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Publikation von Forschungsarbeiten durch die deutsche akademische Allgemeinmedizin von 2000 bis 2010

DOI: 10.3238/zfa.2012.0345-0354

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Antonius Schneider, Klaus Linde, Nadine Großmann

Schlüsselwörter: Forschungsoutput Allgemeinmedizin Deutschland

Einführung: In den vergangenen Jahrzehnten hat die akademische Institutionalisierung der Allgemeinmedizin in Deutschland große Fortschritte gemacht. In der vorliegenden Übersicht werden Zahl und Art der Publikationen von Originalarbeiten und systematischen Übersichtsarbeiten aus Instituten und Lehrbereichen für Allgemeinmedizin in Deutschland aus dem Zeitraum 2000–2010 analysiert.

Methode: Potenziell relevante Publikationen wurden über Suchen in Scopus und über die Publikationslisten von Instituten und Lehrbereichen identifiziert. Nur Originalarbeiten und systematische Übersichtsarbeiten wurden eingeschlossen. Strukturelle Merkmale, Designmerkmale und thematische Merkmale der eingeschlossenen Arbeiten wurden standardisiert erfasst.

Ergebnisse: Insgesamt wurden 794 Publikationen (722 zu Primärstudien, 72 zu systematischen Übersichtsarbeiten) eingeschlossen. Die Zahl publizierter Arbeiten stieg von 22 im Jahr 2000 auf 170 im Jahr 2010. Fast die Hälfte (49,0 %) aller Publikationen waren Querschnittsstudien, darauf folgen Kohortenstudien (11,3 %), qualitative Studien (9,8 %) und randomisierte Studien (7,6 %). Im Vergleich zu Publikationen mit nicht-allgemeinmedizinischen Erstautoren befassten sich Arbeiten, deren Erstautor an einem Institut oder Lehrbereich für Allgemeinmedizin tätig war (72,0 % aller Artikel), tendenziell häufiger mit Versorgungsforschung, berichteten häufiger qualitative Studien, sie waren seltener in englischsprachigen Zeitschriften publiziert und im Mittel in Zeitschriften mit einem geringeren Impact-Faktor. Acht Institute haben jeweils mehr als 50 Originalarbeiten und systematische Übersichtsarbeiten publiziert.

Schlussfolgerung: Im Jahre 2010 war die Zahl von Forschungspublikationen durch die deutsche akademische Allgemeinmedizin etwa achtmal so hoch wie im Jahr 2000 und den beiden folgenden Jahren. Um weiter zu Ländern wie Großbritannien und Holland, die allgemeinmedizinische Forschung in großem Umfang finanzieren, aufschließen zu können, wären weitere fachspezifische Fördermaßnahmen wünschenswert.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die akademische Institutionalisierung der Allgemeinmedizin in Deutschland große Fortschritte gemacht. 1976 wurde an der Medizinischen Hochschule Hannover ein erster Lehrstuhl eingerichtet. In den folgenden Jahren erfolgten erste Habilitationen und im Jahre 1996 waren neun Allgemeinmediziner habilitiert [1]. Entsprechend der in den 90er Jahren zunehmenden Evidenz, dass eine gute hausärztliche Primärversorgung das Rückgrat der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung darstellt [2, 3], hatte der Wissenschaftsrat 1999 vorgeschlagen, dass mehr Lehrstühle für Allgemeinmedizin an den deutschen Universitäten eingerichtet werden müssen. Diese Forderung wurde 2000 auch vom Sachverständigenrat für die Beobachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen unterstützt, damit durch entsprechende Forschungstätigkeit das Versorgungsgeschehen in Deutschland besser verstanden werden kann und Studierende gezielter an den hausärztlichen Beruf herangeführt werden. In der Konsequenz kam es von 2002 bis 2012 zu mehrfachen Ausschreibungen, mit denen das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) den Aufbau und die Weiterentwicklung universitärer Strukturen für Allgemeinmedizin mit insgesamt 13,2 Millionen Euro förderte. Im Januar 2012 gab es an 25 von 36 deutschen Fakultäten für Medizin Institute oder Abteilungen für Allgemeinmedizin und insgesamt 19 Lehrstühle. Mit diesen infrastrukturellen Fortschritten stieg auch die Forschungsaktivität deutlich an. Ein wichtiger Indikator für diese Aktivität ist die Zahl und Qualität der publizierten Forschungsarbeiten [4].

