ZFA Ausgabe 04/2005 - „The Street of Shame” - Private Medizin in Großbritannien

„The Street of Shame“ – Private Medizin in Großbritannien “The Street of Shame” – Private Medicine in Great Britain Kommentar/Meinung 160 B. Sonntag Der staatliche Gesundheitsdienst Medizin in Großbritannien – das ist zunächst einmal der staatliche Gesundheitsdienst: der National Health Service (NHS). Der NHS ist eine riesengroße, aus allgemeinen Steuergeldern finanzierte Organisation. In einer ganz groben Vereinfachung könnte man ihn auch als die einzige, allumfassende Krankenkasse des Vereinigten Königreiches bezeichnen. Jeder, der sich legal und dauerhaft im Lande aufhält, hat das Recht, Leistungen des NHS in Anspruch zu nehmen, egal ob er Steuern zahlt oder nicht. Manche haben den NHS als „das letzte existierende sozialistische System“ bezeichnet, was je nachdem positiv oder negativ gemeint sein kann. Eigentlich ist im Prinzip so gut wie jede medizinisch halbwegs sinnvolle Leistung über den NHS erhältlich: Angefangen bei Paracetamol für Bagatellerrkankungen, über Empfängnisverhütung, Sterilisationen, Krankengymnastik, Raucherentwöhnung, bis hin zur Geschlechtsumwandlungs-Operation. Da die finanziellen Mittel des NHS aber begrenzt sind, müssen sie irgendwie rationiert werden. Der traditionelle Weg hierzu sind die Wartezeiten: Ein Patient mit chronischen Hüftschmerzen wartet erstmal mehrere Monate auf den ambulanten Termin beim Orthopäden, der ihn dann gegebenenfalls auf die Warteliste zur Gelenkersatz-OP setzt. Bis zum OP-Termin kann es dann noch einmal ein bis zwei Jahre dauern. Fast alle britischen Ärzte arbeiten für den NHS: entweder als Angestellte oder – im Falle von Hausärzten – als selbständig tätige „Subunternehmer“. Es gibt ein Grundprinzip: Ein Arzt, der einen Patienten im Rahmen des NHS behandelt, darf diesem Patienten während dieser Zeit keine Privatleistungen in Rechnung stellen. Das ist die Regel – aber keine Regel ohne Ausnahmen. Der private Sektor Das Gegenstück zum NHS ist der „Private Sektor“. Dieser ist eine eigene Welt für sich. Denkt man beim NHS an schäbige Krankenhausflure, überfüllte Wartezimmer mit durchgesessenen Plastikstühlen und genervtes, überarbeitetes Personal mit Ringen unter den Augen, so ist ein privates Krankenhaus eher eine Art Luxushotel mit dicken Teppichen, tiefen Ledersesseln und freundlichen Angestellten, die nicht zuletzt für ihr Lächeln bezahlt werden. Jeder hat das Recht, sich in einer solchen Privatklinik behandeln zu lassen – sofern er es sich leisten kann. Privatversicherungen sind immer „Zusatzversicherungen“, da die Patienten ja nach wie vor Anspruch auf NHS-Leistungen haben. Solche Versicherungen werden zum Beispiel leitenden Angestellten oft als Bonus zum Arbeitsvertrag angeboten. Institutsangaben Abteilung für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Düsseldorf Korrespondenzadresse Burkhard Sonntag · Abteilung für Allgemeinmedizin · Universitätsklinikum Düsseldorf · Postfach 1010 07 · 40001 Düsseldorf · E-mail: Burkhard@sonntag.co.uk Bibliografie Z Allg Med 2005; 81: 160–162 · © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York DOI 10.1055/s-2005-836470 ISSN 0014-336251 Wer keine private Versicherung hat, kann seine Behandlung auch selbst aus eigener Tasche bezahlen. So bezahlt manch ein Rentner die teure Hüftoperation von seinem Ersparten um die im wahrsten Wortsinne schmerzhafte Wartezeit abzukürzen. Der Operateur ist übrigens im Regelfall hauptberuflich als „Consultant“ (Oberarzt/Chefarzt) in einem NHS-Krankenhaus tätig und würde dort dieselbe Leistung auch kostenlos anbieten. In vielen Fällen kann er sogar auf die Logistik des NHS-Krankenhauses zurückgreifen. Die Privatpatienten behandelt er in seiner „Freizeit“. Andere Leistungen – zum Beispiel die meisten rein kosmetischen Operationen – werden vom NHS prinzipiell nicht angeboten. Dies trifft auch für einige Verfahren aus dem Bereich der komplementären Medizin zu. Da liegt es auf der Hand, dass die Grenze zur Scharlatanerie manchmal fließend ist: Im Prinzip steht es jedem beim General Medical Council registrierten Arzt frei, nach Lust und Laune private Leistungen anzubieten, auch wenn es sich um recht fragwürdige Methoden handelt. Die Londoner Harley