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Allgemeinmedizinische Forschung – Allgemeinmedizinische Themen?

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Heinz Harald Abholz

Mich sprach einmal ein guter Bekannter, englischer Hochschullehrer für Allgemeinmedizin, wie folgt an: „Ich habe neulich Deinen COPD-Artikel gelesen – hast Du jetzt Deinen Schwerpunkt gefunden?“ Ihn gut kennend war der eigentliche Inhalt der sarkastisch bis ironisch vorgebrachten Frage deutlich. Sie hieß nämlich eigentlich: „Also auch Du hast den Pfad der spezifisch allgemeinmedizinischen Forschungsarbeit verlassen – aber das glaube ich eigentlich von Dir nicht.“

Ich hatte ihn eigentlich nicht verlassen! Und wir klagten dann beide darüber, dass in unseren Ländern die allgemeinmedizinische Forschung zur Versorgungsforschung geworden ist, die eigentlich auch jedes andere Fach, insbesondere die Methodiker aus den Sozialwissenschaften, genauso gut, wenn nicht besser machen können. Wir aber würden – so fanden wir – unsere eigenen Fragen kaum noch bearbeiten.

Was aber meinten wir mit spezifischer allgemeinmedizinischer Forschung? Eine, die die Spezifik der Arzt-Patienten-Beziehung bei kontinuierlicher Betreuung und einer umfassenden Sicht auf den Kranken in seinen medizinischen, psychischen und soziokulturellen Dimensionen im Fokus hat. Und wir meinten eine, die die aus der Person des Patienten – aber auch des Arztes – sich ergebenden Probleme der Umsetzbarkeit klinischer Konzepte zum Untersuchungsgegenstand hat. Letztere bezeichnen wir als Allgemeinmedizinische Versorgungsforschung. Nicht gemeint war das, was in der angesprochenen Publikation Thema war, die Bestimmung einer Prävalenz und der (zu niedrigen) Erkennungsrate der COPD.

Schaut man sich die Forschungsaktivität deutscher Hochschulabteilungen an – einen Überblick gibt die Arbeit von Großmann et al. in diesem Heft –, so sieht und erahnt man, dass sehr viel Versorgungsforschung, wahrscheinlich deutlich weniger Allgemeinmedizinische Versorgungsforschung und sehr wenig genuine allgemeinmedizinische Forschung betrieben wird. Eine solche Analyse lässt jedoch nicht sehen, in welchen Studien/Publikationen wirklich der Kern spezifischer allgemeinmedizinischer Forschungsfragen angegangen wurde. Sowohl die leichte Zuordenbarkeit zu Krankheitsbildern /Indikationsbereichen als auch die Beispiele konkreter Publikationen in den Tabellen lassen aber ahnen, dass das Fach seine Themen zu verlieren scheint.

Ein Problem der deutschen Allgemeinmedizin wird daher sein, ausreichend viele Allgemeinmediziner in ihren Abteilungen zu haben, die die genuinen allgemeinmedizinischen Themen – und bei der Versorgungsforschung die typischen allgemeinmedizinischen Forschungsfragen – an das jeweilige Thema immer wieder einbringen. Eine engere Verzahnung zwischen dem Forschungsbereich einer Abteilung und deren Lehrbereich mit seinen Lehrärzten/Lehrbeauftragten ist hier sicherlich hilfreich, wenn auch schwierig zu erhalten.

Aber es geht auch darum, die Forschungsförderer davon zu überzeugen, dass wir ein eigenständiges Forschungsfach mit eigenständigen Fragen sind und nicht nur ein ganz gutes Forschungsfach für Versorgungsforschung.


(Stand: 18.09.2012)

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