Mithilfe der Datenbank Scopus (http://info.scopus.com/) hat D. Borgers wiederholt den Publikationsoutput der Institute und Lehrbereiche für Allgemeinmedizin an deutschen Universitäten für den Zeitraum von 1998 bis 2009 analysiert [5–7]. Diese Datenbank wurde genutzt, weil sie sowohl europazentrierter als auch sozialwissenschaftlich zentrierter als die us-amerikanische Medline ist. Insgesamt wurden dabei von Borgers 1130 Artikel identifiziert, 683 davon waren in Scopus als Originalarbeiten klassifiziert. Die sehr informativen Analysen beruhen ausschließlich auf den in Scopus verfügbaren Informationen und Auswertungsfunktionen. In Datenbanken werden jedoch häufig Artikel als Originalarbeiten kategorisiert, die keine empirischen Forschungsarbeiten im engeren Sinne sind wie zum Beispiel Essays und allgemeine Übersichten. Außerdem ist es nicht möglich, zuverlässig zu ermitteln, welche Studiendesigns verwendet und welche Fragestellungen untersucht wurden. Um Zahl und Merkmale von Publikationen von empirischen Forschungsarbeiten aus den deutschen Instituten und Lehrbereichen für Allgemeinmedizin besser ermitteln zu können, wurde daher auf Anregung des DFG-Netzwerkes für klinische Studien in der Allgemeinmedizin und aufbauend auf den Vorarbeiten Borgers eine systematische Analyse von Volltexten für den Zeitraum von 2000 bis 2010 durchgeführt. Ziel war es, die Entwicklung der Publikationen von Originalarbeiten als Abbild der Entwicklung der universitären Allgemeinmedizin zu untersuchen. In diesem Zusammenhang sollen auch die Typologien der durchgeführten Studien und eventuelle Forschungslücken aufgezeigt werden. Einzelne Ergebnisse mit einem Fokus auf die zeitliche Entwicklung in Deutschland generell wurden bereits an anderer Stelle publiziert [8].

Methoden

Literatursuche

Veröffentlichungen von Autoren, die an einem Institut, einer Abteilung oder einem Lehrbereich für Allgemeinmedizin an einer deutschen Universität tätig oder angebunden waren, wurden a) durch Suchen in Scopus und b) über Publikationslisten der Institute, Abteilungen und Lehrbereiche identifiziert. Die Suchstrategie in Scopus erfolgte in Anlehnung an die Suchstrategie von Borgers [5–7] mit dem Algorithmus AFFIL (Allgemeinmedizin Stadt) OR AFFIL (general practice Stadt) OR AFFIL (family medicine Stadt) OR AFFIL (primary care Stadt). Bei Städtenamen, die einen Umlaut enthielten, wurde zusätzlich noch eine Suche mit ue und oe durchgeführt. Es erfolgte keine Suche nach einzelnen Personen. Alle auf diese Weise gefundenen Literaturstellen wurden in eine Endnote-Datenbank importiert. Zusätzlich wurden die Institute, Abteilungen bzw. Lehrbereiche für Allgemeinmedizin an den einzelnen Universitäten angeschrieben und um Publikationslisten gebeten bzw. angefragt, inwieweit die auf der Website der jeweiligen Einrichtung verfügbare Liste vollständig sei.

