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Qualitative Sozialforschung – Ausgangspunkte und Ansätze für eine forschende Allgemeinmedizin

DOI: 10.3238/zfa.2010.0329

Teil 3: Das narrative Interview als Methode der Datenerhebung

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Anja Wollny, Gabriella Marx

Zusammenfassung: Nach der Einführung in die Zielsetzung, Hintergründe und zugrunde liegenden Verfahren der qualitativen Sozialforschung (Teil 1) sowie der Gegenüberstellung zweier in der allgemeinmedizinischen Forschung häufig angewandter Auswertungsmethoden (Teil 2), verfolgt dieser Artikel das Ziel, die Prinzipien und Vorgehensweisen der qualitativen Datenerhebung am Beispiel des narrativen Interviews darzustellen. Das narrative Interview zielt über die Erzählung konkreter Ereignisse auf die Erfassung subjektiver Sichtweisen und Deutungsmuster der untersuchten Akteure. Die narrative Gesprächsführung bietet den interviewten Personen einen größtmöglichen Raum zur Selbstgestaltung der Präsentation ihrer Erfahrungen und zur Entwicklung ihrer Perspektive innerhalb des zu untersuchenden Themas. Damit wird durch das narrative Interview eine Datenbasis geschaffen, die es ermöglicht, in der Analyse Alltagstheorien und Selbstinterpretationen der Interviewten bezüglich des Untersuchungsgegenstands zu rekonstruieren. Dieser Artikel gibt einen Einblick in die narrative Interviewführung sowie die Phasen des Interviews und diskutiert das praktische Vorgehen und mögliche Probleme.

Schlüsselwörter: qualitative Forschung, qualitative Datenerhebung, narratives Interview

Das qualitative Interview als Methode der Datenerhebung

Im Gegensatz zu standardisierten Instrumenten der Datenerhebung im Rahmen quantitativer Forschungsprojekte zielen die Methoden der qualitativen Datenerhebung auf die Erfassung subjektiver Sichtweisen und Deutungsmuster der untersuchten Akteure. Neben verschiedenen Formen des Einzelinterviews stehen in der qualitativen Sozialforschung auch verschiedene Beobachtungs- und Gruppenerhebungsverfahren zur Verfügung. Wie bei der Datenauswertung gilt auch für die Datenerhebung, dass die Methode dem Forschungsgegenstand und der Fragestellung angemessen gewählt werden muss [1]. Sollen in einem Projekt also bspw. die verschiedenen Einstellungen und Vorgehensweisen von Ärztinnen und Ärzten im Zusammenhang mit einer bestimmten Erkrankung untersucht werden, so ist eine halb offene Methode, wie das fokussierte Interview [2, 3], bei dem entsprechende Fallvignetten o. ä. die Basis bilden, eine angemessene Form. Sollen jedoch subjektive Sinndeutungen und Motive ärztlich-professionellen Handelns rekonstruiert werden, so ermöglichen offene Methoden wie das narrative Interview einen besseren Zugang.

Jede Interviewsituation stellt sowohl die Forscher/innen als auch die Befragten vor eine besondere Herausforderung, da sie eine besondere Form der sozialen Interaktion ist und bestimmten Regeln der Gesprächsführung unterliegt. Dies gilt insbesondere für das narrative Interview, das daher in diesem Artikel im Mittelpunkt der Ausführungen steht.

Das narrative Interview

Das narrative Interview wurde von Fritz Schütze in den 1970er Jahren im Zusammenhang mit einer Studie über kommunale Machtstrukturen entwickelt und in den Folgejahren vor allem für die Biografieforschung nutzbar gemacht, wo es breite Anwendung findet. Thematisch ist das narrative Interview flexibel einsetzbar [4], sodass die Verwendung auch für Fragestellungen in der allgemeinmedizinischen Forschung möglich ist.

