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Warum ich mich als junge Hausärztin berufspolitisch engagiere – ein Kommentar

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Aktuell ist die Mehrzahl der ärztlichen Kolleginnen und Kollegen im Krankenhaus tätig. Im ambulanten Bereich überwiegt die Zahl derer, die sich in der Facharztweiterbildung für ein Spezialistenfach entschieden haben. Die Hausärzteschaft setzt sich aus Kolleginnen und Kollegen zusammen, die als hausärztliche Internisten, Praktische Ärzte oder Ärztinnen sowie als Allgemeinmediziner zur Hausarztmedizin gelangt sind.

Während die Spezialistenfächer sich an den Universitäten aus Forschung und Lehre zum Fach entwickelt haben, war die allgemeine Medizin schon vorher da und ringt seit den 50er Jahren damit, aus dem Fach heraus Lehre und Forschung zu entwickeln. Die frühere Selbstverständlichkeit, als Arzt in praktischer Tätigkeit die Gesamtbevölkerung zu versorgen, ist zur Besonderheit geworden. Heute sehen sich Patienten oftmals der Situation ausgesetzt, dass der ärztliche Blick zunächst die fachspezifische Zuständigkeit innerhalb des sich präsentierenden Komplexes prüft, bevor mit detaillierteren Überlegungen zur Symptomatik, Diagnostik und Therapie begonnen werden kann. Vorzug und Herausforderung in der Allgemeinmedizin ist es, tatsächlich den Versuch zu unternehmen, jeden sich vorstellenden Patienten in seiner Ganzheit zu erfassen und jeden Beratungsanlass abschließend zu klären. Wer diesen Versuch immer wieder neu wagen will, wird Fachärztin für Allgemeinmedizin. In meinen Augen etwas für kreative, abenteuerlustige Querdenker mit dem Mut zu der Unvollständigkeit, die die schnell getaktete Arbeit im Niedrigprävalenzbereich mit sich bringt.

Gleichaltrige Kolleginnen und Kollegen entscheiden sich in der Regel für eine Spezialisierung und erklären offen, sie wollten lieber in einer Fachrichtung wirklich gut sein, als von allem nichts richtig zu können. Wer doch zur Allgemeinmedizin gelangt, tut dies oftmals auf verschlungenen Wegen. Immer noch kommt es vor, dass die Wahl der Berufslaufbahn als Allgemeinärztin oder Allgemeinarzt als Kompromiss verstanden wird, als Ausweichmöglichkeit. Oft vermisse ich hier das in anderen Fachgebieten offener gezeigte ärztliche Selbstbewusstsein und Stolz auf den Hausarztberuf.

Auf dem Deutschen Ärztetag 2017 in Freiburg ist nun ein Antrag für die neue Musterweiterbildungsordnung (MWBO) Allgemeinmedizin mit großer Mehrheit verabschiedet worden, der die allgemeinmedizinische Praxis mit 24 Monaten Weiterbildungszeit als zentralen Ort der allgemeinmedizinischen Weiterbildung anerkennt. In keinem anderen Fach käme man auf die Idee, dass die Weiterbildungszeit im Fach, für welches der Facharzttitel erlangt werden soll, nicht den zeitlichen Schwerpunkt der Weiterbildung ausmachen sollte. Zu tief ist noch die Idee verankert, Internisten und andere Gebietsärzte müssten dem Hausarzt beibringen, was richtige Medizin ist. Dass die Allgemeinmedizin ein eigenes Fach mit eigener Identität, eigenen Methoden und eigener Denkweise ist, bedingt jedoch, dass sie auch den zentralen Ort der allgemeinmedizinischen Weiterbildung darstellt. Dass sich theoretische Konzepte über die DEGAM-Zukunftspositionen und über Beschlüsse des Hausärzteverbandes in Beschlüssen des Ärztetages und letztlich in der Realpolitik niederschlagen, ist für mich ein faszinierender Vorgang. Es belebt, zu sehen, dass etwas bewegt werden kann.

Die Lust zur Spezialisierung auf den ganzen Menschen hat mich zur Allgemeinmedizin gebracht. Zur Berufspolitik bin ich gekommen über die Verwunderung, welche Stellung die Allgemeinmedizin an den Universitäten, in der ambulanten Versorgung und in der ärztlichen Selbstverwaltung hat. Die Begegnung und der Austausch mit anderen jungen Allgemeinärzten in der JADE und im Forum Weiterbildung des Deutschen Hausärzteverbandes ist für mich eine wichtige Grundlage meines Selbstbewusstseins als Allgemeinärztin. Deshalb empfehle ich jedem, mindestens die Mitgliedschaft in DEGAM und Hausärzteverband – um über Meinungsbildung und Mitüberlegung zur Mitgestaltung sowie zu einer stolzen, allgemeinärztlichen Identität zu gelangen.

Sprecherin des Forums Weiterbildung im Deutschen Hausärzteverband


(Stand: 15.09.2017)

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