Selektion

Gefundene Veröffentlichungen wurden in die weitere Analyse eingeschlossen, wenn sie 1) zwischen Januar 2000 und Dezember 2010 publiziert waren, 2) eigene empirische Forschungsdaten (Primärstudien) oder systematische Reviews (Sekundärstudien) mit Beschreibung von Methoden und Ergebnissen berichteten oder Studienprotokolle für derartige Primär- und Sekundärstudien darstellten und 3) mindestens einer der Autoren an einem Institut, einer Abteilung oder einem Lehrbereich für Allgemeinmedizin an einer deutschen Universität angebunden war. Die Erstautorin (Doktorandin) screente Titel und (soweit verfügbar) Abstracts aller Suchtreffer aus Scopus und schloss alle Publikationen aus, die eindeutig nicht die Einschlusskriterien erfüllten (z.B. Editorials, Kommentare, Briefe). Die Volltexte aller übrigen Veröffentlichungen wurden besorgt. Nach Abschluss der elektronischen Suche im Frühjahr 2011 wurden die Publikationslisten der Hochschul-Einrichtungen nach zusätzlichen potenziell relevanten Arbeiten durchgesehen. Diese wurden ebenfalls als Volltext besorgt und manuell in die Endnote-Datenbank eingegeben. Die Volltexte wurden dann wiederum von der Erstautorin auf die Erfüllung der Einschlusskriterien – ggf. unter Hinzuziehung eines weiteren Autors – geprüft.

Datenextraktion

Zusätzlich zu den in Endnote gespeicherten bibliografischen Informationen dokumentierte die Erstautorin mit einem vorgetesteten Formular folgende Informationen aus den Volltexten: Sprache; Design; Forschungsbereich; Studienthema (als Freitext und in Kategorien) und Krankheitsbild (als Freitext und nach ICPC und ICD-10); Zahl der Autoren; Autoren, die assoziiert mit einer allgemeinmedizinischen Einrichtung waren; ob Erst- und Letztautoren an einer entsprechen Einrichtung angebunden waren; ob ein Biometriker, Autoren aus anderen Abteilungen oder aus dem Ausland eingebunden waren. Ein zweiter Reviewer wurde im Fall von Extraktionsproblemen hinzugezogen. Für jede Zeitschrift, für die mindestens eine Publikation eingeschlossen war, wurde der Impact-Faktor 2010 aus Thomson Reuters’ ISI Journal Citation Reports dokumentiert.

Kategorisierung

Das Design der eingeschlossenen Forschungspublikationen wurde nach dem von Stöcker [9] bzw. von Kruschinski et al. [10] vorgeschlagenen Schema klassifiziert. Auf der ersten Stufe wurden Primärstudien (eigene empirische Originaldaten) und systematische Reviews getrennt sowie entschieden, ob es sich um abgeschlossene Arbeiten oder Protokolle hierzu handelte. Primärstudien (einschließlich der Protokollpublikationen) wurden dann in bis zu drei weiteren Stufen kategorisiert. In der Stufe 2 wurden quantitative, qualitative, gemischt qualitative und quantitative (mixed methods) Studien und empirisch-methodische Arbeiten (z.B. Fragebogenentwicklung oder -validierung) unterschieden. Auf Stufe 3 erfolgte eine weitere Aufteilung der quantitativen und Mixed-methods-Studien in Interventionsstudien, diagnostische Studien, Beobachtungsstudien und sonstige Studien. In Stufe 4 wurden bei Interventionsstudien randomisierte und nicht-randomisierte Untersuchungen unterschieden und die Beobachtungsstudien in Querschnitts-, Kohorten- und Fall-Kontrollstudien aufgeteilt.

Analysen

Diskrete Merkmale werden im Folgenden als absolute Zahlen und Prozentwerte berichtet, quantitative Merkmale als Mittelwerte, Mediane und Bereiche. Um zu untersuchen in welchem Ausmaß sich Publikationen mit allgemeinmedizinischen und anderen Erstautoren unterscheiden, wurden je nach Skalenniveau und Merkmalsausprägungen Fisher’s exakter Test, der Chi²-Test und der Mann-Whitney U-Test verwendet. Für diese rein explorativen Analysen wurden p-Werte kleiner 0,05 als signifikant interpretiert. Für multiples Testen wurde nicht adjustiert. Soweit möglich wurden aus den bibliografischen Analysen von Borgers [5–7] Vergleichszahlen extrahiert und den eigenen Daten beschreibend gegenüber gestellt.