Ziele des narrativen Interviews

Das Hauptelement des narrativen Interviews ist das Hervorlocken einer möglichst umfangreichen und frei entwickelten Erzählung, die im Wesentlichen mit einer Erzählaufforderung (erzählgenerierende Eingangsfrage) eingeleitet und durch erzählgenerierendes Nachfragen fortgesetzt wird. Das Ziel des narrativen Interviews besteht darin, eine Grundlage dafür zu schaffen, die Forschungsfragen aus der Perspektive der/des Interviewten erfassen, verstehen und erklären zu können. Der entscheidende Vorteil des narrativen Interviews ist, dass im Vorfeld durch die Forscher/innen möglichst wenige Einschränkungen erfolgen, sodass die jeweilige Relevanzsetzung allein von den Befragten vorgenommen wird. Das Hervorbringen von Erzählungen ist jedoch nicht nur für biografische Interviews, sondern auch für thematisch oder zeitlich engere Fragestellungen, gut geeignet (siehe Tabelle 1).

Mit der offenen Erzählweise des narrativen Interviews ist die Idee verbunden, „dass die Erzählungen stärker an konkreten Handlungsabfolgen und weniger an Ideologien und Rationalisierungen der Befragten orientiert sind“ [3]. Ohne die Erzählung eines Ereignisses oder eines Erlebnisses im Zusammenhang mit dem Thema bleibt die Möglichkeit des Erschließens latenter Deutungsmuster und subjektiver Sinnkonstruktionen verschlossen. Zudem lassen sich mit den Narrationen vor allem in der interpretativen Analyse Wechselwirkungen von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem herstellen sowie Erfahrungen, Erlebniswelten, Kognitionen, Gefühle und Motive in ihrer Einbettung in die Handlungsgeschichte rekonstruieren. Konkret heißt dies, dass in der Interviewsituation die Interviewpartner/innen sich gedanklich in die vergangene Situation hineinversetzen und so dem tatsächlich Erlebten am nächsten kommen. Aus einer so entstandenen Erzählung, bspw. im Rahmen einer Fragestellung zum Lebensstil von Patientinnen und Patienten, können die Motive des Handelns rekonstruiert werden, die ihrerseits Rückschlüsse auf eine bestimmte Perspektive in diesem Kontext zulassen.

Eine Erzählung oder eine Geschichte dient auch im Alltag dazu persönliche Erfahrungen mitzuteilen – sie ist somit Bestandteil der alltäglichen Kommunikation. Jeder Mensch verfügt folglich über die Kompetenz, einer anderen Person verständlich und nachvollziehbar zu erzählen, was er innerhalb eines bestimmten zeitlichen Rahmens erlebt hat. Das narrative Interview als Methode der Datenerhebung macht sich diese Fähigkeit zunutze. In der konkreten Interviewsituation gilt es nun, diese Kompetenzen des alltäglichen Erzählens aufseiten der interviewten Person möglichst ungetrübt und unbeeinflusst zu fördern. Dabei entfaltet sich eine Homologie zwischen Erzählung und identitäts- und handlungsrelevanten Erfahrungen. Theoretisch wird somit davon ausgegangen, dass über die Erzählung vergangener Erfahrungen die konkrete Handlungssituation im Individuum wiederbelebt und dadurch stärker repräsentiert wird, als wenn aus der heutigen Perspektive über eine vergangene Situation berichtet und diese argumentativ bewertet wird. In einer Erzählung sind subjektive Deutungsmuster latent oder manifest enthalten und können mit der entsprechenden Auswertungsmethode (bspw. dokumentarische Methode vgl. u. a. Bohnsack [5], Nohl [6], biografische Fallrekonstruktion vgl. u. a. Rosenthal/Fischer-Rosenthal [7], Grounded Theory vgl. u. a. Strauss [8], Strauss/Corbin [9]) rekonstruiert werden.

Merkmale narrativer Interviewführung

Obwohl das narrative Interview Elemente der Alltagskommunikation aufgreift, handelt es sich dabei um eine künstliche Gesprächssituation, bei der bestimmte Techniken der Gesprächsführung beachtet werden müssen und die sich an verschiedenen Merkmalen orientiert:

  • Das zentrale Merkmal des narrativen Interviews ist die aktive Rolle der interviewten Person im Gesprächsverlauf, wodurch diese die Möglichkeit erhält, ihre/seine Perspektive frei entfalten zu können. Die Erzählungen orientieren sich sowohl an der erinnerten Ereignisabfolge als auch am Hörinteresse der Forscherin/des Forschers. Aufgabe der Interviewerin/des Interviewers ist es dementsprechend, der befragten Person genügend Raum zum Erzählen zu geben und zum Fortfahren zu ermutigen, bspw. durch die Fragen „An was können Sie sich sonst noch erinnern?“ oder „Wie ging es dann weiter?“. Die Rolle der Interviewerin/des Interviewers ist somit die des aufmerksamen und aktiven Zuhörers. Das Ausfüllen einer aktiven Zuhörerrolle ist unabdingbar für eine äquivalente Erzählerrolle der Interviewpartnerin/des Interviewpartners [9]. Aktives Zuhören bedeutet hier, dass während des Interviews durch unterstützende (non-)verbale Gesten (Nicken, „mhm“) Vertrauen geschaffen und ein würdigender Umgang mit der erzählten Geschichte vermittelt wird.
  • Es ist unerlässlich, dass die Forscherin/der Forscher sich als Zuhörer/in vom roten Faden bzw. der zeitlichen Abfolge der berichteten Ereignisse durch die befragte Person leiten lässt. Das bedeutet, dass der Gesprächsverlauf sich an den Äußerungen der/des Interviewten orientiert und nicht am (wissenschaftlich-theoretischen oder persönlichen) Interesse der Interviewerin/des Interviewers. Dazu muss sich die Interviewerin/der Interviewer auf die Themenabfolge und temporale oder thematische Sprünge der/des Interviewten einlassen, auch wenn es ihr/ihm zunächst nicht plausibel erscheint.
  • Um Erzählungen generieren zu können, müssen die Forscher/innen immer nach konkreten Situationen und Ereignissen fragen, wodurch sich die Interviewpartner/innen gedanklich in die Situation zurückversetzen können. Argumentationen und Beschreibungen nehmen dagegen eher die Sichtweise aus der heutigen (distanzierten) Perspektive ein. Des Weiteren gilt das sogenannte Trichterprinzip, d. h., es werden erst die offenen Fragen vorgetragen, bevor ganz konkrete Fragen, bspw. zu Zeitpunkten oder Orten, gestellt werden, um den Erzählfluss nicht zu beeinträchtigen bzw. zu hemmen. Das bedeutet auch, dass soziodemografische Daten (sofern sie nicht schon vor dem Interview erhoben wurden) erst am Schluss des Interviews erfragt werden.
  • Schließlich ist die Interaktion zwischen Interviewer/in und Interviewpartner/in Bestandteil des Forschungsprozesses. Dementsprechend wird in der Analyse auch darauf geachtet, inwiefern die Reaktionen und Fragen der Interviewerin/des Interviewers auf die Antwort der/des Interviewten Einfluss nehmen. Seitens der Interviewerin/des Interviewers ist daher eine fortwährende Reflexion der eigenen (non-)verbalen Gesten notwendig.

Phasen des narrativen Interviews

Ein weiterer zentraler Unterschied des narrativen Interviews zur Alltagskommunikation liegt in dem Interviewablauf, der genau eingehalten werden sollte, um eine möglichst ertragreiche und unverfälschte Datenbasis zu erhalten. Die im Folgenden vorgestellten Interviewphasen orientieren sich an dem von Fischer-Rosenthal und Rosenthal [11] dargestellten Vorgehen.

Erzählaufforderung (Eingangsfrage)

Klassischerweise startet das narrative Interview mit einer Erzählaufforderung. Diese sollte möglichst thematisch und zeitlich offen sein (siehe Tabelle 1). Obwohl die konsequenteste Form der offenen Erzählaufforderung die nach der gesamten Lebensgeschichte ist (da sie jegliche Eingrenzungen vermeidet), können auch thematische oder zeitliche Eingrenzungen gesetzt werden, die vorzugsweise vor der eigentlich interessierenden Lebensphase beginnen sollten. Wenn uns also das Leben mit einer Erkrankung (bspw. Diabetes) interessiert, dann können wir darum bitten, die Lebensgeschichte mit dem Hinweis auf das Interesse der Erkrankung zu erzählen (thematisch begrenzt) oder mit der Erzählung in der Zeit anzusetzen, in der die Erkrankung noch nicht bekannt war – also vor der Diagnosestellung (thematisch und zeitlich begrenzt). Dabei wird möglichst kein Endpunkt vorgeben. Die Interviewten werden gebeten, alle für sie als wichtig erachteten Ereignisse ihres Erlebens innerhalb des vorgegebenen zeitlichen oder thematischen Rahmens von Anfang bis Ende zu erzählen.

