Loading...

ZFA-Logo

Magnesiumgabe bei Muskel- bzw. Wadenkrämpfen?

PDF

Frage

Ist bei Patienten, die unter idiopathischen Waden- bzw. Muskelkrämpfen leiden, eine orale Magnesiumtherapie sinnvoll?

Antwort

Ein Nutzen von oral eingenommenen Magnesiumsalzen bei idiopathischen Muskel- bzw. Wadenkrämpfen ist durch die derzeit verfügbare wissenschaftliche Evidenz nicht belegbar. Aufgrund des günstigen Nebenwirkungsprofils und in Ermangelung anderer effizienter medikamentöser Therapien kann jedoch ein Therapieversuch mit Magnesium unternommen werden. An erster Stelle sollte für Patienten mit idiopathischen Muskel- bzw. Wadenkrämpfen im Akutfall die Muskeldehnung stehen – also Aufstehen und Dehnen oder das Bein gegen die Bettwand drücken.

Hintergrund

Waden- oder Muskelkrämpfe sind ungewollte, nicht zielgerichtete und dadurch unterschiedliche Faseranteile betreffende, schmerzhafte Muskelanspannungen. Man unterscheidet idiopathische Muskelkrämpfe von solchen mit benennbaren Ursachen, wie zentralmotorische, periphere neurogene Syndrome, Myopathien oder Krämpfe bei metabolischen Veränderungen. Idiopathische Wadenkrämpfe treten häufig nachts auf. Sie sind mit fortschreitendem Alter der Patienten und in der Schwangerschaft häufiger [1–3]. Die tatsächlichen Ursachen für idiopathische Muskelkrämpfe sind weitgehend unbekannt, vermutet wird aber eine periphere neurogene Übererregbarkeit, die durch verschiedene Faktoren wie zum Beispiel Hypoxie, Belastung, schlechten Trainingszustand bzw. längere Ruhephasen und insbesondere durch Verschiebungen im Wasser- und Elektrolythaushalt des Muskels beeinflusst wird.

Suchfrage / Suchstrategie

Suchfrage (PICO = Population, Intervention, Comparison, Outcome)

Profitieren Patienten, die unter idiopathischen Waden- bzw. Muskelkrämpfen leiden (P), von einer oralen Therapie mit Magnesium (I) im Vergleich zu Patienten, welche kein Magnesium, Placebo oder andere Substanzen einnehmen (C), hinsichtlich einer Verringerung der Häufigkeit, Dauer und/oder der Intensität der auftretenden Krämpfe (O)?

Suchbegriffe

[magnesium] AND [[muscular OR muscle OR leg] AND cramp*]

Suchstrategie

Leitliniensuche: GIN (Guidelines International Network), SNLG (Sistema Nazionale Linee Guida), AWMF (Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlich Medizinischer Fachgesellschaften), NVL (Nationale Versorgungsleitlinien), DEGAM, SIGN (Scottish Intercollegiate Guidelines Network), NZGG (New Zealand Guidelines Group), NHMRC (National Health and Medical Research Council Australia), CMA Infobase (Canadian Medical Association), NGC (National Guideline Clearinghouse), NICE (National Institute of Health and Care Excellence), EbM Guidelines (Evidence based Medicine Guidelines), EAN (European Academy of Neurology), SIN (Società Italiana di Neurologia)

Suche nach Reviews und Trials in den sekundären Datenbanken: Cochrane Library, UpToDate, TRIP Database

Ergebnisse

Leitlinien

Bei der AWMF findet sich die Leitlinie „Crampi/Muskelkrampf“ der DGN [4], in der ein Behandlungsversuch mit Magnesium (Mg-[Hydrogen]Aspartat, Mg-Orotat, Mg-Oxid, 1–3 × 5 mmol oral) empfohlen wird. Es wird jedoch eingeräumt, dass die Studienlage, die dieser Empfehlung zugrunde liegt, keine ausreichend gesicherte Wirksamkeit für eine orale Magnesiumtherapie erkennen lässt. Zudem erfolgt der Hinweis auf strenge Indikationsstellung bei Niereninsuffizienz, Herzrhythmusstörungen und Störungen der motorischen Endplattenfunktion. Bei Muskelkrämpfen in der Schwangerschaft sei die Magnesiumgabe möglicherweise wirksam, wobei die Studienlage aber auch hier schlecht sei.