Ergebnisse

Durch die Literatursuche wurden insgesamt 1661 Publikationen identifiziert. Davon konnten 722 bereits durch die Sichtung von Titeln und Abstracts ausgeschlossen werden, 939 mussten als Volltext besorgt werden. 794 erfüllten die Einschlusskriterien. 659 (83,0 %) Artikel waren durch die Scopussuche identifiziert worden, 135 (17,0 %) durch das Screening von Publikationslisten der Institute und Lehrbereiche. 46 dieser 135 Artikel waren tatsächlich nicht oder fehlerhaft in Scopus gelistet, bei 49 war das Affiliation-Feld unvollständig und bei 4 Artikeln blieb es unklar, warum die elektronische Suche sie nicht identifiziert hatte.

Tabelle 1 zeigt, in welchen Zeitschriften mindestens 5 Forschungsartikel publiziert wurden. Das wichtigste Publikationsorgan ist mit fast einem Fünftel (19,1 %) aller eingeschlossenen Forschungsarbeiten die Zeitschrift für Allgemeinmedizin. Mit deutlichem Abstand folgen auf den Plätzen zwei und drei die Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen (6,0 %) und Gesundheitswesen (3,7 %). In der Folge finden sich auch zahlreiche englischsprachige Zeitschriften – mit aber deutlich geringerer Häufigkeit der Publikationen.

Vergleicht man die Zahl von Forschungspublikationen mit der Gesamtzahl von Publikationen in den entsprechenden Analysen von Borgers ([5–7], letzte Spalte in Tabelle 1), so ergeben sich zum Teil deutliche Unterschiede, d.h. viele der dort berücksichtigten Artikel berichteten vermutlich keine empirischen Forschungsergebnisse. Besonders auffällig ist die Diskrepanz für die MMW Fortschritte der Medizin: Borgers zählt zwischen 1998 und 2009 insgesamt 132 Publikationen in dieser Zeitschrift [1–3], in unsere Analyse sind für den Zeitraum 2000 bis 2010 nur 3 Artikel eingeschlossen worden. Bei den von uns ausgeschlossenen Veröffentlichungen handelte es sich praktisch ausnahmslos um Fortbildungsartikel.

722 (90,9 %) der von uns eingeschlossenen Artikel berichteten Primärstudien bzw. (in 26 Fällen) Protokolle für Primärstudien, 72 Artikel (9,1 %) systematische Reviews (davon 2 Protokolle; siehe Abbildung 1). Mit großem Abstand am häufigsten (389 bzw. 49,0 % aller Artikel) wurden Querschnittsstudien berichtet. Darauf folgen Kohortenstudien (90, 11,3 %), qualitative Studien (78, 9,8 %) und randomisierte Studien (60, 7,6 %). Die Zahl der Forschungspublikationen pro Jahr stieg zwischen 2000 (22 Artikel) und 2010 (170 Artikel) massiv an, die prozentuale Verwendung einzelner Studiendesigns blieb über die Zeit jedoch relativ stabil (Abbildung 2). 393 (49,3 %) Publikationen bezogen sich auf ein klar spezifizierbares Krankheitsbild (Tabelle 2). 90 (22,9 %) aller Arbeiten mit einem Krankheits-Schwerpunkt) ließen sich dem ICPC-Überkapitel „psychologisch“ zuordnen, 85 (21,6%) „Herz-Kreislauf“ und 64 (16,3%) dem Bereich „musculoskeletal“.