Haupterzählung

Die autonom gestaltete Haupterzählung bzw. Stegreiferzählung wird von der interviewten Person frei entfaltet und enthält Erzählungen über ganz konkrete Erlebnisse oder Ereignisse (bspw. über einen Ausflug mit Freunden), aber auch Beschreibungen oder Argumentationen über Routinehandlungen (wie das Autofahren) (siehe Tabelle 2). Es könnte zum Beispiel zusätzlich argumentiert werden, warum eine Tätigkeit (Autofahren) gemocht wird oder nicht. Aber auch in eine solche Episode können Erzählungen eingebunden werden (bspw. über ein Erlebnis in der ersten Fahrstunde). Ob nun Erzählungen, Argumentationen oder knappe Berichte erfolgen, oberstes Ziel sollte es während der Gestaltung der Stegreiferzählung sein, diese nicht mit Interventionen (Nachfragen, abbrechende Gesten o. ä.) zu unterbrechen. Die/der Interviewte soll die Auswahl und Darstellungsform von Erlebnissen selbst treffen können, denn dies ist in der Analyse bspw. dann von Bedeutung, wenn wir danach fragen, welche im Zusammenhang mit dem Forschungsgegenstand interessierenden Themen angesprochen oder eben nicht angesprochen wurden, wodurch wir zugleich einen Hinweis auf die jeweilige subjektive Relevanzsetzung erhalten. In diesem Sinne handelt es sich bei der Stegreiferzählung um eine Erzählung, die aus einem besonderen Anlass heraus (interessierender Forschungsgegenstand) spontan entwickelt wird. Es wird davon ausgegangen, dass Personen, die frei erzählen, hierbei auch Gedanken und Erinnerungen wiedergeben, die sie auf direkte Fragen nicht unbedingt preisgegeben hätten. Im Zusammenhang mit der Selbstläufigkeit des Erzählvorgangs hat Schütze verschiedene Zugzwänge des Erzählens [10] beschrieben, die auch in der Alltagskommunikation vorkommen:

  • Gestaltschließungszwang (Erzählungen und ihre Teilerzählungen werden in einer geschlossenen Gestalt präsentiert, d. h. von Anfang bis Ende),
  • Detaillierungszwang (Erlebnisse oder Ereignisse werden zum Zwecke der Plausibilisierung in ihren Gesamtzusammenhang bzw. ihren Kontext eingebettet) und
  • Kondensierungszwang (aufgrund einer begrenzten Erzählzeit wird die Erzählung auf das Wesentliche verdichtet, kondensiert).

Erzählgenerierendes Nachfragen

Während des Zuhörens macht sich die/der Interviewer/in stichpunktartige Notizen, die in der Sprache der/des Interviewten gehalten werden. Diese bilden den Leitfaden für die späteren erzählgenerierenden Nachfragen (siehe Tabelle 3) in der Reihenfolge der Darstellungen der interviewten Person (es wird also mit dem ersten Stichwort begonnen). Die sogenannten internen Nachfragen (anhand der notierten Stichpunkte) setzen dann ein, wenn die/der Interviewte eindeutig signalisiert hat, dass ihre/seine Erzählung beendet ist. Dies erfolgt durch das Setzen einer sogenannten Koda, bspw. „So, das war’s erst mal, was mir dazu einfällt!“. Interne Nachfragen ermöglichen es, auch bei Haupterzählungen, die zunächst in einem knappen Berichtsstil erfolgten, weitere Narrationen anzuregen und so unklar gebliebene Berichte oder nur angedeutete Erlebnisse erneut anzusprechen. Die im Anschluss folgenden externen Nachfragen beziehen sich auf Bereiche oder Themen, die vorab für das Forschungsinteresse als wichtig ausgearbeitet und vom Interviewten selbst noch nicht angesprochen wurden. Für beide Nachfrageteile gilt, dass möglichst keine sogenannten W-Fragen benutzen werden. Diese sind zu vermeiden, da auf die Frage eines „warum“ oder „weshalb“ in der Regel eine Antwort in Form einer (reflektierten) Argumentationen oder Beschreibung erfolgt. Ausnahmen bei den W-Fragen bilden die Fragen „Wie ging es weiter?“ oder „Was geschah dann?“. Da Erzählungen am ehesten der tatsächlich erlebten Situation entsprechen, gilt auch in der Nachfragephase das Ziel, Erzählungen anzuregen und aktiv zuzuhören.

