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Neu gegründete Österreichische Cochrane Zweigstelle (ÖCZ)

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Simon Ledinek, Kylie Thaler

Schlüsselwörter: Cochrane Cochrane Collaboration Österreich Österreichische Cochrane Zweigstelle ÖCZ

Zusammenfassung: Man schätzt, dass es derzeit ca. 400.000 bis 1.000.000 klinische Studien zu medizinischen Behandlungsformen gibt. Durch die rasante Entwicklung in der medizinischen Forschung kommen jährlich zahlreiche neue klinische Studien hinzu, die teilweise den zuvor publizierten Untersuchungen widersprechen. Wie können ÄrztInnen mit dieser Informationsflut und den teilweise widersprüchlichen Ergebnissen der publizierten klinischen Studien umgehen? Die Cochrane Collaboration ist eine internationale, gemeinnützige Organisation mit dem Ziel, unabhängige medizinische Informationen und wissenschaftliche Belege aus bereits publizierten klinischen Studien allgemein verfügbar zu machen. Ziel ist es, allen Akteuren im Gesundheitswesen (z.B. ÄrztInnen, medizinischem Fachpersonal, PatientInnen) die tägliche Entscheidungsfindung zu erleichtern. Die Cochrane Collaboration wurde 1993 gegründet. Unter dem Motto „Das international beste verfügbare Wissen für die Gesundheitsversorgung“ hat sich die Cochrane Collaboration mittlerweile zu einem weltweiten Netzwerk mit über 25.000 ÄrztInnen und WissenschaftlerInnen entwickelt. Seit Dezember 2010 ist die Cochrane Collaboration nun auch in Österreich vertreten.

Steigende Informationsflut im medizinischen Bereich

Man schätzt, dass es derzeit ca. 400.000 bis 1.000.000 klinische Studien zu medizinischen Behandlungsformen gibt. Durch die rasante Entwicklung in der medizinischen Forschung kommen jährlich zahlreiche neue klinische Studien hinzu, deren Ergebnisse teilweise im Widerspruch zu jenen in zuvor publizierten klinischen Studien stehen. Wie können ÄrztInnen mit dieser Informationsflut umgehen? Wie können ÄrztInnen mit den teilweise widersprüchlichen Ergebnissen der publizierten klinischen Studien umgehen?

Die Cochrane Collaboration ist eine internationale, gemeinnützige Organisation mit dem Ziel, unabhängige, aktuelle medizinische Informationen und Evidenz zu medizinischen und therapeutischen Fragestellungen in zusammengefasster Form auf Basis bereits publizierter klinischer Studien allgemein verfügbar zu machen. Ziel ist es, allen Akteuren im Gesundheitswesen (z.B. ÄrztInnen, medizinischem Fachpersonal, PatientInnen) die tägliche Entscheidungsfindung hinsichtlich medizinischer und therapeutischer Fragestellungen zu erleichtern.

Unter dem Motto „Das international beste verfügbare Wissen für die Gesundheitsversorgung“ vernetzt die Cochrane Collaboration seit 1970 weltweit mehr als 25.000 ÄrztInnen und WissenschaftlerInnen. Seit Dezember 2010 ist die Cochrane Collaboration nun auch in Österreich vertreten.

Ergebnisse klinischer Studien für ÄrztInnen kaum anwendbar

In den siebziger Jahren kritisierte Archibald Cochrane, ein schottischer Epidemiologe, dass die vorhandenen Erkenntnisse aus klinischen Studien kaum oder nur schwer zugänglich sind, nicht nach Themen geordnet auffindbar und damit kaum verwertbar für die Gesundheitsversorgung sind. Tatsächlich hatte man in klinischen Studien bereits die Nicht-Wirksamkeit oder gar den Schaden von Medikamenten nachgewiesen, die dennoch weiterhin in großem Umfang verschrieben wurden.

Archibald Cochrane und andere Wissenschaftler führten diesen Missstand auf mehrere Ursachen zurück: die verbesserungsbedürftigen Methoden in der Durchführung und Veröffentlichung klinischer Studien einerseits sowie die Probleme, diese Veröffentlichungen aufzufinden andererseits.

Auch die für den praktizierenden Mediziner aus Zeitgründen nicht mehr zu bewältigende Informationsflut, die aufgrund der großen und stetig ansteigenden Zahl publizierter klinischer Studien entsteht, wurde als Problem gesehen. Dabei wurde auch kritisiert, dass durch die stetig steigende Zahl publizierter klinischer Studien und deren teilweise widersprüchliche Ergebnisse es für Mediziner oft kaum nachvollziehbar ist, welche klinischen Studien nun korrekte Ergebnisse liefern.