Als spezifische Einzelkrankheiten wurden Diabetes mellitus Typ 2 (39 Artikel), Demenz (33) und Herzinsuffizienz (31) besonders häufig untersucht. Insgesamt 314 (39,5 %) Arbeiten wurden dem Bereich Versorgungsforschung zugeordnet, 216 (27,2 %) dem Bereich klinische Forschung, 59 (7,4 %) untersuchten Sichtweisen von Patienten, 57 (7,2 %) methodische Themen, 53 (6,7 %) Lehre und 95 (12,0 %) verschiedene sonstige Themen (Tabelle 3, letzte Spalte).

Bei 572 (72,0 %) Publikationen war der Erstautor an einem Institut oder Lehrbereich für Allgemeinmedizin tätig, bei 222 (28,0 %) dagegen nicht. Tabelle 3 gibt einen Überblick, inwiefern sich Artikel dementsprechend unterschieden. Arbeiten, deren Erstautor an einem Institut oder Lehrbereich für Allgemeinmedizin tätig war, befassten sich tendenziell häufiger mit Versorgungsforschung, berichteten häufiger qualitative Studien, hatten im Mittel eine geringere Zahl von Autoren insgesamt, aber mehr Autoren aus der Allgemeinmedizin sowie seltener Mitautoren aus Biometrie und aus dem Ausland. Sie waren seltener in englischsprachigen Zeitschriften publiziert und im Mittel in Zeitschriften mit einem geringeren Impact-Faktor.

Die Institute in Heidelberg, Göttingen und Düsseldorf haben mit 173, 120 und 90 Forschungsarbeiten am häufigsten publiziert (Tabelle 4). Weitere fünf Institute (Hamburg, Marburg, Hannover, Witten/Herdecke und Frankfurt) waren bei jeweils mehr als 50 Publikationen beteiligt. Tabelle 5 gibt Details zu den 13 Publikationen in Zeitschriften mit einem Impact-Faktor über 10 in 2010. Bei vier der Publikationen ist der Erstautor aus einer allgemeinmedizinischen Abteilung, bei fünf der Letztautor. Bei drei Publikationen kommen sowohl der Erst- wie auch der Letztautor aus einer allgemeinmedizinischen Einrichtung. Maximal die Hälfte der Arbeiten können als allgemeinmedizinische Forschung im engeren Sinne angesehen werden.

Diskussion

Die Ergebnisse unserer Analyse belegen die starke Zunahme von Veröffentlichungen zu empirischen Forschungsvorhaben durch die deutsche wissenschaftliche Allgemeinmedizin in den letzten Jahren. Fast die Hälfte aller Publikationen berichtet Querschnittsstudien, inhaltlich sind zwei Drittel aller Arbeiten den Bereichen Versorgungsforschung und klinische Forschung zuzuordnen. Die Hälfte aller Artikel sind in englischer Sprache publiziert und 60 % in einer Zeitschrift mit einem (Journal Citation Reports) Impact-Faktor. Etwa die Hälfte der universitären Einrichtungen scheint nicht über die notwendigen Kapazitäten zu verfügen, regelmäßig Forschungsarbeiten zu publizieren.

In der vorliegenden Analyse erfolgte bewusst eine Begrenzung auf empirische Forschungsarbeiten. Derartige Arbeiten sind zum einen zentraler Bestandteil von Forschung und Wissenschaft, zum anderen lassen sich Publikationen entsprechender Untersuchungen über Aufbau und Inhalt in der Regel relativ klar abgrenzen von anderen Veröffentlichungen. Dies bedeutet nicht, dass wir nicht-empirische Arbeiten für wissenschaftlich irrelevant halten. Die (Weiter-) Entwicklung und Reflexion theoretischer Konzepte ist ein mindestens ebenso relevanter Bestandteil von Wissenschaft wie empirische Forschung. Die Abgrenzung von wissenschaftlich-theoretischen Arbeiten, Stellungnahmen und Meinungsäußerungen ist jedoch häufig außerordentlich schwierig und war mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht leistbar. Wir möchten auch betonen, dass unsere Analyse nicht als wertender Leistungsvergleich missverstanden werden sollte. Die infrastrukturellen, personellen und finanziellen Voraussetzungen in den einzelnen Lehrbereichen und Abteilungen sind äußerst unterschiedlich und Forschung ist nur eine Aufgabe der universitären Allgemeinmedizin. Gleichzeitig ist unbestreitbar, dass Quantität und Qualität (oder zumindest der Impact-Faktor) von Publikationen nicht nur bei der Mittelzuteilung eine wichtige Rolle spielen, sondern auch bei der Positionierung in den Medizinischen Fakultäten.