Interviewabschluss

Der Interviewabschluss erfolgt übereinstimmend. Zuvor kann die/der Interviewte noch einmal gebeten werden, zu überlegen, ob sie/er noch etwas vergessen hat oder ob es noch etwas gibt, was sie/er erzählen möchte. Verneint die/der Interviewpartner/in dies, ist das Interview beendet. Um die Interviewsituation, in der unter Umständen auch heikle und sehr private Themen angesprochen werden, zu einem guten Abschluss zu bringen, wird im Allgemeinen am Ende des Interviews danach gefragt, wie dieses von der interviewten Person erlebt wurde und wie es ihr/ihm jetzt damit geht.

Praktisches Vorgehen und mögliche Probleme

Klare Absprachen bei der Kontaktaufnahme

Bei der Kontaktaufnahme ist vor allem wichtig, das Setting des Interviews zu klären (keine zeitliche Begrenzung, Audioaufnahme, Pseudonymisierung), eine kurze Information über das Forschungsthema zu geben (zu viel Information würde beeinflussend wirken) und über die Besonderheit der Interviewführung zu informieren. Voraussetzung ist, dass die/der Informant/in persönliche Erfahrungen im Bereich des Forschungsgegenstands gemacht hat und diese mitteilen möchte.

Interviewen als forscherische Herausforderung

Gerade weil das narrative Interview sich mit dem Erzählen und dem Zuhören alltäglicher Fähigkeiten bedient, kann bei unerfahrenen Forscherinnen und Forschern der Eindruck entstehen, dass das Durchführen von qualitativen Interviews relativ unproblematisch ist; es erfordert jedoch eine gute Vorbereitung und Übung in der Technik der narrativen Gesprächsführung. Vor allem die offene Herangehensweise und der ungewisse Verlauf des Interviews können zu Unsicherheiten führen. Eine besondere Anforderung besteht darin, die Interviewsituation als ein „normales“ Alltagsgespräch erscheinen zu lassen, in der eine vertraute Atmosphäre besteht, welche die/den Interviewpartner/in animiert, möglichst viel und Persönliches zu erzählen. Gleichzeitig ist es notwendig, das eigene (forscherische) Agieren fortwährend zu kontrollieren; spontane Reaktionen sollten möglichst vermieden und das eigene Wissen zurückgehalten werden. So muss bereits während der Datenerhebung das „sich fremd machen“ hinsichtlich des Forschungsthemas praktiziert werden [12], um einerseits den Interviewverlauf nicht zu beeinflussen und um andererseits auch solche Äußerungen in der Nachfragephase zu klären, die scheinbar verstanden wurden [13]. Nur so können wir die Perspektive der interviewten Person nachvollziehen. Über das Einüben der Interviewtechnik hinaus, sollte die/der Interviewer/in Teil der Forschungsgruppe und mit dem Projekt sowie dem Forschungsgegenstand vertraut sein.

Im Nachfrageteil werden die von der interviewten Person verwendeten Termini benutzt ohne dessen Sprache zu imitieren. Es sollen also bestimmte Begriffe aufgegriffen aber zum Beispiel keine Milieusprache benutzt werden. Grundsätzlich ist es wichtig, sich an das alltagssprachliche Niveau des Gegenübers anzupassen, um keine Distanz aufgrund sprachlicher Barrieren entstehen zu lassen.