Die Gründung der Cochrane Collaboration

Um diesen Zustand zu ändern, schlossen sich 1992 ÄrztInnen, WissenschaftlerInnen und andere im Gesundheitswesen tätige Menschen aus aller Welt zu einem Netzwerk zusammen. Sie benannten es nach Archibald Cochrane: The Cochrane Collaboration. Ihr Ziel war es, die Ergebnisse, die für die Medizin aus der Forschung in Form von klinischen Studien gewonnen werden, zu ordnen, zusammenzufassen, auszuwerten und die Ergebnisse in einer leicht zugänglichen Form allen Nutzern von Gesundheitsinformationen – wie beispielsweise ÄrztInnen, medizinischem Fachpersonal sowie PatientInnen – zur Verfügung zu stellen.

Cochrane Reviews

Seit 1992 erarbeiten die mittlerweile 25.000 Mitarbeiter der Cochrane Collaboration sog. systematische Übersichtsarbeiten (Cochrane Reviews), die das Hauptprodukt der Cochrane Collaboration darstellen. In systematischen Übersichtsarbeiten werden möglichst alle klinischen Studien zu einem Thema zusammengefasst. Die Wirksamkeit einer medizinischen Behandlungsform soll so auf einer breiten Datenbasis eingeschätzt und beurteilt werden können.

Diese Cochrane Reviews werden in einer elektronischen Bibliothek – der „Cochrane Library“ – im Internet unter www.thecochranelibrary.com veröffentlicht. Mittlerweile sind 4.500 solcher Texte entstanden, weitere 2.000 sind angemeldet, d.h. befinden sich im Bearbeitungsstadium. Die Cochrane Library ist grundsätzlich kostenpflichtig, jedoch gibt es Kurzzusammenfassungen für professionelle Nutzer mit medizinischem Hintergrund (sog. „Abstracts“) sowie für Laien (sog. „Plain Language Summaries“), die kostenlos einsehbar sind.

WissenschaftlerInnen, die einen Cochrane Review erstellen möchten, wenden sich an eine der insgesamt 52 sog. „Cochrane Review Groups“, die jeweils ein bestimmtes medizinisches Fachgebiet verwalten. In Deutschland beispielsweise befinden sich die „Cochrane Haematological Malignancies Group“ und die „Metabolic and Endocrine Disorders Group“. Die „Cochrane Review Groups“ leiten, verwalten und überwachen die Erstellung der Cochrane Reviews und sorgen dafür, dass nur qualitativ hochwertige Cochrane Reviews erstellt, freigegeben und in der Cochrane Library veröffentlicht werden.

Die Autoren von Cochrane Reviews kommen in der Regel aus unterschiedlichen Ländern und Fachrichtungen. Üblicherweise werden Cochrane Reviews von multidisziplinären Teams verfasst, sodass beispielsweise klinische Experten, Methodiker der klinischen Epidemiologie, Recherche-Spezialisten und gegebenenfalls Statistiker gemeinsam an einem Cochrane Review arbeiten.

Aufgabe der Zentren und Zweigstellen

Die Cochrane Collaboration ist strukturell weltweit in Zentren und Zweigstellen organisiert. Zweigstellen (Filialen) stellen jeweils eine Subinstitution des entsprechenden Zentrums dar, dem die Zweigstelle organisatorisch zugeordnet ist. Zentren können, müssen jedoch keine untergeordneten Zweigstellen aufweisen.

Zentrale Aufgabe der Zentren sowie der Zweigstellen ist die Unterstützung der MitarbeiterInnen der Cochrane Collaboration, die im jeweilig zuständigen geografischen und sprachlichen Gebiet angesiedelt sind. Sie kümmern sich um den Auf- bzw. Ausbau der Infrastruktur (einschließlich der Etablierung von Fortbildungen und Kommunikationsmöglichkeiten), die den Aktiven im Einzugsbereich die Arbeit in der Cochrane Collaboration ermöglichen sollen. Eine weitere wesentliche Aufgabe ist die Bekanntmachung der Cochrane Collaboration und ihrer Bedeutung in der Öffentlichkeit. Damit soll erreicht werden, den Transfer von Ergebnissen der klinischen Forschung in Form von klinischen Studien durch die erstellten Cochrane Reviews in die Gesundheitsversorgung und die Patienteninformation zu verbessern.

Finanzierung

Die Cochrane Collaboration ist in England als gemeinnützige Einrichtung registriert und eingetragen. Der Gewinn aus der Cochrane Library wird für die Unterhaltung des zentralen Sekretariats, für Reisekosten des Steuerungs-Gremiums und der Patientenvertreter sowie für zentrale Projekte verwendet, die für eine professionelle Arbeit nötig sind (z.B. Entwicklung der Websites für die Cochrane Review Groups, Zentren und Zweigstellen). Zentren, Zweigstellen sowie Cochrane Review Groups müssen sich um eigene Finanzierung bemühen, die nicht aus kommerziellen Quellen stammen darf. Dadurch werden die Neutralität der Cochrane Collaboration sowie die Vermeidung von Interessenkonflikten gewährleistet.