Street – mehr oder weniger gemeinhin das Symbol für die privatmedizinische Parallellwelt heißt daher im Volksmund nicht nur „Street of Fame“ (Straße des Ruhmes) sondern auch „Street of Shame“ (Straße der Schande). besteht, haben keinen Anspruch auf kostenlose Behandlung im Rahmen des NHS. Hier böte sich die Möglichkeit einer privaten Liquidation. In der Praxis scheuen sich allerdings die meisten Hausärzte davor, in solchen Fällen eine Rechnung zu schreiben und behandeln ausländiche Patienten umsonst – was sie weder vom NHS noch von irgendeiner anderen Stelle vergütet bekommen. Private Hausärzte Keine Regel ohne Ausnahme: Es gibt einen kleinen Nischenmarkt für private Primärmedizin. In London – und in geringerem Maße auch in anderen Städten – gibt es einige wenige Hausärzte, die ausschließlich privat liquidieren. Darunter sind Kollegen, die es durch fachliche Qualifikation oder durch Präsenz in den Medien („Fernsehdoktor“) zu gewissem Ruhm gebracht haben, aber auch eine handvoll „gewöhnlicher“ Hausärzte. Einige führen auch eine ganz normale NHS-Praxis und haben nebenher noch einen kleinen privaten Patientenstamm. Wer sind nun diese Privatpatienten? Das klassische Klischee vom reichen, leicht exzentrischen Lord auf seinem Landsitz, der dem NHS aus Prinzip misstraut und sich stattdessen einen privaten Leibarzt hält mag vielleicht in ganz wenigen Fällen hier und dort noch zutreffen, dürfte aber die absolute Ausnahme sein. Es gibt zwar einige wenige wohlhabende Bürger, die sich von einem privaten Hausarzt eine qualitativ bessere Betreuung (oder z. B. mehr Verständnis für komplementärmedizinische Therapieformen) erhoffen als durch einen NHS-Arzt, wichtiger aber ist eine Eigentümlichkeit des britischen Gesundheitssystems: 161 Kommentar/Meinung Der Hausarzt nimmt kein Geld von seinen Patienten Die größte Rolle spielt der private Sektor im spezialistisch-fachärztlichen Bereich: Vom Alltag eines gewöhnlichen Hausarztes ist diese schillernde Welt meilenweit entfernt. Fast alle Hausärzte arbeiten für den NHS und dürfen folglich von „ihren“ Patienten keine weiteren Honorare annehmen. Beim Arztbesuch kann man den Geldbeutel getrost zu Hause lassen. Dies war und ist eine der wichtigsten Errungenschaften des NHS. Ausnahmen sind Vergütungen für Leistungen, die prinzipiell nicht vom NHS erbracht werden. Das sind zum Beispiel Gutachten, Atteste, Gesundheitszeugnisse und Sonder-Untersuchungen für private Zwecke, wie etwa für Lebensversicherungen („Medicals“). Auch Tauglichkeitsuntersuchungen (z. B. für Taucher und LKW-Fahrer) und Reiseimpfungen fallen in diese Kategorie. Einige Firmen, die nicht über einen eigenen betriebsärztlichen Dienst verfügen, beauftragen Hausärzte mit der Durchführung von Einstellungsuntersuchungen für neue Mitarbeiter. Manche Hausärzte verdienen sich auch ein Zubrot mit Gutachten für Gerichte. Das ist es dann aber auch schon. Sonderlich populär sind all diese Tätigkeiten nicht. Die von den Versicherungsunternehmen für „Medicals“ angebotenen Vergütungen sind in der Regel nicht gerade attraktiv, so dass die meisten Hausärzte diese Leistungen eher als „Kundendienst“ für ihre Patienten betrachten: Eine Sache, die man eher mit Widerwillen akzeptiert und wenn irgend möglich meidet. Ausländer, die sich nur vorübergehend im UK aufhalten und aus Ländern kommen, mit denen kein entsprechendes Abkommen Die Betreuung im Rahmen des NHS darf man grundsätzlich nur von dem einen Hausarzt in Anspruch nehmen, bei dem man „registriert“ ist, und zwar an seinem (Haupt-)Wohnort. Nur in Notfällen kann man sich auch von einem fremden Hausarzt behandeln lassen. Menschen, die sich beruflich bedingt oft fern von zu Hause aufhalten – etwa Pendler oder Mitarbeiter im Außendienst – haben es daher nicht leicht, „ihren“ Hausarzt zu während der üblichen Praxis-Öffnungszeiten aufzusuchen. Folglich gibt es oft in unmittelbarer Nähe der großen Bahnhöfe einige private „Ambulatorien“, in denen man sich gegen Zahlung einer verhältnismäßig moderaten Gebühr schnell, ohne Wartezeiten und ohne vorherige Terminvereinbarung behandeln lassen kann. Solche Privat-Praxen und „Kliniken“ bieten oft auch Vorsorgeuntersuchungen und „Medicals“ an. Hier gibt es durchaus gewisse Parallellen zu der in Deutschland