Mögliche Probleme

Mögliche Probleme der Interviewführung:

  • 1) Das Stellen suggestiver Fragen
  • 2) Ein dominierender Kommunikationsstil und Vorabinterpretationen
  • 3) Fehlende Geduld beim Zuhören – üblicherweise wird Schweigen des Gegenübers nur schwer ausgehalten, weil es oft als peinlich empfunden wird. Hier gilt, das Pausen ausgehalten werden müssen, weil sie der/dem Interviewten die Möglichkeit geben nachzudenken und den Erzählzwang fördern.
  • 4) Das Nichtaufgreifen dargebotener Nachfragemöglichkeiten
  • 5) Die Unsicherheit und Angst vor möglichem Vergessen vorbereiteter Fragen
  • 6) Das Einnehmen eines Schonverhaltens aus Angst vor Peinlichkeit, Intimitätsverletzungen oder Persönlichkeitskrisen [13] – hier gilt, dass alles was angesprochen wurde, von der/dem Interviewer/in nachgefragt werden darf; mehr Sensibilität ist demgegenüber bei Themen gefordert, die nicht angesprochen wurden.

Diese Aspekte dürften vor allem psychotherapeutisch arbeitenden Hausärztinnen/Hausärzten als Kommunikationstechniken bereits bekannt sein. Im Kontext der narrativen Gesprächsführung sind diese besonders im Hinblick auf die (formale und inhaltliche) Qualität der Datenerhebung bedeutsam.

Emotionale Krisen

Da im narrativen Interview, das in der Regel über mehrere Stunden dauern kann, die Interviewpartner/innen oft sehr persönliche Details von sich erzählen, kann es zu emotionalen Ausbrüchen (bspw. Weinen) kommen. Hier ist es wichtig, eine Balance zwischen persönlicher Anteilnahme und professioneller (wissenschaftlicher) Distanz zu wahren.

Fazit für die Forschungspraxis

Es sollte deutlich geworden sein, dass qualitative Interviews im Allgemeinen und das narrative Interview im Besonderen sich zwar an der Alltagskommunikation orientieren, in der Umsetzung jedoch deutlich von ihr abweichen. Beim narrativen Interview handelt es sich folglich nicht um ein Gespräch im herkömmlichen Sinne, sondern um eine dezidiert ausgearbeitete Methode der Datenerhebung, die zwar bestimmten – und nicht immer einfach zu befolgenden – Regeln folgt, aber erlernbar ist.

Die narrative Gesprächsführung bietet der/dem Interviewten einen größtmöglichen Raum zur Selbstgestaltung der Präsentation ihrer/seiner Erfahrungen und zur Entwicklung ihrer/seiner Perspektive auf das zu untersuchende Thema. Je freier und ausführlicher eine Erzählung erfolgen kann, d. h. je weniger thematische Eingrenzungen und Unterbrechungen erfolgen, umso eher haben wir die Möglichkeit, umfangreiche Handlungsabläufe nachzuvollziehen und subjektive Relevanzsetzungen, Wahrnehmungsweisen und Deutungsmuster zu rekonstruieren. Die Basis dafür bildet die Hervorlockung von Erzählungen, die so nah wie möglich an den erlebten Situationen sind.

Im allgemeinmedizinischen Forschungskontext ist jedoch vor allem bei Untersuchungen der eigenen Berufsgruppe darauf zu achten, im Interview die Haltung des „Fremden“ einzunehmen – was eine große Herausforderung darstellt und eine enorme Selbstreflexion erfordert. Wenn bspw. Interviewer/in und interviewte Person über einen ärztlichen Hintergrund verfügen, werden bei gängigen sozialen Phänomenen Deutungsmuster gleichgesetzt, die es gerade beim narrativen Interview gilt, aufzubrechen und zu hinterfragen. Eine bessere Ausbildungspraxis hinsichtlich der Interviewführung und Intensivierung der Beratung und Supervision in den Forschungsprojekten kann dem entgegengesetzt werden. Aufmerksamkeit verdienen auch jene Interviewkonstellationen, bei denen ein hierarchisches Gefälle zwischen Interviewer/in und interviewter Person besteht. Dies ist bspw. der Fall, wenn in einer Untersuchung ein Patient/eine Patientin interviewt werden soll und die/der Interviewer/in Ärztin/Arzt ist. In dieser Situation könnten die Interviewpartner/innen Hemmungen haben, eine freie Erzählung zu entwickeln oder die Gelegenheit nutzen, um medizinische Probleme zu besprechen. Ähnlich ist es bei Interviews, die im Rahmen von Doktorarbeiten durchgeführt werden, wenn Interviews mit Ärztinnen/Ärzten von einer Studentin/einem Studenten geführt werden sollen. Hier kann es zu Unsicherheit seitens der Studierenden oder fehlender Erzählbereitschaft seitens der Ärztin/des Arztes kommen.