Die Gründung der Österreichischen Cochrane Zweigstelle

Österreich war bis vor kurzem eines der wenigen westlichen Länder, in denen die Cochrane Collaboration noch nicht vertreten war. Um Evidenzbasierte Medizin und wissenschaftlich fundierte Entscheidungen im österreichischen Gesundheitssystem zu stärken, hat das Department für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie im Dezember 2010 die erste und einzige Österreichische Cochrane Zweigstelle (ÖCZ) an der Donau-Universität Krems etabliert. Die Eröffnung der Österreichischen Cochrane Zweigstelle ist eine grundlegende Bereicherung für das österreichische Gesundheitssystem.

Die Österreichische Cochrane Zweigstelle wurde unter dem Titel „Optimale Entscheidungen brauchen Wissen“ mit hochkarätigen, internationalen Vortragenden eröffnet:

  • Sir Iain Chalmers, Editor, James Lind Library: The James Lind Library – explaining the rationale for and evolution of systematic reviews
  • Univ.-Prof. Dr. Marcus Müllner, Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES):
  • Gibt es evidenzbasierte Entscheidungsfindung? Beispiele aus Österreich und der EU
  • Univ.-Prof.in Dr.in Ruth Gilbert, University College London:
  • Could a systematic review have prevented the epidemic of sudden infant death syndrome?
  • Dr. Wolfgang Gaissmaier, Max Planck Institut:
  • Warum wir verständliche Informationen brauchen
  • Dr. Gerd Antes, Universität Freiburg, Deutsches Cochrane Zentrum:
  • Evidenz ist essentiell – von der Idee zum globalen Netzwerk: Die Cochrane Collaboration

Sog. „Slidecasts“ (synchronisierte Vortragsfolien und Ton) der einzelnen Vorträge der Eröffnung können im Internet unter www.cochrane.at/multimedia angesehen werden.

Leiter der österreichischen Cochrane Zweigstelle ist Prof. Dr. Gerald Gartlehner. Die Erwartung an eine österreichische Zweigstelle ist einerseits die Förderung wissenschaftlicher Qualität in der österreichischen Gesundheitsversorgung, andererseits der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis. Ärztinnen und Ärzten soll leichter und kontinuierlicher Zugang zu gesichertem Wissen geboten werden. Durch Cochrane Reviews abgesicherte Erkenntnisse sollen auch als rationale Basis für gesundheitspolitische Entscheidungen zur Verfügung stehen.

Die Österreichische Cochrane Zweigstelle wird – als zusätzliches Angebot – im Jahr 2011 in Kooperation mit dem Department für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie (Donau-Universität Krems) mehrere Fortbildungen und Workshops zu medizinischen Themen anbieten. Detaillierte Informationen zu den angebotenen Fortbildungen und Workshops sind im Internet unter www.cochrane.at verfügbar. Die Fortbildungen und Workshops finden an der Donau-Universität Krems statt.

Das Team der Österreichischen Cochrane Zweigstelle

  • Prof. Dr. Gerald Gartlehner, MPH, Direktor der Österreichischen Cochrane Zweigstelle
  • Dr. Kylie Thaler, MPH, Stellvertretende Direktorin
  • Mag. Dipl.-Ing. Simon Ledinek, Organisationsassistent

Interessenkonflikte: Der Autor ist Mitarbeiter der Österreichischen Cochrane Zweigstelle

Korrespondenzadresse

Mag. Dipl.-Ing. Simon Ledinek

Donau-Universität Krems

Department für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie, Österreichische Cochrane Zweigstelle (ÖCZ)

Dr.-Karl-Dorrek-Straße 30

A-3500 Krems, Österreich

Tel.: +43 (0)2732 893–2918

Fax: +43 (0)2732 893–4910

E-Mail: simon.ledinek@donau-uni.ac.at

www.cochrane.at, <br/>www.donau-uni.ac.at/cochrane

Literatur

Quellen und weiterführende Informationen

1. www.cochrane.at (2011–05–25)

2. www.cochrane.de/de/ patienteninformationen (2011–05–26)

Weiterführende Informationen zur

Österreichischen Cochrane Zweigstelle:

www.cochrane.at.

Weiterführende Informationen zur

Cochrane Collaboration:

www.cochrane.org, www.cochrane.de.

Bilder zur Eröffnung der Österreichischen Cochrane Zweigstelle: auf Anfrage bei

Mag. Dipl.-Ing. Simon Ledinek

1 Department für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie, Donau-Universität Krems


(Stand: 14.09.2011)

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