üblichen „Igel“-Mentalität. Manche Firmen haben private Verträge mit Hausarztpraxen abgeschlossen, um ihren Mitarbeitern eine flexible medizinische Betreuung in der Nähe des Arbeitsplatzes zu ermöglichen. Der Übergang zur schon erwähnten betriebsärztlichen Funktion ist da fließend. Diskutiert wird zur Zeit, ob NHS-Hausärzte das Recht bekommen sollen, außerhalb ihrer eigentlichen Arbeitszeit „PremiumSonntag B. The Street of Shame … Z Allg Med 2005; 81: 160 – 162 Dienste“ für privat zahlende Patienten anzubieten, zum Beispiel längere Konsultationen oder Termine spät abends, früh morgens oder an Wochenenden. Ein paar geschäftstüchtige Kollegen haben dies bereits unter Ausnutzung von Gesetzeslücken geschafft. Damit ist ein Grundprinzip des NHS infrage gestellt. Die Diskussion hierüber ist also von erheblicher politischer Brisanz. Die Anbieter privater Medizin haben in den letzten Jahren gewaltig expandiert und auch im hausärztlichen Bereich ist mit weiterem Wachstum zu rechnen. Die Diskussion hierüber ist jedenfalls von erheblicher politischer Brisanz. Interessenkonflikte: keine angegeben Zur Person Burkhard Sonntag Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Düsseldorf. Zuvor Abschluss der Weiterbildung zum General Practitioner in England und Berufserfahrung als Partner in einer Gruppenpraxis. 162 Kommentar/Meinung Fallbericht Lebenskreis NN* An diesem Wintertag im Januar verstarb mein Vater an Altersschwäche, nachdem wir ihn mehrere Monate zu Hause gepflegt hatten. Genau eine Woche später gegen Abend desselben Tages brachte eine Patientin und gute Bekannte ihre Tochter wegen starker Bauchschmerzen zu mir nach Hause. Ich bereitete nach telefonischer Ankündigung das Klappbett in meinem kleinen Arbeitszimmer für die Untersuchung vor. Kurz darauf kamen die blasse 19-Jährige und ihre Mutter. Der Bauch war vorgewölbt und bretthart. Sie sei ganz sicher nicht schwanger. Ich veranlasste eine sofortige Klinikeinweisung in die gynäkologischer Abteilung und gab auf die dringende Bitte der Patientin hin eine leichte Schmerzspritze. Bevor der Transport organisiert werden konnte, platzte die Fruchtblase und wir forderten schnell den Rettungswagen an. Seit meinem Studium hatte ich (außer der eigenen Kinder) keine Geburt mehr erlebt und auch immer gehofft, eine Hausgeburt nie verantwortlich leiten zu müssen. Jetzt musste ich das zusammen mit der jungen Frau und deren Mutter bewältigen. Ich zog schnell noch sterile Handschuhe an und nach gut fünf Minuten war ein lebensfri- * Name der Autorin ist der Redaktion bekannt sches Kind geboren. Es gab weder einen Dammriss noch sonstige Komplikationen. Wir wickelten das Kind in das Handtuch, das als Unterlage gedient hatte, ein. Es war ca. in der 32.–35. Woche. Dann kam der Rettungswagen und der sehr erfahrene Sanitäter saugte und nabelte das Kind ab. Wir bestellten noch den BabyNAW; ein weiterer Arzt kam für den Erwachsenen-Transport. In meinem kleinen Arbeitszimmer herrschte drangvolle Enge, und eine gelassene Stimmung, auch wenn das Kind nicht erwünscht und Mutter und Großmutter zwischen Traurigkeit und Entsetzen schwankten. Während ich mich im Wesentlichen um die junge Mutter kümmerte, reinigte der Sanitäter das Kind und packte es in Handtücher aus meinem Schrank. Die anderen entspannten sich überwiegend und hatten keine Eile. Sie nahmen dann die junge Frau mit, die todtraurig war und von mir so gut es ging bis dahin getröstet wurde. Das Baby-Notarztteam übernahm dann den Säugling, nachdem ich über die problematische Situation informiert hatte. In der Zwischenzeit hatte meine Mutter im Wohnzimmer die Krisenintervention bei der frischgebackenen Großmutter übernommen. Das ganze dauerte mehr als 1 Stunde. Für mich war es ein ganz besonderes Erlebnis: Im Nachbarzimmer war vor einer Woche mein Vater sanft entschlafen, und nun die Geburt. Es zeigt mir mehr als alles bisher Erlebte, wie sehr Tod und Leben zusammengehören. Geburt und Sterben sind untrennbar miteinander verbunden – es sind die zwei Seiten derselben Medaille, die unsere Existenz kennzeichnet. Ich bin dankbar, dass ich beides so kurz hintereinander und so unmittelbar erleben durfte. Sonntag B. The Street of Shame … Z Allg Med 2005; 81: 160 – 162
(Stand: 04.04.2005)