Wir gehen davon aus, dass die relevanten Publikationen der allgemeinmedizinischen Abteilungen durch die Kombination der Suche in der Datenbank Scopus mit der Durchsicht der Literaturlisten weitgehend vollständig erfasst wurden. Nicht berücksichtigt sind in unserer Analyse dagegen Forschungsarbeiten von Allgemeinmedizinern, die mit keiner dieser Einrichtungen assoziiert sind. Für unsere Analyse wurden alle relevanten Artikel im Volltext besorgt, gelesen und standardisiert extrahiert. Aufgrund der großen Zahl und Vielfalt der eingeschlossenen Arbeiten konnte allerdings nur eine begrenzte Zahl von Details extrahiert werden. Außerdem erfolgten Selektion und Extraktion nur durch einen Reviewer. Eine Bewertung der Qualität und der praktischen Relevanz war nicht möglich. Indikatoren wie der Impact-Faktor werden zwar häufig zur Bestimmung von Zuteilungen im Rahmen der leistungsorientierten Mittelvergabe an Universitäten herangezogen, sind aber nur mit äußerster Zurückhaltung als vager Qualitätsindikator zu interpretieren [11]. In der Analyse wurde grundsätzlich der Impact-Faktor 2010 herangezogen. Dies führt dazu, dass der Impact älterer Arbeiten etwas überschätzt worden sein dürfte, da manche Zeitschriften erst in den letzten Jahren einen Impact-Faktor erhielten und dieser häufig über die Jahre auch angestiegen ist.

Bei der Interpretation der Anzahl von Studien ist auch zu berücksichtigen, dass vor allem bei größeren Projekten unterschiedliche Aspekte häufig in getrennten Publikationen berichtet werden (z.B. Publikationen zu Studienprotokoll, Hauptergebnissen und Zusatzanalysen).

Ähnlich wie die Analyse von Kruschinski et al. [10] zu Arbeiten, die bei Tagungen des European General Practice Research Networks (EGPRN) zwischen 2001 und 2007 präsentiert wurden, zeigt unsere Auswertung, dass Querschnittstudien die mit Abstand häufigste Studienform sind. Solche Studien sind oft vergleichsweise einfach und kostengünstig durchführbar. Bei den EGPRN-Tagungen waren mehr als ein Viertel aller Beiträge qualitative Studien, während in unserer Analyse der entsprechende Anteil knapp unter 10 % lag. Grundsätzlich wäre es sicher wünschenswert, wenn vermehrt prospektive Beobachtungsstudien zur Untersuchung von Erkrankungs- und Behandlungsverläufen sowie interventionelle Studien zu Therapie und Diagnostik durchgeführt werden könnten [12]; allerdings ist aufgrund der begrenzten Fördermöglichkeiten nur mit einer langsamen Zunahme zu rechnen.

Unser Vergleich von Publikationen mit einem Erstautor aus der Allgemeinmedizin und solchen mit einem nicht-allgemeinmedizinischen Erstautor zeigt vor allem Unterschiede bezüglich Autorenmerkmalen, Publikationssprache und Impact-Faktor. Die höheren Impact-Faktoren und die größere Zahl an Autoren sprechen dafür, dass bei Publikationen ohne allgemeinmedizinischen Erstautor die Studie eher aus größeren Verbundprojekten stammt. Aus unserer Erfahrung sind deutsche Arbeiten mit einem stark allgemeinmedizinischen Fokus aber auch häufig schwerer hochrangig zu publizieren, da die Besonderheiten des hiesigen Gesundheitssystems die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf englischsprachige Länder einschränken. Darüber hinaus spricht aus unserer Sicht die Zusammenstellung in Tabelle 5 dafür, dass Arbeiten zu wirklich allgemeinmedizinischen Themen nur dann eine Chance gegenüber stärker experimentell geprägten Arbeiten haben, wenn sie besonders groß oder besonders innovativ sind.