Die finnisch-österreichischen EbM-Guidelines geben in ihrer Leitlinie „leg cramps“ [5] an, dass Magnesium bei der Behandlung von Wadenkrämpfen älterer Patienten oder schwangerer Frauen nicht wirksam sei. Diese Aussage wird mit dem Evidenzgrad C bewertet, also dem Hinweis auf eine schwache negative Evidenzlage. Für andere Personengruppen werden aufgrund fehlender Studien keine Angaben gemacht.

Im NCG findet sich die Leitlinie „Symptomatic treatment for muscle cramps“ der AAN [6]. Es gibt hier keine Empfehlung für die Einnahme von Magnesium bei Wadenkrämpfen, da aus zwei methodisch hochwertigen Studien hervorgehe, dass Magnesium diesbezüglich keine Wirkung habe.

Es fanden sich keine Leitlinien oder Angaben zum Thema in: GIN, SNLG, NVL, DEGAM, SIGN, NHMRC, CMA Infobase, EAN oder der SIN.

Sekundäre Datenbanken

In der Cochrane Library findet sich eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse zum Thema [7], in der sieben Studien mit insgesamt 406 Teilnehmern eingeschlossen werden konnten. In vier dieser Studien waren insgesamt 322 Patienten mit idiopathischen Krämpfen rekrutiert worden. Aus der systematischen Übersichtsarbeit geht hervor, dass bezüglich der Häufigkeit von Krämpfen zwischen der Gruppe, die Magnesium eingenommen hatte, im Vergleich zur Placebo-Gruppe keine statistisch signifikanten Unterschiede bestanden (primärer Endpunkt war die prozentuelle Veränderung der Anzahl der Krämpfe pro Woche beurteilt nach vier Wochen sowie die Veränderung der Krampfanzahl pro Woche, beurteilt über vier Wochen). Weiterhin wurde kein statistisch signifikanter Unterschied der Krampfintensität und -dauer nach vier Wochen gefunden.

Zu Muskelkrämpfen bei Schwangeren konnten in diesem Cochrane Review drei Studien mit insgesamt 220 Teilnehmerinnen eingeschlossen werden. Die Ergebnisse waren zueinander widersprüchlich und aufgrund der Heterogenität der Studien war die Durchführung einer Metaanalyse nicht möglich. Eine einzige eingeschlossene Studie [8] verglich Magnesium mit „keiner Therapie“ und fand ebenfalls keinen statistisch signifikanten Vorteil auf einer 3-Punkte-Ordinalskala zur Gesamt-Wirksamkeit. Patientenausschlüsse aufgrund von unerwünschten Wirkungen waren bei Magnesiumeinnahme nicht signifikant höher als bei Placebo.

Insgesamt wurden alle sieben einbezogenen Studien dieses Cochrane Reviews in Bezug auf die Zusammensetzung der Studienpopulation, der methodischen Durchführung und der Drop-out Raten als nicht sehr zuverlässig beschrieben.

Eine weitere Cochrane-Übersichtsarbeit zum Thema „Interventions for leg cramps in pregnancy“ [1] kam zu dem Ergebnis, dass oral eingenommenes Magnesium (für zwei bis vier Wochen) die Häufigkeit von Wadenkrämpfen bei Schwangeren im Vergleich zu Placebo oder „keiner Therapie“ nicht eindeutig verringern könne. Diese Aussage basiert auf methodisch schwachen Studien. Auch bezüglich der Schmerzintensität der Krämpfe waren die Ergebnisse der eingeschlossenen Studien inkonsistent. Bezüglich des Auftretens von Nebenwirkungen bei Magnesiumeinnahme konnte kein Unterschied zur Placebogruppe oder der Gruppe, die „keine Therapie“ erhalten hatte, festgestellt werden.

In UpTopDate gibt es einen Artikel [9], in dem ebenfalls keine Empfehlung für eine Magnesiumgabe bei idiopathischen nächtlichen Wadenkrämpfen gegeben wird.

