kann eine solche Erniedrigung auch anzeigen, dass eine „normale“ Antioxidantien verbrauchende Immunantwort stattgefunden hat. Eine sinnvolle Interpretation der Messwerte kann daher, wenn überhaupt, nur zusammen mit anderen Parametern erfolgen, die oxidativen Stress signalisieren. Nutzen möglicher therapeutischer Konsequenzen bei pathologischen Messergebnissen für freie Radikale & Nutzen von Lebensstiländerungen Derzeit weitgehend unbestritten ist, dass eine angemessene Ernährung und die Vermeidung von Noxen (u. a. Nikotin und Alkohol) – unabhängig von aktuellen Messwerten – auch die Wirkung freier Radikale reduzieren. Es gibt jedoch keine Studien, die zeigten, dass Lebensstilveränderungen, die direkt auf eine Reduktion, oxidativen Stresses bei gesunden Probanden zielten, Strametz R et al. IGeL kritisch betrachtet: Messung … Z Allg Med 2008; 84: 399–403 402 Serie einen Gesundheitsgewinn erbringen. In epidemiologischen Untersuchungen aus den achtziger Jahren wurde eine negative Korrelation zwischen dem Konsum von Obst und Gemüse und dem Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen festgestellt [29]. Dies belegt keine direkte Wirkung, sondern könnte auch bedeuten, dass Personen, die sich gesund ernähren, viele ungesunde, Krebs und Arteriosklerose begünstigende Lebensmittel meiden und somit indirekt ihre Prognose verbessern [30]. Gabe von Alpha-Tocopherol keinen positiven Ein?uss auf die kardiovaskuläre Sterblichkeit oder auf die Gesamtsterblichkeit hatte, und dass die längerfristige Einnahme von Beta-Carotin das Risiko für Lungenkrebs in Hochrisikogruppen, die kardiovaskuläre sowie die Gesamtsterblichkeit sogar erhöhte [31–33]. Die hoch dosierte Einnahme von Antioxidantien scheint der Umstellung der Lebens- und Ernährungsgewohnheiten somit nicht nur hinsichtlich der E?ektivität, sondern auch hinsichtlich der Risiken deutlich unterlegen. Nutzen der Einnahme von Antioxidantien Da Obst und Gemüse reich an Antioxidantien sind, wurde angenommen, dass die protektive Wirkung auf der Einnahme großer Mengen von Antioxidantien beruht [31]. Daher wurden große Langzeitstudien für die beiden diesbezüglich erfolgversprechendsten Substanzen, Alpha-Tocopherol (Vitamin E) und BetaKarotin, durchgeführt. Mehrere aktuelle systematische Übersichtsarbeiten, die bis zu 83 randomisiert-kontrollierte Studien und über 230 000 Patienten einbezogen, gingen der Frage eines primärpräventiven E?ektes einer Einnahme von Antioxidantien nach. Alle Analysen kamen übereinstimmend zu dem Schluss, dass die hoch dosierte Gabe von Alpha-Tocopherol und Beta-Karotin in Bezug auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder der Sterblichkeit keine positiven E?ekte, in etlichen Studien dagegen ein erhöhtes Risiko für das Auftreten bestimmter Erkrankungen aufweist [31–33]. Aufgrund pathophysiologischer Überlegungen und vereinzelter Studien [34] wurde die Hypothese aufgestellt, dass Antioxidantien das Auftreten neurodegenerativer Erkrankungen wie Morbus Alzheimer, Morbus Parkinson oder Multipler Sklerose verhindern können. Mehrere Meta-Analysen konnten für die 3 genannten neurodegenerativen Erkrankungen keinen Vorteil im Sinne eines reduzierten Erkrankungsrisikos bei Risikopatienten feststellen [35–39]. Fazit & § Freie Radikale können nur indirekt gemessen werden, die Verfahren weisen große Schwankungsbereiche auf und sind mit zahlreichen Möglichkeiten der Fehlinterpretation behaftet. § Eine Kontrolle bestimmter Parameter (z. B. Vitamin E) sollte Patienten mit dem konkreten Verdacht auf einen klinisch relevanten Mangel dieser Substanz vorbehalten bleiben. § Eine Therapie mit Antioxidantien ist schwerkranken Patienten mit spezi?scher Indikation vorbehalten. § Unter Berücksichtigung der aktuellen Studienlage kann die vorbeugende Einnahme eines hochdosierten „Antioxidantien-Cocktails“ über einen längeren Zeitraum derzeit nicht empfohlen werden. § Die im Bereich der IGeL-Leistungen angebotene Messung freier Radikale stützt sich in keinem Fall auf wissenschaftlich fundierte Daten, die einen Vorteil für Patienten aufgrund der Inanspruchnahme der Leistung belegen können. Interessenskon?ikte: keine angegeben. Literatur 1 Manhart N, Freie Radikale und Antioxidantien, im Internet: http:// www.dr-moosburger.at/pub/pub057.pdf, Zugri? am 6.6.2008 2 Siekmeier R, Ste?en C, März W. Können Antioxidantien Arthepiosklerose verhindern? Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 2006; 49: 1034–1049 3 Magalhaes J, Ferreira R, Marques F, Olivera E, et al. Indoor climbing elicits plasma oxidative stress. Med Sci Sports Exerc 2007; 6: 955–963 4 Kohen R, Nyska A. Oxidation of biological systems: oxidative stress phenomena, antioxidants, redox reactions, and methods for their quanti?cation. Toxicol Pathol 2002; 6: 620–650 5 Lö?er G, Petrides PE. Biochemie und Pathobiochemie, 6. Au?age. Springer, Berlin 1998 6 Manhart N. Der Einsatz von Antioxidantien beim Intensivpatienten. Chirurgische Gastroenterologie 2004; 20: 216–222 7 Roth E, Manhart N, Wessner B. Assessing the antioxidative status in critically ill patients. Curr Opin Clin Nutr Metab Care 2004; 2: 161–168 8 Sies H. Strategies of antioxidant defense. Eur J Biochem 1993; 215: 213–219 9 MSCLaserclinic. im Internet: www.msclaserclinic.com/336.html, Zugri? am 6.7,2007 10 Praxis Dr. med. Johannes Brodkorb. im Internet: www.dr-brodkorb.de/index.php, Zugri? am 6.7.2007 11 Interdiszipl. Therapiezentrum Physio Vita Frankfurt, im Internet: www.physio-vita.info/oxidativer-stress.42.0.html, Zugri? am 7.7.2007 12 Euromedix Informationsbüro im Internet: www.euromedix.de P05.htm, Zugri? am 7.7.2007 13 Toxcenter.de. im Internet: www.toxcenter.de/artikel/8VUQGC. php, Zugri? am 6.7.2007 14 Labor Dr. Gärtner. im Internet: www.labor-gaertner.com/Anti oxidantien-Statu.antiox_kl.0.html, Zugri? am 06.07.2007 15 Orthomol GmbH. Im Internet: www.orthomol.de/Produkte/ Redox, Zugri? am 7.7.2007 Nutzen der Messung freier Radikale als Screeningmethode für Erkrankungen Neben möglichen Konsequenzen einer Messung freier Radikale in Form einer Empfehlung für eine Änderung des Lebensstils oder für die Durchführung einer antioxidativen Therapie wird der Nutzen der Messung als Screeningmethode für Krankheiten diskutiert, die mit einem erniedrigten Spiegel an Antioxidantien oder mit oxidativem Stress einhergehen. Trotz intensiver Literatursuche konnte keine klinische Studie gefunden werden, die valide belegt, dass die Messung freier Radikale bei Patienten ohne Symptome eines manifesten Mangels an Antioxidantien (z. B. spezi?sche Anzeichen eines Vitaminmangels) als Screeningmaßnahme für Erkrankungen geeignet ist und einen Bene?t im Sinne einer Steigerung der Lebensqualität oder einer Verlängerung der Lebenszeit bewirkt. Risiken der Messung freier Radikale & Risiken der Messung freier Radikale können zum einen in der diagnostischen Methode selbst (direkte Risiken), zum anderen in den therapeutischen Konsequenzen (indirekte Risiken) liegen. Als sehr gering ist das direkte (Infektions-)Risiko bei einer Blutentnahme einzuschätzen [40]. Aus der möglichen therapeutischen Konsequenz einer Messung freier Radikale, der hoch dosierten Gabe einzelner Antioxidantien, könnte ein deutlich höheres indirektes Risiko resultieren. So zeigten mehrere große, methodisch hochwertige Langzeitstudien, dass die alleinige Strametz R et al. IGeL kritisch betrachtet: Messung … Z Allg Med 2008; 84: 399–403 Serie 403 16 Praxis Dr. med. Harald M. Weskott. Im Internet: www.vitalarzt-avg. de/diagnostik/genanalytik/zusatz_untersuchungen.htm, Zugri? am 7.7.2007 17 Post-Apotheke in 31535 Neustadt am Rübenberge, im Internet: http:// www.post-apotheke-nrue.de/Freie-Radikale.424.0.html, Zugri? am 7.7.2007 18 Vital-Express.de, im Internet: www.vital-express.de/vitalfras/ downloads/auswertungderanalyse.pdf, Zugri? am 7.7.2007 19 Abteilung Arbeitsmedizin, Universität Wien, im Internet: www. univie.ac.at/Innere-Med-4/Arbeitsmedizin/L_8OHDG.HTM, Zugri? am 7.7.2007 20 Labor Limbach, im Internet: www.labor-limbach.de/Leistungs-und _Indik.leistungsverzeichnis.0.html, Zugri? am 7.7.2007 21 Meagher EA, Fitzgerald GA. Indices of lipid peroxidation in vivo: strengths and limitations. Free Rad Biol Med 2000; 28: 1745–1750 22 P incemail J, Lecomte J, Castiau J, et al. Evaluation of autoantibodies against oxidized LDL and antioxidant status in top soccer and basketball players after 4 months of competition. Free Radic Biol Med 2000; 4: 559–565 23 Holvoet P, Vanhaecke J, Janssens S, et al. Oxidized LDL and malondialdehyde-modi?ed LDL in patients with acute coronary syndromes and stable coronary artery diseases. Circul 1998; 15: 1487–1494 24 Irie M, Tamae K, Iwamoto-Tanaka N, et al. Occupational and lifestyle factors and urinary 8-hydroxydeoxyguanosine. Cancer Sci 2005; 9: 600–606 25 Kasai H. Analysis of 8-hydroxydeoxyguanosine as a marker of oxidative stress, animal and human studies. Canc Detect Prevent 2000; 24 (Supplement 1), Abstract 371 26 Kasai H, Svoboda P, Yamasaki S, et al. Simultaneous Determination of 8-hydroxydeoxyguanosine, a Marker of Oxidative Stress, and Creatinine, a Standardization Compound, in Urine. Ind Health 2005; 43: 333–336 27 Ghiselli A, Sera?ni M, Natella F, et al. Total antioxidant capacity as a tool to assess redox status: critical view and experimental data. Free Radi Biol Med 2000; 29: 1106–1114 28 Euromedix Informationsbüro. im Internet: www.euromedix.de P05.htm, Zugri? am 7.7.2007 29 Verlangieri AJ, Kapeghian JC, El-Dean S, et al. Fruit and vegetable consumption and cardiovascular disease mortality. Med Hypoth 1985; 16: 7–15 30 Clarke R, Armitage J. Antioxidant vitamins and risk of cardiovascular disease. Review of large-scale randomised trials. Cardiovasc Drugs Ther 2002; 16: 411–415 31 Bjelakovic G, Nikolova D, Gluud LL, et al. Mortality in randomized trials of antioxidant supplements for primary and secondary prevention: systematic review and meta-analysis. JAMA 2007; 8: 842–857 32 Coulter ID, Hardy ML, Morton SC, et al. Antioxidants vitamin C and vitamin E for the prevention and treatment of cancer. J Gen Intern Med 2006; 7: 735–744 33 Bjelakovic G, Nikolova D, Gluud LL, et al. Antioxidant supplements for prevention of mortality in healthy participants and patients with various diseases. Cochrane Database Syst Rev 2008 (2): CD007176 34 Zandi PP, Anthony JC, Khachaturian AS, et al. Cache County Study Group. Reduced risk of Alzheimer disease in users of antioxidant vitamin supplements: the Cache County Study. Arch Neurol 2004; 61: 82–88 35 Etminan M, Gill SS, Samii A. Intake of vitamin E, vitamin C, and carotenoids and the risk of Parkinson’s disease: a meta-analysis. Lancet Neurol 2005; 6: 362–365 36 Farinotti M, Simi S, P ietrantonj C Di, et al. Dietary interventions for multiple sclerosis. Cochrane Database Syst Rev 2007 (1): CD004192 37 Luchsinger JA, Tang MX, Shea S, et al. Antioxidant vitamin intake and risk of Alzheimer disease. Arch Neurol 2003; 60: 203–208 38 Morris MC, Evans DA, Bienias JL, et al. Dietary fats and the risk of incident Alzheimer disease. Arch Neurol 2003; 60: 194–200 39 Boothby L A, Doering PL. Vitamin C and Vitamin E for Alzheimer’s disease. Ann Pharmacother 2005; 39: 2073–2080 40 Tsokos MK. Iatrogenic Staphylococcus aureus septicaemia following intravenous and intramuscular injections: clinical course and pathomorphological ?ndings. Int J Legal Med 1999; 112: 303–308 Zur Person Dr. med. Reinhard Strametz, Arbeitsgruppe EBM Frankfurt Institut für Allgemeinmedizin Fachbereich Medizin der GoetheUniversität Strametz R et al. IGeL kritisch betrachtet: Messung … Z Allg Med 2008; 84: 399–403


(Stand: 09.09.2008)

Als Abonnent können Sie die vollständigen Artikel gezielt über das Inhaltsverzeichnis der jeweiligen Ausgabe aufrufen. Jeder Artikel lässt sich dann komplett auf der Webseite anzeigen oder als PDF herunterladen.