Unsere Analyse zeigt die enorme Zunahme der Veröffentlichungen von Forschungsarbeiten durch die deutsche akademische Allgemeinmedizin seit dem Jahr 2000. Dennoch hinkt Deutschland bei einem Vergleich des allgemeinmedizinischen Forschungsoutputs aus sechs Ländern (USA, Großbritannien, Holland, Kanada, Australien und Deutschland) zwischen 2001 und 2007 deutlich hinterher [4]. Insbesondere Großbritannien und Holland (in etwas bescheidenerem Maße aber auch Kanada und Australien) investieren intensiv in allgemeinmedizinische Forschungsinfrastruktur und -vorhaben und produzieren ein Vielfaches des deutschen Publikationsoutputs. Trotz der Fortschritte der vergangenen Jahre erscheint es unwahrscheinlich, dass in absehbarer Zukunft in Deutschland eine mit diesen Ländern vergleichbare Fördersituation geschaffen wird. Die Entwicklung der Forschungs- und Publikationstätigkeit bleibt abzuwarten, nachdem im Februar 2012 die spezifisch allgemeinmedizinische Förderung durch das BMBF beendet wurde. Einerseits besteht nun eine hochkompetitive Situation mit allen anderen Fächern, auf der anderen Seite gibt es 2012 deutlich mehr Institute als zu Anfang des Förderzeitraumes. Insofern kann die Förderinitiative durchaus als erfolgreich betrachtet werden. In diesem Zusammenhang fällt auch die Publikationstätigkeit der Nachwuchswissenschaftler auf. Hier wären weitere Förderinitiativen wünschenswert, um Forschungsnachwuchs nachhaltig entwickeln zu können, damit neu geschaffene Lehrstühle adäquat besetzt werden können. Hierfür bedarf es zukünftig sowohl finanzieller Unterstützung als auch universitärer Strategien zur gezielten Förderung [13–15]. Erfreulich ist, dass sich inzwischen die DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) um ein stärkeres Engagement in allgemeinmedizinischer und Versorgungsforschung bemüht.

Interessenkonflikte: AS erhielt von 2004 bis 2006 eine „Nachwuchsförderung Allgemeinmedizin“ durch das BMBF.

Danksagung: Wir danken Prof. Dr. D. Borgers für die kritische Durchsicht des Analyseprotokolls und einer frühen Version dieses Manuskriptes.

Mitglieder des DFG-Netzwerks Klinische Studien in der Allgemeinmedizin: Attila Altiner, Annette Becker, Jutta Bleidorn, Angela Buchholz, Jean-François Chenot, Ildikó Gágyor, Jörg Haasenritter, Eva Hummers-Pradier, Stefanie Joos, Frank Peters-Klimm, Michael Kochen, Wilhelm Niebling, Martin Scherer, Guido Schmiemann, Antonius Schneider

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Klaus Linde

Institut für Allgemeinmedizin

Klinikum rechts der Isar,

Technische Universität München

Orleansstraße 47

81667 München

Klaus.Linde@lrz.tum.de

Literatur

1. Hummers-Pradier E. 40 Jahre DEGAM: allgemeinmedizinsiche Forschung in Deutschland – Entwicklung und aktueller Stand. Z Allg Med 2006, 82: 409–414

2. Starfield B. Is primary care essential? Lancet 1994; 344: 1129–33

3. Starfield B. Primary Care: Balancing Health Needs, Services and Technology. New York, NY: Oxford University Press, 1998