Bei Berücksichtigung des hier Vorgestellten und bei entsprechender Vorbereitung der Interviewer/innen, ist das narrative Interview eine Methode der Datenerhebung, die in Kombination mit der entsprechenden interpretativen Auswertungsmethode sehr gut geeignet ist, die Erkenntnisse innerhalb des jeweiligen Forschungsfeldes erheblich zu erweitern.

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadresse:

Gabriella Marx, M.A.

Abteilung Allgemeinmedizin

Georg-August-Universität Göttingen

Humboldtallee 38

37073 Göttingen

Tel.: 0551 / 39 92 50

E-Mail: gmarx@gwdg.de

Literatur

1. Wollny A, Marx G. Qualitative Sozialforschung – Ausgangspunkte und Ansätze für eine forschende Allgemeinmedizin. Teil 2: Qualitative Inhaltsanalyse vs. Grounded Theory. Z Allg Med 2009; 85: 467–476

2. Rosenthal G. Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung. Weinheim und München: Juventa, 2005

3. Hopf C. Qualitative Interviews – ein Überblick. In: Flick U, Kardorff E v, Steinke I (Hrsg) Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2004: 349–360

4. Loch U, Rosenthal G. Das narrative Interview. In: Schaeffer D, Müller-Mundt G (Hrsg) Qualitative Gesundheits- und Pflegeforschung. Bern: Hans Huber, 2002: 221–232

5. Bohnsack R. Rekonstruktive Sozialforschung. Opladen, Farmingthon Hill: Barbara Budrich, 2007

6. Nohl AM. Interview und dokumentarische Methode. Wiesbaden: VS Verlag, 2006

7. Rosenthal G, Fischer-Rosenthal W. Analyse narrativ-biographischer Interviews. In: Flick U, Kardorff E v, Steinke I (Hrsg) Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2004: 456–467

8. Strauss AL. Grundlagen qualitativer Sozialforschung. München: Fink, 1998

9. Strauss AL, Corbin J. Grounded Theory: Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz, 1996

10. Schütze F. Die Technik des narrativen Interviews in Interaktionsfeldstudien – dargestellt an einem Projekt zur Erforschung von kommunalen Machtstrukturen. Bielefeld: Fakultät für Soziologie, 1977

11. Fischer-Rosenthal W, Rosenthal G. Narrationsanalyse biographischer Selbstpräsentation. In: Hitzler R, Honer A (Hrsg) Sozialwissenschaftliche Hermeneutik. Eine Einführung. Opladen: Leske und Budrich, 1997: 133–164

12. Marx G, Wollny A. Qualitative Sozialforschung – Ausgangspunkte und Ansätze für eine forschende Allgemeinmedizin. Teil 1: Theorie und Grundlagen der qualitativen Forschung. Z Allg Med 2009; 85: 36–44

13. Hermanns H. Interviewen als Tätigkeit. In: Flick U, Kardorff E v, Steinke I (Hrsg) Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2004: 360–368

Abbildungen:

Tabelle 1 Konstruktionen der Erzählaufforderung.(Quelle: nach [11]

Tabelle 2 Textsorten.(Quelle: nach [11]

Tabelle 3 Erzählgenerierende Nachfragen.(Quelle: nach [11]

 

1 Abteilung Allgemeinmedizin, Universitätsmedizin Göttingen

2 Abteilung Palliativmedizin, Universitätsmedizin Göttingen

3 Institut für Allgemeinmedizin, Medizinische Fakultät der Universität Rostock

Peer reviewed article eingereicht: 12.03.2010, akzeptiert: 23.03.2010

DOI 10.3238/zfa.2010.0329


(Stand: 14.09.2010)

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