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Selten, aber lebensbedrohlich: Meningokokkensepsis mit Nebennierenbeteiligung (Waterhouse-Friderichsen-Syndrom)

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Will man die hausärztliche Tätigkeit epidemiologisch kennzeichnen, kommen unweigerlich die Kriterien Häufigkeit und Bedrohlichkeit in den Blick. In der alltäglichen Konsequenz heißt das, dass Hausärzt/innen wie Spezialist/innen bei diagnostischen Überlegungen auch an seltene, aber lebensbedrohliche Krankheiten denken müssen. Besonders prekär werden solche Überlegungen, wenn es um die medizinische Versorgung von Flüchtlingen geht, die besonders leicht Opfer von fehlender Sorgfalt ... und überbordender Bürokratie werden können.

Dieser vielleicht etwas kryptische Vorspann soll den Fall eines 18 Monate alten Jungen, Kind einer serbischen Roma-Familie, beleuchten, der im Aufnahmelager Zirndorf (bei Nürnberg) an einer Meningokokkensepsis mit Nebennierenbeteiligung, dem sog. Waterhouse-Friderichsen-Syndrom, erkrankte. Im Krankenhaus mussten dem Kind mehrere Finger und Zehen amputiert und umfangreiche Hauttransplantationen vorgenommen werden – es überlebte zum Glück.

Zwei Wachbeamte und eine Verwaltungsangestellte der (ärztlich unbesetzten) „Arztstelle“ in Zirndorf wurden jetzt vom Amtsgericht Fürth wegen unterlassener Hilfeleistung bzw. fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassung zu Geldstrafen verurteilt. Der ebenfalls angeklagte, notdiensthabende Allgemeinarzt (der bei dem Jungen weder die Körpertemperatur noch Blutdruck oder Puls maß) wurde trotz Verletzung der Sorgfaltspflicht – aus rein juristischen Gründen – freigesprochen.

Unabhängig davon, dass uns allen gelegentlich Fehler unterlaufen, sollte es ein eiserner Grundsatz sein, dass im Notdienst ausreichend sorgfältig untersucht und dokumentiert wird. Es ist keineswegs Aufgabe des hier tätigen Notarztes, alle möglichen seltenen Diagnosen aufzählen zu können, sondern eine Gefahr zu erkennen und unverzüglich zu handeln.

Der in einem ganzseitigen Artikel der Süddeutschen Zeitung von Hans Holzhaider beschriebene Fall beleuchtet einen der bedrohlichsten Notfälle im pädiatrischen Bereich, die invasive Meningokokkenerkrankung.

Sie manifestiert sich oft in Form einer Meningitis (30–60 %), wobei meist erst im Alter von über 5 Jahren die typischen Befunde vorhanden sind. Bei Kindern im Säuglingsalter kann man nicht selten nur eine gespannte Fontanelle feststellen.

20–30 % entwickeln ohne Umwege eine Sepsis und bei diesen zeigen sich in 40–80 % Purpura bzw. Petechien (daher auch das Prinzip im Notdienst, fiebernde Kinder immer ganz auszuziehen).

Septische Kinder (auch ohne Hautzeichen) klagen oft über Beinschmerzen, haben eine kalte Peripherie und eine auffällige Hautblässe.

Auch bei bloßem Verdacht auf eine invasive Meningokokkenerkrankung sollte der Hausarzt sofort ein bakterizides Antibiotikum verabreichen. Mittel der Wahl ist die parenterale Einmalgabe von Ceftriaxon (Rocephin® , Generika) – für Kinder zwischen 2 Wochen und 12 Jahren 20–80 mg pro kg Körpergewicht.

Wegen der hohen Letalität und des foudroyanten Verlaufs ist der Einsatz eines Rettungshubschraubers oder alternativ eines mit einem Arzt besetzten Rettungsfahrzeuges indiziert.

Die Abbildungen 1–3 zeigen Hautveränderungen bei betroffenen Kindern.

Nur im Nebensatz soll erwähnt werden, dass invasive Meningokokkenerkrankungen keineswegs auf das Kindesalter beschränkt sind. Das häufigste Vorkommen bei Erwachsenen wird bei muslimischen Pilgern auf der Fahrt nach Mekka und Medina (Hadjj) beobachtet. Die inzwischen von den Behörden in Saudi-Arabien vorgeschriebene Impfung hat zu einem erheblichen Rückgang der Inzidenz geführt.

Ein hörenswerter Podcast über die Verhandlung des Amtsgerichts Fürth kann frei heruntergeladen werden rdl.de/sites/default/files/audio/2014/04/20140417- flchtlingsk-21657. mp3

Holzhaider H. Ausgeliefert. Süddeutsche Zeitung 14. April 2014

Abbildungen:

Abbildung 1 Hautblutung bei perakuter Meningokokkensepsis [Cremer H. Infektionskrankheiten und infektallergische Krankheitsbilder im Kindesalter. Weinheim, 1998]

Abbildung 2 Nekrosenbildung [Cremer 1998]

Abbildung 3 Nekrosenbildung bei perakuter Meningokokkensepsis [Cremer 1998]


(Stand: 05.10.2015)

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