4. Glanville J, Kendrick T, McNally R, Campbell J, Hobbs FD: Research output on primary care in Australia, Canada, Germany, the Netherlands, the United Kingdom, and the United States: bibliometric analysis. BMJ 2011, 342: d1028

5. Borgers D. Die universitäre deutsche Allgemeinmedizin im Spiegel ihrer Zeitschriftenliteratur (1998–2007). Z Allg Med 2008; 84: 44–50

6. Borgers D. Die Veröffentlichungen der deutschen wissenschaftlichen Allgemeinmedizin 2008. Z Allg Med 2009; 85: 407–411

7. Borgers D. Die Veröffentlichungen der deutschen wissenschaftlichen Allgemeinmedizin 2009. Z Allg Med 2010; 86: 187–190

8. Schneider A, Großmann N, Linde K for the DFG Network for Clinical Trials in General Practice. The development of general practice as an academic discipline in Germany – ana analysis of research output between 2000 and 2010. BMC Fam Pract 2012, 13:58

doi:10.1186/1471–2296–13–58

9. Stöcker J. Werden aus Abstracts Veröffentlichungen? Motive und Hemmnisse der wissenschaftlichen Allgemeinmedizin in Deutschland. Dissertation, Medizinische Hochschule Hannover, 2009

10. Kruschinski C, Lange M, Lionis C, van Weel C, Hummers-Pradier E. Themes and methods of research presented at European General Practice Research Network conferences. Fam Pract 2010; 27: 459–467

11. Seglen PO: Why the impact factor of journals should not be used for evaluating research. BMJ 1997, 314: 498–502

12. Hummers-Pradier E, Beyer M, Chevallier P, et al. Research agenda for general practice / family medicine and primary health care in Europe. European General Practice Research Network EGPRN, Maastricht 2009 (verfügbar unter www.afpfbih.com/wp-content/uploads/Research-Agenda.pdf)

13. Del Mar C, Askew D. Building family/general practice research capacity. Ann Fam Med 2004; 2 (Suppl 2): S35–S40

14. Olde Hartman TC, Poels PJ, Licht-Strunk E, van WC. Combining vocational and research training. Aust Fam Physician 2008; 37: 486–488

15. Tudiver F, Ferguson KR, Wilson JL, Kukulka G. Enhancing research in a family medicine program: one institution’s story. Fam Med 2008; 40: 492–499

Abbildungen:

Tabelle 1 Publikation von Original-Forschungsarbeiten und systematischen Reviews nach Zeitschrift sowie Anzahl der Publikationen pro Zeitschrift in den Analysen von Borgers 1998–2007 [5], 2008 [6] und 2009 [7].

Abbildung 1 Kategorisierung der eingeschlossenen Veröffentlichungen nach dem von Stöcker [9] bzw. Kruschinski et al. [10] vorgeschlagenen Schema.

Abbildung 2 Anzahl der Publikationen pro Jahr unterteilt nach Studienart.

Tabelle 2 Untersuchte Indikationen (n = 393 klassifizierbare Publikationen; in einzelnen Studien mehr als eine Indikation). Angegeben sind absolute Häufigkeiten (Prozent).

Tabelle 3 Studienart, Forschungsbereich, Autoren- und Publikationsmerkmale gesamt und stratifiziert nach Institutszugehörigkeit des Erstautors.

Tabelle 4 Anzahl der Forschungspublikationen (in Klammern Anzahl, bei denen auch Autoren einer anderen deutschen allgemeinmedizinischen Abteilung mitgewirkt haben) der einzelnen universitären Gruppen sowie die Zahlen von Originalarbeiten und Reviews aus den Analysen von Borgers 1998–2007 [1], 2008 [2] und 2009 [3].

Tabelle 5 Angaben zu den 13 Publikationen mit einem Thomson ISI Impact-Faktor von über 10 in 2010

1 Institut für Allgemeinmedizin, Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München

Peer reviewed article eingereicht: 12.07.2012, akzeptiert: 06.08.2012

DOI 10.3238/zfa.2012.0345–0354


(Stand: 18.09.2012)

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