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Abholz HH. Editorial: Ungleichheit in der Versorgung. Z Allg Med 2009; 85: 225 und Melchinger H. Vertragsärztliche Versorgung psychisch Kranker: Ungleiche Chancen für Patienten. Z Allg Med 2009; 85: 247–253

Christa Roth-Sackenheim

Leserbrief zu beiden Artikeln von Dr. med. Christa Roth- Sackenheim

Sehr geehrter Herr Abholz,

als Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie schreibe ich folgenden Leserbrief zu den Artikeln. Es ist schön, dass sich die Zeitschrift für Allgemeinmedizin des Themas annimmt.

Es ist in der Tat ein Dilemma, das im Editorial und in Melchingers Artikel beschrieben wird. Dabei ist es unerheblich, ob dies aus Sicht des Hausarztes, des Gesundheitsökonomen oder des Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie geschieht. Seit 1992 haben Fachärzte für Psychiatrie in ihrer Weiterbildung eine breite psychotherapeutische Ausbildung verankert, deshalb der Ausdruck „Psychiatrie und Psychotherapie“. Mittlerweile gibt es mehr Einzelfachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Neurologie als den „klassischen“ Doppelfacharzt für Nervenheilkunde.

In den nächsten 5 Jahren werden von ca. 4800 Vertragsärzten dieser drei in der Bedarfsplanungsgruppe der Nervenärzte zusammengefassten Arztgruppen etwa 1500 aus Altersgründen ausscheiden. Das wird naturgemäß die „alten Nervenärzte“ hauptsächlich betreffen. Der im Vergleich zu den operativen Fächern noch erfreulich starke Nachwuchs an jungen Fachärzten wird diesen Bedarf in etwa decken können. Neue Kooperationsformen und Netzbildungen wurden konzeptualisiert, um die Schnittstellen zwischen Neurologie/Psychiatrie/Psychotherapie nicht verwaisen zu lassen. Das Problem bleibt dort bestehen, wo es bisher kaum Steuerung gibt: Welche Behandlung ein Mensch mit einer psychischen Störung bekommt, ist häufig Zufall und vom regionalen Angebot bestimmt. Hausärzten und Psychiatern bleibt bisher diese Steuerungsfunktion überlassen. Psychiater sehen für sich die Aufgabe, die Leitstelle für die Versorgung von Menschen mit psychischen Störungen zu besetzen. Richtlinienpsychotherapie kann bei manchen Störungen auch schaden, wenn sie nicht in einem Gesamtbehandlungskonzept integriert ist. Nicht nur die Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie leiden unter dem Dilemma, ihre Zuwendung zum Patienten rationieren zu müssen, das ist ein Problem der gesamten Ärzteschaft (und auch der Psychotherapeuten) und wird durch Vergütungssysteme, die fallzahl- und technikorientierte Anreize im ambulanten wie stationären Bereich schaffen, derzeit wieder erneut gefördert. Melchingers Verdienst ist es, der Gesundheitspolitik immer wieder Zahlen zu liefern, die das Inverse Care Law im Bereich der Versorgung psychischer Störungen belegen. Die Politik glaubt, mit der Psychiatrie-Enquete der 70er Jahre und dem Psychotherapeutengesetz 1999 genug getan zu haben. Dass sich damit ungewollt die Versorgung schwer psychisch Kranker im ambulanten Bereich kontinuierlich verschlechtert hat, ist der eigentliche Skandal. Dies wird auch von der berufsständischen Psychotherapeutenschaft nicht bestritten. Unsere Berufsverbände BVDP und BVDN und die Fachgesellschaft DGPPN setzen sich seit Jahren für eine neue normative Lösung ein, da die durchaus sehr ernst gemeinten Anstrengungen der ärztlichen Selbstverwaltung, dieses Problem zu lösen, stets an dieser inneren Gesetzmäßigkeit gescheitert sind. Dazu brauchen wir jeden Verbündeten!

Christa Roth-Sackenheim

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Christa Roth-Sackenheim

1. Vorsitzende des BVDP

Breite Str. 63

56626 Andernach

Mobil: 0160 / 97 79 64 87

E-Mail: C@Dr-Roth-Sackenheim.de


(Stand: 31.05.2011)

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