Bezüglich Wadenkrämpfen in der Schwangerschaft wird festgehalten, dass diese auf erniedrigte Serum-Magnesiumwerte zurückgehen könnten und dass deshalb Schwangere mit Wadenkrämpfen von einer oralen Magnesiumeinnahme profitieren könnten. Die analysierten Studien zu Krämpfen in der Schwangerschaft sind hier dieselben, die auch in der oben genannten Cochrane-Arbeit herangezogen worden waren.

In der TRIP Database wird auf eine Arbeit in BMJ Clinical Evidence verwiesen [10], in der die Wirkung von Magnesiumsalzen bei der Behandlung von Wadenkrämpfen als „unklar“ konstatiert wird. Die Wirksamkeit von Magnesium bei Wadenkrämpfen in der Schwangerschaft sei ebenso aufgrund von widersprüchlicher Studienlage mit schwacher Evidenz unklar.

Kommentar

Die orale Einnahme von Magnesiumsalzen erbringt nach unseren Ergebnissen keinen Vorteil hinsichtlich der Auftrittshäufigkeit, Intensität oder Dauer von idiopathischen Muskelkrämpfen. Allerdings gibt es nur sehr wenige und mehrheitlich methodisch schlechte Studien. Daher sollte man sich daran erinnern, dass fehlende oder qualitativ schlechte Studien mit negativem Ergebnis einen Nutzen einer Therapie nicht ausschließen. Da das Nebenwirkungsprofil von oralem Magnesium insgesamt sehr günstig ist, kann man einen Therapieversuch mit Magnesium unternehmen, zumal andere, wissenschaftlich besser belegte medikamentöse Therapien, die keine nennenswerten Nebenwirkungen mit sich bringen, nicht bekannt sind bzw. die Substanzen nicht oder nur eingeschränkt dafür zugelassen sind (z.B. Chinin).

für das EbM-Team der Südtiroler Akademie für Allgemeinmedizin (SAkAM), Bozen (Juli 2017)

Literatur

1. Zhou K, West HM, Zhang J, Xu L, Li W. Interventions for leg cramps in pregnancy. Cochrane Database Syst Rev 2015: CD010655

2. Naylor JR, Young JB. A general population survey of rest cramps. Age Ageing 1994; 23: 418–20

3. Abdulla AJ, Jones PW, Pearce VR. Leg cramps in the elderly: prevalence, drug and disease associations. Int J Clin Pract 1999; 53: 494–6

4. Deutsche Gesellschaft für Neurologie. S1-Leitlinie. Crampi/Muskelkrampf. Hrsg.: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie; 2017. www.dgn.org/leitlinien (letzter Zugriff am 23.06.2017)

5. Evidence-Based Medicine Guidelines (EBM Guidelines). Leg cramps. Duodecim Medical Publications: Helsinki; 2017. Article ID: ebm01087 (003.046). www.ebm-guidelines.com (letzter Zugriff am 23.06.2017)

6. Katzberg HD, Khan AH, So YT. Assessment: symptomatic treatment for muscle cramps (an evidence- based review): report of the therapeutics and technology assessment subcommittee of the American academy of neurology. Neurology 2010; 74: 691–6

7. Garrison SR, Allan GM, Sekhon RK, Musini VM, Khan KM. Magnesium for skeletal muscle cramps. Cochrane Database Syst Rev 2012: CD009402

8. Sohrabvand F, Shariat M, Haghollahi F. Vitamin B supplementation for leg cramps during pregnancy. Int J Gynaecol Obstet 2006; 95: 48–9

9. Winkelmann JW. UpToDate. Nocturnal leg cramps. UpToDate Inc.; 2016 (Topic 5177 Version 26.0). www.uptodate.com (letzter Zugriff am 27.06.17)

10. Young G. Leg cramps. BMJ Clin Evid 2015; 1113–23


(Stand: 15.09.2017)

Als Abonnent können Sie die vollständigen Artikel gezielt über das Inhaltsverzeichnis der jeweiligen Ausgabe aufrufen. Jeder Artikel lässt sich dann komplett auf der Webseite anzeigen oder als PDF herunterladen.